Gedanken und Leserreaktion zum Interview ‹Alles, was mir gehört, trage ich mit mir› von Frode Barkved mit Serhii Kopyl, ‹Goetheanum› 18 vom 1. Mai 2026. Winston Churchill schreibt, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit sei, die Sprache. Tatsächlich lässt Gewalt verstummen und sie polarisiert. Wir freuen uns deshalb, wenn wir hier über diesen furchtbarsten Krieg nach 1945 in Europa ins Gespräch kommen.
Renatus Derbidge
Fragen, denen wir nicht mehr ausweichen können
Dieser Artikel gehört für mich zu dem Besten, was ich seit langer Zeit im Goetheanum gelesen habe. Nicht deshalb, weil ich allen Aussagen zustimmen würde. Im Gegenteil. Beim Lesen zuckte ich innerlich immer wieder zusammen. Mehrfach hatte ich den Eindruck, dass Aussagen getroffen werden, die wie selbstverständliche anthroposophische Wahrheiten formuliert werden, obwohl sie aus meiner Sicht keineswegs selbstverständlich sind. Vieles scheint mir interpretationsbedürftig, manches problematisch, anderes wiederum tief anregend. Denn hier geschieht etwas, das im heutigen öffentlichen Diskurs selten geworden ist: Ein Mensch spricht ehrlich aus seiner unmittelbaren Erfahrung heraus. Die Redaktion widersteht dabei weitgehend der Versuchung, permanent kommentierend einzugreifen, alles einzuordnen, abzuwägen oder vorsorglich zu relativieren. Gerade dadurch entsteht Denkraum. Vielleicht ist genau das guter Journalismus: nicht das vorsorgliche Neutralisieren aller Spannung, sondern das Ermöglichen wirklicher Gedanken.
Ich möchte deshalb im Folgenden keine politische Gegenrede formulieren und keine moralische Verurteilung. Es geht mir auch nicht darum, zu entscheiden, ob Serhii Kopyl Anthroposophie richtig oder falsch versteht. Der eigentliche Punkt liegt tiefer. Denn an diesem konkreten Beispiel treten Fragen hervor, die weit über diesen Krieg hinausweisen und uns alle betreffen. An einer Stelle fragt sich Serhii Kopyl: «Was, wenn du stirbst?» Und er beschreibt, wie aus den Tiefen seiner Seele die Antwort aufstieg: «Dann bin ich bereit, mein Leben für die Freiheit der Ukraine zu opfern.» Hier verdichten sich unmittelbar mehrere Grundfragen. Was bedeutet ‹Opfer›? Was bedeutet ‹Freiheit›? Was bedeutet es überhaupt, sein Leben ‹für› etwas hinzugeben? Und weiter: Was genau ist dieses ‹Etwas›? Ein Land? Eine Kultur? Eine Sprache? Eine Nation? Ein Staat? Eine Idee? Eine Identität? Der Krieg zwingt solche Fragen in eine existenzielle Zuspitzung. Dort werden Dinge ausgesprochen und erlebt, die im gewöhnlichen Leben meist verborgen bleiben. Die Erfahrungen, die hier geschildert werden, sind real. Die Intensität ist real. Die Todesnähe ist real. Aber gerade deshalb müssen wir sorgfältig fragen, wie wir diese Erfahrungen deuten.
Immer wieder erscheint im Gespräch die Vorstellung, dass im Krieg der Mensch ‹echt› werde. Dass dort innere Kämpfe stattfinden. Dass Kameradschaft, Solidarität und Brüderlichkeit entstehen. Dass Menschen über sich hinauswachsen. Teilweise wird dies ausdrücklich in Verbindung mit Anthroposophie und michaelischem Kampf gebracht. Hier beginnt für mich eine schwierige Zone. Denn extreme Situationen können außergewöhnliche Bewusstseinszustände hervorrufen: Zeitdehnung, intensive Gegenwärtigkeit, Entschlossenheit, die Bereitschaft loszulassen, das Gefühl, geführt zu werden, innere Stimmen, Solidarität, Selbstüberschreitung. All dies sind reale menschliche Erfahrungen. Aber folgt daraus bereits, dass Krieg geistig fruchtbar sei? Oder gar ein Schulungsweg? Hier scheint mir eine Entmythologisierung notwendig. Nicht um die Erfahrung zu entwerten, sondern um ihre Deutung offenzuhalten. Denn ähnliche Erfahrungen existieren auch außerhalb organisierter Gewalt: in Extremsituationen der Natur, in künstlerischer Arbeit, in Meditation, in Wahrnehmungsübungen, im Flow, im selbstlosen Handeln, in Grenzerfahrungen des Lebens überhaupt. Vielleicht liegt das Problem darin, dass aus der Intensität einer Erfahrung vorschnell auf ihre geistige Wahrheit geschlossen wird.
