Ist der Satz «Ich kann nicht» Wirklichkeit oder eine Vorstellung, die lähmt? Wer den Widerstand als etwas Eigenes erkennt, findet Schritt für Schritt ins Können, getragen von Sinn und von der Kraft der Freude.
Eine Äußerung, die wir oft angesichts einer herausfordernden Aufgabe aus unserem seelischen Begrenztsein heraus zu machen pflegen, ist: «Ich kann nicht!» Untersucht man die Situation, in der diese Worte gesprochen werden, stellt man fest, dass sie sich nicht auf die Wirklichkeit beziehen, sondern auf eine Vorstellung: «Ich kann nicht laufen, ich habe ein Bein verloren!» Aber dann holt einen die Wirklichkeit ein: Man nimmt zwei Stöcke oder schnallt sich ein Holzbein an oder noch besser eine moderne Prothese, und siehe da: «Ich kann laufen!» Die erste Äußerung bezieht sich nur auf die momentane Ausgangslage, nicht auf das Leben, sie ist nur die Anregung zu einer Handlung, die uns in irgendeiner Weise weiterführt. Auch ein Mensch ohne Arme kann etwas Sinnvolles tun – zum Beispiel ein schönes Bild malen, das jemandem Freude macht. Auch wenn äußere Hindernisse vorliegen, gibt es unzählige Möglichkeiten, den tief in uns liegenden Impuls zum Leben zum Ausdruck zu bringen, sei er auch noch so klein. Jedes Wesen strebt auf seine Weise fort, denn Entwicklung ist gleichsam das Urwesen der Schöpfung; es ist die Bewegung des Potenziellen zum Wirklichen, das heißt von dem, was als Anlage in den Wesen liegt, zu seiner Entfaltung – die Wesen ent-wickeln sich gleichsam, ‹wickeln sich aus›. Leben ist Selbstverwirklichung. Durch alle Sphären des Seins geht der Jubelruf: «Ich werde – ich kann!» Und damit ist etwas Bedeutsames verbunden, das oft nicht durchschaut wird.
Der Widerstand ist in uns
Betrachten wir das «Ich kann nicht!» noch einmal näher. Wir sehen dann: Es ist oft ein Deckmantel für das «Ich will nicht!»; indem man die vorliegende Situation aus einem impulsiven Gefühl heraus betrachtet, bestätigt man eigentlich selbst, dass die Aussage nicht aus der Erkenntnis der Wirklichkeit kommt, und das heißt, es handelt sich um eine folgenschwere Selbsttäuschung. Man will nicht wahrhaben, dass es grundsätzlich zum eigenen Wesen gehört, im Strom einer Entwicklung zu leben, und das bedeutet: Man erkennt sich selbst nicht! Und der Grund für das Zurückweichen vor dieser Erkenntnis liegt tief im eigenen Willen verborgen, denn sie lässt einen ahnen oder gar wissen, dass das ‹Können› anstrengende Forderungen beinhaltet. Zu dieser Selbsttäuschung gehört vor allem, dass man hier – meist unbewusst – etwas einbringt, das das «Ich kann nicht» rechtfertigen soll: Unmöglichkeiten, die lediglich äußerlich und für jeden klar zu erkennen sind, aber deren begrenzte Bedeutung leicht kaschiert, verwischt, unterdrückt oder einfach überspielt wird, indem man sie aus dem Bereich des Denkens in den Bereich der endlichen Vorstellung verschiebt.
Was das Denken ausschaltet
Und zwar geht es dabei vielfach um Gleichzeitigkeit. Sage ich, um meine Untätigkeit zu rechtfertigen: «Ich kann doch nicht gleichzeitig Tennis spielen und schwimmen», erkennt jeder sofort, dass ich unsinnig rede. Schwieriger wird es, wenn ich bei einer Liste von Aufgaben «Das kann ich nicht» sage. Kommen diese Aufgaben bei mir als geballte Forderung an, fühle ich mich unter Umständen überwältigt, und dieses Gefühl schaltet mein Denken aus und ich sage: «Das ist zu viel, das bewältige ich nicht», was mich wieder in meinem Willen lähmt. Etwas verwandt mit dieser Situation ist diejenige eines Lehrers, der zum ersten Mal vor einer Klasse steht, die vielen unbekannten Gesichter wahrnimmt und sich plötzlich überfordert fühlt, befürchtend, dass er in der Stunde sich ungeschickt zeigen und bei den Schülern und Schülerinnen nicht ankommen wird – und dann taucht er in den Unterricht ein, und es wird eine ‹tolle Stunde›, auch von den Schülern her gesehen! Der Schlüssel ist hier, neben der Stimmung des Vertrauens in die Einheit des Lebens, die Aufgaben, Schritt für Schritt auszuführen. Ein solches Vorgehen ist nur sinnvoll, wenn erkannt wird, dass jeder Schritt ein Teil eines Ganzen ist und geheimnisvoll alle anderen Schritte in sich einschließt.
