Ein Kreis um Mutter und Kind

Wenn eine Mutter mit ihrem Kind in eine Krise gerät, geht es um das Wiederaufbauen einer Hülle, die trägt. Im Gespräch beschreibt Katharina Guldimann das ‹Ita Wegman Mutter-Kind-Haus› als einen Schutzraum, eine ‹Familienhaut›, die sich um Mutter, Kind und das ganze Familiensystem legt. Die Fragen stellte Johanna Lamprecht.


An einem schönen, sonnigen Frühlingstag treffe ich am ‹Ita Wegman Mutter-Kind-Haus› in Gempen, einem kleinen Dorf oberhalb von Dornach, ein. Das Haus ist am Dorfrand gelegen, direkt am Wald, die Obstblüte steht in voller Pracht und Ziegen tollen auf der Wiese gegenüber dem alten Bauernhaus herum, wo im ersten und zweiten Stock das Mutter-Kind-Haus beheimatet ist. Herzlich nimmt mich Katharina Guldimann, die Leiterin der Einrichtung, in Empfang. Vor unserem Gespräch machen wir einen kleinen Rundgang durch das mit warmen Farben gestaltete Haus. Im ersten Stock befindet sich der geräumige Aufenthaltsraum mit Balkon und weitem Blick in die das Haus umgebende sanfte Jura-Hügellandschaft. Hier können sich die Frauen treffen und die Kinder spielen. Daneben liegen ein Einzelzimmer, das Teambüro sowie ein Therapie- und Gesprächsraum. In der Küche, die gleichzeitig auch der gemeinschaftliche Essraum ist, räumt die Köchin noch auf. Es herrscht eine familiäre Stimmung. Im zweiten Stock befinden sich drei weitere Einzelzimmer, gemütlich und mit Vollholzbetten ausgestattet, gestrichen mit warmen Farben. Auf dem Flur lassen die vielen Woll- und Baumwolltücher auf der Kommode darauf schließen, dass sehr regelmäßig Wickel und Auflagen angeboten werden.


Johanna Lamprecht: Katharina, du bist Hebamme mit Zusatzausbildung in anthroposophischer Krankenpflege, Familien- und Sozialberaterin. Was hat dich und dein Team dazu geführt, vor 15 Jahren das ‹Ita Wegman Mutter-Kind-Haus› zu gründen?

Katharina Guldimann Vor meiner Tätigkeit hier im Mutter-Kind-Haus war ich elf Jahre auf der Familienstation der damaligen Ita-Wegman-Klinik in Arlesheim tätig. Diese Station war insofern einmalig, als wir Mütter, Schwangere und Wöchnerinnen gemeinsam mit ihren Kindern stationär betreuen konnten – ein damals bereits einmaliges Konzept, um junge Familien nachhaltig medizinisch und therapeutisch zu unterstützen. Ende 2010 wurde dieses Angebot in Arlesheim geschlossen, was einige ehemalige Kolleginnen und mich dazu bewog, ein halbes Jahr später die ‹Stiftung Ita Wegman Mutter-Kind-Haus› zu gründen – damit eine Struktur besteht, um dieses Angebot ausgegliedert weiterzuführen.

Welche Lücke schließt euer Angebot?

Wir richten uns vor allem an Mütter mit postpartalen psychischen Erkrankungen oder starken Erschöpfungszuständen und möchten ihnen Entlastung, Pflege und liebevolle Begleitung schenken. Bei schweren psychischen Erkrankungen braucht es selbstverständlich eine klinische Betreuung, die wir nicht anbieten können. Wir sind schweizweit das einzige Angebot, das Mütter außerklinisch gemeinsam mit ihren Kindern aufnimmt, pflegt und betreut und zudem auf anthroposophischer Grundlage arbeitet. Unser interprofessionelles Team aus Kinderkrankenpflegefachfrauen, Pflegefachfrauen, Hebammen, Elternberaterin, Sozialpädagogin, Ärztin, Heileurythmistin und Hauswirtschafterin möchte im familiären Rahmen temporär eine tragende Kraft sein, die einen Kreis um Mutter und Kind bildet. Wir haben ganz klein angefangen und sind es nach wie vor. Darin liegt vielleicht auch die besondere Kraft, die die Mütter schätzen.

