Gespräch mit Ernst Zürcher, dem Forscher, der den Einfluss des Mondes auf Bäume nachgewiesen hat. Das Gespräch führte Louis Defèche.
Haben die Sterne einen Einfluss auf die Erde und ihre Lebewesen? Was lange als bloßer Aberglaube galt, wird heute zunehmend wissenschaftlich bestätigt: Je weiter die Forschung voranschreitet, desto mehr treten Zusammenhänge zwischen Himmel und Erde zutage, die man nicht mehr ignorieren darf. Übrigens: Woher kommt das Leben?
Ernst Zürcher ist Forstingenieur, Doktor der Naturwissenschaften und emeritierter Professor für Holzwissenschaften an der Berner Fachhochschule. Er lehrte über viele Jahre an den Technischen Hochschulen ETH Zürich und EPFL sowie an der Universität Lausanne. Er ist unter anderem Autor von ‹Die Bäume und das Unsichtbare›1 und ‹Einen Baum pflanzen und einen Wald schaffen›2. Als unermüdlicher Wanderer, der sowohl auf die Stille des Waldes als auch auf das Pulsieren des Himmels achtet, ergänzt er sein wissenschaftliches Werk durch poetische und meditative Schriften: ‹Dem Wald lauschen›3, ‹Der Puls der Erde›4, ‹Worte der Bäume›5. Wenn man ihm zuhört, ihn liest oder mit ihm spazieren geht, verändert sich unsere Wahrnehmung der Natur. Wir wollten uns mit diesem Forscher unterhalten, der zugleich Wissenschaftler und Dichter ist.
Kosmische Chronobiologie
Lieber Ernst, was war der rote Faden Ihres Lebens als Wissenschaftler?
Eines meiner wichtigsten Forschungsgebiete ist die Chronobiologie: die Erforschung von Rhythmen, aber auch die kosmische Chronobiologie, also die Erforschung nicht nur irdischer, sondern aller kosmischen Rhythmen. Es gibt keine rein irdischen Rhythmen. Die Sonne spielt immer eine Rolle, ebenso der Mond usw.
Dieses Interesse wurzelt in meiner Familiengeschichte. Mein Großvater hatte einen wunderschönen Bauernhof in der Schweiz. Dort betrieb er eine vorbildliche Landwirtschaft, in der die Menschen glücklich waren und der Betrieb rentabel lief. Er berücksichtigte die Mondphasen. Doch gab es nur wenige objektive Belege, die anhand wissenschaftlicher Standardmethoden zeigten, dass dies tatsächlich funktioniert. Dann erfuhr ich, dass die Biodynamik die Mondrhythmen berücksichtigt. Das hat mich stutzig gemacht. Ich habe in Büchern über Biologie und Pflanzenphysiologie nachgeschlagen: Der Mond wurde dort mit keinem Wort erwähnt. Dabei sprechen doch alle Traditionen davon.
Wie begann Ihre wissenschaftliche Forschung zur Beziehung zwischen Bäumen und dem Mond?
Zunächst arbeitete ich mit einer afrikanischen Baumart, ‹Maesopsis eminii›. Ich führte Arbeiten in einer Forschungsstation in Ruanda durch, wo ich im Rahmen eines Projekts der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit vier Jahre lang gelebt habe. Dort verfügten wir über eine OECD-zertifizierte Saatgutproduktionsstation für den Export mit einer Versuchsbaumschule. Mithilfe dieser Anlage haben wir Keimversuche im Zusammenhang mit den Mondphasen gestartet. Sie gehörten zu den ersten solchen Versuchen, die an tropischen Arten durchgeführt wurden.
Bei ‹Maesopsis eminii› schwankte die Höhe der Pflanzen vier Monate nach der Aussaat deutlich zwischen Aussaaten, die zwei Tage vor Vollmond und zwei Tage vor Neumond erfolgten.6 Außerdem haben wir bei Fabaceae (Hülsenfrüchtler) gegenphasige Schwankungen festgestellt, was auf artspezifische Biorhythmen hindeutet, nicht auf einen universellen Mechanismus.
Und Sie haben mir auch von neuen Entdeckungen erzählt?
Ja, ein Beispiel: Bei einer von mir betreuten Doktorarbeit zur Elektrophysiologie von Bäumen fanden wir heraus, dass die bioelektrischen Ströme je nach Gezeiten schwanken.
Gezeiten? Auch weit weg vom Meer?
