Früher sah ich nicht das wahre Bild der Erde. Die Erde hat die Haltung einer Frau mit einem Kind in den Armen (mit ihren Geschöpfen in ihren breiten Armen).
Ich lerne den mütterlichen Sinn der Dinge kennen. Die Bergkette, die mich anblickt, ist auch eine Mutter, und abends spielt der feine Nebel wie ein Kind auf ihren Schultern und Knien.
Ich erinnere mich jetzt an eine Schlucht im Tale. Durch ihr tiefes Bett lief singend ein Wildbach, den das Gebüsch noch vor den Blicken verbarg. Nun bin ich wie die Schlucht; ich spüre in meiner Tiefe dieses Bächlein singen, und mein Fleisch dient ihm als Gebüsch, bis es zum Lichte aufsteigt.
Gabriela Mistral
Aus: Gedichte der Mütter. In: Gabriela Mistral, Spürst du meine Zärtlichkeit? Zürich 1981, S. 18 f.
In der Tiefe, in der Schwere unmerklich Halt zu geben, ist eine mütterliche Qualität, die dem Nebel, dem Wind, dem Wasser die Möglichkeit schenkt, spielerisch aufzustreben: Rasch als eine Selbstverständlichkeit abgetan, wird die Mütterlichkeit der Erde nicht erkannt.
Kommentar Johanna Lamprecht
Zeichnung Philipp Tok


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