‹Alles, was mir gehört, trage ich mit mir›

Der Ukrainer Serhii Kopyl (geb. 1979) ist Chefredakteur des anthroposophischen Verlags Nairi und leitet das Zentrum für anthroposophische Bildung Brama in Kiew. Er ist Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten ukrainischen Anthroposophischen Gesellschaft und unterrichtet am Steiner-Pädagogik-Seminar. Frode Barkved hat ihn interviewt.1


Frode Barkved: Serhii Kopyl, kannst du uns etwas über dich erzählen?

Serhii Kopyl Ich wurde 1979 in Luhansk geboren. Meine Mutter war Lehrerin für russische Sprache und Literatur, mein Vater Bauingenieur. Ich lebte dort bis zur dritten Klasse und zog dann 1989 mit meiner Familie nach Russland, in die nördliche Oblast Tjumen. Dort schloss ich die Schule ab, studierte ein wenig Physik an der Staatlichen Universität Moskau und zog schließlich nach Kiew, wo ich wie mein Vater Bauingenieurwesen studierte. Nachdem ich die Anthroposophie kennengelernt hatte, widmete ich mich dieser Bewegung und arbeite seitdem an anthroposophischen Initiativen, hauptsächlich als Redakteur und Übersetzer von Texten.

Deine Mutter war Lehrerin für russische Literatur, und du und deine Familie sprachen Russisch in einer Region, in der Russisch die vorherrschende Sprache war. Es gibt Leute, die behaupten, dass einer der Gründe für den Krieg, die russische Intervention in der Ostukraine im Jahr 2014, darin liegt, dass Russischsprachige in diesem Gebiet diskriminiert wurden und die russische Sprache verboten wurde.

Eine solche Behauptung hat nichts mit der Realität zu tun. Die russische Sprache ist ein Erbe aus der Zeit des Imperiums und überall verbreitet. Es ist die Sprache, die in der Ukraine am wenigsten Schutz benötigt. Ich höre sie ständig auf den Straßen in Kiew und sogar in der ukrainischen Armee, wo sie, je nach Einheit, von 50 Prozent der Soldaten gesprochen wird. Das ist heute so, nach zwölf Jahren Krieg und vier Jahren Vernichtungskriegsführung und nachdem Millionen Ukrainer und Ukrainerinnen als Reaktion auf die Aggression nachweislich die russische Sprache aufgegeben haben.

Wie war die Situation vor 2014?

Vor der russischen Aggression 2014 konnte von einem Verbot der russischen Sprache keine Rede sein. Damals sprachen 70 bis 80 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner von Kiew Russisch, einschließlich des anthroposophischen Milieus, wo alle Bücher, die wir von Rudolf Steiner lasen, auf Russisch waren. Damals war es die ukrainische Sprache, die Schutz brauchte – denn in vielen Regionen, insbesondere im Osten, war es sehr verbreitet, dass man der ukrainischen Sprache ablehnend und herablassend gegenüberstand. Sie wurde als ‹bäuerlich› und provinziell empfunden. 2012 wurde unter dem prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch ein Sprachengesetz verabschiedet, das dem Russischen de facto Sonderrechte als Verwaltungssprache einräumte. Was 2014 geschah, war eine Abstimmung im Parlament über die Aufhebung dieses umstrittenen Gesetzes. Die Abstimmung über die Aufhebung fand am 23. Februar 2014 statt. Der Kreml erklärte fälschlicherweise, dass die Entscheidung zur Einleitung der Annexion der Krim am 22. Februar getroffen worden sei. Es genügt, sich die Medaille mit der Gravur ‹Für die Befreiung der Krim› anzusehen; dort steht der 20. Februar. Russland begann seine Aggression, bevor die Abstimmung stattgefunden hatte und die sogenannte ‹Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung› überhaupt beginnen konnte.

Was waren die Folgen des Gesetzes?

Das Lustige ist, dass die Aufhebung nicht in Kraft trat, da der amtierende Präsident Oleksandr Turtschynow sich weigerte, sie zu unterzeichnen. Das Russifizierungsgesetz von 2012 blieb somit bis 2018 in Kraft. Dann erklärte das Verfassungsgericht es für verfassungswidrig. All das Gerede darüber, dass die ‹Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung› der Grund für die russische Aggression sei, ist reine Kreml-Propaganda. Es ähnelt der angeblichen ‹Unterdrückung der Sudetendeutschen› durch die tschechoslowakischen Behörden, die Hitler 1938 als Rechtfertigung für seine Invasion nutzte.

Wie war es für dich, russischsprachig zu sein?

Als russischsprachiger Ukrainer stand ich vor einem Dilemma. Die Aggression fand unter dem Vorwand der ‹Befreiung der russischsprachigen Bevölkerung› statt, mit der Behauptung, dass «die Ukraine ein künstliches Land ist», «die ukrainische Sprache nicht existiert», «Ukrainer und Russen ein Volk sind» usw. Die Tatsache, dass wir russischsprachig waren, wurde damals als eine Art Beweis für diese Behauptungen angesehen. Mir wurde klar, dass ich in einer solchen Situation nur durch den Wechsel zum Ukrainischen beweisen konnte, dass ich Ukrainer bin.

Marsch der Milionen auf dem Maidan-Platz in Kiew, 2013. Foto: Privat

War es schwierig, auf Ukrainisch umzusteigen?

Meine Großeltern stammen aus der Zentralukraine und sprechen Ukrainisch, daher habe ich seit meiner Kindheit Ukrainisch gesprochen. Dennoch war es nicht so flüssig wie meine Muttersprache Russisch. Seit 2014 bin ich einer von Hunderttausenden russischsprachigen Ukrainern, die sich aus Gründen der Selbstidentifikation und des Schutzes dafür entschieden haben, Ukrainisch zu lernen. Wir haben begonnen, Steiners Bücher auf Ukrainisch zu veröffentlichen, und jetzt schreibe ich sogar meinen Namen mit lateinischen Buchstaben als Serhii, obwohl er früher auf Russisch als Sergey ausgesprochen wurde.

