Martina Maria Sam und Stefan Hasler haben alle Bände zur Eurythmie neu kommentiert und erweitert herausgegeben und so dazu beigetragen, dass es frische Luft und festen Boden für das zweite Jahrhundert der Eurythmie gibt. Ein Gespräch von Wolfgang Held mit den beiden und der Eurythmistin Ulrike Wendt.
Jetzt sind alle Eurythmiebände neu kommentiert herausgegeben – damit schließt sich ein großes Projekt?
Martina Maria Sam Stefan Hasler und Felix Lindenmaier hatten 2012 die Idee, den Toneurythmiekurs neu als Lehrbuch mit Kommentaren und didaktischen Hinweisen herauszugeben. Da kam von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung der Wunsch, den Band doch gleich innerhalb der Gesamtausgabe zu planen. In diesem Rahmen konnte er aber kein Lehrbuch werden, sondern er musste nach den Prinzipien der Gesamtausgabe herausgegeben werden. Das bedeutete, dass jemand beteiligt sein musste, der mit der Edition von Rudolf Steiners Vorträgen vertraut ist. Dafür wurde ich angefragt. Ich erinnere mich, dass ich damals leise Vorbehalte hatte, weil ich fürchtete, dass Stefan als Eurythmiedozent vielleicht doch zu viel Eigenes zu Rudolf Steiners Wort dazustellen möchte. Ich kannte ihn noch nicht so gut. Bald zeigte es sich aber, dass er sich dem Wortlaut Rudolf Steiners ganz verpflichtet fühlte und sich in die Art der Herausgabe gut hineinfand.
Das war dein erster Ausflug ins Editorische?
Stefan Hasler Ja. Davor war ich mit der Forschung zur Toneurythmie beschäftigt, um genauer zu verstehen, was Steiner genial in aller Kürze entwickelt hat. Ich hatte nie gedacht, Herausgeber von Eurythmiebänden Steiners zu werden und doch hat das Leben Martina und mich über 14 Jahre auf diesen Weg gebracht. Hinzu kamen die Fachkolleginnen und -kollegen, die wir dazugeholt haben: für den Toneurythmiekurs Felix Lindenmaier als Musiktheoretiker, für die Eurythmiefiguren Dino Wendtland. Für jeden Band bildete sich jeweils ein kleines Team.
Sam Stefan ist jemand, der sich schnell in Fremdes hereinfinden kann. So war es auch hier mit der editorischen Arbeit. Wir haben in diesen Jahren ja alles eurythmische Archivmaterial durchgesehen, hatten jeden Zettel in der Hand, auch im Goetheanum-Archiv. So kamen zwei neue Bände dazu, die wir so gar nicht in der Planung hatten – der Band zu den Eurythmiefiguren und die Angaben zu den verschiedenen Sprachen.
Hasler Es waren 180 Notizbücher und 100 Notizzettel, die wir gründlich bearbeitet haben, und wir sind alle Unterlagen von den Pioniereurythmistinnen durchgegangen. Das waren mal drei, mal 20 Kisten. Wir haben das gesamte Umfeld umgegraben, haben, wo immer wir jemanden aus ihren Familien finden konnten, Enkel oder Tante, angesprochen und angeschrieben. Wir haben alle verrückt gemacht.
Ulrike, wie war hier die Resonanz bei den Eurythmiekolleginnen und -kollegen?
Ulrike Wendt Für die ganze Bewegung kann ich nicht sprechen. Aber was da in den Neuausgaben von Laut- und Tonkurs sichtbar wurde, das hat schon eine Wirkung gehabt! Die vielen Notizen der ersten Eurythmistinnen jetzt greifbar zu haben und sie mit den eigenen Erfahrungen und Übwegen vergleichen zu können, ist ein enormer Gewinn. Es ist für mich auch ein Akt der Befreiung – eine Befreiung, die darin besteht, dass sie die Vergangenheit genau nimmt.
Da zeigte sich dann eine Vielfalt statt der vermeintlichen Einheit, wenn ich an die vielen Eurythmiefiguren denke.
