Das vorliegende Büchlein vermittelt die Themen der Arbeit der Pädagogischen Sektion am Goetheanum. Die gesammelten Artikel fokussieren sich auf die Frage: Was können die Erkenntnisse einer anthroposophischen Menschenkunde dazu beitragen, den individuell werdenden Menschen in seiner Entwicklung zu ‹sehen› und zu unterstützen? Die Beiträge entstanden bei Veranstaltungen wie der ‹World Teacher’s Conference›.
Constanza Kaliks (Goetheanum) thematisiert das Schwingen der Aufmerksamkeit zwischen Lehrendem und Lernendem. Man könnte es als eine Lern- und Erkenntnisgemeinschaft en miniature in der Aneignung der Welt, ohne sich ihrer zu ‹bemächtigen›, bezeichnen. Ihre ‹Lernmotivation› speist sich aus der Liebe und Sehnsucht, sich mit Mensch und Welt verbinden zu wollen, sowie aus der Bereitschaft, offen für Entwicklung zu sein.
Josep Maria Esquirol (Barcelona) widmet sich der Frage, wie das bedrohte Humanum an seinen ‹Orten› sinngebend zu schützen und zu entwickeln sei. Die in uns angelegte Resonanzfähigkeit wird in treffenden Bildern gedanklich entwickelt, zum Beispiel anhand der Stimmbänder als gefaltetes Fühlen, der Haut und des Herzens als Organe der Berührbarkeit, Empfindsamkeit, Offenheit und Verletzlichkeit. Ziel jeglicher Erziehung ist, so Esquirol, der Gleichgültigkeit entgegenzuarbeiten.
Ein interkultureller Dialog, so João Maria André (Portugal), kann sich nur in der Anerkennung und Bestärkung der Besonderheit jeder Kultur entwickeln – alles andere wäre transkulturelles Wunschdenken. Es geht um Sorge, Resonanz, Gastfreundschaft und Gerechtigkeit. Doch wie befähigt sich das Individuum dazu? Durch Bewusstwerdung der Ausgrenzungsmechanismen und ihrer – zu respektierenden – identitätsstiftenden Konstruktionen, durch eine emanzipatorische, nicht diskriminierende und historisch-kritische Reflexion auf der Basis universeller Menschenrechte und durch Integration der Künste.
Thomas Fuchs (Heidelberg) führt aus, dass wir ohne den Körper in Aktion nichts lernen, und setzt sich damit vom an der Informationsverarbeitung von Computern entlehnten Lernbegriff ab. Heute werden Bewusstsein und Subjektivität im ganzen Organismus und in seinen Interaktionen (Zwischenleiblichkeit, Interactive Cognition) mit der Umwelt (Embedded Cognition) verortet. Bewusstsein ist also nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern eine Form des gesamten Lebensvollzugs. Nur durch die Eigenbewegung kommt das Kind zur Raumerfahrung mit Folgen für die Intelligenzentwicklung. Bewegungsarme Mediennutzung führt bei Jugendlichen zur Abnahme der Konzentrationsfähigkeit sowie des Gedächtnisses und der schulischen Leistung, während sie umgekehrt bei Naturerlebnissen ansteigen.
Kathy MacFarlane (Kanada) macht auf die Bedeutung des freien Spiels aufmerksam, das für alle künstlerischen Prozesse die Quelle unserer Kreativität darstellt. Dem stellt sie die Frage nach dem Zweck der Bildung gegenüber, der auf «ein erfolgreiches, glückliches und sinnvolles Leben» abzielt. Platon folgend verbindet MacFarlane die vorgeburtlichen Intentionen mit der Aktivität des freien Spiels und der Aufgabe der Lehrperson, diese Intentionen zu entdecken und nicht ‹vollzustopfen› mit Wissen, um das Kind an die Welt anzupassen.
Michal Ben Shalom (Israel) setzt in ihren als ‹Postkarten› bezeichneten Geschichten aus dem Schulleben ein Motto: Raus in die Natur! Wir sind gleichzeitig zeitlich und ewig, leiblich und geistig, und müssen uns deshalb erst in unsere irdische Daseinsform hineinarbeiten, uns mit der Erde verbinden. Die ‹Postkarten› schildern Draußenerlebnisse, die die Kinder in Freude mit der Erde verbinden, sei es in Form der Begegnung mit einem Chamäleon, einer Quelle, in der sie baden, einer Kunstsession mit Lehm in der Wüste, einer Joggingrunde, bevor der Unterricht beginnt, oder einer Trekkingtour, die belastende Verhaltensschichten von den Jugendlichen abblättern lässt.
Michael Zech (Alanus-Hochschule) schreibt über Geschichte. Historische Ereignisse werden so zu Samensetzungen, deren Früchte erst viel später sichtbar werden und zum Tragen kommen, wenn das Momentum gekommen ist – das veranschaulicht Zech am Fall der Mauer 1989. Für den Übergang von der Kindheit zur Jugend, der Emanzipation von den erziehenden ‹Hüllen› zu einer eigenständigen Ich-Welt-Beziehung müssen Lehrpersonen für die Schülerinnen und Schüler Zugänge anbieten, die über Reflexion kollektiver und eigener Narrative zur Urteilsfähigkeit führen, sodass sie im Hier und Jetzt ankommen.
So klein das Büchlein ist, enthält es anregende und gehaltvolle Beiträge. Man hätte sich in seinem Selbstanspruch, ‹Perspektiven zur pädagogischen Praxis› zu bieten, weniger Theorielastigkeit gewünscht. Die wenigen konkreten, lebendig beschriebenen Schilderungen aus der Praxis werden die Praktizierenden ansprechen, der weitaus größere Teil eher Akademikerinnen und Akademiker. Matthias Maurer
Buch Constanza Kaliks/Philipp Reubke (Hrsg.): Lernen, in der Welt zu sein. Perspektiven zur pädagogischen Praxis. Kart., 199 S., € 19.80, Edition Freie Hochschule, Verlag am Goetheanum, Dornach 2025


