Vom Kindergarten des Kindergartens

Zu Nana Göbels Buch ‹99 und 1 Pionierinnen der Waldorfkindergartenbewegung 1924–2026›.


Als ich vor längerer Zeit von Nana Göbel hörte, dass sie sich entschieden hat, an einem Buch über die Pionierinnen der Waldorfkindergartenbewegung zu arbeiten, habe ich mich sehr gefreut, denn schon damals war mir klar, dass dieses Buch sehr wichtig werden kann und ich keine andere Person kenne, der ich eine solche Arbeit in relativ kurzer Zeit zutrauen würde. Denn Nana Göbel hat mit ihrem Werk ‹Die Waldorfschule und ihre Menschen. Weltweit. Geschichte und Geschichten 1919 bis 2019› schon 2019 gezeigt, wie einfühlsam sie mit dem Engagement und Enthusiasmus der Menschen auf allen Kontinenten und den dortigen Lebensbedingungen berührende Geschichten erzählen kann. Mit dem vorliegenden Buch konnte sie auf die Erfahrungen aus der Forschung für das weit umfangreichere Werk zur Schulbewegung zurückgreifen, denn viele Gründungen sind in einem gemeinsamen Engagement für Kindergarten und Schule erfolgt. Einige Schulgründungen gingen aus dem Wunsch der Kindergarteneltern hervor.

Die erste Gründung in Großbritannien – die ‹New School› im Süden Londons am 20.1.1925 – entstand aus dem gemeinsamen Impuls von vier Frauen. Während der letzten großen Tagung für Lehrerinnen und Lehrer und für die dortige Anthroposophische Gesellschaft in Torquay fanden Gespräche mit Rudolf Steiner zur Schul- und Kindergartengründung statt, und schließlich übernahm Dorothee Martin dort den Kindergarten. Nun liegt also auch diese unglaublich umfangreiche Arbeit, verdichtet auf 430 Seiten, vor. Nana Göbel hat sich schließlich entschieden, in diesem Buch zu 100 Jahren Waldorfkindergartenbewegung auch 100 Menschen explizit in ihrer Arbeit zu würdigen, obwohl noch viele weitere Menschen auch hier hätten erscheinen können. Bei vielen der Menschen war es unmöglich, Aufzeichnungen oder Spuren, wie zum Beispiel Fotos, aufzufinden.

Das Buch scheint mir auch oder gerade heute für die Kindergärten wichtig zu sein. Denn die hier erzählten Erfolgsgeschichten der Gründung, oft unter unglaublichen äußeren Schwierigkeiten, wie Raum- und Finanznöten, und Eltern, die erst einmal überzeugt werden mussten, dass hier eine förderliche Entwicklungsumgebung für ihre Kinder ermöglicht wird, machen Mut, auch heute den Einsatz und Enthusiasmus für diese wunderbare Arbeit mit Kindern zu ermöglichen. Oft war der Enthusiasmus der Gründerinnen durch eine verhältnismäßig kurze Begegnung mit den Gedanken der Waldorfpädagogik entstanden, aber er trug diese Menschen ihr Leben lang.

Dazu kommt, dass es gerade in der Anfangszeit, also noch vor dem Zweiten Weltkrieg, aber noch bis in die 70er- oder 80er-Jahre auffallend ist, wie viele Künstlerinnen, insbesondere auch Eurythmistinnen, einen Berufswechsel vornahmen und sich voll in die Arbeit mit den Kindern hineingaben, die dann von dem künstlerischen Ansatz auf allen Gebieten profitieren konnten. Auch heute scheint mir neben allen etablierten Abläufen im Kindergarten gerade ein künstlerischer Ansatz für die Arbeit mit den Kindern wichtig, gerade weil gesellschaftlich so stark auf die kognitive Bildung im ersten Jahrsiebt geschaut wird.

Weiterhin fällt beim Lesen auf, wie viele Impulse für Kindergartengründungen durch die Vertreibung und die Flucht von mutigen Frauen in die Welt getragen wurden, die unter dem Regime im Nazideutschland in Europa keine Wirkungsmöglichkeit fanden. Es entsteht beim Lesen dieser von Nana Göbel knapp gehaltenen und mit Fotos ergänzten Einzelgeschichten eine hohe Ehrfurcht vor dem liebevollen Einsatz der Pionierinnen, die die große Idee einer altersgemäßen Pädagogik in der frühen Kindheit oft mit wenig Unterstützung aus der Umgebung, aber inspiriert von den von Steiner gegebenen Hinweisen und ihrem Blick auf Kinder und Eltern entwickelt haben.

Durch diese Geschichten kann ein Bewusstsein dafür entstehen, auf welchen Füßen oder auf welchem gut gegründeten Fundament die Waldorfpädagogik im Kindergartenalter steht. Es ist das Fundament, das jeder Mensch in sich schaffen kann durch die Liebe zu den Kindern und ihrer Entwicklung, durch die Inspirationen aus der Entwicklungspsychologie der Waldorfpädagogik, den Enthusiasmus für die Aufgabe als solche und durch einen künstlerischen Ansatz im pädagogischen Alltag. «Daher gibt es für den, der in die geistigen Geheimnisse eingeweiht ist, eigentlich nichts Reizvolleres, als das Kind zu beobachten. Man lernt ja, wenn man das Kind beobachtet, nicht die Erde, man lernt den Himmel kennen.» (Rudolf Steiner, Torquay, 12.8.1924)


Buch Nana Göbel: 99 und 1 Pionierinnen der Waldorfkindergartenbewegung 1924–2026. Verlag am Goetheanum, Dornach 2026

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