Gravitationsgezeiten treten überall auf. Es gibt Ebbe und Flut im gleichen Rhythmus wie an der Küste, wo man sie sehen kann. Je nach Ort wird die Erdkruste um bis zu 40 Zentimeter hochgezogen und wieder zurückgelassen. Die Erde ist plastisch. Sie pulsiert wie ein Herz.
Bei einer Konferenz im Jahr 1995 in Montpellier stellte mir Francis Hallé, der bedeutendste zeitgenössische Tropenwaldforscher, der am 31. Dezember 2025 verstorben ist, zwei italienische Kollegen vor: Maria-Giulia Cantiani und Francesco Sorbetti-Guerri von der Universität Florenz. Sie beschrieben ‹zirkadiane Rhythmen›: Sie hatten Bäume in einem Gewächshaus unter ständiger Dunkelheit aufgestellt, ausgestattet mit Sensoren, die die Veränderungen des Stammdurchmessers auf den Hundertstelmillimeter genau messen. In der Dunkelheit verlängert sich der normale 24-Stunden-Rhythmus, der von der Sonne bestimmt wird, auf 25 Stunden. Das ist der Mondrhythmus der Gezeiten – doch die Forscher erwähnten dies in ihrer Veröffentlichung nicht.
Ich habe ihre Daten übernommen, um die Schwankungen im Stammdurchmesser mit den gravimetrischen Gezeiten zu vergleichen, die zur Zeit des Experiments in Florenz gemessen wurden. Die Korrelation war perfekt. Ein kurzer Artikel erschien im April 1998 in ‹Nature› – dank Francis Hallé.7
Dann haben Sie in der Schweiz untersucht, wie der Fälltermin im Verlauf des Mondzyklus die Holzqualität beeinflusst.
Ursprünglich waren es meine Kollegen, die Forstingenieure, die das wissen wollten. Sie fragten mich: «Die Älteren sagen immer, dass sich die Mondphase auf die Holzqualität auswirkt, aber wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen.» Daraufhin führten wir den bislang größten Versuch zum Einfluss der Mondphase beim Fälltermin auf die Holzeigenschaften durch. Den Versuch haben wir mit zwei Baumarten, Fichte und Edelkastanie, an vier Standorten in der Schweiz durchgeführt. Jeden Montag und Donnerstag um 10 Uhr fällten wir gleichzeitig drei zufällig ausgewählte Bäume pro Standort, nachdem wir zuvor eine ‹Nullzeit›-Probe zum Vergleich entnommen hatten. An 48 Terminen ergab die Analyse des synodischen Zyklus (Neumond, Vollmond, erstes und letztes Viertel) signifikante Ergebnisse: Die Mondphase zum Zeitpunkt der Fällung beeinflusst tatsächlich die Eigenschaften des Holzes.8
Wir hätten es dabei belassen können, aber ich dachte mir: Bei dieser Datenmenge sollten wir möglichst alle Fragen stellen. Erste Überprüfung: Spielt der Wochentag eine Rolle? Die Analyse ergab keinen signifikanten Unterschied zwischen den am Montag und den am Donnerstag gefällten Bäumen.
Da fiel mir ein, dass manche Traditionen auch von Sternbildern sprechen – damit hat sich Maria Thun9 intensiv beschäftigt. Dies entspricht dem siderischen Rhythmus des Mondes: seinem Lauf durch die zwölf Konstellationen der Astronomie.
Als wir diese Daten durch die statistische Mühle laufen ließen, ergaben sich noch beeindruckendere Boxplots als beim synodischen Rhythmus. Wir hatten die zwölf Sternbilder nach der griechischen Tradition, die auf Empedokles zurückgeht, in vier Gruppen eingeteilt – Feuer, Wasser, Erde, Luft. Ich war wirklich erstaunt über das Ausmaß der Signifikanz.
Die synodische Periodizität kommt vom Spiel des Dreiecks: Erde-Mond-Sonne. Der siderische Rhythmus hingegen ist unabhängig von der Sonne: Der Mond durchläuft auf seiner Umlaufbahn um die Erde die zwölf Sternbilder am Himmelsgewölbe. Der siderische Monat dauert 27,3 Tage, der synodische Monat hingegen 29,5 Tage. Zum siderischen Rhythmus gab es bisher praktisch keine Veröffentlichungen in Bezug auf Bäume. Dies ist nun wissenschaftlich belegt und peer-reviewed.10
Sie haben noch eine weitere historische Leistung vollbracht: Sie haben das Werk von Lili Kolisko rehabilitiert. Wie ist es dazu gekommen?
