Als für Marcel Proust ein Kuss ausblieb, gebar die Sehnsucht ihm seine zukünftige Sprache. Gehüllt vom Prinzip der Mutter und der bedingungslosen Liebe gebären wir uns immer wieder neu.
‹Auf der Suche nach der verlorenen Zeit› von Marcel Proust wird mit einem fehlenden Kuss eröffnet. Die Mutter bleibt auf einer Abendgesellschaft, lässt ihrem Sohn ausrichten, dass sie ihm heute nicht Gute Nacht sagen könne – und stürzt ihn damit in eine schwere Krise. Im Vermissen des mütterlichen Kusses öffnet sich ein innerer Raum: Im wach daliegenden Kind entsteht eine Welt, die zum unsichtbaren Gerüst des ganzen Werks wird. Der fehlende Kuss wird zur Urszene dichterischer Produktivität. Nicht die Erfüllung, sondern das Ausbleiben, die Sehnsucht und sogar der Entzug setzen die schöpferischen Kräfte und die Schreibimpulse frei. Und genau mit diesen Impulsen schafft Proust eine große Liebeserklärung, einen Erinnerungsraum und ein Archiv für seine Mutter und seine Großmutter, die Portalfiguren seines Werks.
Auch mein eigenes Verhältnis zur Sprache ist in einem solchen Ursprungsraum verwurzelt. Meine Mutter war eine begnadete Märchenerzählerin. Ihre Schlaflieder, die mit einem Gutenachtkuss beendet wurden, bildeten ein wiederkehrendes Ritual, das mich den Armen von Morpheus überantwortete: Im Schlaf spürte ich das Gewebe zwischen Leib und Seele, und mit irgendeinem Teil meines Bewusstseins blieb ich dabei auch wach. In diesem manchmal fast luziden Traum trug mich ein schützendes Gewebe – ein Ätherleib, der mich umhüllte und zugleich öffnete und sich später zu meiner dichterischen Stimme ausbildete.
Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses mütterlichen Schutzraums war ich ein von intensiven Ängsten geplagtes Kind. Wenn die Dunkelheit kam, stiegen auch die Dämonen und Gespenster aus allen Ecken des alten, klösterlichen Gehöfts auf, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich Kompostkesseldienst hatte, musste ich alle Treppen hinuntersteigen, den Steinplattenweg dem Haus entlanghüpfen, über die Wiese zum Kompost rennen, den Eimer leeren und wieder zurück. Ich kam mit klopfendem Herzen und Angstschweiß im Nacken zurück – war ich doch mehreren Horden von Totengeistern begegnet, die mir ihre Hände auf die Schultern gelegt hatten.
Heute glaube ich: Diese Angst war begründet. Der Genius loci des im 15. Jahrhundert vom Kloster St. Trudbert gebauten Hofes im Markgräflerland machte sich bemerkbar und sehnte sich nach menschlichen Übersetzern seines Erfahrungsraums. Im Staufener Waldorfkindergarten und auf der Waldorfschule St. Georgen wurde diese Ahnung verstärkt, genährt und ausgebildet. Ich lernte, sie in Formen zu übersetzen, malte meine Ängste, hielt sie in Tagebuchaufzeichnungen und Gedichten fest. Im Sinne der Waldorfpädagogik lernte ich, meine innerlich aufkeimenden Bilder ernst zu nehmen und in künstlerische Formen zu überführen. Doch diese Entwicklung hatte ihren Preis: Sie isolierte mich zugleich von Gleichaltrigen. Ich zog mich in mein Inneres zurück.
Heute, als 46-jähriger Schriftsteller, wird mir langsam klar: In dieser Kinder- und Jugendzeit hat sich ein schützender, aber auch gefährdender Mutterraum gebildet, der mich meine Autorenstimme finden ließ, mich aber auch von der materiellen Welt ab- und der geistigen Welt zuwenden ließ. Aber auch heute noch vertraue ich am meisten der Stimme des Kindes, das ich damals war – genau wie der Dandy und Salonschriftsteller Marcel Proust, der behauptete, nicht er selbst schreibe die ‹Recherche›, sondern «jener kleine Junge, der zwischen mir in Ruinen spielt». Nach und nach beginne ich, das Glück und Unglück meiner Kindheit entlang solcher Ruinenbruchstellen als meine eigene Combray-Landschaft zu begreifen, und werde mir dabei der unbändigen Liebes- und Leibkraft bewusst, die diese verlorene und gerade aufgrund des Verlustes so anziehende Gegenwelt durchdringt.