Wendt Und in dieser Vielfalt kann und muss ich mich als Eurythmistin selbst bestimmen. Ich kann mich nicht mehr auf eine Tradition berufen und daraus meine künstlerische Linie erklären. Jetzt habe ich fünf unterschiedliche Zeichnungen zu einer Tierkreisgebärde. Die kann ich alle ausprobieren und fragen: Wie wirken die Gesten, wenn ich sie so oder so ausführe? Nach der Phase der mündlichen Überlieferung, die die Mitschriften der Vorträge und Kurse ja immer ergänzt hat, kann jetzt nachvollzogen werden, wie dies und jenes entstanden ist, und welche Varianten es schon damals gab. Das ist ein großes Geschenk.
Keine Verunsicherung?
Wendt Ich erlebe eher einen Aufruf, die Eurythmie nicht nur aus der Tradition zu übernehmen, sondern sie in tiefster Innerlichkeit immer wieder neu zu befragen und zu schöpfen.
Ich war bei einem Kommentar zu Merkur im Lauteurythmiekurs beteiligt. An den Mitschriften sah ich, wie schnell Steiner die kosmischen Gebärden entwickelte: weniger eine Inauguration als vielmehr ein Workshop aus dem Stegreif. Hat sich euer Eindruck von den Anfängen durch eure Arbeit verändert?
Hasler Was wir jetzt bewusster erleben und verstehen können, ist, wie differenziert Steiner mit jedem Menschen gearbeitet hat, wie situativ und flexibel er war, auch wenn er dabei nahe am Urbild gewesen ist. Es ging ihm nicht darum, irgendein Ideal bloß vorzutragen, sondern es zu realisieren. Das ist für das tägliche Tun eine Befreiung, weil wir erfahren, dass diese spontane, konkrete Arbeit mit dem Menschen das Eigentliche ist. Wenn ich ernst nehme, was wir jetzt wissen, dann arbeite ich aus einem ganz anderen methodischen Hintergrund.
Hast du ein Beispiel?
Hasler Der Zugang für Lory Smits für die Gebärde des ‹A› war für eine 18-Jährige als Beschreibung eines Gefühls, des Staunens, des Sonnenaufgangs gegeben. Die Beschreibung für Tatjana Kisseleff benennt dagegen den Formaspekt: «A ist ein Winkel.» Das sind konträre Beschreibungen zum gleichen Laut.
Sam Offenbar hat es sich dann so verschieden entwickelt, dass Rudolf Steiner auch deshalb den Lauteurythmiekurs gegeben hat: Um diese Vielfalt, das, was sich als persönliche Eigenarten eurythmisch gebildet hat, ein bisschen einzufangen. Ursprünglich war der Kurs ja nur für Eurythmielehrerinnen gedacht. Wegen des großen Interesses durften dann auch Heilpädagogen und Priester und sonstige Mitglieder dazukommen. Der Kurs war eigentlich als eine Besinnung auf das Erreichte gemeint. Entsprechend fasst Rudolf Steiner noch einmal alles, was er zur Eurythmie gegeben hat, zusammen, erweitert es aber auch im Lauf des Kurses.
So die Breite von Rudolf Steiners Schöpfungen zu entdecken, gilt auf vielen Gebieten der Anthroposophie.
Hasler Alle die Pioniere, die vielen Eurythmistinnen und die wenigen Eurythmisten, waren ja von Steiner gesehen und fühlten sich durch ihn getragen. Sie haben den ganzen Tag gearbeitet und geübt, und hatten kaum Gelegenheit, über das, was von Rudolf Steiner kam, zu reflektieren. Selbst an den Wochenenden haben sie Vorträge gehört. Sie hatten keine Zeit, keine Ressourcen, um all die Inputs innerlich verarbeiten zu können. Daraus sind dann auch viele Missverständnisse untereinander entstanden, die zu schmerzvollen Separierungen führten. Die Frage, wie wir mit Rudolf Steiners Werk umgehen, ist tatsächlich gerade in der Eurythmie im Okular zu fassen.