Eine Forschungsarbeit hatte mich besonders interessiert – und irritiert: die von Ernst Rohmeder, veröffentlicht im Jahr 1938.11 Er war Forscher an der Forstlichen Versuchsanstalt in München, einer staatlichen Einrichtung im Dritten Reich. Rohmeder wollte anhand der Arbeiten von Lili Kolisko12 gerade zeigen, dass die biodynamische Landwirtschaft keinen Bestand habe. Die Veröffentlichung von Ernst Rohmeder fand großes Echo, da sie angeblich wissenschaftlich fundiert war. Die Datenmenge war beträchtlich, mit einer Wiederholung über zwei Jahre.
Die statistische Auswertung war jedoch nicht korrekt. Als ich seine Veröffentlichung prüfte – da ich es gewohnt bin, Kurven aus chronobiologischer Sicht zu lesen –, fiel mir etwas auf. Er behauptete, es gäbe nichts zu sehen, aber ich sah etwas. Ich arbeitete mit einem renommierten Biometriker zusammen, Rodolphe Schlaepfer. Ausgehend von den Rohdaten, die Rohmeder veröffentlicht hatte, konnten wir durch Glättung und Standardisierung eine statistische Signifikanz nachweisen. Es gab nicht ‹nichts›, es gab tatsächlich ‹etwas›. So konnten wir die Arbeit von Lili Kolisko 76 Jahre später rehabilitieren.13
Die Wissenschaft und ihre Tabus
Im Vorwort zu Ihrem Buch ‹Arbres, entre visible et invisible› erwähnt Francis Hallé jene Konferenz von 1995, bei der Sie Ihre Forschungsergebnisse vor Wissenschaftlern vorstellten und einige Teilnehmende offenbar sehr beunruhigt über das Thema waren und dies auch deutlich zum Ausdruck brachten …
Francis Hallé verfügte über einen wahrhaft offenen Geist. Er war in allen Tropenwäldern der Welt vor Ort gewesen, hatte mit den Einheimischen gesprochen und wusste, dass der Mond in allen alten Kulturen eine zentrale Rolle spielt. Nach den Keimungsexperimenten in Afrika hatte er mich eingeladen, meine Ergebnisse in Montpellier – dem Mekka der Botanik – vorzustellen. Doch einige Wissenschaftler äußerten ihre Ablehnung auf recht unhöfliche Weise. Das war Francis Hallé sehr unangenehm, denn er wusste, dass es sich um ein ernstes Thema handelt. Ich ließ mich davon nicht beeindrucken, denn ich hatte die Standardmethoden angewandt, ich hatte veröffentlicht, ich war zuversichtlich. Wie er in seinem Vorwort schrieb: Nicht diejenigen, die man vermutete, waren die Obskurantisten.
Viele Menschen, die sich selbst als Wissenschaftler verstehen, reagieren noch heute spöttisch, wenn von einem Zusammenhang zwischen dem Sternensystem, dem Mond und der Erdbiosphäre die Rede ist.
Sie verpassen gerade den Zug. Derzeit geschieht etwas Interessantes: Es sind die wissenschaftlichen Zeitschriften, die mich kontaktieren und sagen: «Wir haben Ihre Veröffentlichungen zur Mondchronobiologie gesehen; wenn Sie etwas Neues auf diesem Gebiet haben, sind wir interessiert.» Sie sind es, die die Initiative ergreifen. Die Zeiten ändern sich!
Bei Ihrem Vortrag in Lausanne14 sagten Sie etwas, das mich beeindruckt hat: Der Zusammenhang von Natur, Mond und Sternen gilt oft als von der Wissenschaft widerlegt, ist aber eigentlich ein Tabu kirchlichen Ursprungs.
Im 6. Jahrhundert wurde die Rücksichtnahme auf die Sterne und den Mond – Aussaat, Ernte, Holzfällarbeiten, Hochzeiten – als heidnisch und damit ketzerisch bezeichnet. Dieses neue Dogma wurde auf Konzilen in Braga, Portugal, festgelegt. Von da an war es gefährlich geworden, dieses Wissen in den Gebieten unter direktem Einfluss der Kirche anzuwenden; es überlebte vor allem in den Tälern und Bergen, fernab kirchlicher Kontrolle. Doch die Wissenschaft entwickelte sich schließlich aus den Reihen der Kirche heraus, dank Mönchen, die lesen, schreiben und rechnen konnten.
