Steffen Hartmann hat ‹Der Ruf des Montecorvo› neu herausgegeben. Das Drama von Paolo Gentilli klingt mit Rudolf Steiners 100. Todestag zusammen.
Der Autor Paolo Gentilli – genialer Ingenieur sowie geschätzter Vortragsredner und Essayist – war ein Schüler Rudolf Steiners (seit 1921), ein Freund von Albert Steffen, Carl Unger, Günther Wachsmuth und nach dem Zweiten Weltkrieg Delegierter am Goetheanum für die Anthroposophische Gesellschaft in Italien. Wie Karl-Heinz Dewitz Steffen Hartmann berichtete (S. 165), wollte Gentilli das Drama als Wiedergutmachung des Ausschlusses von Ita Wegman, Elisabeth Vreede und vielen anderen aus der Anthroposophischen Gesellschaft schreiben. Er hatte diesen Ausschluss 1935 unterstützt. Das Drama entstand – der Entschluss dazu war, so Gentilli, «wie ein Blitz im Augenblick einer großen Freude» (S. 17) – 1943, im Jahr, in dem nicht nur der Krieg eine entscheidende Wendung erlebte, sondern auch Wegman und Vreede wenige Monate hintereinander starben. 1944 wurde es von Hugo Reimann ins Deutsche übersetzt. Es erschien 1945 (deutsch) in Basel, 1947 (italienisch) in Mailand. Interessanterweise fand seine von Gottfried Richter initiierte Uraufführung am 28. Oktober 1962 in Ulm statt, also (bewusst gewollt?) haargenau 40 Jahre nach dem Marsch auf Rom (27.–31. Oktober 1922), durch den Mussolini die Macht ergriff.
Geistig noch dichter als sein historischer Hintergrund, doch ihn schöpferisch widerspiegelnd, ist sein Inhalt: die Dynamiken, die das schnelle Wiederkommen der am engsten mit der anthroposophischen Bewegung verbundenen Menschen betreffen – ein Wiederkommen, auf das Rudolf Steiner zum Beispiel am 3. August 1924 in Dornach (GA 237) hinwies (Michael-Prophetie: vgl. S. Hartmann, Die Michael-Prophetie Rudolf Steiners, 4. erw. Aufl., Hamburg 2026). War Gentilli, der sich häufig in Dornach aufhielt, an diesem Tag persönlich anwesend? Dies könnte die sehr mutige Wahl erklären, dieses höchst brisante Thema zum ersten Mal nach Steiners Tod nicht nur ausführlich zu ergreifen, sondern sogar als Kern eines öffentlich aufzuführenden Werks vorzusehen.
Es ist nicht Aufgabe einer knappen Besprechung, die Handlung zu referieren, denn diese öffnet so vielfältige, im prägnantesten Sinne überraschende Horizonte, dass eine kurze Darstellung ihnen nur Unrecht tun kann, ihnen das fruchtbar Überraschende entziehend. Obwohl Gentilli kein Dichter war, war er nämlich ein echter, ichhaft operativer Wahrnehmer und Gestalter geistiger Dynamiken, dem es hier gelingt, trotz aller literarischen Grenzen eine insbesondere heute tief zu schätzende Aufgabe zu erfüllen. Er schafft es, allen Menschen, auch denjenigen, die keine Beziehung zur Anthroposophie haben, Folgendes zur Verfügung zu stellen: Erstens eine elementare, in unserer Gegenwart höchst aktuelle Einführung in die suggestiven grau- bis schwarzmagischen Strategien der kollektivierenden Machtentfaltung aller Couleur, die durch Missbrauch geistiger Kräfte entwickelt werden können. Zweitens charakterisiert er eine zeitgemäße Spiritualität, die jenseits aller Organisation, Zertifikate und Diplome auf dem Prinzip ‹Sagen Sie immer die Wahrheit› fußend, nur an das Wahrheitsempfinden und Gewissen des Ich appelliert. Sie ist aus Liebe zum Menschen frei von aller äußeren Autorität und will jeden einzelnen Menschen bewusster und aufgeweckter machen (S. 116). So kann der Kampf für Freiheit und Würde durch stimmige soziale Dynamiken gewonnen werden (S. 117). Drittens zeigt er das unerschütterliche Vertrauen in die unbesiegbare Stärke des wachen Ich-Bewusstseins, die vom Arzt Alberti verkörpert wird. Es wäre übrigens ein Missverständnis von Gentillis Intentionen, nicht diesen einzelnen, stets allein durch die friedvolle Kraft des Gesprächs von Ich zu Ich wirken wollenden Menschen, das heißt Alberti, als die entscheidende Gestalt im Drama zu betrachten. Die im edelsten Geist geführte – an den Kshatriya Arjuna der Bhagavadgita erinnernde – kriegerische Aktion des Montecorvo ist, anders gesagt, nicht der eigentliche Schlüssel des Dramas. Dank der ruhigen Stärke von Albertis Ich werden nämlich die vom schwarzen Großmeister gegen Alberti gerufenen Dämonen den Großmeister selbst angreifen, ungewollt die Schwelle für eine menschenwürdige Entwicklung öffnend.
Dieses Drama ist nicht Frucht subjektiver Fiktionslust. Obwohl es sich auf keine Personen und Tatsachen der neueren Geschichte sowie auf keine geheimen Orden, Gesellschaften, Brüderschaften bezieht, «von denen bereits in Büchern oder Zeitungen gesprochen sein kann» (S. 17), inszeniert es durch exakte Fantasie und Kompetenz die zwei geistigen Strömungen, die dem Menschen gegenüber gegenseitige Intentionen verfolgen: diejenige, die die Menschen nur als Herde betrachtet, die kollektivistisch «geführt und gefüttert» werden muss (S. 116), und diejenige, die die Menschen stets zum Bewusstsein der mit dem Ich verbundenen Freiheit und Würde anregen will. Im Jahr, in dem Ita Wegmans 150. Geburtstag gefeiert wird, sei der Wunsch erlaubt, dass dieses unbesiegbar heilende Bewusstsein sich immer mehr, auch durch die Lektüre dieses Dramas, offenbaren wird.
Buch Paolo Gentilli: Der Ruf des Montecorvo Drama, neu herausgegeben von Steffen Hartmann, Edition Widar, Hamburg 2025

