Schon der erste Zug hat Verspätung, und ich warte an einem heißen Freitag im Juni an einem überfüllten Gleis in Deutschland. So viele Soldaten! Das habe ich lange nicht mehr gesehen. Auch Soldatinnen. Sie stehen allein und sprechen mit niemandem. Sie schauen ernst. Sie sind jung. Gesichter, die ein Leben vor sich haben. Das letzte Mal habe ich in meiner Kindheit eine so hohe Militärpräsenz erlebt. Düsenjäger, die durch den Sommerhimmel dröhnten, Panzer auf den wenig befahrenen Autobahnen der DDR in den 1980ern, das ‹Lied gegen die Neutronenbombe› im Musikunterricht. Im Zug bekomme ich keinen Platz mehr und lande im Zwischenraum, der nicht klimatisiert ist. Mit zwei Soldatinnen sitze ich auf der Erde zwischen Koffern und Rucksäcken. Als die Hitze fast unerträglich wird, sagt die eine: «Es ist schließlich mein Beruf, das auszuhalten.» Bilder von Kriegsfilmen tauchen auf. Mein Gehirn realisiert irritiert, dass diese beiden jungen Frauen wirklich in einem Schützengraben landen könnten. Ich antworte ihr: «Meiner auch!»
Vier Stunden Verspätung, stehen, schwitzen, vermüllte Gänge, Schlangen von Menschen für kostenloses Wasser im Bordbistro. Es scheint, wir haben unsere Komfortzone verlassen. Und überall Camouflage-Gestalten auf dem Boden. Ihre Präsenz mutet bedrückend an. Und zugleich wirkt es so verletzlich, wie sie da kauern, in sich gekehrt. Ich weiß nicht, ob sich da etwas zusammenbraut, aber ich will nicht, dass diese jungen Menschen erleben müssen, was mein Großvater und alle Soldaten erlebt haben und nie darüber sprechen konnten. Was ich in diesem Ausnahmezustand im überhitzten Zug tun kann, ist, ruhig, freundlich und in der menschlichen Begegnung zu bleiben. Und ehrlich gesagt tun das ziemlich viele Menschen in dieser ‹Postkomfortzone›.
Foto Mihail Cioinica
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