Euer Team besteht ausschließlich aus Frauen. Wie erlebst du diesen Raum von Frau zu Frau? Welche Kräfte braucht es insbesondere, um Frauen in ihrer Mutterschaft zu stärken?

Ja, tatsächlich sind wir derzeit ein reines Frauenteam, nur einmal war ein Koch für uns tätig, der ebenso sehr geschätzt wurde. Ich erlebe diese weibliche Kraft als etwas Heiliges, wo in der Begegnung von Frau zu Frau ein intimer Raum aufgehen kann. Viele unserer Mitarbeiterinnen sind selbst Mütter – wobei ich das nicht als Voraussetzung für eine Tätigkeit bei uns auffassen würde. Und ich erlebe es so, dass man zum Thema Mutterschaft hundert Bücher lesen kann, und es sich dennoch erst in dieser besonderen weiblichen Energie zeigt, was es dafür für Kräfte braucht.

Braucht dieser mütterliche Raum einen besonderen Schutzraum?

Ja, so verstehe ich unsere Aufgabe im Team: Wir bilden eine Schutzhülle um die Mütter und ihre Kinder. Diese Hüllenbildung ist für mich eine weibliche Kraft, sowohl diese Kräfte zu schenken als auch sie zu erhalten. Und selbstverständlich braucht dieser weibliche Schutzraum – damit wir Frauen mit unserer Energie und unserem Potenzial so wirken können – natürlich auch die Männer und Väter! Als Bild für diesen Schutzraum lebt in mir Maria mit ihrem blauen, ausbreitenden Mantel, der für Schutz steht und im umfassenden Sinne auch das Mütterliche von Mutter Erde umfasst. Väter brauchen übrigens genauso einen Schutzraum, sind diesbezüglich ebenso bedürftig – das wäre nochmals ein ganz eigenes Thema, das nicht Schwerpunkt unserer Arbeit ist.

Worum bildet sich dieser Schutzraum, was wird geschützt?

Es ist die ganze Familie. Jede Familie muss ihre eigene Kultur schützen können und braucht eine Hülle, um wachsen und sich entwickeln zu können. Ich bin der Überzeugung, dass jede Familie ihre eigene Familienkultur hat, die einzigartig ist und jeweils ihre eigenen Wertvorstellungen umfasst. In unserer Arbeit mit den Müttern und Familien wollen wir ihnen daher nicht etwas Bestimmtes vorgeben, da beispielsweise Rhythmus als ein Aspekt der Familienkultur etwas sehr Individuelles ist. Um dieses Eigene ausbilden und dann schützen zu können, braucht es eine Hülle, die wie eine Weiterführung der Hüllenbildung funktioniert, die uns allen am Anfang während der Schwangerschaft durch das Amnion [Eihaut] und die mütterlichen Hüllen geschenkt ist. Eine intakte Familienkultur lässt die Familie gesund bleiben. Diese ‹Familienhaut› zu unterstützen, sehe ich als eine unserer zentralen Tätigkeiten.

Wie kultiviert ihr diese ‹Familienhaut›-Bildung?

Im Grunde fängt dies mit den ganz basalen Bedürfnissen, Schlafen, Wachen, Essen, an. Dafür als verlässliche Bezugspersonen ausreichend Zeit zu geben, ermöglicht Tagesstruktur und Rhythmus. Lebenskräfte aufzubauen, ist eine Gestaltungsaufgabe! Konkret heißt das oft, dass die Familien erleben, welcher Freiraum entsteht, wenn sie viel weniger Aktivitäten in den Tag hineinpacken. Auf das soziale Umfeld geblickt, wird dieser familiäre Schutzraum auch durch eine ‹Familie um die Familie› herum unterstützt. Dies kann professionell oder durch den Familien- oder Freundeskreis sein.

Wir im Mutter-Kind-Haus haben dabei die Möglichkeit, nicht nur ein Beratungsangebot bereitzustellen, sondern weil wir ein Stück weit zusammenleben, können wir wirklich begleiten, wenn eine Mutter etwas verändern möchte. Die Mütter mit ihren Kindern sind in der Regel drei bis vier Wochen bei uns. Diese Zeit gemeinsam zu verbringen, mit uns als Team, aber auch untereinander mit den anderen Müttern und Kindern, hilft, die eigenen ätherischen Kräfte zu stabilisieren und zu stärken. Veränderungen müssen sich einverleiben können, sodass sie zum Gewohnheitsleib werden. Wir bekommen da oft sehr berührende Rückmeldungen. Zum Beispiel erzählen Mütter vor ihrem Austritt, dass sie realisiert haben, dass sie zu Hause viel zu viele Sachen – das betrifft nicht nur Spielsachen! – besitzen und mit ihrer Rückkehr nach Hause erst einmal ausmisten möchten. Sie bemerken, dass es im Grunde gar nicht so viele Dinge braucht.

