Kriege und Geopolitik polarisieren am stärksten. Diese Polarisierung behindert Gespräche und manchmal sogar das Denken selbst. Könnte es sein, dass unser Erkenntnisprozess Krieg und Frieden bestimmt? Ein Plädoyer für den Multiperspektivismus am Beispiel des Krieges in der Ukraine.
In der westlichen öffentlichen Debatte und in den Medien hat sich eine Formulierung weitgehend etabliert: Der Krieg in der Ukraine sei ein ‹unprovozierter Angriffskrieg›. Er sei das Ergebnis des imperialistischen Willens eines russischen Führers, dem das Streben nach zaristischer Größe unterstellt wird. Wer dieser These widerspricht, steht sofort im Verdacht, ‹russische Propaganda› zu betreiben.
Diese Lesart hat den Vorteil der Einfachheit: Sie unterscheidet klar zwischen Angreifenden und Opfern, benennt einen Schuldigen und definiert eine Seite des Guten und eine Seite des Bösen. Zugleich polarisiert sie die Deutung und klammert andere, fundierte Perspektiven aus, die nicht einfach als ‹russische Propaganda› abgetan werden können – wie wir sehen werden.
Es geht hier keineswegs darum, einen Krieg zu rechtfertigen. Der vorliegende Artikel versteht sich in erster Linie als Friedensappell. Er soll aufzeigen, dass eine vereinfachende Sichtweise der Komplexität der Realität nicht gerecht wird und das Verständnis des Krieges – und damit dessen Beendigung – verhindert. An erster Stelle steht das Leid der Menschen, die den Grausamkeiten des Krieges hilflos ausgesetzt sind: Männer, Frauen, Kinder und zerrissene Familien, die in der Ukraine täglich die Hölle durchleben. Mit ihnen denken wir auch an die Opfer anderer verheerender Kriegsschauplätze, besonders im Nahen Osten.
Einseitige Schuldzuweisungen werden der Komplexität der Ursachen eines Konfliktes – das lehrt auch das Privatleben – nicht gerecht. Deshalb sind sie der sichere Weg, die Eskalation der Gewalt weiter voranzutreiben. Die Geschichte zeigt, dass vereinfachende Interpretationen von Verantwortlichkeiten – wie am Ende des Ersten Weltkriegs – katastrophale Folgen haben können. Konfliktlösung erfordert Selbstüberwindung: «Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.» Es geht hier nicht um Moralisierung, sondern um Erkenntnispraxis: «Dann wirst du klar sehen.»
Das Sicherheitsdilemma
In den internationalen Beziehungen gibt es einen klassischen theoretischen Rahmen: das ‹Sicherheitsdilemma›, das John Herz erstmals 1950 formulierte und das bis heute studiert wird. Diese Theorie entstand aus der Analyse des Ersten Weltkriegs. Stärkt Staat A seine Sicherheit, nimmt Staat B dies als Bedrohung wahr und rüstet seinerseits auf. Das wiederum bestätigt Staat A in der Einschätzung, dass Staat B eine Bedrohung darstellt. So entsteht eine Spirale, die zu einem Krieg führen kann, ohne dass eine der Parteien ihn gewollt hat. Fazit: Ein Staat muss sich nicht nur um sein Sicherheitssystem kümmern, sondern auch um die Wahrnehmung, die andere von der eigenen militärischen Ertüchtigung haben.
Nach der Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 weist Stephen Walt, Professor an der Harvard University, auf dieses Grundprinzip des Sicherheitsdilemmas hin. In ‹Foreign Policy› schreibt er: «NATO-Vertreter mögen Russlands Ängste als abwegig oder als ‹Mythen› betrachten, aber das bedeutet keineswegs, dass sie völlig absurd sind oder dass die Russen nicht wirklich daran glauben.» Und weiter: «Die Befürchtung, dass die Ukraine rasch in den westlichen Einflussbereich abrutschen würde, verstärkte die russischen Ängste und veranlasste Putin, einen illegalen, kostspieligen und nun langwierigen Präventivkrieg zu beginnen.»1
Diese Analyse zeigt, wie Verantwortlichkeiten miteinander verflochten sind. Es geht nicht darum, wer moralisch recht oder unrecht hat, sondern darum, die Sichtweise des anderen zu berücksichtigen.Dazu ruft der Realismus auf. Eine als existenziell empfundene Bedrohung – ob begründet oder nicht – führt zu potenziell gefährlichen Gegenreaktionen. Frieden entsteht nur aktiv, unter Berücksichtigung der Sichtweise, der Interessen, der Ängste und der Sorgen des Gesprächspartners.
Frühwarnungen und Taubheit
Bereits 1993, lange bevor Putin Staatschef wurde, war den USA bewusst, dass die Frage der NATO-Erweiterung für die russische Seite von entscheidender Bedeutung war. Am 15. September 1993 schrieb Boris Jelzin in einem Brief an Bill Clinton, dass «der Geist des Vertrags […] die Option einer Ausweitung des NATO-Raums nach Osten ausschließt».2 Es steht zwar nicht im Vertrag geschrieben, aber die Sorge der Russen ist schon damals spürbar. – Im darauffolgenden Monat bestätigte James Collins, Geschäftsträger in Moskau, in einem internen Telegramm an Bill Clinton, dass die NATO-Frage «für die Russen ein sensibler Punkt» sei und dass «egal wie differenziert, wenn die NATO eine Politik verfolgt, die eine Erweiterung nach Mittel- und Osteuropa vorsieht, ohne Russland die Tür offen zu halten, wird dies in Moskau allgemein als gegen Russland und nur gegen Russland gerichtet interpretiert werden.»3
Dieses Gefahrenbewusstsein hielt in der russisch-amerikanischen Diplomatie weiterhin an. 1997 bezeichnete George Kennan, einer der bedeutendsten amerikanischen Strategen des 20. Jahrhunderts, die NATO-Erweiterungspläne als «den schicksalhaftesten Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Zeit nach dem Kalten Krieg.»4 Er sah voraus, dass eine solche Entscheidung «die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Öffentlichkeit» schüren und zur «Wiederherstellung der Atmosphäre des Kalten Krieges» führen würde. Alles, was danach geschah, entsprach fast wortwörtlich seiner Prognose.