Sam 2012 hatten wir den hundertsten Geburtstag der Eurythmie und dabei das Gefühl, dass ein langer Traditionsstrom zu Ende gegangen ist – unwiderruflich. Jetzt muss man eine andere Inspirationsquelle finden als früher. Es ist merkwürdig, dass wir genau 100 Jahre nach der Geburt der Eurythmie, also 2012, mit den Neueditionen angefangen haben. Ulrike hat es angedeutet: Wir lösen uns aus einer manchmal zu fest gewordenen Tradition, indem wir schauen, was damals wirklich war. Und so hoffe ich, dass jeder Leser, jede Leserin mit den Bänden nun praktisch umgeht und individuell selbst eine Anbindung findet an die Inspirationsquellen. Dabei war es für uns ein glücklicher Umstand, so im Team zu arbeiten. Ich bin zwar auch Eurythmistin, aber seit Jahrzehnten mehr im Editorischen zu Hause, und Stefan ist täglich praktisch tätig. Das hat sich gut ergänzt. Es war ja dann so, dass nach uns auch die Fachkollegen in Landwirtschaft, Pädagogik, Heilpädagogik solche kommentierten Editionen ihrer Vortragskurse von Rudolf Steiner herausgegeben haben.
Bedeutet das auch Entzauberung?
Wendt Ganz im Gegenteil! In den Eurythmieausbildungen galt früher oft das Prinzip: Es wird mir gesagt, und ich habe es zu erfüllen. Ich spitze das jetzt zu – natürlich gab es auch andere Haltungen, und es gab einzelne Schritte der Veränderung. Ein solcher war für mich um die Jahrtausendwende, als das Goetheanum-Eurythmie-Ensemble und das Stuttgarter Eurythmeum in den drei großen Sinfonieprojekten zum ersten Mal eng zusammengearbeitet haben und wir jüngeren Bühnenmitglieder merkten: Wir können uns ganz selbstverständlich miteinander bewegen, auch wenn wir aus verschiedenen Schulen kommen. Mit den neu edierten Eurythmiebänden bekommen diese Erfahrungen ein Fundament. Ich stehe ehrfürchtig vor der Leistung Steiners, der die Persönlichkeit der Eurythmistinnen einbezogen hat und durch sie hindurch die universellen Quellen der Gesten vermitteln konnte.
Hasler Ich glaube auch, es ist keine Entzauberung, sondern wir kommen dem eigentlichen Schaffensmoment näher. Gleichwohl sollten wir nicht vergessen: Wir wären heute nicht, wo wir sind, wenn uns nicht Tradition und mündliche Überlieferung getragen hätten. Deshalb spreche ich den größten Respekt und Dank dafür aus, dass wir das haben. Ich will auch nicht verschweigen, dass für manche Kolleginnen und Kollegen die Herausgabe der Bände eine Zumutung bedeutet, weil die Vielfalt und Widersprüchlichkeit, die wir jetzt bezüglich der Quellen der Eurythmie erfahren, mancher geglaubten Sicherheit den Boden entziehen. Theoretisch werden wohl alle solch einer Zumutung zustimmen, aber praktisch gilt das nicht unbedingt. Das wird spannend in den kommenden Jahren, denn der Prozess ist ja mit den Bänden nicht abgeschlossen, sondern fängt jetzt erst an. Das ist ja nur der Ausgangspunkt, dass jeder und jede mit dieser gewollten Verunsicherung lernt umzugehen, um neu einen Anschluss an die Quelle zu finden.
Zu was kann die Edition noch inspirieren?
Wendt Zu freudiger Weite und Offenheit, auch in der Kommunikation! Ich habe früher in der Oper gearbeitet und bin mit allen darstellenden Künsten vertraut. Diese Künste sind Jahrhunderte oder Jahrtausende alt und entwickeln sich weiter. Die Eurythmie kam durch eine einzelne Persönlichkeit, Rudolf Steiner, in kürzester Zeit auf die Erde. Das bedeutet, dass wir sie erst mal irdisch handhabbar machen müssen, aber zugleich – unserer Kulturepoche entsprechend – über sie reflektieren und sie weiterentwickeln. Was sich in anderen Künsten über lange Zeit nacheinander entwickelt hat, das kommt in der Eurythmie in einer Gleichzeitigkeit zusammen. Das passt zur Bewusstseinsseele, dieses Sowohl-als-auch zu haben, dass es um die Inkarnation der Eurythmie geht und zugleich um ihre Reflexion und Transformation.