Früher lernten Ukrainischsprachige Russisch, jetzt lernen Russischsprachige Ukrainisch?

Unter dem Russischen Reich und der Sowjetunion versuchten Ukrainer, die vom Land in die Städte zogen, vom Ukrainischen zum Russischen zu wechseln, weil dies ein Zeichen von Bildung und Kultur war. Heute ist es umgekehrt: Wenn man gut und schön Ukrainisch spricht, ist das ein Zeichen von Bildung und Kultur.

Wie bist du mit Anthroposophie in Berührung gekommen?

Als ich mit 18 Jahren nach Kiew zurückkehrte, lebte ich mit meiner Schwester, die zu den ersten Anthroposophinnen und Anthroposophen in Kiew gehörte. Nach der erstickenden materialistischen Sowjetzeit öffnete sich uns die Welt der Esoterik. Und Anthroposophie war eine von vielen spirituellen Bewegungen, die wie Regen auf trockenen Boden herabströmten. Der Begriff ‹Karma Diagnostics›2 wurde damals zum Sprungbrett zur Anthroposophie. Sechs Monate lang diskutierten meine Schwester und ich heftig darüber, wer tiefer ging – der Autor von ‹Karma Diagnostics› oder Steiner. Was für mich den Ausschlag gab, war die Weihnachtsfeier 1997 im neu gegründeten Waldorfkindergarten, wo ich zum ersten Mal keine Theorie in Worten sah, sondern lebendige Menschen – jung, frei und offen, darunter einen Waldorfpädagogen aus Deutschland. Sie waren die ersten Anthroposophen in Kiew und beeindruckten mich so sehr, dass ich Steiners ‹Theosophie› aufschlug – innerhalb weniger Monate verschlang ich alle anderen Grundwerke Steiners und erkannte die Anthroposophie als meinen Weg.

Gab es Themen in Steiners Büchern, die dich besonders interessierten?

Von Beginn meines anthroposophischen Weges an wurde ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss› (GA 13) meine große Liebe. Seitdem ist es eines meiner Hauptinteressen, wie spirituelle Wesen und Engel durch die Evolution in unserer Welt und in/mit uns wirken. Auch hier wieder nicht aus theoretischer Sicht, sondern wie ich es im normalen Leben hinter ganz alltäglichen Ereignissen durch qualitatives (also goetheanistisches) Denken erleben und fühlen kann.

Einige Anthroposophen bedienen sich gerne Steiners Begriff des Volksgeistes, um das heutige Russland zu ‹verstehen›. Du beschreibst ‹die russische Volksseele› als ‹friedlich› und schreibst ihr die Fähigkeit zu, ‹das Geistige in seiner Reinheit› zu erfahren. Wie empfindst du solche Aussagen?

In der Ukraine von heute wirkt das Gerede von der ‹Friedfertigkeit der russischen Seele› so, als würde jemand 1942 Steiner zur Größe des deutschen Volksgeistes zitieren – und damit die Taten des Dritten Reiches rechtfertigen. Zumal wir da bereits ein so eindrucksvolles Beispiel aus den Jahren 1917 bis 1991 vom russischen Volk selbst haben!

Um sich von der Dunkelheit der zwölf Jahre des Dritten Reiches zu befreien, durchliefen die Deutschen eine Besatzung, Entnazifizierung und Jahrzehnte der Reue. Für mich ist und bleibt es ein Rätsel, warum so viele Europäer glauben, dass sich die Russen 1991 sofort, ohne Entkommunisierung und Entimperialisierung, von der Dunkelheit von 72 Jahren (drei Generationen!) mit der Sowjetunion befreit haben.

Oben: Drohnennetz auf der Straße nach Saporishia. Foto: Privat

Haben wir es heute mit der Sowjetunion zu tun, die versucht, zurückzukommen?

Natürlich. Aber das Problem geht tiefer. Ich halte es für wissenschaftlich unredlich, Steiners Zitate über die ‹russische Seele› zu nehmen und daraus Schlussfolgerungen über ‹Russland› als Land zu ziehen. Obwohl Steiner etwas ganz anderes über den russischen Staat und den Russismus als politische Ideologie sagte und ausdrücklich erklärte, dass der russische Staat das Gegenteil dessen verkörpert, was in der Seele des Volkes lebt. Denn als Idee stammt er aus der mongolischen Invasion. Die Sowjetunion ist nur die dunkelste und blutigste ‹Inkarnation› dieser Idee eines Staates, der seit 800 Jahren wie ein Parasit auf dem russischen Volk lastet. Deshalb sagen wir heute in der Ukraine: «Wie im 13. Jahrhundert weist Kiew erneut die Horden aus dem Osten zurück.»

Liegt das Problem beim Kreml und seiner aggressiven Staatsideologie, während die einfachen Russen als Vertreter der Volksseele ihre ‹friedliche› Natur bewahren?

Ich dachte auch, dass dies nur Wahnsinn seitens der Herrscher des Landes sein konnte und dass gewöhnliche Russen natürlich gegen einen solchen Verrat sein würden und zu Millionen auf die Straße gehen würden, um zu protestieren. Als die Krim annektiert wurde, wurde mir nicht nur die Machtlosigkeit der ‹internationalen Organisationen› bewusst, sondern auch die völlige Machtlosigkeit der russischen Gesellschaft. Es gab keine Massenproteste ‹dagegen›. Im Gegenteil, die Russen jubelten in Scharen! Unter ihnen befand sich leider auch die Mehrheit der russischen Anthroposophen. Selbst die russischen Waldorflehrer begannen zu sagen: «Ich bin ein kleiner Mensch und verstehe nicht alle Komplexitäten der Geopolitik, also ist vielleicht das, was Russland jetzt auf der Krim und im Donbass tut, aus Sicht des Staates richtig.» ‹Friedfertigkeit› erwies sich als Unterwerfung und Lähmung jedes Willens zum Protest angesichts des Größenwahns des russischen Staates.