Im Februar 2008 warnte William Burns, damals US-Botschafter in Moskau, in einem später von WikiLeaks veröffentlichten Telegramm vor der NATO-Erweiterung um die Ukraine: Für Russland bleibe sie ein «emotionales und sensibles» Thema; zugleich drohe sie die Ukraine zu spalten, Gewalt bis hin zu Bürgerkrieg auszulösen und Russland zu einer Intervention zu drängen.5 Zwei Monate später ignorierte der Bukarester NATO-Gipfel diese Warnung und erklärte, die Ukraine und Georgien sollten NATO-Mitglieder werden.
Am 5. März 2014, kurz nach dem Maidan und der Annexion der Krim, warnte Henry Kissinger in der ‹Washington Post›: Er verurteilte die Annexion, hielt aber fest: «Die Ukraine sollte nicht der NATO beitreten» und müsse eine Brücke zwischen Ost und West bleiben.6 Er wurde jedoch ignoriert. Im Dezember 2021 verlangte Russland Gespräche und einen Verzicht auf weitere NATO-Erweiterung. Die NATO und die USA lehnten am 26. Januar 2022 unter Verweis auf die ukrainische Souveränität ab; wenige Wochen später begann die Offensive.
Im Rahmen des Sicherheitsdilemmas zeigen diese Beispiele, dass die USA und die NATO bei ihren Entscheidungen die von Russland wahrgenommene Bedrohung nicht berücksichtigen wollten. Selbstverständlich trägt Russland die Verantwortung für seinen militärischen Einsatz und dessen Folgen. Doch durch ihre Nichtachtung – sei sie nun auf Fehltritte oder auf eine Strategie zurückzuführen – machen sich die USA und die NATO mitverantwortlich für die Situation.
Fehltritte oder Strategien?
Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs, ehemaliger Sonderberater mehrerer UN-Generalsekretäre, geht einen Schritt weiter: In einer Rede vor dem Europäischen Parlament am 19. Februar 20257 deutet er den Konflikt als Strategie, nicht als bloßen Fehlgriff. Er verortet sie historisch bei Lord Palmerston, britischer Premierminister ab 1855, der während des Krimkriegs die Idee vertrat, Russland am Schwarzen Meer einzudämmen. Fortgeführt werde dieser Ansatz in Halford Mackinders ‹Heartland›-Theorie: Wer das Herz Eurasiens kontrolliert, beherrscht die ‹Weltinsel›. Daraus folge für Seemächte – allen voran Großbritannien und die USA –, eine russisch-mitteleuropäische Annäherung zu verhindern. Sachs nennt zudem Zbigniew Brzeziński als Fortführer dieser Sicht8, in der die Ukraine als geopolitischer Knotenpunkt erscheint.
2015 gab George Friedman, Gründer von Stratfor und Geopolitical Futures, eine Erklärung ab, die auf dieser Theorie beruht9: «Das Hauptinteresse der Vereinigten Staaten, um das wir seit einem Jahrhundert Kriege geführt haben – den Ersten, den Zweiten und den Kalten Krieg –, war stets das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Denn gemeinsam sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen könnte, und es galt sicherzustellen, dass dies nicht geschieht.» Friedman zeichnet nicht nur eine nüchterne Strategie, sondern deutet eine tief sitzende US-Angst an: Ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland sei «die einzige Konstellation, die den Vereinigten Staaten seit Jahrhunderten eine Höllenangst bereitet».
Es sind zwar nur Perspektiven, doch sie stammen von amerikanischen Geopolitik-Experten. Mary Elise Sarotte, die die Archive der US-Diplomatie ausgewertet hat, sieht eher Orientierungslosigkeit als eine kohärente Strategie. Jeffrey Sachs betont hingegen, dass diese strategischen Muster trotz Regierungswechseln deutlich erkennbar bleiben. Sicher ist: Entscheidungen in Washington entstehen aus internen Machtkämpfen und konkurrierenden Sichtweisen. Vereinfachungen greifen daher zu kurz. Gute Absichten können zugleich mit Ungeschicklichkeiten, Imperialismus, Fehlern und gefährlichen Strategien koexistieren.
Auch auf russischer Seite gibt es imperialistische Kräfte. Sie sollten ebenfalls nicht als alleinige Ursache herangezogen werden.Während sich die USA als auserwählte Garanten der Freiheit in der Welt verstehen, ist Russland seit Jahrhunderten von der Vorstellung geprägt, das auserwählte Volk zu sein, berufen zur Errichtung der künftigen christlichen Stadt: manchmal ‹Drittes Rom› genannt. Diese Idee einer russischen ‹Mission› kann spirituell aufgefasst werden, kann aber auch Imperialismus, Nationalismus oder den Wunsch nach Großmachtstatus schüren. Auch hier vermischen sich, wie in den USA, gute Absichten, strategische Visionen, imperialistische Ambitionen, Ängste und Fehleinschätzungen.
