Den selbst geschaffenen Bestien das Herz ent­ge­gen­stellen

Kontrolle und Krieg sind Ausdruck kalter und heißer Gewalt. Durch künstliche Intelligenz steigern sie ihre Wirkung. Moral und Weisheit als Fundament und Dach menschlicher Gemeinschaft vermögen die digitalen Untiere zu humanisieren.


Das Geheimnis des Bösen ist nicht abstrakt, sondern gelebte Wirklichkeit. Es zeigt sich als Gewalt – die eigene, die eines anderen oder eine von künstlicher Hand. Auch die künstliche wurde von Menschen geschaffen und hat sich dann aus dessen Zugriff gelöst. Das Böse ist, wie die Liebe als sein Gegenüber, groß. Beide lenken den Blick auf etwas, das sich dem vollen Verständnis entzieht, aber den Kern des Menschseins berührt. Sie fordern einen Bewusstseinswandel. Gewalt – irdischer Ausdruck des Bösen – hat ein heißes oder kaltes Antlitz. Heiße Gewalt steigt in der Seele als Zorn, Wut, als Drang, zu zerstören und zu vernichten, auf. Institutionell vermag Gewalt Energien freizusetzen, die jedes vorstellbare Maß übersteigen. Wenn ich versuche, mich in ein Kind oder einen Erwachsenen zu versetzen, dessen Körper von einem Geschoss getroffen mit einem Schlag in Fragmente zerreißt oder gar in seiner Gänze verdampft, versagt meine Vorstellungskraft. Doch Menschen mit Namen und Geschichten, so komplex wie meine eigene, erleben solch eine Wirklichkeit. Gerade wenn ich an diese Grenze meiner Vorstellungskraft stoße, erscheint mir der Begriff des Bösen angemessen. Kalte Gewalt bedient sich der Überwachung und Kontrolle. Sie unterwirft Menschen, Gemeinschaften und die Erde ihrer ausbeuterischen Logik, löscht individuelle Handlungsfähigkeit aus und behandelt alles in ihrer Reichweite als Mittel zum Zweck. Diese Logik der Herrschaft verkörpert sich in mächtigen nicht menschlichen Akteuren, in Institutionen, Staaten und Konzernen. Wenn künstliche Intelligenz in die Entscheidungsalgorithmen solcher künstlichen Akteure eingebunden und ermächtigt wird, heiße Gewalt auszuüben, dann werden diese zu ‹Boten des Untergangs›, zu den Hauptakteuren von Kriegen, sozialen und ökologischen Katastrophen. Ihre Handlungen folgen ihren eigenen (nicht menschlichen) Interessen der Selbsterhaltung und stehen allen menschlichen Interessen – auch denen ihrer Eigner – entgegen.

Wenn Körperschaften eine Meinung haben

Moderne Organisationen und Staaten sind Instrumente, die kohärentes und organisiertes kollektives Handeln über die individuelle menschliche Lebensspanne und Reichweite des individuellen Bewusstseins hinaus ermöglichen. Unternehmen entstehen durch Vereinbarungen; Staaten steigern dies, indem sie ein Monopol auf die legitime Anwendung von Gewalt innerhalb ihres Hoheitsgebiets beanspruchen. Beide sind mit Rechtspersönlichkeit ausgestattet, die über ihre menschlichen Glieder hinausgeht, und verfügen über konstitutionell verankerte Ziele sowie über Entscheidungsrahmen, die ihre Selbsterhaltung und Machterweiterung priorisieren – selbst zum Nachteil ihrer menschlichen Verwalter, die sie in Aktion versetzen und auf deren Intelligenz die Körperschaften angewiesen sind. Künstliche Akteure haben eine starke Tendenz, Rechte für sich zu beanspruchen, die ursprünglich natürlichen Personen vorbehalten waren. In den USA beispielsweise haben Unternehmen die Teilhabe am verfassungsmäßigen Recht auf freie Meinungsäußerung durchgesetzt. Moderne Staaten beanspruchen ein ‹Recht auf Existenz› für sich, das dem uns Menschen zugesprochenen ‹Recht auf Leben› Konkurrenz macht – trotz des entscheidenden Unterschieds, dass der Mensch kein Mittel zum Zweck ist, sondern ein Endzweck an sich. Theokratien begründen solche Ansprüche durch mythisch überhöhte Erzählungen, und andere Systeme bieten immer häufiger apokalyptische Narrative, um entgrenzte Machtausübung zu rechtfertigen.

