«Bei uns genießt Rudolf Steiner ungeteilte Aufmerksamkeit»

Angelika Schmitt und Philip Kovce leiten seit 2025 das Rudolf Steiner Archiv. Ein Blick zurück und voraus mit Wolfgang Held.


Der Festakt zum Abschluss der über 450 Bände umfassenden Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) steht vor der Tür. Und ihr leitet nun seit etwa einem Jahr das Rudolf Steiner Archiv, also seit Steiners 100. Todestag am 30. März 2025. Was war bisher Schwerpunkt der Arbeit?

Angelika Schmitt Zunächst haben wir ein halbes Jahr unserem Amtsvorgänger David Marc Hoffmann assistiert. Wir konnten dabei alles anschauen und kennenlernen. Dann haben Philip und ich zwei Tage nach Steiners 100. Todestag die Archivleitung übernommen. Der Übergang war fließend und gelang erstaunlich gut. David Marc Hoffmann hat uns nach und nach Verantwortung übertragen. So haben wir schon bald nach unserem Einstieg Sitzungen geleitet. Nach unserem Amtsantritt wurde es recht turbulent, denn binnen weniger Monate brachen wichtige administrative Grundlagen weg: Erst ist unser IT-Dienstleister gestorben und hat viele Passwörter buchstäblich mit ins Grab genommen. Dann kündigte der Hauswart. Und schließlich starb plötzlich und unerwartet unsere Buchhalterin. Es war also ein dramatisches Jahr mit gewaltigen Herausforderungen, weil wir die Lücken so gut wie möglich füllen und neue Mitarbeitende in Tätigkeiten einarbeiten mussten, die wir selbst noch gar nicht überschauten.

Und das, während ihr euch auf der Zielgeraden befindet, die Gesamtausgabe abzuschließen.

Schmitt Das war die eigentliche Herausforderung, ja. Sieben GA-Bände sind 2025 noch fertiggestellt worden und zugleich ging es für Philip und mich schon darum, uns Gedanken über die Zukunft des Archivs zu machen. Zum Glück waren die GA-Bände bereits länger in Arbeit, sodass wir sie editorisch nur begleiten und letzte Fragen klären mussten. Schwieriger war es, die Zukunft zu konkretisieren, eine Vision und Strategien zu entwerfen. Dies geschah gemeinsam mit dem vielköpfigen Stiftungsrat der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.

Ein ereignisreiches Jahr!

Philip Kovce Ja. Ich könnte noch etwas ergänzen, nämlich drei ganz unterschiedliche Phasen des Erlebens während der Einarbeitungszeit. Phase eins war geprägt von Faszination: Jeden Tag führte uns David Marc Hoffmann durchs Archiv. Tag für Tag konnten wir die Bestände weiter erkunden. Das war ein schöner, aber natürlich kein Dauerzustand. Phase zwei war dann persönlich eher ernüchternd: Der Laden läuft doch! Was braucht es mich da noch? Bin ich hier nicht überflüssig? In Phase drei kehrte sich diese Empfindung dann um: Es fehlt an allen Ecken und Enden! Es braucht uns überall! Wo gilt es als Erstes anzupacken?

Was hat das Steiner-Gedenkjahr 2025 geprägt?

Schmitt Für mich gehört vor allem die Ausstellung zu Rudolf Steiners schriftlichem Werk, die wir im März 2025 im Haus Duldeck eröffnet haben, zu den prägenden Ereignissen des Gedenkjahres. Und auch zu unserem gelungenen Einstieg ins Archiv. Wir waren in die Planung der Ausstellung mit einbezogen und konnten uns dadurch intensiv mit Rudolf Steiner als Autor, Redakteur und Herausgeber auseinandersetzen. Und wir konnten uns im Archiv selbstständig auf Entdeckungstour begeben: Welche Archivalien besitzen wir eigentlich? Wie sind sie geordnet? Wo befinden sie sich? Was lässt sich sinnvoll in einer Ausstellung zeigen? Für mich war das ein wunderbarer Einstieg, so unmittelbar in Kontakt mit den Archivalien zu kommen.

Die Ausstellungsfläche im Haus Duldeck ist recht überschaubar.

