Im Berliner Erzählverlag sind die Erinnerungen von Lola Jaerschky (1902–1991) an ihre Häftlingszeit erschienen.
Die ehemalige Lehrerin und Eurythmistin an der Rudolf-Steiner-Schule Berlin-Dahlem hatte sich als sogenannte Halbjüdin 1938 entschlossen, ihre Schule zu verlassen, als diese von der Schließung durch die Nazis bedroht war. Zu ihren damaligen Kollegen gehörten neben Ernst Weißert, dem späteren Mitbegründer und Leiter des Bundes der Freien Waldorfschulen, auch Erich Weismann, der Gründungsvater der Freien Georgenschule Reutlingen.
1941 wurde Lola mehrere Monate im Gestapo-Gefängnis am Alexanderplatz inhaftiert, anschließend ins KZ Ravensbrück transportiert, das überwiegend ein Frauengefängnis war, ehe sie 1944 durch glückliche Umstände freikam. Bis zum Kriegsende konnte sie sich mit ihrer Mutter bei Freunden in Zehlendorf verstecken. Später zeichnete sie ihren Erlebnisbericht auf. Ihre Retterinnen wurden von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als ‹Gerechte unter den Völkern› gewürdigt. Lola Jaerschky war in einem anthroposophischen Elternhaus aufgewachsen. Ihr Vater Paul Jaerschky (1864–1941) hatte bei Röntgen und Virchow studiert und praktizierte um 1900 als ‹Kneipparzt› in Berlin. Ihre Mutter war eine Opernsängerin jüdischer Herkunft. Paul Jaerschky nahm am zweiten Ärztekurs in Dornach teil und hatte Gespräche mit Rudolf Steiner. Während der NS-Zeit trat er offen für die Anthroposophische Medizin ein.
Lola lernte verschiedene Gruppen von Gefangenen kennen: Politische (meist Kommunisten), Homosexuelle, Ernste Bibelforscher (Zeugen Jehovas), Juden, Mitglieder der Christian Science, Prostituierte usw. Ganz besonders wichtig war ihr der Umgang mit den Mithäftlingen und Aufseherinnen. So wurde sie zu einer gefragten Gesprächspartnerin in Situationen der inneren Not. Sie berichtet nicht nur von gemeinsamem Gebet und Gesang, sondern auch von Erzählungen aus dem Fundus ihres literarischen und poetischen Wissens: «In der Abgeschlossenheit der Gefängniszelle konnte man einen ungeheuren Schatz in sich entdecken, nämlich alles, was man an Texten der Weltliteratur, an Worten Rudolf Steiners hatte aufnehmen können. Dramen und Epen wurden an den langen Abenden hingebungsvoll von den Mitgefangenen angehört und kommentiert.»
So gelang es ihr etwa, mit einer Mitgefangenen, die um ihren Mann trauerte, das Vaterunser zu beten oder Kirchenlieder zu singen, die sie ebenso auswendig wusste wie Gedichte der Klassiker. Ihre Gespräche mit Mitgefangenen gibt sie größtenteils wörtlich wieder. Auch erlebte sie die ratende und tröstende Nähe ihres verstorbenen Vaters. Eine offenbar von Kommunistinnen in die Zellenwand geritzte Durchhalteparole «Genossen, habt keine Furcht – Gesinnung fordert Opfer» veranlasste sie, Worte aus einem Spruch Steiners beizufügen, den er 1923 den Berliner Freunden gegeben hatte: «Untergang des Äußeren/soll werden/Aufgang des Seeleninnersten». Später, im KZ Ravensbrück, begegnete sie Kommunistinnen, zu denen sie sich hingezogen fühlte, weil sie bei diesen einen «aufrechten Bekennermut» fand «wie bei den ersten Christen» und einen solidarischen Umgang miteinander.
Als Kenner der Anthroposophiegegnerschaft hat Peter Selg in seinem Nachwort historische Daten ergänzt und kommentiert. Er hat bereits Haft- und Lagererinnerungen von Opfern der NS-Zeit herausgegeben (Briefe von Maria Krehbiel-Darmstädter), andere derartige Dokumente sind noch unveröffentlicht. Angesichts der inzwischen weitverbreiteten Tendenz, Anthroposophen und Anthroposophinnen während des Hitlerregimes pauschal in der Rolle der Mitläuferinnen oder Täter darzustellen und damit zugleich die Anthroposophie zu diskreditieren, ist es berechtigt und notwendig, auch Beispiele für den inneren Widerstand zu überliefern. Lola Jaerschkys Erinnerungen gehören zu jenen zeitgeschichtlichen Dokumenten, die das christlich-humanistische Fundament der Anthroposophie eindrücklich bezeugen.
Buch Lola Jaerschky, Ich fragte und lernte. Erlebnisse aus meiner Häftlingszeit in Gestapo-Haft und im KZ Ravensbrück 1941. Mit einem Nachwort von Peter Selg. Reihe Biografie, Bd. 3, Erzählverlag, Berlin 2026.