Weitere Verweigerung eines Dialogs
An den Entwicklungen trägt schließlich auch die EU Mitverantwortung. Seit 2007 verhandelte sie mit der Ukraine über ein Assoziierungsabkommen (DCFTA), dessen Unterzeichnung Ende November 2013 in Vilnius geplant war. Gleichzeitig war die Ukraine durch Abkommen mit Russland gebunden (u. a. GUS-Freihandelszone, Naftogaz-Gazprom-Vertrag), die sich schwer mit dem DCFTA vereinbaren ließen. Russland verlangte daher wiederholt trilaterale Gespräche, doch die EU lehnte sie mit Verweis auf die ukrainische Souveränität ab. Die Ausgrenzung russischer Anliegen trug zu einem Handelskrieg bei und ließ die Ukraine zwischen den Machtblöcken zerrieben zurück.
Am 21. November 2013 stoppt die Janukowitsch-Regierung die Vorbereitungen für die Unterzeichnung und schlägt erneut trilaterale Verhandlungen vor, um die handelspolitischen Folgen des Abkommens zu klären. Brüssel lehnt erneut ab. Der Maidan beginnt bereits in der Nacht. Der Vorschlag wird auf dem Gipfel in Vilnius erneut abgelehnt. Janukowitsch flieht im Februar 2014 nach Russland; die Krim wird im März annektiert; im Frühjahr bricht der Krieg im Donbass aus. Das in William Burns’ Telegramm dargelegte Szenario wird Realität.
So versteht man, warum Jeffrey Sachs bei seiner Rede vor dem Europäischen Parlament im Jahr 2025 sagte: «Ihr werdet noch lange Zeit mit Russland zusammenleben müssen. Also verhandelt bitte mit Russland. Sowohl für Europa als auch für Russland stehen echte Sicherheitsprobleme auf dem Spiel. Doch großspurige Äußerungen und Russophobie dienen eurer Sicherheit überhaupt nicht. Sie dienen auch der Sicherheit der Ukraine überhaupt nicht.»
Wohlstand und Genies der Kulturen
In dieser Rede vor dem Europäischen Parlament skizziert Jeffrey Sachs seine Zukunftsperspektive: «Wenn wir unseren Verstand, unsere Ressourcen und unsere Energie darauf richten, können wir das weltweite Energiesystem im Sinne der Klimasicherheit umgestalten. Wir können die Artenvielfalt schützen. Wir können sicherstellen, dass jedes Kind eine hochwertige Bildung erhält.» Was brauchen wir dafür? Frieden. Für Sachs baut jeder Krieg auf einem Irrtum auf. «Wir kämpfen nicht um Lebensraum. Diese Idee, die im Wesentlichen von Malthus stammt und später zu einer Nazi-Idee wurde, war schon immer falsch: ein grundlegender intellektueller Irrtum. Wir hatten Rassenkriege und nationale Überlebenskämpfe aus der Angst heraus, dass nicht genug für alle auf diesem Planeten da sei, sodass wir in einem Kampf ums Überleben stünden. Als Ökonom kann ich Ihnen sagen: Wir haben auf diesem Planeten genug für die nachhaltige Entwicklung aller. Mehr als genug.»
So kommt er Rudolf Steiner nahe, der in einem Vortrag von 1905 über die Ursachen der Kriege10 auf dasselbe Problem hinwies: Solange wir an der Vorstellung festhalten, dass der Kampf ums Überleben und der Wettbewerb die Triebkräfte der Evolution sind, werden wir Kriege hervorbringen. Steiner verweist dabei auf den russischen Zoologen Karl Fjodorowitsch Kessler, für den nicht der ‹Kampf ums Dasein›, sondern die ‹Gegenseitige Hilfe› der Hebel der Evolution ist. Es ist möglicherweise kein Zufall, dass Kessler, der Prophet dieser neuen Konzeption, seine Forschungen in der Ukraine, entlang des Dnjepr sowie an den Küsten des Asowschen und des Schwarzen Meeres, durchführte.
Krieg zerstört und verarmt. Gegenseitige Hilfe und Geschwisterlichkeit können eine blühende Wirtschaft ermöglichen und das menschliche Genie in kultureller Vielfalt entfalten. Jede Kultur besitzt ihr eigenes Genie, das sich jedoch verhüllt, sobald Konfrontation und Krieg Einzug halten. Wo Kampf ums Überleben und Wettbewerb dominieren, treten Schatten und Doppelgänger hervor: die scharfen Zähne und räuberischen Blicke der USA, Russlands, Europas, Chinas usw. Jeder politische Raum trägt einen Egoismus in sich. Gegenseitige Hilfe und Zuwendung helfen, ihn zu überwinden und das Zusammenspiel der Genies der Völker und Kulturen zu erkennen. Ihr Reichtum wächst, je mehr sie einander wahrnehmen und befruchten.
Das ist die Tragödie unserer Zeit: Während die Menschheit eigentlich reif genug sein sollte, die Vielfalt der kulturellen Genies wahrzunehmen und zu schätzen, erleben wir ein Wiederaufleben von Nationalismus und Imperialismus, das uns nur egoistische Doppelgänger sehen lässt.
Anthroposophie als Multiperspektivismus
Sich von Nationalismus und Imperialismus zu lösen, heißt, die eigene Sichtweise zu wandeln. Der andere ist dann nicht Konkurrent oder Bedrohung, sondern spirituelle Entdeckung und gemeinsamer Reichtum. Dazu gehört, aus sich herauszutreten, die eigenen Maßstäbe zu prüfen und anderen Kulturen keine Vorstellungen aufzuzwingen. Das verlangt einen multiperspektivischen Erkenntnisweg.