Schmitt Ja. Man könnte natürlich von einem großen Steiner-Museum träumen, in dem viel Platz wäre. Denn der begrenzte Raum erfordert, dass man eine beschränkte Auswahl trifft. Aber genau das finde ich für Ausstellungen eigentlich gewinnbringend. Wenn man viel zeigt, verlieren sich die Besucherinnen und Besucher schnell. Bei einer kleinen Auswahl fällt es leichter, Zusammenhänge zu erfassen und das Wesentliche zu erfahren.

Archivschrank mit Manuskript der ‹Geheimwissenschaft›

Was war ansonsten prägend für das Steiner-Gedenkjahr?

Kovce Ich finde es auffällig, dass Rudolf Steiner in seinem 150. Geburtsjahr 2011 medial ganz anders rezipiert worden ist als letztes Jahr rund um seinen 100. Todestag. Kurz gesagt: Es fand ein medialer Klimawandel in Sachen Anthroposophie statt. Zwar waren viele Beiträge zu Steiner 2011 ähnlich unbedarft wie 2025, aber der Tenor war 2011 ein anderer. Steiner galt damals etwa dem Philosophen Peter Sloterdijk als «ganz normales Genie», das vor allem Kunst und Kultur nachhaltig inspirierte. 2025 wurde Steiner dann bestenfalls als umstritten dargestellt. Oder gar als lupenreiner rassistischer und antisemitischer Wissenschaftsleugner und Antidemokrat abgetan.

Ja, 2011 empfing Steiner kommunikative Weihen: Anthroposophie habe als einzige Reformbewegung den Praxistest bestanden, hieß es. Und Peter Sloterdijk betonte, dass Steiner «eine Art Antennen-Anthropologie» geschaffen habe, die eine neue Verbindung mit dem Geist ermögliche.

Kovce Interessanterweise korrespondiert der mediale Klimawandel gerade nicht mit der akademischen Entwicklung der Steiner-Forschung. Akademisch ist Steiner in den letzten Jahren deutlich differenzierter wahrgenommen worden. Die Steiner-Tagungen 2025 am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar oder an der Harvard University in den USA stehen beispielhaft dafür. Ebenso die seit 2013 edierte kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners bei Frommann-Holzboog, wo Steiner neben Fichte, Schelling und Hegel erscheint. Insofern könnte man sagen, dass der mediale Anthroposophie-Diskurs unwissenschaftlicher geworden ist. Wenngleich eine gewisse anthroposophische Wagenburgmentalität den freien Blick auf Steiner und die eigene Geschichte natürlich ebenfalls verstellt.

Was unterscheidet das Rudolf Steiner Archiv von anderen Archiven?

Schmitt Als Archiv der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung geben wir seit den 1950er-Jahren die Gesamtausgabe heraus. Wir sind also seit rund 70 Jahren vor allem ein Editionsarchiv. Nun haben wir mit dem GA-Abschluss die Möglichkeit, uns in Zukunft eher klassischen Archivaufgaben zu widmen. So oder so werden wir als Kompetenzstelle für Fragen zu Steiner und seinem Werk konsultiert. Dabei wollen wir ein positives Bild von Steiner vermitteln, wozu für uns die öffentliche Zugänglichkeit des Archivs gehört. Wir tun, was wir können, damit deutlich wird, dass wir nichts verbergen, sondern dass jeder die Archivalien bei uns einsehen und erforschen kann. Das war früher anders.

Kovce Der öffentliche Zugang der Archivalien ermöglicht ein positives Steiner-Bild zweiter Ordnung. Ich würde nicht sagen, dass wir als Archiv für ein positives Steiner-Image zuständig sind. Wir sind dafür verantwortlich, dass jedem, der sich sein eigenes Steiner-Bild machen will, die bunte Farbpalette unserer Archivalien zur Verfügung steht. Den freilich nicht ganz unbegründeten Verdacht, das anthroposophische Milieu sei eine geschlossene Gesellschaft, widerlegen wir praktisch, indem wir den Nachlass Steiners als öffentliches Kulturgut betrachten und jeden bei uns im Archiv willkommen heißen. Freunde und Feinde der Anthroposophie können sich bei uns im Lesesaal über ein und dasselbe Dokument beugen und sich trefflich darüber streiten. Das ist unsere diplomatische Mission. Wir sind ein Ort größtmöglicher interpretatorischer Neutralität, wenn man so will: die Schweiz der Anthroposophie.

