Wohlwollen statt Wohlstand

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Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, hat seine Studie zum Kindeswohl veröffentlicht. Deutschland ist auf Platz 25 von 37 bewerteten Ländern zurückgefallen. Wie ist das möglich?


Wenn Kinder sich wohlfühlen, führt es gelegentlich dazu, dass Erwachsene sich nicht so wohlfühlen. Kaum können Kinder stehen, verbringen sie die Zeit mit Rennen, Springen, Klettern, machen sich schmutzig oder fallen hin, bringen die Einrichtung durcheinander und stellen genau dann Fragen oder brauchen Hilfe, wenn wir mit einer wichtigen Excel-Tabelle beschäftigt sind. Wenn sie älter werden, lernen sie auch nicht wie wir Erwachsene durch Informationsvermittlung, sondern dann besonders gut, wenn der Stoff mit Gefühl, Kunst und Praxis aufbereitet wird. – Als Jugendliche werden sie vollends rätselhaft: Sie werden träge und/oder hysterisch, und sie brauchen unser Gespräch und unsere Authentizität, obwohl sie so tun, als wollten sie nichts mehr mit uns zu tun haben.

Stören uns die Kinder? Jedenfalls möchte eine wachsende Anzahl von Erwachsenen keine Kinder mehr bekommen. Für Deutschland gilt: «Im Jahr 2024 sank die Geburtenzahl auf 677 000, im Vergleich zu einem jährlichen Durchschnitt von 759 000 der Jahre 2014 bis 2023.»1 In vielen westlichen Industrieländern ist die Tendenz ähnlich. Offenbar gibt es eine Korrelation mit Bildung und Wohlstand: Dort, wo Erwachsene beides genießen, werden weniger Kinder geboren. Weltweit ist die Tendenz eindeutig: Laut einer Studie des Institute for Health Metrics (IHME) wird die Geburtenrate in fast allen Ländern so weit fallen, dass mehr Menschen sterben als geboren werden. Außer in einigen armen Ländern mit wenig Bildungsangeboten wie Samoa, Somalia, Tonga, Niger, Tschad und Tadschikistan.2 Zeigt sich hier kultureller Fortschritt, Emanzipation von unserer animalischen Natur, Fähigkeit zu individueller Selbstbestimmung? Oder die Tendenz, sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschäftigen, wenn es einem gut geht?

Wäre nicht denkbar, ausgeprägte kulturelle oder wissenschaftliche Interessen zu haben, ein passables Einkommen und gleichzeitig Freude daran, das alles mit Kindern und Jugendlichen zu teilen? Oder gilt für das Kinder-Bekommen und -Erziehen, was Goethe im ‹Wilhelm Meister› über das Verhältnis von Bewusstsein und Tat sagt: «Es sind nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.»3

Für Menschen, die sich keine Sorgen machen müssen, wie sie die Heizungsrechnung am Ende des Monats bezahlen sollen, kann das Leben mit Kindern und Jugendlichen nicht nur ein Beitrag für die Zukunft der Menschheit sein, sondern auch eine Hilfe, die Einseitigkeit des Lebens in der gebildeten Wohlstandsgesellschaft zu überwinden: Etwas mehr lebendige Praxis, etwas weniger steriles Grübeln, etwas mehr Improvisation, etwas weniger Kontrolle, etwas mehr Freude an Kleinigkeiten des Lebens, etwas weniger Interesse für Sportwagen, etwas mehr Beziehung, etwas weniger Selbstbefriedigung, etwas weniger Wohlstand, etwas mehr Wohlwollen.

Stören uns die Kinder? So wie jeder und jede von uns individuell Mühe hat, ein Gleichgewicht zwischen Bewusstsein und Leben, Vorstellen und Wollen zu finden, und sich erst durchringen muss, einen Platz für Kinder im Alltag einzubauen, so auch die Gesellschaft als Ganzes: Kinder werden nur unter besonderen Umständen akzeptiert. Extrem zeigt es sich in der an verschiedenen Orten auftretenden Mode, Schulen und Kindergärten zu bombardieren. Allein die Tatsache, dass man als Kind in dieser oder jener Gruppe aufwächst, genügt, dass man verhungert oder getötet wird. In anderen Ländern – weniger krass, aber immer noch zynisch – genügt die Tatsache, dass man Kind einkommensschwacher Eltern ist, um geistig, seelisch und körperlich misshandelt zu werden. Das zeigt wieder einmal der kürzlich erschienene Unicef-Bericht zum Wohlbefinden der Kinder. «In Ländern mit hoher Einkommens- und Vermögensungleichheit und Kinderarmut wachsen weiter viele Kinder unter Bedingungen auf, die ihre körperliche und mentale Gesundheit, ihre schulischen Kompetenzen und damit auch ihre Zukunftschancen massiv beeinträchtigen.»4