Sam Ich kann gut verstehen, dass ein Mensch, der Eurythmie auf eine bestimmte Weise gelernt hat, sich dann schwer damit tut, Neues zu probieren oder aufzunehmen. Es ist ja auch eine Schicksalsfrage, in welchem Traditionsstrom man aufgewachsen ist. Aber gerade da stellt sich die Frage für die Eurythmiedidaktik, wie man die Studierenden so unterrichtet, dass sie nicht das, was sie einmal gelernt haben, brav weitermachen. Die Ausbildung muss so angelegt sein, dass dieses forschende Interesse geweckt wird. Dieses Bewusstsein von dem, was ich tue und was meine Quellen sind, das müssen wir aus meiner Sicht heute schulen, wenn die Eurythmie überleben will.
Hasler Musik, Literatur, Theater, diese Künste haben alle eine Wissenschaft an ihrer Seite, wie Literaturwissenschaft oder Theaterwissenschaft. Da geschieht die ästhetische Reflexion, die die Kunst dann bereichern, befruchten kann. Aber in dem Moment, wo ich selber künstlerisch aktiv bin, will ich gar nicht reflektieren. Da will ich mit meiner Sache heraus. In der Eurythmie können wir noch nicht davon sprechen, dass wir eine Eurythmiewissenschaft haben, sodass es Sache von uns Eurythmisten ist, selbst auch in die Reflexion, in die Ästhetik zu gehen. Da stimme ich mit euch beiden überein, das ist ein Entwicklungsschritt, den wir jetzt nach 100 Jahren machen können. Eine rein theoretische Eurythmiewissenschaft brauchen wir dann vielleicht auch nicht unbedingt.
Sam Es war ja vielleicht ein Fehlweg, dass sich die Kunstwissenschaften vom praktischen Tun abgetrennt haben. Anthroposophie fordert ja auf, Erkenntnis und Kunst wieder zu vereinen. Und auch in der Eurythmie muss das eigentlich jeder Mensch in sich individuell verbinden – auch wenn der eine vielleicht mehr Praktiker, der andere mehr Theoretiker ist. Aber das sollte nicht getrennt werden in Theorie und Praxis.
Wendt Vielleicht haben die eurythmischen Traditionen in ihrer Einbettung in der Anthroposophie zu viel Offenbarungscharakter bekommen. Kunst braucht Verwandlung, und Steiner sagte immer: «Die Eurythmie steht am Anfang.» Aber damit hat er ja nicht gemeint, dass wir 100 Jahre lang immer das Gleiche tun, bis das Gleiche immer schöner wird, sondern dass Menschen nachfolgen, die diese Anfänge aus der Sache heraus weiterentwickeln, im Künstlerischen und in den Arbeitsfeldern. Rudolf Steiner selbst hat ja von Anfang an solche Perspektiven benannt. Schon bei den ersten Angaben für Lory Smits wird bei den Urgesten und Grundübungen gleich die Therapie und die Pädagogik miteinbezogen. Da liegt doch eine wunderbare Möglichkeit: Die Vielfalt der Angaben als Inspirationsquelle für das eigene Üben und Forschen zu erschließen.
Dieses Diktum, das früher als ein Schwert fiel: «Das ist keine Eurythmie mehr», muss sich das auch wandeln?
Hasler Das hat sich schon verwandelt, weil uns die unterschiedlichen Zugänge mehr für die Vielfalt als für die Einheit der Eurythmie begeistern. Heute interessiert es eher, welche besondere Farbe jemand einbringt.
Hat die Kultur der letzten 20 Jahre, sich gegenseitig Inszenierungen zu zeigen und die Eindrücke zu besprechen, dazu den Boden gelegt?
Hasler Ja, und was uns allen geholfen hat, ist die Internationalisierung. Durch all die unterschiedlichen Kulturen sind wir einfach so viel reicher und so viel breiter aufgestellt. Wenn man den Sommerabschluss dieses Jahr wieder anschaut, von Taiwan bis Südamerika, dann sieht Eurythmie da sehr verschieden aus.