Die Gesamtausgabe sei abgeschlossen, heißt es. Gilt diese Botschaft mit Einschränkungen?

Schmitt Ja. 2016 bis 2025 wurden im Rahmen des Projekts GA 2025 insgesamt 54 neue GA-Bände ediert. Ein Meilenstein! Zwei Perlen warten jedoch noch auf den letzten Schliff: die letzten drei von sechs Bänden der Edition sämtlicher Briefe (GA 38/4–6) sind viel aufwendiger als gedacht und noch nicht erschienen; und in der digitalen Edition der Notizbücher und Notizzettel (eGA 47/48) sind bisher 182 von 637 Notizbüchern und 708 von rund 7000 Notizzetteln veröffentlicht worden. Gerade die Notizen sind ein Schatz, der im Laufe der nächsten Jahre noch gehoben werden muss. Denn da ist man ganz nah dran an Steiner: inmitten seiner Gedankenwerkstatt, wo er die frisch im Geiste erfassten Erkenntnisse schriftlich festhält.

Kovce Darüber hinaus geben wir noch ein Handbuch zur Gesamtausgabe (GA HB) heraus, das neben Ausführungen zur GA-Geschichte und den Editionsrichtlinien auch diverse Verzeichnisse und Register sowie eine GA-Bibliografie enthält. Das Handbuch wird übrigens digital kostenfrei bereitgestellt werden – als finanziell barrierefreie Arbeitsgrundlage. Ansonsten ist so gut wie alles Material, das nach derzeitigem Stand dem Werk Rudolf Steiners zuzurechnen ist, in der Gesamtausgabe veröffentlicht. Einzelne Nachträge werden in Neuauflagen berücksichtigt.

In welchem Umfang rechnet ihr mit Neuauflagen vergriffener GA-Bände?

Kovce Erfahrungsgemäß sind 10 bis 20 Titel pro Jahr vergriffen. Je nach editorischem Bedarf und finanziellen Möglichkeiten entsteht dann als Neuauflage ein Nachdruck, ein neu gesetzter, korrigierter Band oder gar eine vollständig überarbeitete Auflage. Da die derzeit lieferbaren GA-Titel aus allen Jahrzehnten der Edition stammen, ist der Überarbeitungsbedarf teils enorm. Unser Ziel ist es, vergriffene Bände gemäß unseren Editionsrichtlinien und dem aktuellen Stand der Forschung neu aufzulegen. Das werden wir jedoch nur dann erreichen können, wenn die GA als eine der größten Werkausgaben der Geistesgeschichte weiterhin Freunde und Förderer findet, die dieses Gesamtkunstwerk als Lese- und Studienausgabe am Leben erhalten wollen.

Stenogramm und maschinenschriftliche Übertragung eines Stenogramms von Helene Finckh. Beide 7. Oktober 1923. Quelle: Rudolf Steiner Archiv

Was gehört für euch zu den Überraschungen im ersten Jahr?

Schmitt Mich hat der unglaubliche Zuspruch durch die Spenderinnen und Spender überrascht. Zum einen wurden 2025 mehr als doppelt so viele freie Spenden überwiesen als im Vorjahr. Zum anderen haben wir von zwei Stiftungen, die den GA-Abschluss schon seit Jahren großzügig fördern, auch 2025 substanzielle Beiträge erhalten. Dafür sind wir natürlich sehr dankbar, und diese Unterstützung gibt auch Mut und Zuversicht für die Zukunft. Positiv überrascht hat mich außerdem, wie freundlich wir vom Goetheanum empfangen wurden. Wir treffen uns bei Bedarf auf Leitungsebene und es entwickelt sich bereits ein gemeinsames Campus-Bewusstsein. So haben wir nicht nur den Festakt zum GA-Abschluss zusammen geplant, sondern auch die Ausstellung zu der Steiner-Stenografin Helene Finckh, die in Kürze im Finckh-Häuschen eröffnet wird, gemeinsam gestaltet.

Hattest du einen weniger freundlichen Empfang erwartet?