Der Mond wurde also ausgeblendet – und mit ihm ein Aspekt des Weiblichen. Diese Traditionen wurden nämlich größtenteils von Frauen gepflegt und von Mutter zu Tochter weitergegeben. Wenn es ein Thema gibt, das das Weibliche betrifft, dann sind es wohl die Mondzyklen – auch wenn wir alle mondsensibel sind, schon allein wegen des Schlafs. Seit diesem Verbot haben wissenschaftliche Kreise, selbst nachdem sie sich von der Kirche gelöst hatten, vermutlich unbewusst weiterhin als selbstverständlich angesehen, dass der Mond keine Rolle spiele, und die Stirn gerunzelt, sobald er erwähnt wurde.
Somit hängt dies auch mit der Geschichte des Weiblichen in unserer Kultur zusammen.
Absolut. Die Hexenverfolgung und die Scheiterhaufen entspringen zum Teil derselben Logik. Und die Kirche hat diese Ausgrenzung nie ganz rückgängig gemacht. Hier wäre eine Aufarbeitung der Vergangenheit erforderlich.
Hin zu einer Erklärung: der vierte Aggregatzustand des Wassers
Kommen wir nun zu den Prozessen: Wie lassen sich diese Phänomene erklären? Wie sehen Sie das?
Wissenschaftliche Arbeit hat zwei Schritte: Erstens nachweisen, dass ein Phänomen real und objektiv messbar ist. Das haben wir bei Sämlingen mit Elektroden und beim Holzverhalten mit Experimenten und Statistik getan. Zweitens verstehen, was es verursacht. Dass uns dafür noch ein Modell fehlt, heißt nicht, dass das Phänomen nicht existiert. Die Phänomenologie nimmt die Realität an, wie sie sich zeigt.
Um zu erklären, warum Holz je nach Mondphase andere Eigenschaften annimmt, ist das von Gerald Pollack15 initiierte neue Wasserparadigma heute einer der vielversprechendsten Ansätze. Er hat eine Gemeinschaft von Forschern – aus Italien, Frankreich, Deutschland, Bulgarien, Russland, den USA und Australien – zusammengebracht und zuvor geächtete Forscher wie Jacques Benveniste zurück ins Blickfeld gerückt. Auch Luc Montagnier (Nobelpreisträger 2008) hatte sich diesem neuen Verständnis des Wassers angeschlossen.
Pollack veröffentlichte 2013 ‹Die vierte Phase des Wassers›. Darin zeigt er, dass Wasser einen besonderen Aggregatzustand annimmt, wenn es mit hydrophilen Membranen in Kontakt kommt – und wir bestehen vollständig aus hydrophilen Membranen, genau wie alle Pflanzen. Bei Kontakt mit solchen Oberflächen, auf einer Fläche von 300 bis 400 Mikrometern – fast einem halben Millimeter – nimmt das Wasser andere Eigenschaften an: veränderte Viskosität, Brechungsindex und elektrische Ladung.
Ist es das, was man den morphogenetischen Zustand des Wassers nennt?
Manche sagen das. ‹Morphogenetik› würde bedeuten, dass dieses Wasser die Genese von Formen im Lebendigen ermöglicht. Mit diesem neuen Paradigma lässt sich eine ganze Reihe von Eigenschaften erklären, die der Mensch in seiner Arroganz als ‹Anomalien des Wassers› bezeichnete. Wasser ist nicht abnormal: Wir verstehen es einfach noch nicht.
Und inwiefern hängt das mit den Mondphasen zusammen?
Der Aggregatzustand der Wassermoleküle – die niemals einzeln, sondern immer in Clustern vorkommen – würde sich entsprechend diesen Rhythmen ändern. Hier kommt Gerhard Dorda16 ins Spiel, Mitentdecker des Quanten-Hall-Effekts17, der aufzeigt, dass die elektrische Leitfähigkeit bestimmter Stoffe stufenweise und nicht zufällig variiert. Dorda schlug daher zusätzlich zu einer Quantisierung der Gravitation eine Quantisierung der Zeit vor – die Idee einer ‹granularen› Zeit. Auf dieser Grundlage entwickelte er ein Modell der universellen Gravitation, welches die Bewegung der Himmelskörper einbezieht: Sich bewegende Massen würden den Aggregatzustand von Wasser und damit dessen Eigenschaften verändern. Zur Untermauerung dieses Modells verwendete er die Grafik aus unserer Veröffentlichung in ‹Nature›.
