Ein Instrument für den Ton selbst

Die Leier, Lyra oder Kithara ist eines der ältesten bekannten Saiteninstrumente. Ihre Geschichte reicht 5000 Jahre nach Mesopotamien zurück. 1926 entwickelte der Instrumentenbauer Lothar Gärtner in Kooperation mit dem Musiker Edmund Pracht eine neue Form des Instruments, sodass es jetzt seinen 100. Geburtstag feiert. Wolfgang Held im Gespräch mit den drei musikalisch und therapeutisch Tätigen Viola Heckel, Susann Temperli und Christian Giersch.


Viele verbinden die Leier mit den Troubadours, der Antike oder dem schubertschen ‹Leiermann›. Was ist dieses Instrument?

Christian Giersch Genau das ist ein Missverständnis. Die Leier ist kein Wiederaufleben der Antike. Sie entstand im 20. Jahrhundert aus der Suche nach einem Instrument, das Menschen unmittelbarer an den Ton heranführt. Edmund Pracht, Komponist und Pianist, und der Bildhauer Lothar Gärtner entwickelten sie in Arlesheim. Ausgangspunkt war die Frage Rudolf Steiners nach einem Instrument für die Toneurythmie – er suchte ein Klavier ohne Mechanik.

Susann Temperli Er sagte, die Toneurythmie brauche ein Instrument, das die Qualitäten des Klaviers besitzt, aber ohne dessen mechanische Vermittlung des Tons. Daraus entstand die Leier. Ita Wegman erkannte früh ihr Potenzial und führte sie in vielen heilpädagogischen Einrichtungen ein.

Viola Heckel Deshalb wird die Leier oft vor allem mit Heilpädagogik verbunden. Ihr Ursprung ist aber künstlerisch. Gleichzeitig ergaben sich durch die Arbeit mit der Leier wichtige Grundlagen für die anthroposophische Musiktherapie. Dort ist sie ein zentrales Instrument geworden.

Ist die griechische Lyra ihr Vorläufer?

Giersch Die Leier ist eher mit Klavier, Zither oder Hackbrett verwandt als mit der antiken Lyra. Sie besitzt eine chromatische Besaitung mit Stahlsaiten, aber keine Mechanik. Ein entscheidender Formimpuls von Lothar Gärtner, der die erste Leier entwickelte, war die Asymmetrie. Die antike Lyra ist symmetrisch, die Leier nicht. Sie hat vielmehr die Form eines Flügels.

Gibt es verschiedene Typen?

Giersch Ja. Von Diskant- bis Bassinstrumenten, von geschlossenen Resonanzkörpern bis zu offenen Formen. Auch die verwendeten Hölzer prägen den Charakter stark.

Temperli Im Lauf der Jahrzehnte entstanden viele Varianten: Choroileiern, Bordunleiern und Kinderharfen. Jede Entwicklung brachte neue Möglichkeiten hervor, besonders für das gemeinschaftliche Musizieren.

Der Ton ist kein Material

Was unterscheidet die Leier von anderen Instrumenten?

Giersch In der klassischen Musik wird der Ton oft als Material behandelt, mit dem der Komponist, die Komponistin etwas ausdrückt. Die Leier geht einen anderen Weg. Sie fragt: Wer bist du, Ton? Was geschieht, wenn ich dir begegne? Das Instrument öffnet ein Fenster, durch das der Ton selbst sprechen kann. Für mich war das eine Schlüsselerfahrung. Als ich die Leier zum ersten Mal hörte, hatte ich das Gefühl: Hier antwortet etwas auf die Frage: Woher kommt die Musik und wo ist sie, wenn sie gerade nicht erklingt?

Temperli Das Wesentliche liegt für mich im Nachklingen. Nicht das äußere Erklingen des Tones allein ist entscheidend, sondern das, was danach geschieht. Der Ton zieht einen in die Stille hinein. Im Nachlauschen beginnt man, die eigentliche Qualität des Tons zu erleben.

Giersch Genau. Wenn der Ton erklingt, beginnt die Arbeit des Instrumentalisten eigentlich erst. Der Hörer folgt dem Ton wie einem Menschen, den er liebt und der sich langsam entfernt. Dieses Mitgehen eröffnet einen neuen inneren Raum. Die Leier schult dadurch das Hören. Wer sie spielt, hört hinterher oft auch anders Klavier, Flöte oder Gesang. Sie verändert die Art, wie wir Musik wahrnehmen.