Der Multiperspektivismus ist eine grundlegende Stärke der Anthroposophie: Sie betrachtet die Welt zugleich aus verschiedenen Blickwinkeln – spirituell und materiell, idealistisch und realistisch, westlich und östlich. Ein solcher vielstimmiger Ansatz gehört zu ganzheitlicher Erkenntnis. Jede Perspektive ist wie eine Musiknote im Gesamtwerk, das der Komplexität der Wirklichkeit gerecht wird. Steiner beschreibt dies unter anderem in dem unvollendeten Buch ‹Anthroposophie›. Er veranschaulicht den menschlichen Erkenntnisprozess am Bild eines Baumes: Jede Ansicht – gemalt oder fotografiert – gibt ihn «von einem bestimmten Gesichtspunkt aus, in voller Wahrheit wieder. Wählt man einen anderen Gesichtspunkt, so wird das Bild ganz anders. Und erst eine Reihe von Bildern, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, kann durch das Zusammenwirken eine Gesamtvorstellung des Baumes geben.» Ebenso verhalte es sich mit allen Dingen und Wesenheiten der Welt: Was der Mensch über sie sagen kann, muss er als ‹Ansichten› formulieren, «die von verschiedenen Gesichtspunkten aus gelten» – im Sinnlichen wie im Geistigen.11
Dieser Ansatz verlangt, voreilige Urteile zurückzuhalten und die Blickwinkel zu erweitern. Pazifismus beginnt im Denken. Auch jeder Mensch ist an sich eine eigene Perspektive. So wird Interesse am Standpunkt des anderen zur inneren Haltung. Interesse an anderen Kulturen kann Nationalismus und Imperialismus überwinden. Denn: «Was ist erquicklicher als Licht? Das Gespräch!» Entscheidend ist, wie wir in einer von Beschleunigung und Effizienz geprägten Welt Räume für Entschleunigung und Multiperspektivismus schaffen können.
Bild ‹Rythmes›, Robert Delaunay, 1934, gemeinfrei
Korrigendum (27.05.2026): Leider hat der einleitende Satz gefehlt. Er wurde jetzt hinzugefügt.
Fußnoten
- Stephen M. Walt, Does Anyone Still Understand the ‹Security Dilemma›? Foreign Policy, 26. Juli 2022.
- Boris Yeltsin, Retranslation of Yeltsin Letter on NATO Expansion, 15. September 1993. NATO Expansion: What Yeltsin Heard. National Security Archive Briefing Book No. 621, Document 4, 16. März 2018.
- James F. Collins, Your October 21–23 Visit to Moscow – Key Foreign Policy Issues, Briefing Memorandum an Außenminister Warren Christopher, Oktober 1993. NATO Expansion: What Yeltsin Heard. National Security Archive Briefing Book No. 621, Document 6, 16. März 2018.
- George F. Kennan, A Fateful Error. New York Times, 5. Februar 1997.
- William J. Burns (U.S. Ambassador, Moscow), Nyet Means Nyet: Russia’s NATO Enlargement Redlines. Diplomatic Cable, 1. Februar 2008, Ref. 08MOSCOW265, published by WikiLeaks.
- Henry A. Kissinger, How the Ukraine crisis ends. The Washington Post, 5. März 2014.
- Jeffrey D. Sachs, Speech at the EU Parliament. The Geopolitics of Peace (event hosted by Michael von der Schulenburg, MEP), European Parliament, Brussels, 19. Februar 2025.
- Zbigniew Brzeziński, The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. Basic Books, New York 1997.
- George Friedman, Europe: Destined for Conflict? Vortrag am Chicago Council on Global Affairs, 4. Februar 2015.
- Rudolf Steiner, Unsere Weltlage. Krieg, Frieden und die Wissenschaft des Geistes. Vortrag, Berlin, 12. Oktober 1905, in: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54, Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach.
- Rudolf Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910. Kapitel: Der Charakter einer Anthroposophie. GA 45, Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach.


Leserbrief zum Gespräch mit Serhii Kopyl und den Reaktionen darauf, Ausgabe 21./22. Mai 2026
„Endlich!“ dachte ich mir als Deutscher, der die Ukraine und viele Ukrainer*innen durch zahlreiche Reisen seit 1998 sehr gut kennt, dauernd mit ihnen in Kontakt ist und natürlich ihren Abwehrkampf unterstützt – „endlich kommt in einer anthroposophischen Publikation mal ein Ukrainer ausführlich zu Wort, ein Anthroposoph dazu, und noch einer, der den Krieg selbst erlebt und seine eignen Erlebnisse dazu schildern kann, Schwellenerlebnisse zumal, die nur Anthroposophen verstehen und sinnvoll einordnen können. Werden endlich die (viel zu) vielen unserer Freunde aufhören, diesen Krieg gegen die Menschen in der Ukraine nur aus ihrer weltpolitisch abgehobenen und anthroposophisch verklärten Überschau kühl zu beurteilen und die Verantwortung dafür (natürlich!) dem „Westen“ zuzuweisen. „Endlich“, dachte ich, nach diesem Interview werden sie nachdenklich werden, werden aufhören, den Ukrainern neunmalkluge „friedliche“ Ratschläge zu geben, werden sich schämen, den Ukrainern zuzumuten, doch bitte die Herrschaft der Russischen Diktatur anzunehmen, ihren verzweifelten Widerstand endlich aufzugeben, weil sie nur dann in „Frieden“ werden leben können – und auch wir endlich Ruhe davon haben. Aber weit gefehlt! Jetzt hat man die „Kriegstreiber“ genug zu Wort kommen lassen – ausführlich in der Tat, vielen Dank dafür. Jetzt aber: Sechs Seiten Widerspruch und Relativierung liefert die Ausgabe 21./22. Mai 2026. Auf ein paar Punkte möchte ich eingehen.