Gab es keine Ausnahmen?

Nicht so viele, wie wir gehofft hatten, aber dennoch beteiligten sich viele frei denkende Russen – die keine Rückkehr zur Sowjetunion wollten – an der Revolution der Würde, und viele von ihnen trugen mutig gelbe und blaue Bänder in Moskau und St. Petersburg als Zeichen der Solidarität mit den Ukrainern. Als Journalisten sie fragten, warum sie die ukrainische Flagge in Russland trugen, antworteten sie: «Für uns ist es nicht mehr nur die Flagge der Ukraine, sondern die Flagge der Freiheit.» Ab 2022 müssen wir auch an die heldenhaften Russen denken, die jetzt in den Reihen der ukrainischen Streitkräfte für die Freiheit des russischen Volkes gegen den russischen Staat kämpfen – das Russische Freiwilligenkorps und die Freiheitslegion Russlands.

Die russischen Behörden behaupteten, dass die Revolution ein vom Westen inszenierter Staatsstreich sei.

Natürlich bezeichnen alle autoritären Herrscher Proteste gegen Autoritarismus als Einmischung und Inszenierung durch ‹externe Feinde›. Vielleicht glauben sie sogar wirklich daran. Ich verstehe sogar, warum Russen, die selbst nicht in der Lage sind zu protestieren und vom Leviathan des Kremls gelähmt sind, dies glauben können. Aber wie können freie Europäer dies wiederholen? Schließlich ist es nicht schwer, den Unterschied zu erkennen – denn es gibt tatsächlich ‹inszenierte› Demonstrationen, und wir haben sie oft vor der Revolution in der Ukraine gesehen: Die Menschen wurden von den Behörden versammelt und bezahlt. Ihre Augen sind stumpf, weil sie nicht aus freiem Willen dort sind. Aber alle, die während der Revolution auf dem Maidan waren, sahen ein ganz anderes Bild! Es gab Licht und Feuer in den Augen, Kreativität und Willenskraft und etwas, das sehr ukrainisch ist – Humor. All dies ist ein unbestreitbares Zeichen der Freiheit. Wir waren alle aus freiem Willen dort – und ich erinnere mich an den Moment, kurz nachdem die ersten Demonstranten getötet worden waren, als ich mein Haus wieder verließ, um zum Maidan zu gehen, mich im Spiegel sah und eine Stimme in mir fragte: «Was, wenn du stirbst?» Und aus den Tiefen meiner Seele kam die Antwort: «Dann bin ich bereit, mein Leben für die Freiheit der Ukraine zu opfern!»

An einem der ersten Tage bei der Armee, 2022. Foto: Privat

Aber woher kam diese Stimmung?

Man stelle sich vor: freie Menschen, die sich umarmen, die ukrainische Flagge in den Händen halten und die ukrainische Nationalhymne singen, während Polizisten in schwarzer Ausrüstung sie blutig schlagen, die Flagge herunterreißen und mit Füßen treten.

Ich sehe das und spüre eine mir bisher unbekannte Wut aus meinem Innersten aufsteigen. Erinnern Sie sich daran, was Steiner in seinem Vortrag ‹Die Mission der Wut› sagt? «Eine liebevolle Hand ist selten eine Hand, die angesichts von Ungerechtigkeit oder Dummheit nie geballt wurde.» (GA 58) Denn solche blutige Gewalt seitens des Staates haben wir bis heute nur in Russland und der Sowjetunion gesehen; nichts Vergleichbares ist in der Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit geschehen. Zusammen mit der offiziellen Begründung, die EU-Assoziierung unter dem äußeren Druck Russlands abzulehnen, und zusammen mit dem Bild der ukrainischen Flagge unter den Füßen der Täter fügten sich die Teile zum schrecklichen Bedrohungsbild zusammen: Sie wollen uns zurück in die Sowjetunion ziehen! Am nächsten Tag strömten statt Tausender von Anhängern der Assoziierung Millionen von Menschen auf den Majdan-Platz – weil es nicht mehr um Assoziierung ging, sondern um die Gefahr einer Rückkehr zu den gesetzlosen Zeiten der Diktatur. Es war dieses Ereignis, das das, was wir Euromaidan nennen, in die Revolution der Würde verwandelte.

Es ist interessant, dass in dem Buch des Schweizer Anthroposophen Thomas Mayer3 ‹Wahrheitssuche im Ukraine-Krieg – Um was es wirklich geht›, das voller russischer Propaganda ist, kein einziges Wort über diese blutige Aktion vom 30. November zu finden ist! In dem 600 Seiten starken Buch findet sich keine einzige Zeile über das entscheidende Ereignis, das Millionen Ukrainer dazu brachte, die Fäuste zu ballen!

Was hat dich dazu bewogen, zu kämpfen, um die Ukraine zu verteidigen?