Wendt Auch die Vielfalt der eurythmischen Berufsfelder ist gewachsen. Die künstlerische Strömung ist nicht mehr das einzig Prägende. Eine Anmerkung noch zu ‹Rudolf Steiners Angaben zur Eurythmie in verschiedenen Sprachen›, die du, Stefan, gesammelt und herausgegeben hast: Für mich ist das eine ganz wichtige Publikation, weil man durch den Vergleich dieser Angaben verstehen lernt, wie sich eine Sprache in der Eurythmie entwickelt und zeigt. Man kann studieren, was die geistig-seelischen Kriterien dafür sind, dass etwas in dieser Sprache so und in jener Sprache so benannt wird und eine entsprechende Gestaltung bekommt. Das öffnet einem in vieler Hinsicht die Augen für Wesentliches.
Hast du ein Beispiel?
Wendt Die holländische Sprache bringt die Charakteristika des Deutschen ins Elementarische, ins Farbige. Wenn man verstehen lernt, wie eine Sprache hier ein besonderes Kleid bekommt, und hinzunimmt, was Steiner zum Wirken der Volksgeister ausführt, dann kann kulturelle Vielfalt nicht nur gedanklich oder sozial, sondern bis ins Lebendige hinein durchdrungen werden.
Was ist dein Lieblingsband, Stefan?
Hasler Alle! Ich habe zu Beginn gedacht, dass der Toneurythmiekurs am wichtigsten sei und der Lauteurythmiekurs nichts Neues mehr bieten würde. Schlussendlich ist gerade dort so viel Neues herausgekommen. Insofern ist das mein nächster Lieblingsband geworden. Dann ging es weiter mit dem Apollinischen Kurs, wo wir vier Jahre gerungen haben, das ganze Material zu sichten und aus der Fülle eine lesbare Publikation zu machen. Ich bin begeistert von diesem Band, und wo ich auch zu Besuch bin, mache ich dazu einen Kurs – kürzlich in Irland, im Sommer in China. Ich übertreibe nicht: Ich liebe alle!
Martina, wie geht es dir?
Sam Jedes dieser Eurythmiebücher hat eine eigene Farbe. Was mich am tiefsten berührt und überrascht hat, das war der Moment, als die vielen originalen Eurythmiefiguren von Edith Maryon auftauchten. Diese gaben mir einen ganz neuen Zugang zu diesem Bereich der Eurythmie.
Das ist jetzt der Boden. Können hier jetzt Interpretationen, Kommentare folgen?
Hasler Wir haben gesagt, wir arbeiten die Sachen bis 1925 auf, also bis zu Steiners Tod und nicht darüber hinaus. Forschungsmäßig könnte es jetzt damit weitergehen, die Pioniere der Eurythmie zu verfolgen. Wie hat sich Tatjana Kisseleff in Paris entwickelt? Was hat wer woanders gemacht? Was ist hier in Dornach entwickelt worden?
Was bedeutet diese Arbeit für die Eurythmie im Gespräch mit anderen Künsten?
Wendt Es gibt uns eine andere Grundlage. Ich habe auch Projekte mit Tänzern und Tänzerinnen gemacht und sie waren äußerst dialogbereit und interessiert an dem, was wir tun. Es sind oft eher die Eurythmisten und Eurythmistinnen, die noch keine Sprache gefunden haben, sich anderen zu erklären. Und das ist ja auch nicht so einfach, denn jedes Berufsfeld – Therapie, Kunst, Pädagogik – muss da etwas Eigenes entwickeln.
Hasler Ich will dreierlei hervorheben. Zum einen, dass diese Forschungsarbeit und Herausgabe ohne Martina nicht denkbar gewesen wäre. Du bist eine Steiner-Kennerin bis in die Zehenspitzen und warst parallel zu unserer Arbeit mit den Briefen und der Biografie von Steiner beschäftigt. Du bist Eurythmistin, du verstehst die Fragen aus der Bewegung heraus. Und du bist Wissenschaftlerin, du weißt, wie man recherchiert und dokumentiert. Das Zweite: Ich glaube, wir haben den richtigen Zeitpunkt erwischt. Wir haben nun 180 originale Eurythmiefiguren von Edith Maryon! Zehn, zwanzig Jahre später hätten wir sie vermutlich nicht mehr auffinden können. Die meisten Besitzer hatten keine Ahnung, was für einen Schatz sie haben! Auch jetzt kommen noch Einzelne und bringen weitere Figuren. Wir hatten die Gunst der Stunde, bis dahin, dass wir spürten: Die ersten Eurythmistinnen im Himmel, die freuen sich, wenn wir die unterschiedlichen Sachen nebeneinanderstellen. Drittens: Was noch nicht ganz veröffentlicht ist, aber in Bearbeitung, das sind die Beleuchtungs- und Kostümangaben. Vieles davon ist schon auf der Webseite der Sektion verfügbar und als PDF abrufbar.