Die Identifikation mit einer Nation, in dem Fall die „Ukraine“, dem Land und seiner „Freiheit“ stößt uns auf, widerstrebt uns – ja, eigentlich auch mir. Ich hatte aber im April 2014, nach der Annexion der Krim bei einem meiner vielen Aufenthalte in Dnipro (im Osten! der Ukraine) ein seltsames Erlebnis. Überall waren die blau-gelben Farben zu sehen, an Gebäuden und Autos sowieso, aber auch Laternenmasten, Geländer und Betonblöcke an Brücken und Straßen hatten Menschen so angemalt. Noch entsetzt von dem stattgefundenen Raub der Krim und den inszenierten „Aufständen“ in Donezk und Luhansk freute ich mich darüber, und ich dachte mir: „Erstaunlich, dass mich, den Gegner allen nationalen Stolzes, der Anblick von Staatsfahnen so berühren kann.“ Es ging hier eben nicht um platten Chauvinismus oder kindische Fußballbegeisterung, sondern um Widerstandsgeist und Selbsterhaltungswillen im ganzen Land – auch im russischsprachigen Osten.
„Frei sein“ bzw. sich dahin entwickeln kann nur der einzelne Mensch, das stimmt. Aber er braucht dazu die Bedingungen, die das überhaupt zulassen, und die sind nicht gegeben, wenn eine benachbarte Großmacht militärisch die Macht übernehmen möchte mit dem erklärten Ziel, die Kultur des Landes auszulöschen. Wenn das versucht wird, kann der Widerstand nur kollektiv und militärisch sein und sich auf die Landesgrenze beziehen, mit dem Ziel, dass innerhalb dieser Landesgrenze die Sprachen (Plural!), die Kultur, die politische Verfassung, die Zugehörigkeit zu Bündnissen usw. von den Menschen gestaltet und bestimmt werden, die dort leben und leben wollen – in Prozessen, die diese selbst als legitim und rechtmäßig empfinden.
„Opfern“, „ihr Leben opfern“ tun die, die in der Abwägung das Risiko, Tod oder Verstümmelung zu erleiden, vorziehen der Alternative, dass sie selbst und ihre Familien unter einer fremden Diktatur leben müssen. Es ist furchtbar, aber es kann sein, dass das Leben das erfordert. Es haben Polen, Franzosen, Niederländer, Sowjetbürger (vor allem Ukrainer und Weißrussen, auch Millionen von Russen) usw. ab 1939 getan. Wir, die wir noch im Frieden leben, sollten zugeben, dass unsere kritische Reflexion der pathetischen Begriffe, die uns stören, kleinkariert ist gegen das, was den Ukrainer*innen droht, wenn sie den Krieg, den sie nicht gewollt haben, „verlieren“.
Ja, wir wollen das Nationale überwinden, keine Heldenmythen schreiben, Individualität ausbilden. Das ist die Aufgabe in Mitteleuropa, da haben wir genug damit zu tun. Den Ukrainern stellen sich zur Zeit andere Fragen und andere Antworten sind zu geben, als wir uns vorstellen können.
Immer wieder kommt das Argument: Neutralität, Vereinbarung von Istanbul, Großbritannien hat es verhindert. Der Inhalt dieser „Vereinbarung“ war im wesentlichen Demilitarisierung und Neutralität der Ukraine, was zur Invasion, wann auch immer, geradezu aufgefordert hätte. Mindestens aber die Drohung damit, so dass jede falsche Bewegung des kleineren Nachbarvolkes mit Invasion beantwortet werden könnte. Es waren ja auch zur Zeit dieser „Verhandlungen“ die russischen Invasionstruppen im Land, das war keine erfundene Hysterie der Ukraine. Großbritannien riet davon ab, das zu unterschreiben und sagte Beistand zu. Den nahm die Ukraine an, als einzige Chance, selbstbestimmt zu bleiben. Ist es denn plausibel, dass Selenskij gerne unterschrieben hätte und nur auf Boris Johnsons „Befehl“ (wie man hin und wieder lesen kann) die Unterschrift verweigert habe? Es ist völlig unplausibel. Natürlich hätte Selenskij den Beistand ablehnen und unterzeichnen können. Dann hätte die Ukraine jetzt die gleiche Sitaution wie Belarus. Armenien wurde eben vor wenigen Wochen von Russland gewarnt, sich weiter an die EU anzunähern und mit ihr zu kooperieren – steht denn, bitte schön, Russland das zu?
Man habe Russland „per Handschlag“ zugesagt, die NATO nicht nach Osten zu erweitern. Aber erstens ist bei jedem Vertrag genau das vereinbart, was in dem Vertrag drin steht, nicht mehr und nicht weniger. Und zweitens: Die NATO schiebt ihre Grenzen nicht nach Osten, sie nimmt nur Länder auf, die das selbst wollen – und auch das nicht immer, siehe Ukraine 2008, wegen des Einwands aus Moskau. Was wäre wohl heute, wenn man sie aufgenommen hätte? Womöglich Frieden, jedenfalls kein Krieg. Sollte man die anfragenden Länder abweisen und sagen: „Wir nehmen euch nicht auf, ihr gehört Russland!“ Politik über die Köpfe der kleinen Länder hinweg wäre das gewesen – Imperialismus, Hitler-Stalin-Pakt 2.0. Sollte nicht eher Russland überlegen, warum alle seine europäischen Nachbarn Schutz vor seinem Imperialismus suchen? (auch Belarus, wenn man die Menschen 2021 gehört und nicht zu Tausenden eingesperrt hätte).