Doch Intensität allein ist noch kein Wahrheitskriterium. Das 20. Jahrhundert kennt zahllose Formen kollektiver Ergriffenheit: Nationalismus, revolutionäre Euphorie, religiösen Fanatismus, Massenbewegungen, Fahnen, Hymnen, Kampfgemeinschaften. Auch dort erlebten Menschen Hingabe, Brüderlichkeit und Sinn. Gerade deshalb wird es gefährlich, wenn Kriegserfahrungen spirituell aufgeladen werden. Besonders auffällig ist für mich die starke Identifikation mit dem Nationalen: «mein Land», «die Freiheit der Ukraine», das Verteidigen der Nation, Fahnen, Nationalhymnen, Kameradschaft. Ich merke offen gesagt, wie stark sich in mir dagegen Widerstand regt. Interessanter als dieser Widerstand ist jedoch die Frage: Was geschieht eigentlich seelisch in solchen Identifikationen? Sobald ein ‹Wir› erscheint, mit dem ich mich identifiziere und aus dem heraus ich mein Handeln rechtfertige, wird die Frage nach der Freiheit schwierig.
Denn dann handle ich womöglich gar nicht mehr aus dem Ich heraus, sondern aus einer Identifikation. Natürlich kann man sofort einwenden: Aber ein freier Mensch kann sich doch aus freien Stücken einem Wir anschließen. Ja – aber genau das müsste genauer untersucht werden. Woran erkenne ich eigentlich, ob ich wirklich frei handle? Hier scheinen mir die Begriffe der Projektion und der Identifikation hilfreich zu sein, wie sie etwa in der Tiefenpsychologie bei C. G. Jung erscheinen. Das Ego – oder anthroposophisch gesprochen das niedere Ich – stabilisiert sich über Identifikationen. «Ich bin Ukrainer.» «Ich bin Russe.» «Ich bin Deutscher.» «Ich bin Europäer.» «Ich bin Anthroposoph.» All dies können biografische oder kulturelle Tatsachen sein. Aber sie können auch zu Selbstbildern werden. Und sobald das Selbstbild bedroht wird, entsteht Kampf.
Das eigentliche Ich hingegen braucht solche Identifikationen nicht in derselben Weise. Das bedeutet nicht, dass Kultur, Sprache oder Geschichte unwichtig wären. Im Gegenteil. Wir leben immer in konkreten Sprachen, Landschaften, Erinnerungsräumen und kulturellen Zusammenhängen. Aber die moralische Quelle des Handelns liegt nicht notwendigerweise dort. Der Freiheitsbegriff Rudolf Steiners scheint mir gerade darin radikal zu sein, dass moralische Handlungen nur aus dem freien Ich hervorgehen können. Und dieses freie Ich ist nicht identisch mit Nationalität. Nicht identisch mit Sprache. Nicht identisch mit Kultur. Nicht identisch mit politischen Gruppierungen. Nicht einmal identisch mit dem eigenen Leib. Sobald ich mich primär über Äußerlichkeiten identifiziere – selbst über so intime Dinge wie Stimme, Gesundheit, Herkunft oder kulturelle Zugehörigkeit –, gerate ich in Gefahr, mein eigentliches Zentrum zu verlieren. Dann handle ich nicht mehr wirklich frei. Auch dann nicht, wenn ich subjektiv vollkommen überzeugt bin, aus freien Stücken zu handeln.
