Ein Stück Bühnengeschichte

Angelika Feind-Laurents hat ein Buch zu Michael Blume herausgebracht und damit ein Stück Geschichte der Goetheanum-Bühne in den Blick genommen.


Durch die Persönlichkeit von Michael Blume erlebt man eine Zeit, die erfüllt und überleuchtet war von den neuen, vielversprechenden Anfängen anthroposophischer Bühnenkunst, der Eurythmie und Sprachgestaltung. Beide Künste wurden durch Marie Steiner in der Zeit von 1914 bis 1948 für die Bühne entwickelt. Als sie im Dezember 1948 starb, war Michael Blume gerade 20 Jahre alt und auf dem Weg, Eurythmist zu werden. Er gehörte zu den Pionieren einer Nachfolgegeneration, die in der Morgen- und Abendröte dieses neuen Kunstimpulses standen und Zeit ihres Lebens davon erfüllt blieben. Er schreibt 1995: «Man sagt, alle Entwicklung verläuft in Wellen, wir hatten das Glück, einen Wellenberg zu erleben, wenn wir es oft auch nicht wahrhaben wollten. Hoffen wir auf einen nächsten Aufstieg. Wenn wir der gegenwärtigen Jugend ein geistgemäßes Lebensziel weisen können, sind auch von ihr Wunder zu erwarten.» Michael Blume lässt in seiner Erzählung, die nicht streng chronologisch, sondern in kleinen Sprüngen verläuft, die Lesenden an seinem Leben und seinen Erlebnissen teilhaben. Manche Schauspielkolleginnen und -kollegen kommen zu Wort und unterbrechen jeweils den Erzählstrom Michael Blumes. Der größtenteils autobiografische Textteil ist mit 40 Bildern illustriert, dazu kommen Berichte von Freundinnen und Kollegen. Taucht man als Lesende in den Erzählstrom ein, ergibt sich bald eine Stimmung der Leichtigkeit und Heiterkeit. Man bemerkt die Freude des Autors am Formulieren und Fabulieren, seine Art von Humor, welcher auch Ernstes und Betroffenes erzählbar macht, mit dem Abstand des Vergänglichen. Sein Erzählstil wie auch sein Briefstil sind beschreibend, schildernd – ohne schmerzhafte Berührungen weist er auf Verborgenes und Unbequemes hin, das doch ans Licht, ins Bewusstsein gehoben werden sollte.

Von Beginn an durch seine Eltern in der anthroposophischen Bewegung lebend, gab es für Michael Blume kein Ausscheren aus diesem Strom. Sein Schicksal sprach eine deutliche Sprache, die Wegzeichen wiesen ihn schon früh zur Dichtung. Waldorfschule Stuttgart, dann Eurythmie in Köngen, wo, wie er schreibt, Else Klink ihn bereits erwartete, und danach zur Sprachgestaltung nach Dornach. Gemeinsam mit Wilfried Hammacher und Jörg von Kralik waren die drei als Nachwuchs für die Bühne am Goetheanum hochwillkommen. Wir erfahren von seinen Erlebnissen als 17-Jähriger während des Krieges, seinen ersten Theatererlebnissen gegen Ende der Schulzeit in Stuttgart, seiner Zeit als Bühnenhelfer am Goetheanum, seinem Debüt als Bühneneurythmist und endlich seiner ersten großen Rolle als Don Cesar in ‹Die Braut von Messina›. Eine Flut heute fast vergessener Namen durchzieht die Erzählungen und lässt in Lesenden, die diesen Persönlichkeiten zum Teil noch begegnet sind, Wehmut aufsteigen. Es war eine Zeit voll künstlerisch produktiven Lebens und Schaffens in Dornach.

Ein künstlerischer Höhepunkt im Schaffen Michael Blumes war die Neuinszenierung des ‹Faust›-Zyklus 1978. Mit geistiger Einsicht in die Fülle des von Rudolf und Marie Steiner hinterlassenen ‹Materials› versuchte er aus der Kunst der Sprache heraus, dem Goethe-Gedicht ein neues Kleid zu geben. Das Ergebnis waren 36 ausverkaufte ‹Faust›-Vorstellungen, ungekürzt. Michael Blume würdigte auch die wunderbare Arbeit von Walter Roggenkamp als Bühnenmaler und Regie-Mitarbeitendem. Der Bericht von Joachim Werner, dem Technischen Leiter der Goetheanum-Bühne, ist einzigartig und eine der Perlen in diesem Buch: «Michael und ich waren eins», sagte er. Seine umfassende Tätigkeit führte Blume auch nach Mannheim, Stuttgart, Witten-Annen und in die ehemalige DDR. Ein Kapitel befasst sich mit seinen Arbeiten zur Architektur des Ersten und Zweiten Goetheanum, in denen er den Hinweisen von Rudolf Steiner nachging und eindrücklich beschrieb, «wie sich ein geistiges Prinzip der Goetheanum-Bauten im geometrischen Bereich auswirkt». Anlass hierzu waren die Saal-Ausbauten 1956 und 1994. Seine Sorge war, dass die geleisteten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten nicht genügend berücksichtigt werden würden: «[…] im Goetheanum hat – unüberhörbar und unübersehbar – die Angst mitgebaut». Er verfasste Vorschläge für den Vorstand, ohne dass davon etwas umgesetzt worden wäre.

Nach dem Jahr 2000 änderte sich das gesamte Kunstschaffen der Goetheanum-Bühne; es entfernte sich weit von den Anfangsimpulsen. In Briefen und Gesprächen wies Blume darauf hin, mahnte die Sorge um den Nachwuchs und um die spezifische Ausbildungsarbeit an.

Für welche Leserschaft ist dieses Buch also? Natürlich für alle, welche innerhalb dieser Zeitspanne gelebt und mit-erlebt haben, aber auch für alle, welche diese Zeit durch eine ihrer lebendigsten Persönlichkeiten nacherleben wollen, und letztlich für alle, die sich berühren lassen wollen von dem vergangenen Hauch einer neuen Kunst aus der Anthroposophie heraus, die es gilt, in der Zukunft wiederzuerwecken.


Buch Angelika Feind-Laurents (Hrsg.): Michael Blume – Ein Stück Goetheanum-Bühnengeschichte. Verlag am Goetheanum, Dornach 2026

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