Deutschland, zum Beispiel, ist gemessen am BIP die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.5 Das bedeutet aber nicht, dass die Gruppe der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, besonders klein ist. «Unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze leben den Statistikern zufolge 13,3 Millionen Deutsche. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung, also rund jeder sechsten Person. 2024 waren es 15,5 Prozent», heißt es in einem Papier der Bundesregierung.6 Ganz direkt in ihren Entwicklungschancen betroffen sind die Kinder, die in dieser Bevölkerungsgruppe aufwachsen. «Das Wohlbefinden der Kinder in Deutschland ist im internationalen Unicef-Vergleich unterdurchschnittlich», kann man im Unicef-Bericht lesen.7

Für wen oder was wollen wir unsere Zeit und unser Geld ausgeben? Für Waffen, für Computertechnologie, für Data Centers, oder Gentechnik? Man könnte sich anders entscheiden. Etwas Ähnliches wie die massive Investition Emil Molts in die Waldorfschule 1919 empfehlen heute die Autoren und Autorinnen des Unicef-Papiers und des Armuts- und Reichtumsberichtes: Schönere und geeignetere Gebäude für Schulen und Kindergärten, Aufwertung der Gehälter und der sozialen Stellung von Erzieherinnen, Erziehern und Lehrpersonen, soziale Bildungsangebote für junge und alleinstehende Eltern, Infrastrukturen für kindgerechtes Leben in den Stadtvierteln einrichten, die Leistungsselektion am Ende der Grundschulzeit aufheben,8 nicht nur schulisches Lernen fördern, sondern rund ums Kind ein intensives soziales Leben ermöglichen. Mit all diesen Empfehlungen kann man als Waldorferzieher nur 100 Prozent einverstanden sein. Auch mit der Idee, das Kindergeld für einkommensschwache Familien stark zu erhöhen, was von Links aus ideologischen und von Rechts aus unternehmerfreundlichen Gründen immer abgelehnt wurde.

Haben wir in der Wohlstandsgesellschaft ein Wohlwollen für das Wohlbefinden der Kinder? Oder bleibt es bei einer scharfsinnigen Analyse? Auch das ist für Waldorferzieher und -erzieherinnen die brennende Frage: Wie werden wir dem sozialen Bildungsengagement von Emil Molt heute gerecht angesichts der Tatsache, dass 46,7 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als 6,85 Dollar pro Tag leben?9


Foto Mali Dasha/Unsplash

Fußnoten

  1. Lebenslagen in Deutschland. Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
  2. Siehe National Geographics vom 30.6.2025. «Den Schätzungen zufolge wird die TFR [Total Fertility Rate] bis zum Jahr 2050 in 76 Prozent der 204 untersuchten Länder unter der Grenze von 2,1 liegen. Im Jahr 2100 könnte die Geburtenziffer in 97 Prozent dieser Länder unter den Erhaltungswert fallen. Nur für sechs Länder – Samoa, Somalia, Tonga, Niger, Tschad und Tadschikistan – ist ein Bevölkerungswachstum prognostiziert. Dass die Geburtenziffern aber ausgerechnet in ressourcenarmen, einkommensschwachen Ländern steigen sollen, verstärkt bereits bestehende Probleme und lässt neue entstehen.»
  3. Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre. Achtes Buch, 5. Kap., 1795/96. Jarno zu Wilhelm.
  4. Unicef.
  5. Handelsblatt
  6. Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
  7. Unicef.
  8. «Im Zusammenhang ungleich verteilter Bildungschancen wird eine weniger starke und frühe Stratifizierung nach Schulformen weiterhin als wichtiger Ansatzpunkt genannt. Internationale Vergleichsstudien bestätigen, dass das deutsche Schulsystem mit einer vergleichsweise starken Stratifizierung größere Leistungsunterschiede aufgrund des sozioökonomischen Hintergrunds aufweist.» (Armutsbericht, S. 395)
  9. Wikipedia.

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