So beginnen wir zu vermuten, dass das Holz von mehr oder weniger gebundenem Wasser durchdrungen ist. Je nach den Bedingungen und den Mondzyklen handelt es sich dabei entweder um große Wasseransammlungen, die schwer zu entfernen sind, oder um kleinere Ansammlungen, die sich leichter lösen lassen.
Was den Mond angeht, gut. Aber wenn es um die Konstellationen des Tierkreises geht, ist das eine andere Dimension.
Ich befinde mich hier noch im Stadium der Hypothesen. Wie lassen sich der synodische Rhythmus – Mond, Erde und Sonne mit ihren Gravitationswirkungen – und der siderische Rhythmus, bei dem die Konstellationen keine wahrnehmbare Gravitation ausüben, in einem einzigen Modell vereinen?
Ich bin auf einen Beitrag eines Geophysikers gestoßen, der die geomagnetische Aktivität der Erde im Zusammenhang mit dem Mondzyklus und dem Vorüberziehen des Mondes vor der Sonne untersucht hat. Es ist bekannt, dass die Sonnenaktivität, die in einem elfjährigen Rhythmus variiert, die geomagnetische Aktivität der Erde beeinflusst – kurz gesagt: Die Erde zuckt, wenn die Sonne brodelt. Der Autor berichtet, dass dieser Effekt abnimmt, wenn der Mond vor der Sonne vorbeizieht: Es gebe also einen Abschirmungseffekt des Mondes.
Seine Beobachtung ist erstaunlich: Der Abschirmungseffekt setze bereits 15 Grad vor der Konjunktion von Mond und Sonne ein und dauere noch 15 Grad danach an, also über eine Gesamtbreite von 30 Grad. Nun entsprechen 30 Grad einem Zwölftel von 360 Grad – also der durchschnittlichen Breite eines Tierkreissternbilds.
Davon ausgehend lautet meine Arbeitshypothese, dass der Mond ständig abschirmend wirkt: zunächst vor der Sonne – in der Neumondphase – und allem, was sich hinter ihr befindet, dann nacheinander gegenüber allem, was sich hinter ihm befindet, jeweils über eine Breite von 30 Grad. Nicht die Konstellation würde also wirken, sondern sie würde während des Monddurchgangs ‹aufhören›, wirksam zu sein. Soweit ich weiß, hat noch niemand diesen Ansatz untersucht. Ich beabsichtige, ihn in meiner nächsten Publikation vorzuschlagen.
Die Biosphäre – das Lebendige neu denken
Bei Ihrem Vortrag in Lausanne haben Sie sich recht deutlich zur Abiogenese geäußert, also zu der Vorstellung, dass Leben aus unbelebter Materie entstanden sei. Wie Wernadski18 begegnen Sie dieser Hypothese mit großer Skepsis.
Woher kommt das Leben? Für mich ist das eigentlich eine falsche Frage. Das Leben hat keinen Ursprung: Das Leben ‹ist› der Ursprung. Das ist mir bei meiner Arbeit mit Bäumen klar geworden, und ich habe diese Erkenntnis bei Pierre Feschotte19 in seinem Buch ‹Les mirages de la science› wiedergefunden. Anstatt die falsche Frage ‹Woher kommt das Leben?› zu stellen, wäre es viel fruchtbarer, sich zu fragen, woher der Tod kommt. Da sind wir Experten.
Nehmen wir einen Baum: Am Anfang, im keimenden Samen, gibt es nur Leben. Erst wenn der Baum wächst, setzt der Tod ein. Das Kambium bildet außen Rinde und Bast, innen Holz. Im Inneren sterben Zellen ab, bis der Stammkern schließlich aus totem Holz besteht. Leblose Materie entsteht somit aus lebender organischer Materie – nicht umgekehrt. Wird der Baum älter und höhlt sich aus, entsteht in seinem Inneren sogar Erde: Im verrottenden Holz eines hohlen Stamms können Samen keimen; manchmal treiben darin neue Wurzeln. Der Tod ist ein ‹Nebenprodukt› des Lebens: Erst allmählich lernt das Leben, mit ihm umzugehen. So kann der Baum jahrtausendealt werden, indem er sich auf lebloser, aber fester Substanz aufbaut, die er selbst hervorbringt und überwindet – ein irdischer Auswuchs, der sich im Inneren seine eigene Erde schafft.
