Das 49. Lebensjahr ist eine Zeit, sich neu zu orientieren und reifer zu werden – beispielsweise am griechischen Philosophen Platon.
Im 49. Lebensjahr haben wir die Neigung, unser eigenes Selbstbild zu hinterfragen. Häufig entwickeln wir Selbstzweifel und bilanzieren mit negativen Vorzeichen das bis dahin geführte Leben. Zur Verunsicherung trägt bei, dass wir als 49-Jährige jahrelang der Überzeugung waren, unsere körperliche Leistungsfähigkeit auf Dauer behalten zu können. Erste Anzeichen des physischen Abbaus stören diese Selbstsuggestion. Die Anforderungen im Beruf empfinden wir nun als belastend, Ähnliches gilt für die familiären Verpflichtungen. Wir werden mit 49 Jahren langsamer und finden nicht mehr so leicht in den gewohnten Rhythmus hinein. Das drückt die Stimmung und führt zu Momenten der persönlichen Erschöpfung. Zugleich birgt eine generelle Revision die Chance, uns die Welt quasi neu einzurichten. Nur wie? Niemand hat uns auf diese neue Lebensphase vorbereitet. Sie kommt unangemeldet um die Ecke und verlangt von uns, jegliche trügerischen Gedanken loszulassen. Wir empfinden, das Leben wird in Zukunft nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Unsere eigene Entwicklung wird nicht mehr wie von selbst aufwärts streben. Das Gefühl sagt: Jetzt beginnt die zweite Hälfte des Lebens. Was wollen wir eigentlich noch? Was können wir noch erreichen? Und solange es hierzu keine klaren Aussagen und Auffassungen gibt, fehlt es uns an Sicherheit über das, was auf uns zukommt. Von Glück reden können jene von uns, die leise ahnen, wohin mit 49 die Reise des Lebens geht.
Neues Niveau
Schon als wir 42 geworden sind, wollten wir auf moralischem und ethischem Gebiet eine höhere Stufe erreichen. Der Drang, unsere innere Reife auf ein neues Niveau zu heben, nimmt mit 49 weiter zu. Unsere Seele wurde mitfühlender für die Bedürfnisse der Menschheit. Vielleicht entsteht in uns sogar ein inneres Verlangen nach einem neuen Empfindungsorgan. Auf diesem Feld will sich von nun an etwas bilden, das der neuen Fähigkeit gleichkommt, in guter Weise und eigenständig auf die Dinge zu schauen. Viele von uns nutzen diese Phase des Lebens zur Neujustierung. Bewusstes Wahrnehmen steigert die Wertschätzung für uns selbst. Wir können die Dinge besser geschehen lassen, als sie zwanghaft selbst gestalten zu müssen. Das Wohlbefinden des jeweils anderen tritt mehr als bisher in den Fokus. Als 49-Jährige lernen wir, unsere Enttäuschungen loszulassen. Stattdessen erkennen wir, dass wir nicht alles erreicht haben müssen, um ein Leben gutzuheißen. Mit 49 können wir uns selbst einen Anstoß geben, falsche Erwartungen erkennen und uns aus ihnen befreien.
Neue Ideen
Wenn wir den Mut und Willen haben, unserem Leben in dieser Lebensphase einen neuen Aspekt hinzuzufügen, können wir uns mit der Frage beschäftigen, was höhere Ideen sind. Wir können einmal versuchen, uns mit der ‹Idee des Guten› vertraut zu machen. Platon spricht den generalisierten Gemeinsamkeiten von Dingen eine reale Existenz zu. Darüber hinaus versteht er die konkreten Dinge lediglich als Abbildung dieser a priori existierenden Ideen. Platon war damit ein Vorkämpfer des Ideenrealismus. Es geht ihm darum, in den Dingen die Idee und in den Ideen die Dinge zu erkennen. In dieser Wahrheit können wir den Anschluss an eine höhere Idee finden.
Das setzt voraus, unsere bisherigen Empfindungen an das eigene Denken abzugeben. Dann beginnt ein Empfinden in den Gedanken. Das Denken mit dem Denken zu begreifen, das Denken im Denken zu erhaschen, mit dem Denken zu sehen, zu hören und zu fühlen – das ist die Aufgabe dieser Lebensstufe. Insofern wird das Denken nun etwas ganz Neues. Idealerweise werden wir zu Menschen, die einen höheren Stand des Denkens erreichen. Diese Altersstufe markiert im Leben der allermeisten von uns einen Neubeginn. Sie bildet eine Art seelisch-geistiger Neugeburt, welche uns das Denken als Organ des Empfindens neu erschließt.
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