Schöpferische Verantwortung
Im Sommer 2021, wenige Monate vor Kriegsausbruch, reiste ich in die Ukraine, um an der Hochzeit meines Bruders mit einer Ukrainerin teilzunehmen, und machte dort eine prägende Erfahrung. Beim Hochzeitsritual, am sandigen Ufer des Dnjepr, hatte ich eine Vision. Mit epiphanischer Kraft wurde mir die Präsenz meiner einige Jahre zuvor verstorbenen Mutter bewusst: nicht als Erinnerung, sondern als reale, schützende Kraft. Als Tote und auch als machtvolle, das Brautpaar segnende Präsenz. Während sich hinter ihr der Dnjepr in einen Styx verwandelte, der zugleich die Grenze zwischen dem slawischen Osten und dem europäischen Westen bildete: verbindend und trennend zugleich.
In dieser Erfahrung trat etwas hervor, das Ähnlichkeiten hat mit der Figur der Sophia, wie sie der Dichter und Religionsphilosoph Wladimir Solowjow beschreibt und die ihm dreimal als Vision erschienen ist: eine weibliche Weisheit des Göttlichen, die das Getrennte zu einer Alleinheit zusammenführt. Zugleich blieb das Geschehen konkret und irdisch: eine Eheschließung, ein sozialer und leiblicher Bund. Gerade in dieser Verschränkung von Geistigem und Sinnlichem zeigte sich die Bedeutsamkeit des Moments.
Von hier aus führen Linien zu Fjodor Dostojewski und seiner Frage nach der Möglichkeit einer bedingungslosen Liebe als Grundlage von Gemeinschaft. Sowohl bei ihm als auch bei Solowjow wird sichtbar, dass im Zerfall bestehender Ordnungen nicht nur Verlust, sondern auch Wandlungskräfte wirksam sind. Als wäre dies ein typischer Zug der ‹slawischen Seele›: im Sturz in den Abgrund eine Erfahrung der Metamorphose machen zu können.
In der Gegenwart verdichten sich solche Prozesse. Was Joseph Beuys als ‹Christusimpuls› bezeichnet und woraus er seinen erweiterten Kunstbegriff ableitet, kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass schöpferische Verantwortung in den einzelnen Menschen übergeht. Autorität verlagert sich vom Äußeren ins Innere. Das Neue entsteht nicht durch Übernahme, sondern durch Verwandlung, die restlos von uns Menschen ausgehen muss. Während sich – fast komplementär dazu – der amerikanische, der israelische oder der russische Präsident aufführen wie die Machthaber zur Zeit der Zaren- oder Kaiserreiche.
Wir erleben ein Wiedererstarken überholter, autokratischer oder sogar theokratischer Machtformen. Etwa wenn Donald Trump sich im Internet als messianische Christusfigur inszeniert, die seine Schäfchen im Krieg gegen die islamistischen Mullahs beschützt. Oder als Trump bei seiner Inauguration sagte, dass Gott ihn gerettet hätte, damit er Amerika wieder groß machen könne. In solchen Momenten zeigt sich, gleichsam in Überzeichnung, dass alte, längst überholte Prinzipien ihre Gültigkeit verlieren, wobei ihre Destruktivität vollends kenntlich wird. Vielleicht lässt sich auch darin ein typischer Moment der Schwellenerfahrung wahrnehmen: Die Eule der Minerva erhebt sich erst in der Dämmerung zum Flug.