Es war eine Weiterentwicklung derselben Stimmung, die während der Revolution der Würde auf dem Maidan entstanden war. Die Stimmung damals war geprägt von einer Art Selbstorganisation des Bewusstseins. Dies führte 2014 viele Freiwillige vom Maidan direkt an die Front, mit dem starken Wunsch, für ihr Land einzustehen. Viele hatten das Gefühl, dass dies jetzt notwendig war, in einer Zeit, in der die reguläre ukrainische Armee und der Staat, die durch Passivität und Selbstzufriedenheit zerstört worden waren, erwachten und zu sich selbst fanden. Seitdem sagen die Ukrainer, dass in diesem Krieg «ein starker russischer Staat und eine schwache russische Zivilgesellschaft gegen eine starke ukrainische Zivilgesellschaft mit einem schwachen ukrainischen Staat kämpfen». Freiwilligenarbeit ist zum Wesenskern des ukrainischen Gesellschaftslebens geworden.

Du warst Mitte dreißig; wolltest du auch für das Land kämpfen?

Nein, 2014 wollte ich nicht zu den Waffen greifen und an die Front gehen. Wie viele meiner Freunde in Kiew war ich überzeugt, dass es meine anthroposophische Aufgabe war, das soziale Bewusstsein im Land weiterzuentwickeln und Freiwillige in den hinteren Reihen zu unterstützen, und dass ich nur als letztes Mittel zu den Waffen greifen würde – zum Beispiel, wenn die Existenz der Ukraine als Land bedroht wäre und die Truppen des Angreifers auf Kiew, das Herz des Landes, marschieren würden. Und am 24. Februar 2022 war genau das der Fall. Am zweiten Tag des Krieges habe ich mich zur Armee gemeldet.

Was hat dich während deiner Zeit in der Armee am meisten beeindruckt?

Eine der besonderen Erfahrungen war das Gefühl der Nähe zur spirituellen Welt. Das zeigte sich unter anderem durch unglaubliche Zufälle und Begegnungen zwischen Menschen, die aus ihrem üblichen karmischen Kontext herausgerissen waren und sich in ihrem ‹normalen› Leben kaum begegnet wären. Interessanterweise konnten solche Zufälle auch Menschen betreffen, die nicht direkt an der Front waren. Als ich verwundet im Krankenhaus lag, erhielt ich Grüße in Form von Zeichnungen von den Kindern einer ersten Klasse der Kiewer Waldorfschule Yavir, an der ich gearbeitet hatte. Der Lehrer sagte, sie sollten nichts zum Thema Krieg zeichnen, aber einer von ihnen, Viktor, tat es trotzdem. Ein oder zwei Monate später tauchte ein Video der Schlacht, in der ich verwundet wurde, im Internet auf (zu Beginn des Krieges im Jahr 2022 waren solche Videos noch selten). Ich sah, dass Viktor genau die Szene gezeichnet hatte wie im späteren Video. Er hatte sogar meinen Namen geschrieben («Mr. Serhii») – genau dort, wo ich aus dem Fahrzeug sprang und in den Kampf ging. Das zu sehen, war für mich wie eine Grenzerfahrung, wenn man die Präsenz der spirituellen Welt durch das spürt, was die Augen sehen. Eine andere geschah über die Ohren.

Kannst du das beschreiben?

Nach mehreren Gefechten, in denen ich gezieltem Artilleriefeuer ausgesetzt war, hatte ich mich daran gewöhnt, dass eine Art gewaltige, nicht menschliche Kraft um mich herum tobte, mich aber nicht traf; es war ein Gefühl, als würde mich jemand beschützen. Aber dann gab es einen Schuss, der sich von den anderen unterschied. Wir standen unter schwerem Artilleriefeuer, ich drückte mich auf den Boden und bedeckte meinen Kopf mit den Händen. Dann hörte ich einen weiteren entfernten Kanonenschuss und wusste, dass eine Granate auf uns zukam – aber dieses Mal hatte ich plötzlich das Gefühl, dass die Zeit langsamer verging, mein Herz schlug stärker und schneller, das Blut schoss mir ins Gesicht. In diesem Moment der Zeitverlangsamung erklang eine Stimme in mir, etwas, das aus meinem Gewissen oder höheren Selbst kam, das aus dem Innersten der Seele zu einem zu sprechen scheint. Ich hörte die ‹Worte›: «Nun, bist du bereit?» Und im nächsten Augenblick: eine Explosion, ein heftiger Schlag und intensive Schmerzen, als hätte mich ein Riese mit seinem Metallstiefel zu Boden gedrückt. Es war eine schwere Verletzung, die ich wie durch ein Wunder überlebte. Aber die Erinnerung an diese Stimme versicherte mir später, dass alles genau so war, wie es sein sollte. Ich bin mir sicher, dass Tausende von Menschen in diesem Moment etwas Ähnliches erlebt haben und erleben.

Weihnachtsstern und Verteidigungsschutz gegen Glassplitter bei Bombenbeschuss. Foto: Privat

Haben sich die Soldaten von solchen Erlebnissen erzählt?

Ja. Ein schwer verletzter Soldat erzählte, dass in dem Moment, als sein halbes Bein weggerissen wurde, sein ganzes Leben wie ein Film vor seinem inneren Auge vorbeizog – vom Anfang bis zum Ende.

Interessant, das ist gemäß Steiner, was bei einem Schock passiert, wenn sich der Ätherleib vom physischen Leib trennt.