„Die (russische) Befürchtung, dass die Ukraine rasch in den westlichen Einflussbereich abrutschen würde…“, nimmt unser Freund Louis Defèche sorgenvoll auf und bedauert, dass der Westen dieses Warnsignal aus Russland missachtet habe. Wenn die Menschen in der Ukraine das westliche Gesellschaftsmodell attraktiver finden als das in Russland herrschende, sollen wir das als „Abrutschen“ wahrnehmen, nur weil Russland das so interpretiert? Für sie war das ein Aufbruch zu neuen Perspektiven und Möglichkeiten, keineswegs ein Abrutschen. Sollen wir die Menschen, die innerhalb von zehn Jahren zwei Revolutionen mit unglaublicher Wucht und unter Beteiligung großer Teile der Bevölkerung zustande gebracht haben, weil sie etwa das haben wollen, was (zum Beispiel) unser Grundgesetz vorsieht, zurückweisen und sagen: „Sorry, Russland will euch nicht abrutschen sehen, und da wollen wir doch keinen Ärger mit Russland haben“?
Herrn Willareth gilt ja sogar die Abstimmung auf der Krim 2014, deren Durchführung wirklich alle Regeln einer ordentlichen Volksabstimmung verletzte, als zuverlässigerer Nachweis des Willens einer Bevölkerung als die beiden Revolutionen auf dem Maiden in Kyjiw und der Wahlen, die diesen Ereignissen folgten – mit mehrfachem demokratischen Machtwechsel! Wenn Herr Willreth so viel von der russischen Leidensgeschichte weiß, kennt er dann auch das Buch „Die geistigen Quellen Osteuropas…..“ von Sergej Prokofjeff? Unbedingt zu empfehlen, ebenso wie die Filme „Intercepted“, „Ein Nobody gegen Putin“ und „Minotaur“, ein Spielfilm des russischen Regisseurs Andrei Swjaginzew, eben erst in Cannes ausgezeichnet.
Schließlich noch ein Wort zum „Multiperspektivismus“ als Forderung des Friedensgedankens, der es sogar auf den Titel des Blattes geschafft hat. Ein tolles Wort, und es hört sich sehr klug an. Es ist auch richtig, sich in die Perspektive des Gegners oder auf Feindes hineinzuversetzen und zu versuchen, zu verstehen, was ihn antreibt. Das kann zu fruchtbarem Austausch und auch zu Frieden führen – wenn in den Motiven des Gegners ein berechtigtes Anliegen erkennbar wird. Es muss aber erlaubt, und sogar gefordert sein, sich die Perspektive des Gegners nicht zu eigen zu machen, ja, auch entschieden zurückzuweisen, wenn die Anliegen nicht berechtigt sind die er vorbringt. Und dafür gibt es Kriterien um zu beurteilen, ob die Anliegen zu rechtfertigen sind. Ein Angriffskrieg zum Beispiel, der nun einmal gezogene Grenzen verletzt. Mord, Totschlag, Raub, Kriegsverbrechen aller Art, zum Beispiel. Wo kommen wir hin, wenn auch für solche Taten relativierender „Multiperspektivismus“ Raum greift, der für alles eine Berechtigung finden will? Und wenn man dem schon das Wort redet, dann bitte auch für die „westlichen Logen und Geheimgesellschaften“, denn auch die haben aus ihrer Sicht gute Gründe für das, was sie tun, ebenso wie der „kollektive Westen“, und sogar die Täter des Holocaust waren der Meinung, dass ihre Taten notwendig seien, um ihr Volk zu schützen. „Multiperspektivismus“ sollte da doch bitte auch etwas Verständnis für die Sichtweise der andern aufbringen. Deutsche Nationalisten könnten heute noch auf die Idee kommen, die Gegenden westlich des Rheins mit so deutschen Städtenamen wir Mühlhausen, Straßburg, Türkheim, Fessenheim, Andolsheim usw. dem Deutschen Reich zurückzuholen, weil die Französische Republik dort die deutsche Sprache seit 1918 schon unterdrückt. Lieber Herr Defèche, merken Sie, wohin Ihr Zauberwort „Multiperspektivismus“ führt, wenn er nicht durch geschriebenes und moralisches Recht und menschlichen Anstand seine Grenzen findet?
Der grundlegendste Friedensgedanke muss sein, dass die Grenzen akzeptiert werden, die heute gelten, weil sonst jeder immer einen Grund in der Geschichte finden wird, der einen Angriff auf den Nachbarn „rechtfertigen“ könnte. Es muss absolut gelten, dass niemals ein anderes Land überfallen werden darf – aus keinem einzigen Grund. Hat man Sorge um seine Landleute im Ausland, dann kann man sie als Flüchtlinge aufnehmen, wenn sie denn kommen wollen. Von einer Fluchtbewegung russischsprachiger Ukrainer nach Russland seit 1991 ist mir nichts bekannt, obwohl die Grenze immer offen und der Übertritt denkbar einfach war.