Vermeintlich unvermeidliche Folge

Mittels künstlicher Intelligenz emanzipieren sich Staaten und Unternehmen von ihren menschlichen Schöpfern und Schöpferinnen. KI entkoppelt die Entscheidungsfindung, sobald einmal die Richtung bestimmt ist. Heutzutage geschehen staatliche Maßnahmen, staatliche Gewalt, oft im Zusammenschluss mit privaten Unternehmen und der Integration von KI, was zum Verlust von menschlicher Kontrolle über die physischen Mittel der Gewalt führt und die Verleugnung moralischer Verantwortung und Schuld erleichtert. Gewalt wird so zur vermeintlich unvermeidbaren Folge praktischer Zwänge. Unternehmen, Staaten und künstliche Intelligenz sind weder zu Empathie noch zu moralischem Handeln oder kreativer Intuition fähig. Sie brauchen ihre menschlichen, mit einem Ich ausgestatteten Vormünder, die ihnen diese Eigenschaften vermitteln und ihr Handeln lenken und disziplinieren. In der fernen Vergangenheit lernten wir durch Initiationsweisheit, wilde Tiere zu zähmen. Heute haben wir es mit Biestern zu tun, die wir selbst geschaffen haben. Während die älteste noch bestehende Demokratie ihr 250-jähriges Bestehen feiert und auf den Status einer ‹mangelhaften› (nicht mehr ‹liberalen›) herabgestuft wurde (Democracy Report 2021), scheinen die Mechanismen, nach denen Menschen Macht gewinnen, der ‹dunklen Triade› von Persönlichkeitsanlagen – Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie – Auftrieb zu geben und diese bei den Amtsinhabenden oft weiter zu verstärken.

Den Drachen humanisieren

Das frühmoderne Bewusstsein, aus dem diese Bestien hervorgingen – ursprünglich als Zugtiere für den Aufbau der modernen Zivilisation –, ist seinen eigenen Geschöpfen nicht mehr gewachsen. Moderne künstliche Akteure mit fehlerhaftem Algorithmus werden in Händen menschlicher Verwalter, die selbst in materialistischen Denkweisen gefangen sind, von pathologischen Persönlichkeitsstrukturen getrieben werden und denen ein moralischer Kompass fehlt, zu Instrumenten der Gewalt und Herrschaft. Sie trotzen ‹den besseren Engeln unserer Natur› und handeln gegen die erklärten Interessen der weiten Mehrheit der Menschen, denen sie angeblich Rechenschaft schulden. Wir brauchen neue Weisheit, die wenigstens ansatzweise die transpersonalen Qualitäten und die moralische Vision des Geistselbst erschließt, um die von uns geschaffenen Ungeheuer zu humanisieren, neue, gerechtere und inklusivere Wege zu finden, sie zu lenken, und ihre Handlungen mit menschlichen Werten und Interessen zu verbinden. Wir brauchen ein Miteinander und eine Staatskunst, die Gemeinschaft hervorbringt, die auf Liebe aufgebaut ist. Auch wenn uns die Macht über diese ‹Boten des Untergangs› und ihre Gewalt fehlt, so haben wir doch die Macht, auf den Feldern der Zerstörung Samen menschlicher Zukunft zu säen. Damit überschreiten wir eine weitere Schwelle der Vorstellungskraft. Und vielleicht begleiten uns darin dann auch diejenigen, denen ihre Körper geraubt wurden, um gemeinsam die moralischen Imaginationen für solches gestalterische Handeln hervorzubringen.


Foto Julius Carmine/Unsplash

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