In anthroposophischen Kreisen hörte ich immer wieder, dass wir in einer Zeit innerer, nicht äußerer Kämpfe leben. Die Aufgabe der Menschheit besteht nicht mehr darin, physische Kriege zu führen, sondern ihren eigenen Schwächen und anderen Drachen in der Seele den Krieg zu erklären. Diese Unterscheidung zwischen innerem und äußerem Kampf wird wahrscheinlich durch die Karikatur eines kämpfenden Soldaten als einer Art seelenloser Mechanismus mit blutunterlaufenen Augen, der bereit ist, Befehle automatisch und blind auszuführen, vorangetrieben. Ich habe in meinem friedlichen Leben niemals innere Kämpfe erlebt, die in ihrer Stärke und Intensität mit den inneren Kämpfen vergleichbar sind, die ich an der Front durchgemacht habe. Ich habe auch nie so starke Leidenschaften und Instinkte erlebt, die zurückgehalten und bekämpft werden mussten. Seit dem Maidan (eigentlich vor mehreren hundert Jahren, aber das würde jetzt zu weit führen) ist die ukrainische Armee geprägt und durchdrungen von der Freiwilligkeit und dem Bewusstsein des Einzelnen. Wenn eine Person nicht bereit ist und nicht in den Kampf ziehen will, ist es unmöglich, sie dazu zu zwingen. Vielleicht ist dies eine gewisse Schwäche der ukrainischen Armee, aber gleichzeitig ist es auch eine Stärke, denn es ist eine Armee aus lebenden Menschen, nicht aus Automaten.

Kannst du ein Beispiel für einen inneren Kampf nennen?

Ja, in derselben Kampfsituation, bevor ich verwundet wurde, drücken wir uns wegen des Artilleriefeuers auf den Boden. Zehn Meter vor mir liegt mein Waffenbruder, und plötzlich sehe ich eine Mine dort explodieren, wo er gerade liegt. Aus einer dunklen Tiefe meiner Seele kommt mir ein blitzschneller Gedanke: «Das war’s, er ist tot, lauf schnell weg von hier!» Erst im nächsten Augenblick übernimmt mein Verstand die Kontrolle und sagt: «Wie kann ich weglaufen? Was, wenn er lebt, aber verletzt ist? Ich muss ihm helfen.» Ich überwinde meine instinktive Angst, krieche zu ihm hin und rufe: «Wie geht es dir? Lebst du noch?» Und dann hebt er den Kopf und streckt den Daumen hoch – «Alles ist in Ordnung!» Ein Wunder.

Wie ich bereits sagte, müssen Soldaten an der Front ständig solche kleinen – wie ein Anthroposoph sagen würde – michaelischen Siege über die Drachen in ihren eigenen Seelen erringen. Und letztendlich ist es diese innere Standhaftigkeit, die den Sieg bringt – und nicht allein physische Waffen. Aber ohne Waffen, nur mit Gebeten und Meditationen, funktioniert es auch nicht.

Es ist offensichtlich, dass Krieg eine tiefgreifende Wirkung auf die Menschen hat.

Ja, und zwar auch im positiven Sinne für den Alltag und für die Zukunft. Soldaten an der Front haben nur sehr wenige persönliche Gegenstände – gerade genug, um in einen kleinen Rucksack zu passen. Während der Kämpfe nahm ich den Rucksack ab, um frei und beweglich zu sein, aber danach, als wir uns wieder auf den Rückzug zu unseren Positionen begaben, musste ich ihn wieder aufsetzen. Aber gleichzeitig war das in diesem Moment so unbedeutend im Vergleich zu der Tatsache, dass ich den Kampf überstanden hatte und noch am Leben war, dass ich ihn dort liegen ließ! Mit all meinen Habseligkeiten. Nachdem ich verwundet worden war, wachte ich nach der Operation im Krankenhaus tatsächlich wie eine Art Adam auf – alle meine Kleider, die blutgetränkt waren, hatte man ebenfalls weggeworfen, und alles, was mir von meinen persönlichen Gegenständen blieb, waren mein Militärausweis, mein Telefon und ein kleines Holzkreuz, das ich immer bei mir trug. Es war gut, dass sie alle in einer wasserdichten Tasche in meiner Hosentasche waren.

Es war wie eine Wiedergeburt?

Ja,«Omnia mea mecum porto» – «Alles, was mir gehört, trage ich mit mir». Und diese Eigenschaft, nicht so sehr von materiellen Dingen abhängig zu sein, erleben derzeit alle Ukrainer in großem Umfang, einschließlich Zivilisten, die wissen, dass russische Raketen ihnen jederzeit ihren gesamten Besitz nehmen können und dass man jeden Morgen wie Adam aufwachen kann, wenn Gott will und man überlebt. Ukrainische Flüchtlinge haben etwas Ähnliches erlebt. Und ich glaube, dass dies in spiritueller und christlicher Hinsicht etwas sehr Wichtiges für die Zukunft ist.

Christgeburtspiel im Bunker. Foto: Privat

Genau deshalb muss es für dich schmerzhaft sein, wie bestimmte Anthroposophen außerhalb der Ukraine Behauptungen aufstellen, die den ukrainischen Kampf auf einen Stellvertreterkrieg reduzieren, in dem die Ukrainer als Schachfiguren in einem Krieg dargestellt werden, der eigentlich zwischen dem Westen und Russland stattfindet.

Die Pro-Reich-Anthroposophen, die ich erwähnt habe, wurden weniger durch die Worte anderer Anthroposophen zum Schweigen gebracht als durch die Realität vor Ort. Ebenso könnte ich lange argumentieren, dass die Ukraine und die ukrainische Sprache tatsächlich existieren, dass sie nicht Teil des russischen Volkes sind, sondern eine eigene Identität haben – aber vier Jahre verzweifelter Widerstand gegen Aggression beweisen dies viel besser. Ich hätte lange und hart argumentieren können, dass die Ukraine keine Marionette der USA ist – aber ein einziges Gespräch im Februar 2025 im Oval Office und alle Verhandlungen im Laufe des Jahres 2025 haben dies viel besser bewiesen. Plötzlich stellte sich heraus, dass die ‹Marionettenspieler› ihre ‹Marionette› nicht zur Kapitulation zwingen können. Die Fakten sind sehr einfach: Es war Russland, nicht die Ukraine oder der Westen, das buchstäblich alle bilateralen Abkommen zwischen den Ländern gebrochen hat, die in den letzten 30 Jahren offiziell unterzeichnet wurden. (Keine mythischen mündlichen Versprechen, die angeblich Gorbatschow als Führer eines anderen Landes in einer anderen historischen Situation zu einem ganz anderen Thema gegeben wurden, sondern schriftliche Dokumente, die unter anderem von Putin selbst unterzeichnet wurden.) Es waren russische, nicht ukrainische oder westliche Truppen, die die Grenze zwischen den Ländern überschritten. Welche Eigenschaften meiner Seele führen zu einem so seltsamen Weltbild, dass ich anfange, reine Aggression und Diktatur ‹aus anthroposophischer Sicht› zu rechtfertigen? Meine Überzeugung ist, dass ich in erster Linie ein Mensch bin, dann ein Christ und erst dann ein Anthroposoph. Wenn mein angeblich ‹anthroposophischer› Standpunkt antichristliche und unmenschliche Handlungen rechtfertigt, muss ich sorgfältig prüfen, ob ich die Anthroposophie richtig verstanden habe.