Mit welchen Herausforderungen sind die Mütter deiner Erfahrung nach heute konfrontiert? Was hat sich diesbezüglich auch in den letzten Jahren verändert?

Ich kann hier nicht allgemein sprechen, sondern vor allem aus meiner Erfahrung mit den Müttern, die zu uns kommen. Ich erlaube mir, zu sagen, dass unterdessen fast drei Viertel der Frauen traumatische Erfahrungen mitbringen. Das war vor zehn bis zwanzig Jahren noch nicht so extrem. Es sind Mütter aus allen gesellschaftlichen Schichten bei uns, egal ob mit Migrationshintergrund oder ohne, aus stabilen Elternhäusern oder ehemalige Heimkinder. Dabei ist erschreckend, wie viele auch Missbrauchserfahrungen mitbringen. Die Frauen, die verschiedene traumatische Erfahrungen in ihrer Biografie tragen, haben vor der Mutterschaft ein sicheres, stabiles und selbstständiges Leben geführt mit einer guten Selbstwahrnehmung. Dann werden sie schwanger, das Kind kommt auf die Welt und die bisherigen Strukturen greifen nicht mehr. An diesem Übergang scheitern viele Frauen: Sie kommen im Laufe der Mutterschaft physisch in Erschöpfungszustände, aus denen heraus seelisch-traumatische Themen aufbrechen. Sie werden getriggert oder erleben Flashbacks von Erlebnissen, von denen sie eigentlich gedacht haben, diese verarbeitet zu haben. Im Muttersein erlebt man nochmals die eigene Kindheit, ob man will oder nicht! Ein weiterer Aspekt ist sicherlich auch der Medienkonsum. Die Eltern werden medial mit so vielem überflutet, werden verunsichert und verlieren einen Zugang zu ihrem eigenen Gefühl und damit den Zugang zur eigenen Entscheidungsfähigkeit. Da erlebe ich einen Verlust von Geistesgegenwart, gepaart mit einem Verschleiß an Kräften. Selbstverständlich sind es auch wirtschaftliche Faktoren, die einen hohen Druck aufbauen: sei es innerhalb der Arbeitswelt oder mit dem eigenen Anspruch im Materiellen und im Beruflichen.

Eure Einrichtung trägt Ita Wegman in ihrem Namen. Ita Wegman hat in mehrfacher Hinsicht Pionierarbeit geleistet. Was hat sie aus deinem Erleben für Mütter und Kinder auf den Weg gebracht, wieweit prägt sie deine Arbeit?

Ita Wegman hat in meinem Empfinden eine große Fähigkeit darin gehabt, dass sich die Menschen ihr anvertraut haben. Sie hat gespürt, was es jeweils braucht, und hat das auch umgesetzt – eine Macherin durch und durch. Das Gegenüber durfte erleben: Da ist jemand, der mich erkennt und wahrnimmt und wertschätzend auch dort abholt, wo ich in meinem Unvermögen stehe. Dabei hat sie die Fähigkeit gehabt, den anderen im nächsten Schritt zu bestärken.

Ich hatte bei einem Vorgespräch mit einer von unseren ersten Müttern ein besonderes Erlebnis: Es ging ihr sehr schlecht, sie konnte nicht mehr mit ihrem Kind reden und war ganz verstummt, was Teil eines posttraumatischen Belastungssymptoms war. Ihre Schwester hatte sie beim Aufnahmegespräch begleitet, da sie fast nicht mehr reden konnte. Zum Ende des Gesprächs, in dem wir vereinbarten, dass sie zu uns kommen wird, habe ich zu ihr gesagt: «Ich glaube an dich.» Das war ein Moment, wo für mich Ita Wegman anwesend war. Das habe nicht nur ich ausgesprochen. Für mich hat Ita Wegman mit ihrer bestärkenden Zuwendung nebst ihrem umfassenden medizinischen Wissen eine große Fähigkeit gehabt. Darin fühle ich mich mit Ita Wegman verbunden, und es ist mir unglaublich wichtig, dass wir mit dem Mutter-Kind-Haus ihren Namen führen dürfen.