Schmitt Naja, historisch waren die Nachlassverwaltung und das Goetheanum zutiefst verfeindete Institutionen, die sich gerichtlich über das Erbe Rudolf Steiners stritten und jahrzehntelang nichts miteinander zu tun haben wollten. Umso erfreulicher finde ich es, dass die alten Gräben nun endgültig überwunden sind. Denn letztlich haben wir ein gemeinsames Anliegen, wenn auch auf je verschiedene Weise: Steiners Erbe gegenüber einer extrem kritisch eingestellten Öffentlichkeit zu vertreten. Als Archiv haben wir statutengemäß den Auftrag, Steiners Nachlass zu erhalten, zu erforschen und zu veröffentlichen. Das Goetheanum demgegenüber vertritt Anthroposophie als Weltanschauung und unterstützt die anthroposophischen Lebensfelder.

Kovce Mich hat vor allem überrascht, wie weit und steinig der Weg ist von einem frei gehaltenen Steiner-Vortrag zu einem von Steiner selbst weder verschriftlichten noch durchgesehenen GA-Vortrag. Mal liegen keine stenografischen Mitschriften vor, sondern nur Notizen von Teilnehmern. Oder es liegen mehrere, voneinander abweichende Stenogramme vor. Oder die Ausschriften der Stenografen weichen von ihren eigenen Stenogrammen ab. Man muss sich klarmachen, dass ein Großteil der GA-Bände eigentlich keinen Steiner-Text enthält. Sie rekonstruieren, wie sich rund 6000 frei gehaltene Steiner-Vorträge zeit- und ortsgebunden ereignet haben. Ein leinengebundener, goldgeprägter, mit Lesebändchen versehener GA-Band im Bücherregal steht dazu in performativem Widerspruch. Diesen Widerspruch kann auch ein sensibler, transparenter Umgang mit dem Vortragswerk, wie wir ihn editorisch längst pflegen, nicht auflösen.

Was heißt das für die Steiner-Lektüre?

Kovce Dass uns Steiners Werk in den meisten GA-Bänden viel prekärer, viel fluider, man könnte auch sagen: viel freier entgegenkommt, als viele es zu lesen gewohnt sind. Die Schriftform erzeugt den Glauben an einen Autortext, den es hier nicht gibt. Die Steiner-Autorität, die man sich gerne herbeizitiert, existiert auf textueller Ebene trotz Steiners zögerlicher Zustimmung zum Mitschreiben und Veröffentlichen nicht. Die ga-Herausgeber der letzten Generationen sind damit ganz unterschiedlich umgegangen. Und sie haben auf der Suche nach einem möglichst authentischen Steiner-Text wohl auch falsche Hoffnungen geweckt. Doch wer bestimmte GA-Vorträge mit dem Hinweis skandalisiert, es sei doch nachweislich ganz anders gewesen, nämlich genau so und so, der erweist sich einen Bärendienst. Denn er erweckt aufs Neue den Anschein, es gäbe jenen authentischen Steiner-Text, der de facto nicht vorliegt.

Wie ist das bei den Schriften?

Kovce Das war das zweite, was mich überrascht hat: wie intensiv Steiner viele seiner Schriften überarbeitet hat, wenn sie neu aufgelegt wurden. Natürlich haben wir hier den Autortext, den wir bei den Vorträgen nicht haben. Aber Steiner selbst ist mit seinen Schriften erstaunlich frei umgegangen. Nichts ist in Stein gemeißelt, alle Textkörper unterliegen einer Metamorphose. Wobei interessant ist, dass Steiner unabhängig vom Grad seiner späteren Überarbeitungen zumeist eine philosophisch-anthroposophische Kontinuität und einen theosophisch-anthroposophischen Bruch betont. Wir haben im Archiv das große Glück, uns nicht auf den Philosophen, Theosophen oder Anthroposophen Steiner beschränken zu müssen. Bei uns genießt Rudolf Steiner ungeteilte Aufmerksamkeit. Und erst dieses Ungeteilte macht das große Ganze von Leben und Werk in seinen unendlich vielen kleinen Teilen sichtbar.

Was verändert sich bezüglich Rudolf Steiner nach 100 Jahren? Rückt er in eine zeitliche Dimension wie Goethe?