Wir selbst sind es
Die Erkenntnis des «Alles in einem und eines in allem» vermittelt die Sicherheit, alle möglichen Schritte im Laufe der Zeit bewältigen zu können, sodass das «Ich kann nicht» gar nicht aufkommen kann. Es ist nichts Fremdes, was da auf einen zukommt und einen zu bedrängen scheint – man ist es selbst. Im Artikel von 19891 wurde Folgendes wiedergegeben: Rudolf Steiner hat deutlich gemacht, worin wir in der Geisteswissenschaft den Weg zum innersten Heiligtum zu suchen haben, so zum Beispiel in ‹Die Welträtsel und die Anthroposophie›2: «Ein Grundsatz ist es für den Okkultisten, den anderen Menschen in Wirklichkeit als die Offenbarung seines eigenen höheren Selbst anzusehen, weil man dann weiß, dass man die anderen in sich finden muss.» In der ‹Theosophie› gipfelt die Ausführung über das Schicksal (2. Kapitel) in dem Satz: «In dem, was ihm [dem Menschen] geschieht, wird er das eigene Ich erkennen.» Dies wird dann von Rudolf Steiner in seinen Sprüchen zusammengefasst: «Suche im eigenen Wesen, und du findest die Welt; suche im Weltenwalten, und du findest dich selbst.» Was hier für unser Verstehen und Erleben störend wirkt, ist die tiefe Angst, die Angst des Ego, des kleinen an Raum und Zeit gebundenen Ich, vor dem scheinbaren Angriff der riesigen und stärkeren Welt auf seine Existenz. Man schließt sich selbst ab von der Welt, sagt sich: «Hier bin ich, dort ist der andere», und vertrocknet wie der Ast, der sich vom Lebensfluss des Baumes abschnürt. Fragen wir uns denkend, was das Wesen Gottes ist, erkennen wir: Er ist alles und jedes, denn wenn er unendlich und ewig ist, kann nicht noch etwas neben ihm bestehen; die Schöpfung hat er nicht aus etwas anderem geschaffen als aus sich selbst.
In Bezug auf seine Holzplastik vom Menschheitsrepräsentanten hat Rudolf Steiner darauf hingewiesen, dass er Luzifer und Ahriman eigentlich in die mittlere Gestalt hätte mit aufnehmen müssen. Er tat es aber nicht, weil es damals für die Menschen zu schockierend gewesen wäre. (Siehe Hella Krause-Zimmer in ‹Goetheanum›, 31.10.1971.) Der uns entgegenstehende Widerstand ist in uns, er ist unser Antrieb, ohne ihn wären wir nicht – auch das Böse ist gut, eben ‹gut zu überwinden›. Aus dem «ekelerregenden Dünger» (Rudolf Steiner am 25.6.1908) erwächst das Leben. «Ich bin der Herr, und keiner mehr. Ich habe die Welt geschaffen, das Licht und die Finsternis, das Gute und das Böse. Ich bin es, der dies alles tut.» (Jesaia 45,7)
Wunderkind Freude
Gewiss, die Welt stöhnt unter dem gewaltigen Druck des Leides, das tausendfach den Schrei ertönen lässt: «Ich kann nicht.» Und doch: Gerade in der tiefsten Not erwacht schließlich der wahre Mensch, hier geschehen die großen Wunder des Durchhaltens, der Überwindung und der Auferstehung, sei es bei einer Verschüttung unter Mauern oder der Erde, sei es in einem Konzentrationslager, wo, wie vielfach bezeugt, das Nichterkennen vom Sinn des Lebens zum Niedergang, das Erkennen zu einem neuen Aufgang führen kann. Wir kennen die Bilder alle: Neben dem eines hungernden Kindes das Bild einer strahlenden Mutter an ihrem Gemüsestand, und wir fühlen uns aufgerufen zu einer äußeren, materiellen Unterstützung; aber die entscheidende Hilfe für ein tief gegründetes Können ist die Erweckung des Menschseins im Erkennen. Und was ist das untrügliche Zeugnis dieses Könnens? Die liebegetragene Bereitschaft, zu schenken, auf der einen Seite und auf der anderen die Dankbarkeit gegenüber der Welt, die einem die Möglichkeit des eigenen Seins und Lebens schenkt. Und das alle Welten durchwogende Wunderkind dieser beiden ist die Freude. Sogar bis ins Erkenntnisleben selbst greift diese Freude hinein: So rief Rudolf Steiner im Heilpädagogischen Kurs die Therapeuten und Therapeutinnen auf: «Leben Sie mit innerster Freude an der Wahrheit! Es gibt nichts Entzückenderes als das Erleben der Wahrheit.» Schiller und Beethoven haben uns in zeitloser Zusammenarbeit dazu die schönste Wegweisung gegeben: «Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium […]». Freude ist das innere Wesen der Positivität. Jeder Arzt, jede Psychologin weiß: Es ist die Positivität, die wirklich heilt. Und Negativität, verdichtet bis zur Zeitkrankheit der Depression, ist die große, vom ‹Geist der Verneinung› inspirierte Barriere für den Prozess jeder echten Gesundung. Positivität verleiht die Sicherheit, dass man letztlich durch die Schwierigkeit durchkommt, auch wo dies Leiden bedeutet. Können setzt die Bereitschaft zum Schmerz voraus.
Glaube, Liebe und Hoffnung sind es, denen das ‹Erkönnen› entspringt und die aus unserem Herzen das Lied der Freude aufsteigen lassen, diese großen ‹Drei›, durch die sich in unserem Seelenleben die göttliche Dreieinigkeit unseres ewigen Geistwesens offenbart – die Dreiheit, in der das ‹Geloben› der Entschluss ist, den tiefgehend erkannten Weg zum Licht zu beschreiten. Ja, wir kennen den Weg – wir können!
Foto Aron Visuals
Fußnoten
- Der Artikel ist eine späte Ergänzung zum Artikel ‹Erkönnen. Vom Wahrnehmen zum Wahrgeben› in ‹Goetheanum›, 13.5.1989 (neu im Buch ‹Sternenwanderung auf der Phoebus-Spur›). In jenem Artikel wurde der Zusammenhang der beiden Begriffe von der Erkenntnis aus geschildert, während hier vom Willen ausgegangen wird.
- Aus dem Vortrag in Berlin vom 5.10.1905, GA 54.