Das Spannende ist ja, dass Ita Wegman selbst gar nicht Mutter gewesen ist …

Ja, aber sie hat sich intensiv dafür eingesetzt, Mütter gemeinsam mit ihren Kindern aufzunehmen, und hat darin Pionierarbeit geleistet. Ich erlebe ihre Heilkraft als aus einer mütterlichen Energie kommend, sie bildete eine Schale, ein Gefäß, und hat gleichermaßen so für ihre Anliegen gekämpft.

In ihrer Feinsinnigkeit war sie Gefäß für das Gegenüber und hat einen Resonanzboden gebildet. Diese Empfindungsfähigkeit hat sie dann bis in den Willen getragen. Ist dies etwas Urweibliches?

Ich finde, ja. In diesem empfindsamen Willenshaften ereignet sich Zukunft. Es kann aus dem Menschen heraus etwas geboren werden, was schon längst in ihm lebt, das er aber nicht allein aus sich hervorzubringen vermag.

Damit arbeitet sie im Grunde wie eine Hebamme im Seelisch-Geistigen.

Ja, genau. Diese Fähigkeit wollen wir hier gern weiter pflegen und darin mit unserer Arbeit eine Brücke zu Ita Wegman bilden. Ihre umfassende seelisch-geistige Kapazität erlebe ich dabei als Teil von dem Stern, der unsere Arbeit schützt.

Ihr müsst vermutlich von Jahr zu Jahr um den Erhalt der Einrichtung bangen.

Es ist ja klar, dass wir defizitär arbeiten – das machen ja alle anderen auch, bloß sind sie subventioniert. Unser großes Anliegen ist, allen Müttern, die es benötigen, einen Zugang zu unserem Angebot zu ermöglichen. Das geht nur über verschiedene Stiftungen und ist eine große, stetige Arbeit. Die Aufenthaltskosten werden nicht durch die Krankenkassen übernommen, womit wir auch nicht krankenkassenabhängig sind. Darin erlebe ich eine Freiheit. Im Grunde ist unsere Tätigkeit in dieser Unabhängigkeit sehr modern, wir leisten nach wie vor Pionierarbeit, worin ich wiederum eine Brücke zu Ita Wegman erlebe.

Was sind deine Visionen und Wünsche, um mütterlichen Qualitäten so Raum zu geben, dass sie die Familienstrukturen stärken?

Diese Frage ist selbstverständlich umfassend. Anfangen kann ich damit, dass die Frage natürlich ein Politikum ist und dabei angefangen werden müsste, politisch mehr innere und äußere Freiräume zu ermöglichen, die weit über das hinausgehen, was wir beispielsweise in der Schweiz bislang mit Mutterschutz und 14 Wochen Mutterschaftsurlaub haben. Mein größter Wunsch ist, dass weltweit Mutter und Kind, Mutterschaft und Kindheit und damit auch die gesamte Familie, geschützte Räume haben dürfen. Doch wo fängt ein geschützter Raum an? Bei vielen Menschen auf der Erde überhaupt erst mal mit einem Dach über dem Kopf …

Mit alledem: Ich glaube an das Gute. Ich glaube, dass sich langsam etwas zu verändern beginnt, dass die Menschen etwas bescheidener werden und anfänglich aufwachen für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Vielleicht bin ich da naiv. Als Großmutter, die ich unterdessen bin, sehe ich es als meine Aufgabe, gewisse Werte mitzugeben. Ich traue mich zu sagen, dass alle Mütter, die bei uns waren, eine Erfahrung von dem gewonnen haben, was es bedeutet, das eigene Ego zurückzunehmen. Dies ist eine große Übung und Aufgabe heutzutage.

Es klingt so, als ob sich diese Veränderungen für das Mütterliche leise und fast unmerklich ereignen.

Ja, so wie auch das Feld um die Familie, die ‹Familienhaut›, nur behutsam und geschützt wachsen kann.


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Bilder Katharina Guldimann und das ‹Ita Wegman Mutter-Kind-Haus› in Gempen, Schweiz, Fotos: Johanna Lamprecht

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