Schmitt Klar, es gibt jetzt keine Menschen mehr, die ihn noch persönlich erlebt haben. Gleichzeitig erlebe ich auch junge Menschen, die gar nicht viel von ihm gelesen haben, die vielleicht nicht einmal Deutsch sprechen und trotzdem tief mit Steiners Denken verbunden sind.

Kovce Rudolf Steiner ist 29 Jahre nach Goethes Tod geboren. Er ist also ein Nachzügler der Goethezeit und insofern längst eine historische Figur. Zugleich ist Steiners Werk ungebrochen aktuell. Es gibt hier und heute Kindergärten, Bauernhöfe, Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, die sich explizit auf dieses Werk beziehen und ohne es nicht existieren würden. Das eigentümliche Spannungsverhältnis von Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit spürt man im Archiv besonders deutlich: All unsere Archivalien, die wir, so gut es geht, hegen und pflegen, sind Teil der zerfallenden Welt. Sie sind eigentlich tot, aber sie lassen sich neu beleben durch den Geist, durch die Fragen, die man an sie stellt. Dafür wollen wir als Archiv ein Ort sein: für aktuelle Fragen im Gespräch mit dem Nachlass Rudolf Steiners.

Haus Duldeck. Foto: Roland Halfen

War Rudolf Steiner selbst sein erster Archivleiter?

Kovce Nein. Marie Steiner war die erste Archivleiterin, eigentlich schon Jahrzehnte vor der Gründung der Nachlassverwaltung 1943. Vor allem ihr ist zu verdanken, dass sich seit der gemeinsamen Berliner Zeit in theosophischen Kreisen viele Materialien erhalten haben. Rudolf Steiner hatte eher die Gegenwart und die Ewigkeit im Blick als seinen Nachlass. Der Nachlass Rudolf Steiners ist so, wie wir ihn heute kennen und erforschen können, im Laufe der Zeit von vielen Menschen beharrlich zusammengetragen worden. Bruchstückhaft, versteht sich.

Schmitt Vollständige Buchmanuskripte haben wir erst ab 1910. Alle früheren Handschriften liegen uns nicht oder zumindest nicht vollständig vor. Wir kamen ursprünglich mit der Erwartung hierher, dass nach dem GA-Abschluss und der kritischen Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners bei Frommann-Holzboog nun eine historisch-kritische Steiner-Ausgabe unter Einbezug der Manuskripte anstehe. Aber wir mussten feststellen, dass viele Handschriften fehlen. Wie gesagt: Erst ab 1910, also ab der ‹Geheimwissenschaft› und dem Fragment ‹Anthroposophie›, sind sie vollständig.

Das heißt, von der 1894 erschienenen ‹Philosophie der Freiheit› oder der 1904 veröffentlichten ‹Theosophie› liegen keine Buchmanuskripte vor?

Schmitt Nein. Es haben sich nur ganz wenige Manuskriptblätter und korrigierte Druckfahnen erhalten.

Warum gingen die Manuskripte verloren?

Schmitt Das wissen wir nicht. In einem Brief schreibt Marie Steiner, dass sie körbeweise Papier wegschmeißen mussten, weil es in der Motzstraße in Berlin dafür keinen Platz mehr hatte. Sie konnten wohl einfach nicht alles aufbewahren.

Blicken wir voraus: Was sind die nächsten Projekte des Archivs?

Schmitt In vielen Gesprächen mit Freundinnen und Freunden, Förderinnen und Förderern sowie mit dem Stiftungsrat haben sich zwei Leuchtturmprojekte herauskristallisiert. Das eine ist eine Dauerausstellung zu Rudolf Steiners Leben und Werk. Die Menschen, die auf den Dornacher Hügel kommen, sollen sich informieren können, wer Rudolf Steiner eigentlich war, was er geleistet hat, welche Impulse durch ihn in die Welt gekommen sind. Die aktuelle Steiner-Ausstellung im Goetheanum zeigt ja, dass ein großes Interesse daran besteht. Auch der Vorstand am Goetheanum hat übrigens signalisiert, dass er sich über eine solche Dauerausstellung im Haus Duldeck sehr freuen würde.