Gerade hierin liegt vielleicht die Schwierigkeit: Identifikation fühlt sich oft wie Freiheit an. Und dennoch können durch sie fremde Interessen, kollektive Dynamiken, historische Kräfte oder politische Strukturen durch uns hindurchwirken, ohne dass wir dies bemerken. Der moderne Nationalstaat ist dabei keine natürliche Einheit. Er ist zunächst eine Verwaltungs- und Rechtsstruktur. Er ist nicht identisch mit einem Volk. Nicht identisch mit einer Sprache. Nicht identisch mit einem Kulturraum. Gerade in der Ukraine wird sichtbar, wie komplex diese Wirklichkeiten ineinandergreifen: russische Kultur, ukrainische Kultur, russischsprachige Ukrainer, gemischte Familiengeschichten, mehrfache Zugehörigkeiten. Die politischen Grenzen decken sich nicht sauber mit kulturellen Wirklichkeiten. Und doch wird im Krieg all dies emotional ineinandergeschoben, bis es wie eine einzige Einheit erscheint. Vielleicht zeigt sich gerade hier eine der großen Bewusstseinsfragen unserer Zeit: dass wir Kultur, Staat, Volk, Sprache und Identität ständig miteinander verwechseln.
Dasselbe Problem begegnet uns auch in Europa. Über Jahrzehnte wurde uns eingeprägt, Europa mit der Europäischen Union gleichzusetzen. Doch Europa ist nicht identisch mit der EU. Europa ist Kulturraum, Geschichte, Sprachenvielfalt, geistige Entwicklung, Landschaft, Erinnerung. Die EU hingegen ist primär ein politisch-wirtschaftlicher Verwaltungszusammenhang. Wer die EU kritisiert, ist deshalb nicht automatisch antieuropäisch. Und wer ihr beitritt, nicht automatisch ‹mehr Europäer›. Auch hier verwechseln wir kulturelle Zugehörigkeit mit politischer Struktur.
Interessanterweise hörte ich am selben Tag auf BBC Radio 4 ein Gespräch mit dem Bildhauer Antony Gormley, später ergänzt durch Ed Behrens vom Kunstmagazin ‹Apollo› im Zusammenhang mit der Biennale in Venedig. Dort trat dieselbe Frage auf einer ganz anderen Ebene hervor. Die Biennale steckt derzeit in einer Krise nationaler Repräsentation: Boykotte, Rücktritte, politische Ausschlüsse, die Frage nach Israel, Russland und anderen Staaten. Und plötzlich stellt sich die grundlegende Frage: Warum gibt es überhaupt noch nationale Pavillons? Die moderne Kunst ist längst transnational geworden. Biografien, Einflüsse, kulturelle Identitäten überschreiten nationale Grenzen ständig. Gerade deshalb wirkt das Modell nationaler Kunstrepräsentation zunehmend künstlich. Und doch zeigt die Krise zugleich: Das Nationale ist keineswegs überwunden. Es lebt psychisch weiter. Vielleicht gerade deshalb, weil Menschen nach Zugehörigkeit suchen. Hier scheint mir auch eine erneute Lektüre Rudolf Steiners notwendig. Nicht im Sinne eines Verteidigens der Anthroposophie als Weltanschauung oder Gruppenidentität. Auch das wären wiederum Identifikationen. Sondern als Versuch, den Freiheitsbegriff radikal ernst zu nehmen.
Vielleicht werden wir durch die gegenwärtigen Krisen gerade dazu gezwungen, genauer hinzuschauen: Was bedeutet es eigentlich, aus dem Ich heraus zu handeln? Und woran erkennen wir, wann wir aus Freiheit handeln – und wann aus Identifikation? Dies scheint mir keine nebensächliche Frage zu sein. Wenn Anthroposophie heute noch irgendeine Relevanz für das politische oder kulturelle Leben haben soll, dann vielleicht gerade darin: Dass sie hilft, jene feinen Übergänge wahrzunehmen, an denen das freie moralische Handeln in kollektive Identifikationen hinübergleitet. Nicht um Menschen zu verurteilen. Nicht um sich moralisch über andere zu erheben. Nicht um zu entscheiden, wer «wirklich anthroposophisch» ist und wer nicht. Sondern um gemeinsam klarer zu werden. Vielleicht beginnt Friedensarbeit überhaupt erst dort, wo wir die Wurzeln von Krieg, Feindbildung und Identifikation nicht nur bei den anderen suchen, sondern in uns selbst. In diesem Sinne bin ich Frode Barkved, Serhii Kopyl und der Redaktion dankbar für diesen mutigen Text. Nicht weil er Antworten liefert. Sondern weil er Fragen sichtbar macht, denen wir als Zeitgenossen nicht mehr ausweichen können.
Eduard Willareth
Russland als allein Schuldiger?