Wernadski ist der Ansicht, dass das Herzstück der Biosphäre die Sonne ist. Wenn die Sonne der eigentliche Mittelpunkt des Lebens ist, dann ist sie ein Lebewesen – und alle Sterne wären ebenfalls Lebewesen. Wie sehen Sie das?
Um zu begreifen, wie sehr die Sonne lebt, genügt es, die zeitliche Perspektive einzunehmen. Das System Erde-Mond-Sonne pulsiert wie ein Herz. Und eines der wesentlichen Merkmale des Lebendigen – so hat es Rudolf Steiner formuliert – ist gerade dieses Pulsieren: Alles, was lebt, pulsiert. Wenn man das einmal verstanden hat, betrachtet man die Dinge anders und fragt: Pulsiert es oder nicht? Die Sonne pulsiert. Man kann nicht überprüfen, ob es auf der Sonne Bakterien gibt – und es gibt sicherlich keine –, aber eines der wichtigsten Merkmale des Lebendigen, das Pulsieren, ist durchaus vorhanden.
Übrigens zeigte der französische Mathematiker Jean-Marie Souriau20 1989 am Genfer Observatorium etwas Bemerkenswertes: Aus den Umlaufzeiten von Erde und Venus ergibt sich ein Verhältnis nahe dem Goldenen Schnitt. Führt man die Folge als Fibonacci-Reihe fort, erscheinen die Umlaufzeiten der übrigen Planeten; geht man weiter nach innen, gelangt man zu einem Wert nahe 30 Tagen. Die Sonne rotiert im Schnitt in 25 bis 30 Tagen und stößt dabei den Sonnenwind spiralförmig aus.
Könnte man also sagen, dass das Leben aus den Sternen kommt?
Wir sollten das Leben nicht als von einem Punkt ausgehend betrachten, sondern vielmehr in Verbindung mit der unermesslichen Kuppel der Konstellationen und allem, was sie umfasst. Ein großer Botaniker sagte einmal: «Die Pflanzen bilden die Zellen, und nicht die Zellen die Pflanzen.» Vielleicht sollten wir dann analog dazu sagen: «Das Leben ist Ursprung der Sterne, und nicht die Sterne Ursprung des Lebens.»
Die ‹Sylvosphäre› – der Wald als Superorganismus
Für Sie: Welche Rolle spielen Bäume im weiteren Sinne für den Menschen und für die Erde?
Entscheidend ist immer, wie wir die Dinge denken – das ist auch der Kern der von Steiner aufgegriffenen goetheschen Erkenntnistheorie. Was man sieht, ist richtig, aber man kann es richtig oder falsch denken. Wenn man an Bäume denkt, denkt man meist an einzelne Bäume. Ein Baum kann jedoch zugleich Organismus und Organ sein. Er ist ein Organismus, wenn er zum Beispiel allein auf einem Hügel thront, mit seinen Wurzeln, die ihn im Boden verankern. Lässt man diesen Baum jedoch sich frei entwickeln, wird er sehr schnell von anderen begleitet: Vögel bringen Samen, der Wind bringt ebenfalls welche, und andere Bäume wachsen neben ihm heran. Mit ihnen bildet er schließlich eine Gemeinschaft – und diese Gemeinschaft wird zu einem Wald. Dort wird der Baum zum Organ dieses Waldes.
Und man muss genauer sein: Nicht der einzelne Baum ist das Organ, sondern seine Art innerhalb dieses Ganzen. Die Eiche ist ein Organ des Eichenwaldes, der jedoch auch andere Baumarten umfasst – reine Waldbestände gibt es in der Natur so gut wie nie.
Das letzte Buch, an dem ich gerade schreibe, widmet sich dem, was ich die ‹Sylvosphäre› nenne. Es ist ein neues Konzept, das verständlich machen soll, wie der Wald eine Hülle, ein Inneres bildet. Der einzelne Baum – sofern er nicht über eine große, frei entfaltete Krone verfügt – besitzt kein eigentliches Inneres: Sein Stamm ist massiv, er besteht aus Holz. Der Wald hingegen ist ein Metaorganismus – ein Superorganismus oder Holobiont –, der aus Bäumen besteht, die sein Inneres durch das Baumkronendach und den Waldrand schützen. Das Innere des Waldes hat seine eigene Atmosphäre, seine eigene Hydrologie, seine eigene Bodenbildung, seine eigene elektrische Ladung der Luft und seinen eigenen Geruch im Lauf der Jahreszeiten. Und dieses Innere – vor allem seine Feuchtigkeit – muss geschützt werden.