Und das andere Projekt?

Schmitt Wir haben die letzten rund 70 Jahre vor allem die Gesamtausgabe zwischen zwei Buchdeckeln ediert. Was bisher vernachlässigt wurde, ist der digitale Raum. Dort wollen wir als Archiv in Zukunft präsenter sein. Bisher gibt es die GA-online als kostenpflichtiges Angebot sowie diverse im Netz zirkulierende Raubkopien zumeist alter GA-Auflagen, die editorisch überholt sind. Das ist unbefriedigend. Wir wollen eine digitale Infrastruktur aufbauen, wo die GA als Open-Access-Produkt auf neustem Editionsstand frei zugänglich und weltweit erforschbar ist.

Regal mit Bänden der Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Quelle: Rudolf Steiner Archiv

Das sind ja Neuigkeiten!

Schmitt Und das ist noch nicht alles! Wir wollen auch unsere Archivbestände nach und nach in einem digitalen Lesesaal frei zugänglich machen. Etwa Manuskripte und Briefe Rudolf Steiners sowie die Seiten aus Steiners rund 9500 Bücher umfassenden Privatbibliothek, die seine Lesespuren enthalten. Und natürlich setzen wir die digitale Edition der Notizbücher und Notizzettel (eGA 47/48) weiter fort.

Zwei Bewegungen also: Die digitale Infrastruktur bringt das Archiv in die Welt und die Ausstellung macht den Besuch vor Ort attraktiver. Mehr Peripherie und mehr Zentrum?

Kovce So ist es. Die zwei Leuchttürme stehen für diese beiden Bewegungen. Und dafür, dass sich mit dem GA-Abschluss der Arbeitsschwerpunkt des Archivs in Richtung Forschung und Vermittlung verlagert. 2026 übrigens mit einem kleineren Team und einem schmaleren Budget.

Das führt zur wirtschaftlichen Ebene. Für den GA-Abschluss die Mittel zu finden, war vermutlich leichter als jetzt für den laufenden Betrieb.

Kovce Dass es gelungen ist, das Archiv zwischen 2016 und 2025 mit insgesamt rund 18 Millionen Franken zu finanzieren, gleicht einem kleinen Wunder. Trotz des verlockenden Angebots, den GA-Abschluss zu ermöglichen, war das kein Selbstläufer. Aber als gemeinnützige Stiftung ohne öffentliche Regelförderung und ohne nennenswertes eigenes Vermögen ist die Finanzierung eigentlich nie ein Selbstläufer. Man muss immer wieder neu Freunde und Förderer gewinnen und gemeinsam kleine Wunder vollbringen. 2026 benötigen wir insgesamt rund 1,2 Millionen Franken. Groß genug für ein kleines Wunder ist dieser Betrag allemal.

Auch in der anthroposophischen Community herrscht die trügerische Vorstellung, das Archiv finanziere sich von selbst, oder?

Kovce Falls jemand tatsächlich diese Vorstellung hat, hätte er eine trügerische. Die Wahrheit ist: Es läuft nichts von selbst. Alles muss ergriffen werden.

Und wie sind da die Wege?

Kovce Auch die müssen immer wieder neu gebahnt werden. Für den GA-Abschluss gab es wenige große und viele kleine Spenden. Künftig wollen wir versuchen, die Grundfinanzierung des Archivs durch eine Art Spenden-Mittelstand zu gewährleisten: durch verbindliche regelmäßige Beiträge nach eigenem Ermessen. Wir wollen ja nicht nur tolle neue Projekte realisieren, sondern auch das Alltagsgeschäft erledigen: Archivalien erhalten und erschließen, Archivbenutzer beraten und betreuen, Medienvertretern Rede und Antwort stehen. Allein dafür benötigen wir jährlich rund 250 000 Franken. Gerade diese Selbstverständlichkeiten finanzieren sich alles andere als von selbst. Aber wie heißt es so schön: Wunder gibt es immer wieder.


Titelbild Mitarbeitende des Rudolf Steiner Archivs mit den GA-Bänden, die zwischen 2016 und 2025 erschienen sind. 4. v. l. Angelika Schmitt, 2. v. r. Philip Kovce. Foto: Photo Basilisk AG

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