Ist diese Kaltschnäuzigkeit, dieser völlige Mangel an Empathie mit den angegriffenen Schwächeren, die ich an zahlreichen anthroposophischen Veröffentlichungen zum Thema und hier wieder erlebe, Ergebnis von jahrelanger Auseinandersetzung mit dem anthroposophischen Sozialimpuls? Das wäre niederschmetternd! Noch manches wäre zu den Ausführungen der drei Artikel zu schreiben. Ich will es jetzt dabei belassen. Ich meine allerdings schon lange, die Antworten auf vier Fragen müssten genügen, um zu klären, wem unsere Solidarität und Unterstützung gelten muss (ja, auch mit Waffen, weil die derzeit als Hilfe in der Not unverzichtbar sind – die Ukrainer werden schon selbst sagen, wenn wie keine mehr brauchen):
1. Ist es nicht jetzt durch die über vier Jahre Krieg bewiesen, dass die Ukrainer keine Rettung vom „Faschismus“ durch Russland wollen? Sie wehren sich so vehement, so massiv und so aufopferungsvoll gegen diese Invasion! Haben wir das Recht, diesen Ausdruck von Selbstgestaltungswillen zu missachten, herabzuwürdigen, gar zu kriminalisieren?
2. Haben die kleineren Nachbarn einer Großmacht (z.B. Venezuela, Kuba, Kanada, Grönland, Taiwan, Tibet, Ukraine, Belarus, Armenien usw.) das Recht, als Land einen eigenen Weg zu gehen, oder hat die Großmacht das Recht, diesen Weg zu beeinflussen oder gar zu bestimmen – nur deswegen, weil sie stärker und zufällig in der Nähe ist?
3. Wenn ein Staatsmann nicht davor zurückschreckt, in einem anderen Land seine eigenen jungen Männer zu Hunderttausenden töten oder zu Krüppeln schießen zu lassen, es dabei duldet, dass die, die es überleben, fast so häufig Kriegsverbrechen begehen wie sie Zigaretten rauchen, und der zahlreiche Abkommen und Verträge nachweislich gebrochen hat – hat man Anlass anzunehmen, dass so ein Staatsmann fair verhandeln, das Leben der benachbarten Bevölkerung achten und sich am Ende an (schriftlich!) getroffene Vereinbarungen halten wird? Kleine Erinnerung zur Antwort auf diese Frage: Der letzte Mensch, der mit Putin einen Konflikt durch Verhandlung und Vereinbarung beigelegt hat, war Jewgenij Prigoschin – hat man vergessen, was aus ihm wurde? Und er war eher noch ein „Freund“ von Putin, mehr jedenfalls als die Ukrainer.
4. Wie kommt es, dass gerade diejenigen unserer anthroposophischen Freunde, denen schon das obligatorische Tragen einer Maske im öffentlichen Nahverkehr als Eingriff in ihre Grundrechte entschieden zu weit ging, dass die es zur Erhaltung des Friedens zumutbar finden, dass ein Volk alle Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte aufgeben soll, und die nicht so wirklich ein Problem darin sehen, wenn in Russland (ja, ich weiß, längst nicht nur dort, das macht es aber nicht besser) Demonstranten niedergeknüppelt, festgenommen, eingesperrt und gefoltert werden und keinerlei freie Presse oder Zivilgesellschaft mehr zugelassen ist?
25.05. 2026
Ralph-Guido Günther, Beim Herbstenhof 4, 72076 Tübingen
(Ich schicke gerne meine Rezension von Thomas Mayers Buch zum Ukraine-Krieg, die seine zahlreichen Fehler aufzeigt)
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„Multiperspektivismus“ wird, sollte sie zu einer moralischen Gleichsetzung verleiten, leider keine Grundlage für die Förderung des Friedens sein. Sie würde das Leid, unter dem die Ukrainer derzeit leiden, nur noch verschlimmern, die Ungerechtigkeit ihres Leidens herunterspielen und die Handlungen Putins, seines engsten Kreises, seiner Generäle und der russischen Armee rechtfertigen oder entschuldigen. Als Teil einer multiperspektivismus Denkweise muss es Rechenschaftspflicht geben sowie eine klare Anerkennung – und keine Leugnung – sowohl der Opferrolle als auch der Auslösung und Ausübung von Gewalt. Lassen Sie mich eine Analogie anführen: Ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hat und sie weiterhin vergewaltigt und gewaltsam angreift, mag im Sinne von „multiperspektivismus Betrachtungen“ verständlich und erklärbar sein. Er mag selbst als Kind missbraucht worden sein, von seiner Mutter misshandelt worden sein und so weiter. Seine Perspektive ist gültig. Die Frau, die er angreift, mag sich so gekleidet und verhalten haben, dass sie zweideutige Signale ausgesendet hat. Sie mag Dinge gesagt und getan haben, die ihn provoziert oder beleidigt haben. Aber zu behaupten, sie habe sozusagen „einen zu kurzen Rock getragen“, dass ihre Kleidung und ihr Verhalten die Gewalt und die Vergewaltigung, die sie erleidet, selbst verschuldet hätten, entspricht mehr oder weniger der Sichtweise, die in einigen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen Büchern und Artikeln über die Ukraine zum Ausdruck gebracht wurde. Dies streut nur Salz in die Wunden der wahren Opfer – des ukrainischen Volkes, das seit fünf Jahren täglich unter Krieg, ballistischen Raketen und Shahed-Drohnen leidet, die regelmäßig auf ihre Städte niedergehen, sowie unter der Entführung und Indoktrinierung ukrainischer Kinder (was vom Internationalen Strafgerichtshof umfassend dokumentiert wurde und als Grundlage dient, Putin als mutmaßlichen Kriegsverbrecher anzuklagen). Die Gewalttaten sind in diesem Fall eine kalt kalkulierte Entscheidung. Eine