Neu hinschauen

Zum Buch von Caroline Chanter und Georg Müller: ‹Der Menschheitsrepräsentant. Die Holzplastik Rudolf Steiners zeichnend erleben›.


Beim gemeinsamen Betrachten im Ausstellungsraum können die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen auf die große Holzskulptur aufeinandertreffen. Die Skulptur scheint die Eigenschaft zu haben, den einzelnen Betrachtenden nur Bruchstücke zu offenbaren, die sich lange nicht zu einem echten Gesamtbild zusammenfügen wollen. Dies schließt nicht aus, dass man zuweilen tief von den sich durch das Kunstwerk offenbarenden Wesen berührt sein kann. Man betritt mit jedem Wesen eine ganz eigene Welt. Diese Wechsel der Welten machen die Betrachtung des Kunstwerkes als Ganzes anspruchsvoll. Dass bis zu sieben verschiedene Persönlichkeiten daran gearbeitet hatten, ohne dass Zeit zu einer Überarbeitung durch Rudolf Steiner blieb, macht die Sache nicht einfacher. Manches ist weit fortgeschritten, anderes erst verleimt, dazwischen gibt es viele Stufen der Bearbeitung.

Nun ist es eindrucksvoll, in dem Buch von Caroline Chanter und Georg Müller zu sehen, wie das Zeichnen oder das zeichnende Wahrnehmen zum Werkzeug werden kann, um die Komplexität des Werkes Schritt für Schritt zu erschließen. Die Autorin und der Autor haben die Fähigkeit, die unterschiedlichsten Wege nicht nur zuzulassen, sondern direkt dazu zu ermutigen. In diesem Sinne ist das Buch eine Fundgrube voller Anregungen, nicht nur für das Zeichnen der Holzplastik im Goetheanum, sondern für die Vielfalt der Wahrnehmungsmöglichkeiten im Umgang mit einem Kunstwerk überhaupt. Durch das Zeichnen wird der Blick verlangsamt und zur Gründlichkeit angehalten – so entsteht eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung. Davon gibt das Buch einen reichen und bereichernden Eindruck, ganz ohne den hinderlichen Anspruch, perfekte Zeichnungen liefern zu wollen. So bleibt der Blick auf den jeweils individuellen Ansatz vieler Zeichnender erhalten. Auch der Mut zur Skizze, zur zeichnenden Frage, bekommt seinen Raum. Darüber hinaus enthält der Band eine Anzahl seltener und wertvoller Fotos, die wiederum Anregung zu eigenem Studium und zum Zeichnen sein können.

Im Buch wird darauf hingewiesen, dass das vermeintlich Bekannte immer wieder ganz Neues und Überraschendes ans Tageslicht bringen kann, wenn man bereit ist, neu hinzuschauen. Eine Einladung, die wir gern annehmen. Für mich ist das Buch vor allem eins: eine überaus kraftvolle Anregung, immer wieder von vorn zu beginnen und (mit dem Zeichenstift in der Hand) ganz neu hinzusehen – und zu staunen.

Letzte Kommentare