Sam Bei allem, was wir jetzt neu herausgegeben haben, ist unsere Bewunderung für unsere Vorgänger und Vorgängerinnen immer mehr gewachsen. So haben Marie Steiner und dann Eva und Edwin Froböse Unglaubliches geleistet – was alles haben sie an Briefen und Dokumenten gesammelt und zusammengeschaut! Seitdem sind fünfzig Jahre vergangen. Es ist ein Schmerz, dass man darüber hinausgehen muss und sich dabei auch manchmal so fühlt, als zerstöre man etwas, was auch manche Leserinnen und Leser so empfinden. Wir schätzen diese früher geleistete Arbeit ungemein. Trotzdem merken wir: Eine neue Zeit braucht eine andere Vermittlung, eine umfassende Darstellung und Klarlegung aller Quellen. Die Zusammenschau und Auswertung – also das, was die früheren Herausgeber uns abgenommen haben – muss heute jeder individuell leisten.
Hat sich das Wesen Eurythmia, die Innenseite dieses 100-jährigen Stromes, gemeldet?
Sam Ich habe eine innige Beziehung zur Sprache, deren schöpferisch-lebendige Seite heute so sehr in Vergessenheit gerät, weil wir nur noch auf den Denkinhalt, den Sinn, die ‹Information› achten. Mir trat eindrücklich vor Augen, wie uns die Eurythmie ermöglicht, die schöpferische Seite der Sprache bewusst zu erleben. Die Lautgebärden sind die Schöpfergebärden der Welt! Welch eine Möglichkeit, uns bewusst mit dem Sprachwesen, mit dem Logoswesen, in Beziehung zu setzen. Welchen Reichtum hat Rudolf Steiner uns geschenkt, indem er uns darauf hinwies, wie wir Nuancen der Sprache durch unsere Gestalt, unsere Bewegungen ausdrücken können, und indem er in den Eurythmie-Ansprachen neue, inspirierende Aspekte der Sprache und ihrer Bedeutung aufzeigt.
Wendt Für mich sind es die Tierkreis- und Planetengesten, die durch die Varianten reicher werden. Wir haben immer versucht, durch die unterschiedlichen Angaben zum Eigentlichen zu kommen. Die Zeichnungen aus den Erinnerungen der Eurythmistinnen, die damals dabei waren, sind eine wunderbare Ergänzung. Ich empfinde immer wieder tiefe Ehrfurcht, wie es Steiner gelungen ist, unfassbar große kosmische Gesetzmäßigkeiten in zwei Armbewegungen zu verdichten. Ich stelle mich als Mensch da hinein, mit der ganzen Kraft und Hingabe meiner Individualität, um diese Geste mit lebendiger Präsenz zu erfüllen. An den individuellen Varianten kann man sich schulen, um den eigenen Quellpunkt für die Kraftentfaltung einer Geste zu finden.
Hasler Ich habe durch die Jahre gespürt, wie stark dieses Wesen Eurythmie ist. Ich habe mich in der Arbeit so sehr gefreut, zu entdecken, wie farbig und vielfältig dieses Wesen ist. Und ich habe erfahren, wie Eurythmie auch eine Möglichkeit ist, Anthroposophie zu üben und zu inkarnieren.
Publikationen zur Eurythmie seit 2012
- Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbarer Gesang (Toneurythmiekurs). GA 278, 7. Aufl., Basel 2016, hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung durch Martina Maria Sam, Stefan Hasler und Felix Lindenmaier. Zwei Vorträge über ‹Das Tonerlebnis im Menschen› 1923; acht Vorträge zur Toneurythmie 1924; Hörernotizen zu den toneurythmischen Angaben im Apollinischen Kurs 1915. Der Kurs mit vollständig neuen Angaben für die Toneurythmie wurde für einen kleinen Kreis fortgeschrittener Eurythmisten im Februar 1924 gegeben.
- Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache (Lauteurythmiekurs). GA 279, 6. Aufl., Basel 2019, hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung durch Martina Maria Sam und Stefan Hasler. 15 Vorträge zur Lauteurythmie 1924, ergänzt u. a. durch Notizbucheintragungen, Programme, Hörernotizen und -zeichnungen. Rudolf Steiner fasste in diesem Kurs für Eurythmielehrerinnen und -studierende die Grundlagen der Lauteurythmie noch einmal zusammen, gab aber auch wesentlich Neues – so die Planeten- und Tierkreisgebärden und die Eurythmiemeditation.
- Rudolf Steiner, Eurythmiefiguren aus der Entstehungszeit. GA K26b, Basel 2018, hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung durch Martina Maria Sam, Stefan Hasler und Dino Wendtland. 107 von Edith Maryon und Rudolf Steiner angefertigte Eurythmiefiguren von 1922 bis 1924 als Katalog und 64 Einzeltafeln, einführende Texte zu ihrer Entstehung, Bedeutung und Herstellung.
- Rudolf Steiner, Die Entstehung und Entwicklung der Eurythmie. GA 277a–d, Basel 2022, 2023, 2024, 2025, hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung durch Martina Maria Sam und Stefan Hasler.GA 277a umfasst alle ersten Angaben Rudolf Steiners zur Eurythmie, vor allem die Kurse 1912 und 1915 mit allen Aufzeichnungen von ihm und Teilnehmenden, sowie seine ersten Ansprachen. GA 277b; Ansprachen vom Herbst 1918 bis Herbst 1920; GA 277c vom Herbst 1920 bis Ende 1922; GA 277d von 1923 bis 1925. Die Ansprachen werden ergänzt durch Notizbuchangaben, Programme, Plakate, Inserate sowie Auszüge aus Vorträgen.
- Stefan Hasler (Hrsg.), Der Toneurythmiekurs von Rudolf Steiner. Dornach 2014. – Kommentarband zum Toneurythmiekurs mit 15 Beiträgen von Eurythmisten und Musikern.
- Stefan Hasler (Hrsg.), Rudolf Steiners Angaben zur Eurythmie in verschiedenen Sprachen. Dornach 2018. – Notizen der Pionier-Eurythmistinnen über eurythmische Angaben für die Sprachen Englisch, Französisch, Niederländisch, Schwedisch, Dänisch, Russisch, Italienisch, Ungarisch.
- Reinhild Brass, Stefan Hasler (Hrsg.), ‹Das Tonerlebnis im Menschen› von Rudolf Steiner. Dornach 2019. – Kommentarband zu den Vorträgen über das ‹Tonerlebnis im Menschen› mit 21 Beiträgen von Eurythmisten und Musikern.
- Martina Maria Sam, Stefan Hasler (Hrsg.), Sichtbare Sprache – Beiträge zum Lauteurythmiekurs Rudolf Steiners. Dornach 2020. Kommentarband zum Lauteurythmiekurs mit 14 Beiträgen von Eurythmisten, Sprachgestaltern, Ärzten und Priestern.
- Stefan Hasler, Felix Lindenmaier, Margrethe Solstad, Die Toneurythmieformen von Rudolf Steiner. Dornach 2009. Ausgewählte Beispiele von Toneurythmieformen, betrachtet in ihrem Entstehungskontext, unter menschenkundlichen, musikalischen und eurythmischen Aspekten.
- Martina Maria Sam, Eurythmie; Entstehungsgeschichte und Porträts ihrer Pioniere. Dornach 2014. – Die Eurythmieentwicklung bis 1925 und 90 biografische Porträts der ersten Eurythmistinnen.
- Stefan Hasler, Matthias Jeuken (Hrsg.), Eurythmie – der Mensch in Bewegung. Dornach 2021. – Vier Beiträge zur Eurythmie – Entstehungsgeschichte, Ausübung als Bühnenkunst, Anwendung in Pädagogik, Medizin und im Sozialen.
Die Forschungsstelle Eurythmie, die für die Herausgabe dieser Bände von Stefan Hasler und Martina Maria Sam gegründet wurde, wurde von der Software AG-Stiftung finanziert.
Titelbild Plakat von Henni Geck für die Aufführung vom 30. September 1922 in Dornach