Hast du Erfahrungen und Erkenntnisse in Bezug auf dieses Phänomen?

Es scheint, als sei diese Stimmung in der Seele, die überall nur ‹Puppenspieler› und ‹Marionetten› sieht, die theosophische Strömung innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Wenn ‹theos› wichtiger ist als ‹anthropos›, wenn ich vom Gipfel des Berges aus nicht mehr zwischen einzelnen Personen unterscheiden kann (Steiners Bild aus GA 45). Aufgrund des Materialismus läuft diese ‹Theosophie› heute Gefahr, zu reiner ‹Konspirationstheorie› zu verkommen. Dies führt auch zu einer gewissen Arroganz, angeblich in Anlehnung an Steiner: Wenn Steiner über das Schicksal und die Aufgaben ganzer Länder sprechen konnte, ohne physisch in ihnen anwesend zu sein, dann konnte Thomas Mayer auch leicht ein 600-seitiges Buch über die Ukraine schreiben, ohne jemals hier gewesen zu sein und ohne auch nur ukrainische Anthroposophen zu kontaktieren und zu fragen, wie sie all dies erleben.

Losgelöst von der gelebten Realität?

Genau. Deshalb ist es mir wichtig zu sagen, dass wir den Anthroposophen und allen anderen auf der ganzen Welt, die uns sehen, die Menschen in Not sehen und bereit sind, uns zu helfen, sehr dankbar sind. Auch wenn es nicht an der physischen Front der Armee ist, so ist es doch an der Front der Ideen, indem sie die Dinge beim Namen nennen. Das hilft sehr. Vielen Dank dafür, Freunde!

Ich habe kürzlich einen Artikel in der Zeitschrift ‹Republik› gelesen, in dem ein nicht anthroposophischer Forscher (Jonas Frey) schreibt: «Russland spaltet die Anthroposophie.»

Vielleicht ist es ein Trost zu sagen, dass diese Spaltung nicht nur die Anthroposophie betrifft. Soweit ich gehört habe, erleben ukrainische Katholiken, orthodoxe Christen, Juden, sogar Feministinnen usw. etwas Ähnliches: Viele ihrer ‹Brüder› und ‹Schwestern› aus anderen Ländern, insbesondere aus Westeuropa, verstehen sie nicht und zeigen plötzlich Sympathie und Liebe für die Politik des Kremls. Vielleicht ist es auch dieselbe Geste: Entweder man ist aus der Welt auf den Gipfel eines Berges geflohen und urteilt von dort aus (für eine spirituelle Bewegung ist das vielleicht das Einfachste) und sieht nur Herrscher und geheime Logen, oder man hat den Mut, hier zu sein, ganz nah, und die Seelen der Menschen zu sehen.

Fahnen zur Erinnerung an gefallene Soldaten. Foto: Privat

Abgesehen vom Krieg, was sind die Herausforderungen für die Ukraine als Gesellschaft?

Es ist die Spaltung zwischen den Menschen. Die Spaltung zeigt sich in mehreren Bereichen: zwischen denen, die gegangen sind, und denen, die geblieben sind, denen, die an der Front sind, und denen, die in den hinteren Reihen sind, usw. Viele Familien wurden auseinandergerissen, als Frauen und Kinder ins Ausland gelangten, und das dauert schon so lange an. Da persönliche Freiheit und Unabhängigkeit tief in der ukrainischen Mentalität verwurzelt sind, haben die Russen immer versucht, diese Eigenschaften zu beeinflussen, sie zu verstärken und auf jede erdenkliche Weise Zwietracht in der Gesellschaft zu säen. Seit Jahrhunderten. Vor hundert Jahren führte dies innerhalb weniger Jahre zum Zusammenbruch des neu gegründeten ukrainischen Staates – und zu den Gräueltaten der Sowjetherrschaft. Seit 2014 versuchen sie mit besonderer Vehemenz, dasselbe zu tun. Die Wahlen 2019 waren eine deprimierende Spaltung der Gesellschaft und für viele von uns eine Tragödie.

Das war, als Selenskyj Präsident wurde?

Weder ich noch die meisten meiner Freunde haben für ihn gestimmt, weil wir ihn als Populisten betrachteten, der mit offensichtlichen Lügen über seinen Vorgänger an die Macht gekommen war, ohne Erfahrung in der Führung des Landes zu haben. Es war nicht das erste Mal, dass die Ukraine solche Schwankungen erlebte: Nach dem ersten Maidan im Jahr 2004, der von einer aktiven Minderheit der Zivilgesellschaft durchgeführt wurde, taten die oligarchischen Medien mithilfe Russlands alles, um sicherzustellen, dass Juschtschenko als proukrainischer Präsident an Popularität verlor, und bei den nächsten Wahlen wählte die Mehrheit erneut einen prorussischen Präsidenten. Es sieht aus wie Geburtswehen, wenn sich das Land mit jeder solchen Krise mehr und mehr in Richtung Europa bewegt, wenn sich immer mehr postsowjetische Menschen von den bolschewistischen Fesseln tief in ihrem Geist befreien. Und auch von der Illusion der ‹Brüderlichkeit› mit Russland.