Temperli Rudolf Steiner suchte ein Instrument, das die Lebenskräfte anspricht. Die Leier wirkt weniger auf emotionale Erlebnisbereiche als auf eine tiefere Schicht des Menschen. Deshalb spielte sie auch in der Heilpädagogik und später in der Musiktherapie eine so wichtige Rolle.

Heckel Das kann ich aus meiner therapeutischen Arbeit bestätigen. Menschen schildern oft sehr konkrete Erfahrungen: Sie fühlen, welche Kraft die feine Qualität des Leiertons entfalten kann. Sie schildern Wärme, Belebung, innere Frische oder ein stärkeres Gegenwärtigsein. Ein schwer kranker Patient sagte einmal: «Ich fühle mich durch meinen ganzen Körper durchströmt – und ich bin ganz präsent.» Gerade diese Präsenz ist für mich zentral. Die Leier kann Menschen helfen, wieder in ihre eigene Aktivität und Gegenwart zu kommen.

Bedeutet das therapeutisch auch, dass Patientinnen und Patienten selbst spielen?

Heckel Unbedingt. Zuhören und Spielen gehören zusammen. Das Besondere ist die Grundbewegung beim Leierspiel: Das Binden und Lösen. Diese Geste, die uns überall im Lebendigen begegnet, liegt dem strömenden Spiel über alle Saiten, wie dem Spiel einzelner, Melodie bildender Töne zu Grunde. Viele Menschen glauben, die Leier sage ihnen nichts. Oft liegt das daran, dass sie nur die äußere Bewegung wahrnehmen. Wenn man jedoch dieses Binden und Lösen erlebt, eröffnet sich etwas ganz anderes.

Giersch Das Instrument verlangt eine besondere Haltung. Bei einem Klavier übernimmt die Mechanik vieles. Auf der Leier bin ich für jeden Ton unmittelbar verantwortlich. Mein Körper, meine Spannung, meine Bewegungsqualität wirken in den Klang hinein. Deshalb empfinde ich die Grundgeste der Leier als Einladung. Einen Ton auf der Leier macht man nicht einfach. Man bittet ihn gewissermaßen.

Ein Schwelleninstrument

Immer wieder fällt das Wort ‹Schwelle› – warum?

Giersch Für mich ist die Leier ein Schwelleninstrument Sie bewegt sich zwischen dem hörbaren Ton und dem, was wir innerlich erleben, an dieser Grenzschicht.

Heckel Deshalb begegnet man ihr oft an biografischen Übergängen. Bei Neugeborenen, Frühchen, im Wochenbett, in der Sterbebegleitung oder in kultischen Zusammenhängen. Sie begleitet Prozesse des Ankommens und Loslassens. Das macht ihre besondere Qualität aus. Was mich besonders berührt, ist der freilassende Charakter der Leier. Sie will nichts. Sie macht ein Angebot. Jeder Mensch bleibt völlig frei, darauf einzugehen oder nicht.

Die Leier will also nichts von mir?

Heckel So sehe ich das. Sie ist einfach da. Das macht sie für mich zu einem sehr modernen Instrument. Sie lässt uns frei.

Wie kann man einen Zugang zur Leier finden?

Giersch Am besten über Menschen, die sie spielen. Es gibt Netzwerke, Kurse und Initiativen. Mit guter Anleitung kann man erstaunlich schnell erste Erfahrungen machen.

Temperli Interessanterweise boomt die Leier heute in Brasilien, China oder Russland, während in Mitteleuropa viele Instrumente ungenutzt in der Ecke stehen. Es gibt also durchaus Potenzial für eine Wiederentdeckung!

Heckel Genau darum geht es auch bei unserer Tagung: Interesse zu wecken und die Leier wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen – als künstlerisches wie auch therapeutisches Instrument und als Schulungsweg des Hörens.


100 Jahre Leier-Impuls – Internationale Festtage am Goetheanum, 29. Juli bis 2. August

Bild Von links: Susann Temperli, Viola Heckel, Christian Giersch, Foto: Wolfgang Held

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