So gelangen wir von der rein pflanzlichen Welt, die nur aus Oberfläche besteht, zu etwas, das zwischen Pflanze und Tier liegt: zu etwas, das ein Inneres besitzt – so wie die Blume ein Inneres hat, das sich dem zur Befruchtung kommenden Insekt öffnet. Die Blütenknospe bildet eine Hülle; der Wald tut dies im größeren Maßstab.
Meine Idee ist also, dass der Wald ein Superorganismus mit drei Komponenten ist: Flora, Fauna und Pilze (in Form von Mykorrhizen), zugleich oberirdisch und unterirdisch. Die Fauna ist der mobile Teil davon: Die Tiere sind die Sinnesorgane des Waldes. Der Wald schickt Botschafter sogar auf andere Kontinente: Zugvögel fliegen nach Afrika und kehren zurück.
Von einem Wald zum anderen.
Von einem Wald zum anderen, von einem Kontinent zum anderen: Über die Flüsse kommunizieren die Wälder auch mit den Ozeanen. Lachse schwimmen zum Laichen flussaufwärts und versorgen den Wald mit Phosphor und Stickstoff aus dem Ozean. Für die Wälder des nordwestlichen Pazifiks, in denen die lachsliebenden Bären leben, wurde festgestellt, dass bis zu 20 Prozent des Blattstickstoffs der Bäume am Flussufer, in einem Streifen von 500 Metern beiderseits des Flusses, aus dem Ozean stammen. Der Wald steht also im Dialog mit dem Ozean ebenso wie mit den anderen Kontinenten – er ist ein Organismus, der weitreichender kommuniziert, als man sich vorstellt.
Der ‹Verbindungsbaum› – ein neuer Pakt
Hätten Sie noch eine letzte Botschaft über Bäume zu vermitteln?
Wählen Sie Ihren Baum. Es gibt sie überall. Am interessantesten sind nicht diejenigen, die Leistung zeigen, sondern diejenigen, die Widerstandsfähigkeit, Resilienz und Ausdauer beweisen. Das sind Bäume, die nicht unbedingt besonders schön sind, bei denen man sich aber wirklich erholen kann – Bäume, die uns etwas lehren, weil sie Prüfungen überwunden haben. Die Bäume hingegen, die einfach nur schön sind und nach technologischen Maßstäben perfektes Holz liefern, sind meiner Meinung nach weniger interessant.
Zu diesem Thema gibt es ein schönes Projekt, das derzeit ausgearbeitet wird und den Namen L’Arbre lien (Der Verbindungsbaum) trägt. Dabei sollen Bäume in den Wäldern – einer pro Hektar – oder auch außerhalb der Wälder ausgewählt werden, die von Menschen besucht werden. Rund um diese Bäume schließt der Förster einen Pakt mit den Besucherinnen und Besuchern, die hierherkommen, um neue Kraft zu tanken: Diese Bäume werden niemals gefällt. Sie sind in der Regel kommerziell uninteressant, aber in anderer Hinsicht wertvoll. Zusammen mit ihrer Fauna werden sie zu Bestandteilen eines ‹Urwalds›, der nie vom Menschen abgeholzt wird, und können dank des menschlichen Schutzes vielleicht mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt werden. Auf diese Weise kann sich eine neue Beziehung zur Natur entwickeln.
Vielen Dank. Das war hochinteressant!
Das Gespräch wurde auf Französisch geführt.
Fußnoten
- Ernst Zürcher, Die Bäume und das Unsichtbare. Erstaunliche Erkenntnisse aus der Forschung. Aus dem Französischen übersetzt von Silke Huber. AT-Verlag, 3. Auflage, Aarau/München 2020, 240 S. ISBN 978-3-03800-925-2.
- E. Zürcher, Planter un arbre. Et créer une forêt. Illustrations de Caroline Attia, Actes Sud, coll. ‹Je passe à l’acte›, Arles, 13 octobre 2021, 64 S. ISBN 978-2-330-14747-1. (Bisher nicht auf Deutsch erschienen.)