Soweit ich mich erinnere, kam Selenskyj mit dem Versprechen an die Macht, ein schnelles Friedensabkommen mit Russland zu schließen.

Ja, ‹reden und sich irgendwo in der Mitte treffen›. Übrigens genau wie ein anderer populistischer Führer heute, auf der anderen Seite des Ozeans … Eine offensichtliche Illusion, an die die Mehrheit der Wähler glaubte. Aber ich erinnere mich, dass ich selbst bis 2014 eine ähnliche Illusion von russischer Friedfertigkeit hatte. Der Maidan, die Krim und der Donbass reichten mir, um mich davon zu lösen.

Es muss gesagt werden, dass der Kreml die Ergebnisse der Wahlen 2019 auf seine eigene Weise interpretierte – als Ausdruck des Wunsches der Mehrheit der Ukrainer, sich wieder mit Russland zu vereinen. Als Selenskyj sich im Dezember 2019 in Paris und in den folgenden Jahren weigerte, den russischen Forderungen nachzugeben, waren sie daher überzeugt, dass er seine Wähler im Stich gelassen und sich den ‹Maidaniten› angeschlossen hatte. Als der Kreml 2022 seine Aggression begann, glaubte er offensichtlich, dass es praktisch keinen Widerstand geben würde und dass die ukrainische Armee die Waffen niederlegen und zum ‹Bruderland Russland› überlaufen würde, so wie es die afghanische Armee 2021 gegenüber den Taliban getan hatte. Vielleicht wissen Sie, dass in der erbeuteten russischen Ausrüstung, die Anfang 2022 auf dem Weg nach Kiew war, zeremonielle Uniformen gefunden wurden. Die Russen bereiteten sich tatsächlich darauf vor, als Befreier in Kiew einzumarschieren und in einer Parade die Chreschtschatyk-Straße entlangzumarschieren, während die Mehrheit der Ukrainer sie willkommen heißen würde.

Der Kreml hatte also seine eigene Illusion?

Und die Europäer und Amerikaner, die offenbar ebenfalls damit rechneten, dass die Ukraine fallen würde. So wurde 2022 für alle zu einem Jahr des Erwachens – für die Politiker der Welt, für den Kreml und die Russen und für Selenskyj und seine Wähler. Was für ein fantastisches Jahr! Aber dennoch so schmerzhaft, wie es vielleicht alle Erwachen sind.

Du hast Selenskyj also seitdem unterstützt?

Als Präsidenten meines Landes, der gegen einen Aggressor kämpft – ja. Er ist ein gutes Image für das Land. Es ist auch gut, dass wir während des Krieges einen relativ jungen, dunkeläugigen, kräftigen und cholerischen Mann als unsere Speerspitze haben.

Innerhalb der Ukraine ist es immer noch ein gewisses Tabu, ihn während des Krieges zu kritisieren. Was interne ukrainische Angelegenheiten betrifft, verfolgen wir die Situation jedoch sehr genau. Diese Art von cholerischen ‹Napoleons› neigt dazu, selbst zu Diktatoren zu werden, und genau dagegen kämpfen wir an vorderster Front. Er folgt der öffentlichen Meinung. Und bitte, lernen Sie aus unseren Fehlern! Wenn der Kreml sagt, dass er die Sowjetunion wiederherstellen und Berlin oder sogar den Ärmelkanal wieder erreichen will, dann glauben Sie ihm, versuchen Sie nicht, mit ihm «zu reden und sich irgendwo in der Mitte zu treffen»!

Wie ist die Lage der anthroposophischen Bewegung in der Ukraine derzeit?

Ich habe mich einmal mit Imkerei beschäftigt, daher erinnert mich das Bild der Ukraine in den ersten Monaten und Jahren des Krieges an einen Bienenstock, aus dem jemand versucht, Honig zu stehlen: Die Bienengemeinschaft ist in Chaos gestürzt, aber sie versucht, schnell wieder Ordnung zu schaffen, die zerstörten Waben zu reparieren, die Aufgaben neu zu verteilen usw. Ähnliches geschah mit anthroposophischen Initiativen – trotz des sozialen Chaos blieben die Menschen in Kontakt und unterstützten sich gegenseitig in ihren Initiativen. Überraschenderweise fungierte die Corona-Zeit als eine Art Vorbereitung, die den Menschen beibrachte, online zu arbeiten, was während des Krieges eine große Hilfe war. Einige Initiativen stellten daher vollständig auf Onlinearbeit um, wie beispielsweise das Steiner-Pädagogik-Seminar in Kiew. Initiativen in Frontstädten wie Charkiw und Saporischschja waren ebenfalls gezwungen, vollständig auf Onlinearbeit umzustellen oder sich in privaten Wohnungen zu versammeln, wie in den ersten Jahren ihrer Gründung in den 1990er-Jahren. Die Lehrer der größten Waldorfschule der Ukraine, Sophia in Kiew, erzählten mir, dass sie fast in die Pionierzeit zurückversetzt wurden, da sie zu Beginn des Krieges die Hälfte der Lehrer und zwei Drittel der Schüler mit ihren Familien verloren hatten. In der größten Waldorf-Kindertagesstätte ist ebenfalls die Hälfte der Gruppen leer – voll ausgestattet mit allen Waldorf-Spielzeugen und -Materialien, aber ohne Menschen. Es ist wie beim Beschneiden von Bäumen oder Weinreben: Die Pflanze ist kleiner geworden, aber die Wurzeln sind stark und bereit, zu sprießen, sobald sich die Bedingungen ändern. Oder ein starker neuer Spross taucht in der Ferne auf – zum Beispiel hat sich in der westukrainischen Stadt Horodenka ein neues starkes Zentrum mit Schule, Kindergarten und neuen sozialen Initiativen entwickelt: Viele Menschen aus anderen Regionen der Ukraine sind dorthin gezogen.