Geburt und Anfang
Könnten im Hintergrund der gegenwärtigen Zeitenwende die Machtformen des Weiblichen und der Muttergottheiten aus dem Schatten des angeblich längst säkularisierten Monotheismus hervortreten? Das, was in Maria symbolisiert wird, Sophia, Maria Magdalena, aber auch in vorchristlichen Gestalten wie Isis, Venus, Aphaia, Chora oder Athene? Gemeint ist damit keine dichotomische Gegenmacht zu den Vatergottheiten im üblichen Sinn, sondern eine revolutionäre weibliche Qualität des Verbindens, des Webens, des Werdens – eine Kraft, die sich nicht um einen Willen zentriert, sondern sich in Beziehungen entfaltet. Wie eine Zwiebel, die kein Zentrum hat und sich immer weiter fortpflanzt und deren Ziel nicht ihr Aufblühen ist, sondern ihre Fortpflanzung und die Weitergabe ihrer Form. Ein Prinzip, das sich strukturell auch in der Kunst und im Denken der Moderne findet, insbesondere in Prousts ‹Recherche› oder in Dostojewskis Büchern, die alle einem großen Webteppich gleichen, dessen Teile – bewegt von einer unsichtbaren Kraft – aus den vorhergehenden zu entstehen scheinen. Eine Kraft, mit der im Märchen die Bohnenstaude bis zum Mond hinaufwächst.
Dieses Prinzip ähnelt dem, was Hannah Arendt als ‹Natalität› bezeichnet hat: das in den Leib eingeschriebene Recht jedes einzelnen Menschen, mit seiner Geburt das Neue auf die Welt zu bringen. Im Gegensatz zu Martin Heidegger und seinem ‹Sein zum Tode› richtet sich Arendts Blick auf Geburt und Anfang als Grundkategorien des Menschseins.
Diese Dimension wurde mir während der Trauer um meine Mutter in einem schockartigen Erkenntnisakt bewusst. Ihr lebloser Körper lag in ihrem Gesangstherapieatelier – gezeichnet vom plötzlichen Tod durch eine Hirnblutung und dem mehrstündigen Daliegen auf dem kalten Laminatboden. Und doch ging von ihrem Anblick nicht nur Schrecken aus, sondern auch eine schneidende Klarheit. Als ich ihren Leichnam sah, den Körper, aus dem ich in unvordenklicher Zeit geboren worden bin, konnte ich die Trennung von Leib und Seele deutlich erkennen und nicht als Ende, sondern als Übergang wahrnehmen. Aus anthroposophischer Perspektive lässt sich dieser Moment als Hinweis auf die Eigenständigkeit des Geistigen verstehen. Der Leib erscheint als Hülle, als Kokon eines Flugwesens, das im Entpuppungsprozess abgelegt wird. Zugleich als eine Bitte an uns Lebende, das Erbe der Toten weiterzutragen. Eine Bitte, die alle echte Literatur durchdringt.
So wurde dieser Abschied zu einem Impuls. Nicht zur Abwendung vom Leben, sondern zu seiner bewussteren Ergreifung. Der mütterliche Leibraum erscheint dabei nicht nur als biografischer Ursprung, sondern als Aufforderung, den Mut zum Neuen zu haben, vielleicht die Vision für eine Gesellschaft der Zukunft zu sehen: dass schöpferische, verbindende Kräfte stärker in das soziale Leben eintreten und die Strukturen des Patriarchats auf etwas Ungeahntes hin öffnen? Ob daraus wirklich eine neue, weiblich-zartere soziale Form entstehen kann, bleibt offen. Doch vieles deutet darauf hin, dass wir an einer Schwelle stehen, an der sich destruktive und schöpferische Kräfte zugleich verstärken und auf einen angsteinflößenden Abgrund zuströmen. Noch nie in meinem Leben sah die Zukunft so düster aus und schien die Möglichkeit des Durchbruchs in eine freiere Gesellschaft greifbarer.
Was sich daraus ergibt, ist weniger eine These als ein Stück meiner künstlerischen Grunderfahrung: Dass sich im Innersten des Verlustes der Triebkeim des künstlerischen Impulses befindet. Und dass jeder Abschied einen Anfang enthält, einen Ruf: Wir müssen jetzt aufbrechen, Mutter, flieg, Engel, flieg!