- E. Zürcher, À l’écoute de la forêt. Illustré en couleurs, Éditions Favre, Lausanne, 13 novembre 2021, 104 S. ISBN 978-2-8289-1956-6. (Bisher nicht auf Deutsch erschienen.)
- E. Zürcher, Le Pouls de la Terre. La Salamandre, coll. ‹Marcher avec›, Neuchâtel, 12 avril 2023, 144 S. ISBN 978-2-88958-431-4. (Bisher nicht auf Deutsch erschienen.)
- E. Zürcher, Paroles d’arbres. Presses universitaires de France (PUF), coll. ‹Nouvelles Terres›, Paris, 13 septembre 2023, 160 S. ISBN 978-2-13-085608-5. (Bisher nicht auf Deutsch erschienen.)
- E. Zürcher, Rhythmicities in the Germination and Initial Growth of a Tropical Forest Tree Species. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen/Journal forestier suisse, 143(12), 1992, S. 951–966.
- E. Zürcher, M.-G. Cantiani, F. Sorbetti-Guerri u. D. Michel, Tree stem diameters fluctuate with tide. Nature, 392(6677), 1998, S. 665–666. Veröffentlicht am 16. April 1998. DOI: 10.1038/33570.
- E. Zürcher, R. Schlaepfer, M. Conedera u. F. Giudici, Looking for differences in wood properties as a function of the felling date: lunar phase-correlated variations in the drying behavior of Norway Spruce (‹Picea abies› Karst.) and Sweet Chestnut (‹Castanea sativa› Mill.). Trees – Structure and Function, 24(1), 2010, S. 31–41. DOI: 10.1007/s00468-009-0376-2.
- Maria Thun (1922–2012), Forscherin im Bereich der biodynamischen Landwirtschaft, Begründerin des biodynamischen Aussaatkalenders ab 1956.
- E. Zürcher, C. Rogenmoser, A. Soleimany Kartalaei u. D. Rambert, Reversible Variations in Some Wood Properties of Norway Spruce (‹Picea abies› Karst.), Depending on the Tree Felling Date. Kapitel in: Spruce: Ecology, Management and Conservation (K. I. Nowak u. H. F. Strybel, Hrsg.), Nova Science Publishers, Hauppauge, New York 2012, S. 75–94.
- E. Rohmeder, Der Einfluss der Mondphasen auf die Keimung und erste Jugendentwicklung der Fichte. (Zugleich Auswertung wiederholter Keimversuche mit gealtertem Fichtensamen). Forstwissenschaftliches Centralblatt, Verlag Paul Parey, 60. Jahrgang, Heft 19/20, Berlin, Oktober 1938, S. 593–603 und 634–646. DOI: 10.1007/BF01768007 (1. Teil) und 10.1007/BF01771852 (2. Teil).
- L. Kolisko, Der Mond und das Pflanzenwachstum. In: G. Wachsmuth (Hrsg.), Gäa-Sophia – Jahrbuch der Naturwissenschaftlichen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, Band II, Dornach 1927, Orient-Occident-Verlag, Stuttgart/Den Haag/London, S. 358 ff.
- E. Zürcher, R. Schlaepfer, Lunar Rhythmicities in the Biology of Trees, Especially in the Germination of European Spruce (‹Picea abies› Karst.): A New Statistical Analysis of Previously Published Data. Journal of Plant Studies, 3(1), 2014, S. 103–113. – Artikel, in dem die Autoren die Rohmeder-Daten rehabilitieren, indem sie deren statistische Signifikanz hervorheben, und der auch an die ‹Maesopsis›-Daten erinnert.
- Vortrag mit Diskussion am 29. März 2025 im Maison du Peuple in Lausanne, organisiert von Martin Bernard und der Schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft anlässlich des 100. Todestages von Rudolf Steiner.
- Gerald Pollack, Professor für Bioingenieurwesen an der University of Washington.
- Gerhard Dorda, deutscher Physiker.
- Nobelpreis für Physik 1985, verliehen an Klaus von Klitzing für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts, an der Gerhard Dorda als Mitautor beteiligt war.
- Wladimir Wernadski (1863–1945), russischer Geochemiker, Autor des 1926 erschienenen Werks ‹Die Biosphäre›.
- Pierre Feschotte, Schweizer Chemiker.
- Jean-Marie Souriau (1922–2012), französischer Mathematiker, Pionier der symplektischen Geometrie.