Gab es Initiativen, die gezwungen waren, zu schließen?

Ja, leider, einschließlich der großen Yavir-Schule. Aber viele der Schüler wechselten zu anderen Waldorfschulen, und viele der Lehrer schlossen sich anderen Initiativen an, zum Beispiel der Traumapädagogik (Notfallpädagogik), die heute sehr relevant ist. Im Laufe der Jahre sind viele Menschen in die Ukraine zurückgekehrt, sodass praktisch alle anthroposophischen Bewegungen überlebt haben und sich unter neuen Bedingungen weiterentwickeln: Waldorfschulen und Kindergärten, heilpädagogische Klassen, biodynamische Bauernhöfe, ein medizinisches Zentrum und praktizierende Ärzte usw. Die christliche Gemeinde in Kiew und Odessa ist zu einem Zufluchtsort für Begegnungen zwischen Menschen und Initiativen geworden, wie es bei Kirchen in Kriegszeiten immer der Fall war. Und auch die Eurythmisten kamen als Gruppe zusammen und bereiteten eine schöne Aufführung für die Gründungsversammlung der nationalen Anthroposophischen Gesellschaft vor.

Welche Aufgaben stehen für die Anthroposophische Gesellschaft in der Ukraine an?

Seit Beginn der russischen Aggression haben wir landesweite Treffen in verschiedenen Städten abgehalten. Heute besteht die wichtigste Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft darin, die anthroposophische Arbeit in verschiedenen Städten zu beleuchten, um schließlich Informationen über alle Initiativen, Veranstaltungen und möglichen Bedürfnisse zu sammeln. Eine weitere Aufgabe besteht darin, die Übersetzungen von Steiners Werken ins Ukrainische zu verfolgen. Dazu gehört auch die Schaffung neuer Begriffe und Konzepte usw. Anthroposophie in ukrainischer Gestalt wird ganz anders empfunden als auf Russisch.

Welche anthroposophischen Themen siehst du als vorrangig?

Als der Krieg ausbrach, begannen mehrere Gruppen, sich mit ‹Die Mission der einzelnen Völker› (GA 121) zu beschäftigen. Es gibt ein weiteres Thema, mit dem wir uns zunehmend beschäftigen – die Dreigliederung der Gesellschaft. Dies ist in einer Zeit sozialer Umbrüche verständlich.

Siehst du deine Arbeit in einem ostslawischen Land verbunden mit Rudolf Steiners Bild einer zukünftigen ‹russischen oder slawischen Kulturepoche›?

Ich möchte nicht in solchen Bahnen denken. Die Welt befindet sich im Wandel, lassen wir die Prophezeiungen als offene Fragen. Denn es ist eine Aufgabe der gesamten Anthroposophie, unabhängig von der Nationalität, die kommende Epoche vorzubereiten.

Wir möchten nur bescheiden überleben, Teil der europäischen Familie werden und weiterhin auf unserem Boden als gleichberechtigtes Volk unter Gleichberechtigten mit Geisteswissenschaft arbeiten. Mit dieser Hoffnung blicken wir in die Zukunft, dann werden wir sehen, was kommt.


Auf die Frage, ob er mit Traumata zu kämpfen habe, antwortet Serhii:

Diese Frage ist für mich persönlich nicht einfach zu beantworten, da ich in meiner Seele nichts so Starkes bemerkt habe, dass man es als Trauma bezeichnen könnte, sondern lediglich tiefe seelische Erlebnisse. Vielleicht liegt es an der anthroposophischen Ausbildung. Was ich zu dieser Frage sagen kann: Wenn es um seelische statt um körperliche Traumata geht, ist es nicht so leicht, sie zu erkennen – vielleicht nur, wenn sie sich in äußeren körperlichen oder physiologischen Anzeichen manifestieren. Zum Beispiel war ich in den ersten beiden Nächten nach Ausbruch des großen Krieges so aufgewühlt, dass ich zwei Nächte kein Auge zugetan habe. Erst am dritten Tag, nachdem ich die Reihe der Armee erreicht hatte, meine Uniform und mein Gewehr erhalten hatte, fiel ich in der Kaserne unter meinen neuen Kameraden in tiefen, friedlichen Schlaf. Es scheint, als sei das Akzeptieren des eigenen Schicksals, gestützt durch Tat, eine Form der Heilung.

Heute bin ich nicht der Einzige mit dem seltsamen Gefühl, dass im fünften Kriegsjahr das, was von der Ukraine in die Welt hinaus immer lauter zu hören ist, nicht mehr der Schmerzensschrei eines traumatisierten Opfers ist, sondern eine Zuversicht, die Kraft daraus schöpft, das eigene Schicksal zu akzeptieren und in ihm zu handeln.

Fußnoten

  1. Gekürzte Fassung des Interviews von Frode Barkved in der norwegischen Zeitschrift für Anthroposophie LIBRA 1-26.
  2. Kopyl bezieht sich auf Sergey Nikolayevich Lazarev, einen russischen Psychologen, Philosophen und Autor, und dessen Buchreihe Diagnostics of Karma.
  3. Der Autor Thomas Mayer ist nicht zu verwechseln mit dem Herausgeber der Zeitschrift ‹Der Europäer›, Thomas Meyer.

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