Das Titelbild dieser Ausgabe ist aussagekräftig. Die Statue des heiligen Wladimir eingehüllt zum Schutz vor russischen Bomben. Nein, die russische Sprache in der Ostukraine wurde nicht verboten. Niemand, der sie sprach, wurde diskriminiert. Und die von den Ukrainern vor 2014 getöteten Brüder und Schwestern, ca. 14 000 Menschen, gab es demnach wohl auch nicht? Die Krimbewohner und -bewohnerinnen wollten, trotz eindeutigem Abstimmungsresultat, dennoch zur Ukraine? Ein Wort hätte genügt, um all diesen Hass nicht entstehen zu lassen: Neutralität. Nun ist dieser Hass überall wahrnehmbar – und er hat eben eine slawische Dimension, das heißt, einer muss sterben. Russland wird Aggression vorgeworfen. Die RAND-Corporation hat soeben eine Untersuchung hervorgebracht, dass Russland per se kein Aggressor ist. Das Land will Sicherheit, es hat keine geografischen Grenzen, weder Flüsse noch Berge, es ist ein offenes Land. Umso wichtiger sind Vereinbarungen, an die man sich heute nur gebunden fühlt, wenn sie dem eigenen Interesse dienen. Das heißt, Russland ist unsicher und baut sich wirksame Waffen, was vom Westen als Provokation und Aggression wahrgenommen wird. Das Land ist in der Vergangenheit immer wieder überrannt und vernichtet worden. Napoleon, Herrscher der westlichen, hochzivilisierten und gebildeten Elite Europas, machte aus der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kreml, wo das berühmte Mariabild von Wladimir ist, einen Pferdestall. Das westliche, hochgebildete Volk der Dichter und Denker schlachtete im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen ab, im Ersten waren es nicht so viel! Das hinterlässt Spuren im kollektiven Gedächtnis! Dennoch schiebt die NATO ihre Grenzen immer näher an das Land – trotz Handschlag, dass das nie geschehen werde. Das war damals Bedingung für die Wiedervereinigung Deutschlands. Missachtet und ins Lächerliche gezogen, da nicht schriftlich – was für eine Schande bis in die Gegenwart. Und heute? Russland als allein Schuldiger? Die EU möchte Russland von Europa abtrennen. Damit treibt man es in die asiatische Hemisphäre, das ist nicht Russlands Heimat. Mit China hat das Land eine Zweckfreundschaft, die durch den Hass der EU zementiert wird. Europa (nicht die EU, das ist ein Zwangsgebilde) kann seine kulturelle und wirtschaftliche Größe nur zusammen mit Russland entfalten. Die angelsächsischen Mächte verhindern das erfolgreich seit Jahrhunderten bis zum heutigen Tag.
Das nimmt deshalb ein Ende, weil die Nationalstaaten allmählich durch supranationale Organisationen aufgelöst werden. Diesen ist die Demokratie seit jeher ein Dorn im Auge. Denn sie wollen die totale Kontrolle über den ganzen Planeten, um tun und lassen zu können, was ihnen gefällt. Sie machen sich ihre eigenen Gesetze, vor allem dieses, dass man nur tun soll, was ihnen nützt! Durch die Entwicklung von KI, Tokenisierung der Natur, Transhumanismus und anderem mehr schreiten sie schnell voran. Der Schwanengesang Europas dauert seit Jahren und findet in der Ukraine ihren finalen Abgesang. Die Schwarzerde und die gewaltigen Rohstoffvorkommen gehören schon jetzt amerikanischen Großkonzernen. Davon sprechen unsere Politiker nicht – denn sie wollen nicht, dass wir ihre privaten Geschäfte stören.
Verlöre Russland diesen Krieg, zerfiele das Reich in seine Einzelgebiete. Der nächste Krieg des imperialen Westens wäre gegen China. Daraus folgt: Russland darf diesen Krieg nicht verlieren – die Ukraine muss eine diplomatische Lösung finden, was schon längst hätte geschehen können. Großbritannien verhinderte dies. Man will den Konflikt auch nutzen, um neue, autonome Waffensysteme zu entwickeln und zu testen, welche später (das heißt in wenigen Jahren oder gar nur Monaten) auch in der Zivilgesellschaft ihren Dienst tun werden. Millionen von toten und verstümmelten jungen Menschen nimmt man dafür in Kauf. Das ist die wahre Tragödie, die in diesem slawischen Gebiet abgeht, und ja – dieser schreckliche Krieg betrifft uns alle, vor allem auch unsere Zukunft!
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