Entscheidung, die weiterhin getroffen wird. Täglich. Von jenen in der russischen Elite, die weiterhin Krieg gegen ihren Nachbarn führen. Die NATO hat Putin nicht gezwungen, die Ukraine gewaltsam anzugreifen. Er hätte andere Entscheidungen treffen können. Er handelte nicht und handelt nicht aus Verzweiflung oder „Selbstverteidigung“, wie auch immer man dies rechtfertigen oder darstellen möchte. Bestenfalls können wir Russland mit dem Deutschland der 1920er und 30er Jahre vergleichen. Gedemütigt und misshandelt von den Siegern des Ersten Weltkriegs, konnte Hitler das moralische Vakuum ausnutzen und füllen. Wir können das damalige Deutschland und das heutige Russland durch „multiperspektivische Betrachtung“ besser verstehen. Dabei dürfen wir jedoch NIEMALS kriminelle Handlungen und Gewalt rechtfertigen oder entschuldigen. Vor allem müssen wir den Stimmen der echten Opfer, der Ukrainer, mit Liebe und Mitgefühl zuhören und sie verstehen. Es ist unverzeihlich, dass in jüngsten Büchern und Artikeln, die über die Ukraine und die Ukrainer urteilen, von geopolitischen Sesselanalysten geschrieben wurden, die die Ukraine lediglich als Schachfigur in einem geopolitischen Spiel betrachten, die noch nie in der Ukraine waren, noch nie mit Ukrainern gesprochen haben oder jemals versucht haben, die einzigartige ukrainische „Perspektive“ zu verstehen. Wir müssen die Ukraine und die Ukrainer tief und wahrhaftig verstehen. Als etwas, das sich von Russland und vom „Westen“ unterscheidet. Wir müssen die Opfer hier verstehen, mindestens genauso sehr, wenn nicht sogar mehr, als wir Russland und die Russen verstehen und mit ihnen mitfühlen müssen.
Eine abschließende Anmerkung: Der Artikel vertritt einen multiperspektivismus Ansatz, der höchst lobenswert ist und weitere Forschung, Überlegungen sowie eine effektive Umsetzung verdient. Allerdings widerspricht er sich anschließend selbst, indem er nur eine einzige Perspektive darstellt – nämlich die Russlands. Es handelte sich um einen Artikel mit einer einzigen Perspektive. Bemerkenswert ist dabei, dass nicht einmal echte russische Stimmen oder Meinungen zu Wort kamen. Die Sichtweisen des Kremls vielleicht, aber keine darüber hinausgehenden. Was die Perspektiven des „Westens“ angeht, so werden diese aus der Sicht Russlands dargestellt. Es werden keine wirklich westeuropäischen / „NATO“-Stimmen oder Perspektiven dargestellt – d. h. Perspektiven aus Lettland, Estland, Litauen oder Polen. Die auffälligste Auslassung von allen – und eine, die das Prinzip des Multiperspektivismus völlig untergräbt – ist jedoch, dass der Artikel keinerlei Perspektive der Ukraine enthält, dass diese völlig fehlt. Leider ist dies charakteristisch für die Art von Diskurs zu diesem Thema, die wir in letzter Zeit beobachtet haben.
Ich halte den Titel des Artikels für irreführend. Er verweist auf Multiperspektivität, beschreibt dann jedoch nur zwei Perspektiven, von denen eine zudem nur sehr kurz dargestellt wird. Die ukrainische Perspektive wird vollständig ausgeblendet.
Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, der bereits existierte, bevor Russland überhaupt entstand. Seit der Existenz Russlands wurde die Ukraine von diesem bedrängt. Nach zahlreichen Versuchen des Zarenreichs im 19. Jahrhundert, ukrainisches Territorium abzutrennen („Neurussland“), wurde die Ukraine in den 1920er Jahren von der Roten Armee besetzt und zwangsweise in die Sowjetunion integriert. Seit 1990 bemüht sich die Ukraine erneut um ihre tatsächliche Unabhängigkeit. Dieses Bestreben wurde von Russland auf vielfältige Weise massiv untergraben, insbesondere durch die Sabotage der ukrainischen Wirtschaft von Beginn an sowie durch das Installieren von Führungspersonen, die russische Interessen vertreten, und durch die Unterdrückung von Unabhängigkeitsbestrebungen mit brutalen KGB-Methoden – und das in einem unabhängigen Land! Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Ukraine jede mögliche Unterstützung von außen sucht, um sich von ihrem übermächtigen, bösen „großen Bruder“ zu emanzipieren.
Neben dieser ukrainischen Perspektive gibt es auch die vierte Perspektive des Völkerrechts und der UN-Charta. Die Ukraine ist ein unabhängiges Land und hat das Recht, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Das Handeln Russlands steht in klarem Widerspruch zum Völkerrecht. Aus völkerrechtlicher Sicht gibt es dafür keine Rechtfertigung.
Der größte Teil des Artikels scheint davon auszugehen, dass Jalta die maßgebliche Grundlage für die Ordnung der multipolaren Welt darstellt. Dieses System berücksichtigt jedoch im Wesentlichen nur die russische und die US-amerikanische Perspektive (wobei ein US-Verbündeter am Tisch sitzt, ohne wirklichen Einfluss). Seit seinem Bestehen hat es gezeigt, dass es vor allem den Interessen der USA und Russlands dient und zahlreiche Gräueltaten auf beiden Seiten ermöglicht oder gedeckt hat, während das Völkerrecht weitgehend ignoriert wurde.
Ein wirklich multiperspektivischer Ansatz müsste deutlich mehr dieser anderen Perspektiven einbeziehen. Er sollte nicht mit einer impliziten Schlussfolgerung enden, die auf nur einer Perspektive basiert.