Die Lebensgeschichte eines Baumes ist in sein Inneres eingeschrieben. Jedes Jahr legt sich eine neue Schicht von Zellen um den hölzernen Kern und versorgt den Baum mit Wasser und Nahrung, bevor auch diese Schicht, sich verhärtend, die Schicht des kommenden Jahres stützen wird. Die Dicke und die Farbe jeder Schichtung erzählt eine Geschichte von Wetter und Umständen. War es windig, nass, besonders heiß in jenem Jahr? Gab es Feuer? Eine Trockenheit? Alles, was geschehen ist, ist eingeschrieben im Holz, sofern man es lesen kann. Und all das ist umgeben von einer ganz anderen Sustanz: der Rinde. Zwischen Holz und Rinde scheint nichts zu sein. Nur eine Demarkationslinie, feiner als ein Haar. Das aber ist die einzige Stelle, die lebt und wächst – Holz und Rinde nicht. Man nennt es das Kambium, und es ist nur so dick wie eine Zelle. Die Kambiumzellen sind nicht differenziert. Sie sind weder Holzzellen noch Rindenzellen, aber sie werden sich schlussendlich zu beiden entwickeln. Während diese kaum wahrnehmbare lebendige Schicht dem Kosmos lauscht, pulsiert sie im Rhythmus der Jahreszeiten und Sterne, teilt sich und stirbt, um zur wassertragenden Kraft oder zum schützenden Ring zu werden. Wieder und wieder, Jahr um Jahr. Kontinuierlich fällt der Tod aus dem Leben.
Beim Wandern durch den Redwood Forest in der Nähe meines Hauses stoße ich auf einen Baumkreis. Ich bemerke es erst, als ich auf dem Boden liege und nach oben schaue: Die schlanken Baumspitzen rahmen ein perfekt rundes Stück blauen Himmels. Dann weiß ich: Ich liege, wo einst ein riesiger Mammutbaum stand. Wenn ein alter Baum umstürzt oder gefällt wird, sprießen seine Kinder um den verrottenden Stumpf. Kontinuierlich ersteht Leben aus dem Tod. Von den Bäumen habe ich gelernt, dass der Tod kein Ende ist, sondern nur eine Aufforderung, zu entdecken, dass es kein Ende gibt.
Bild Baumharz, Foto: Laura Liska


