Es gibt nur eine Freiheit, die innere

Albert Vinzens hat eine eindrückliche Hommage an Hermann Kükelhaus, den früh verstorbenen ‹Dichter im Krieg›, vorgelegt.


Mit dem Namen Kükelhaus verbindet man gemeinhin den Vornamen Hugo des bekannten Philosophen, Künstlers und Pädagogen. Das aufgehende Licht der Familie war allerdings dessen 20 Jahre jüngerer Bruder Hermann. 1942 haben Hugo und sein Bruder Heinz Kükelhaus aus Bewunderung eine kleine Sammlung von Gedichten ihres an der Ostfront eingesetzten Bruders veröffentlicht. Später sind die Gedichte 1947 und 1964 (bei Diogenes) und 1998 (im Urachhaus-Verlag) und in einigen Anthologien erschienen. Aber heute ist das schmale (und oft hermetische) Werk weitgehend vergessen.

Hermann Kükelhaus (1920–1944), geboren in Essen, wuchs in Ostpreußen auf, besuchte mit Unterstützung des späteren Widerstandskämpfers Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg die Nationalpolitische Erziehungsanstalt in Stuhm und begann in Berlin ein Philosophiestudium. Er überwarf sich aber bereits nach wenigen Monaten mit dem atheistischen Philosophieprofessor und suchte darauf eine handfeste Arbeit im Bergbau in Oberschlesien.

Kükelhaus stand seit seiner Jugend in der Mission des Wortes. In etwa 300 Gedichten, langen Briefen und einem Romanfragment suchte er mit existenziellem Furor die Welt in sich und sich in der Welt. Sonne, Mond und Sterne, Erde, Pflanze, Tier und Mensch spricht er als Du an und will – im buberschen Sinne – eine Beziehung aufbauen und nicht bloß ‹Erfahrungen› sammeln. Im Gedicht ‹Der Bergsteiger› etwa verschmelzen Wanderer und Berg geheimnisvoll. An anderer Stelle wird der Himmel nicht besungen, sondern will getrunken sein. Schicksal und Tod werden franziskusgleich als Bruder angesprochen. Die Paulusfrage «Tod, wo ist dein Stachel?» ist wie ein Grundton bei Kükelhaus, der seinen frühen Erdenabschied in vielen Gedichtzeilen und Briefäußerungen vorauszuahnen schien. Er liebte die Worte «mehr als mein Leben» und hat die Magie des Wortes mächtig ausgelotet. Bisweilen kippt der Text seiner Briefe unvermittelt in gebundene Sprache – «als ob die Prosa plötzlich für die Übersetzung des Gedankens in Worte nicht mehr ausreichte, wird der begonnene Gedankengang mit den Mitteln der Lyrik fortgesetzt», wie Vinzens feinfühlig beschreibt.

Mit seinem Schreiben hat sich Kükelhaus aufs Leben vorbereitet, als ob er ahnte, was ihm im Krieg bevorstehen würde. Er unterschied «zwei Sorten Menschen. Die, die bereit sind, und solche, die nicht bereit sind». Bereitsein hieß für ihn, einen Kontakt zu alledem zu haben, was wir nicht sehen.

Anfang 1941 wurde Kükelhaus eingezogen und stand ab Sommer als Soldat an der mörderischen Ostfront; er hat sich aber vom Krieg nicht vereinnahmen lassen, sondern hatte bereits vorher den Kampf mit sich selbst ganz in sich hineingenommen: Das «Gesetz des Lebendigen» richtet sich gegen den Krieg. Krieg und Masse sind Sache des Staates. Wo die Masse und der Staat aufhören, da beginnt erst der Mensch (so sagt es auch Nietzsches großer ‹innerer Kämpfer› Zarathustra). Und ein Mensch ist dem anderen «nötiger als täglich Brot».

Dem Band ist ein Vor- und Nachspann mit Familienbildern und Porträts von Hermann Kükelhaus beigegeben, die nicht bloß Illustrationen sind, sondern als erweiterter Text zu verstehen sind. Denn wie schon in seiner Renate-Riemeck-Biografie (2023) versteht es Vinzens, die Porträts mit den abgebildeten Physiognomien und Gesten zu lesen und anschaulich zu beschreiben.

Im Verlauf von Vinzens’ subtiler Werkanalyse und biografischer Darstellung werden wir immer auch mit den Abgründen des deutschen Russlandfeldzugs und des Versagens der Wehrmacht nicht nur an der Front, sondern auch gegenüber dem besessenen Kriegsherrn Hitler konfrontiert.

Ein Jahr nach seiner Einziehung wurde Kükelhaus nach Königsberg zur Offiziersausbildung geschickt, aber er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, um schließlich im Juni 1942 zurück an die Front zu kommen, auf russischen Boden, den er als seine zweite Heimat empfand. Im September erlitt er einen Kopfschuss, von dem er sich schlecht erholte, wurde darauf ausgemustert und in die Administration nach Berlin versetzt. Am 30. Januar 1944 starb Hermann Kükelhaus in Berlin bei Löscharbeiten nach einem Bombenangriff.


Buch Albert Vinzens: Hermann Kükelhaus Ein Dichter im Krieg. Edition Hamouda, Leipzig 2026

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