Glaube und Verlust

Am 25. März 2021 ist Uta Johanna Ranke-Heinemann gestorben, in ihrem 93. Lebensjahr. Die weltweit erste weibliche katholische Theologieprofessorin wurde am 2. Oktober 1927 in Essen geboren als Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann.


Der Vater von Uta Ranke-Heinemann wurde 1969, im Jahr ihrer Habilitation, zum Bundespräsidenten gewählt, als erster Politiker der SPD seit Gründung der Bundesrepublik. 30 Jahre später sollte sie selbst dafür kandidieren. 1999, auf dem Höhepunkt des Kosovokrieges, ließ sich die parteilose Pazifistin von Gregor Gysi dazu bewegen, für die damalige PDS anzutreten. Sie unterlag bekanntlich dem Kandidaten der SPD, Johannes Rau, dem Mann ihrer Nichte. In besonderer Weise spiegelt sich im Lebenslauf dieser Frau die Zeitgeschichte. Themen, die sie beschäftigten, sind ungebrochen aktuell – leider, möchte man hinzufügen.

Auf dem Gymnasium, das sie mit Auszeichnung abschloss, war sie das einzige Mädchen. Zunächst studierte sie evangelische Theologie in Oxford, Bonn, Basel und Montpellier. Durch die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann, dem katholischen Religionslehrer Edmund Ranke, konvertierte sie zum Katholizismus, zum Ärger ihres Vaters. Sie selbst formulierte später, auf der Suche nach Toleranz sei sie vom Regen in die Traufe gekommen. Sie setzte ihr Studium nun in katholischer Theologie in München fort. Dazu musste sie 18 Scheine in einem Jahr absolvieren sowie ihre Dissertation verfassen: ‹Das frühe Mönchtum. Seine Motive nach den Selbstzeugnissen der ersten Mönche›, ins Lateinische übersetzt. Sicher keine Kleinigkeit, auch wenn Uta Ranke-Heinemann zwölf Sprachen beherrschte. Ein hilfreicher Studienkollege, mit dem sie zusammenarbeitete, war Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt. Sie erhoffte sich, als er 2005 gewählt wurde, eine umfassende Reformation der katholischen Kirche und die Abschaffung des Zölibats. Diese Hoffnung wird nachvollziehbar, wenn man die frühen Schriften Ratzingers studiert – ein Rätsel auch dieser Geistesweg. Auf jeden Fall eine der großen und zahlreichen Enttäuschungen ihres Lebens.

Uta Ranke-Heinemann (ca. 1990). Im Hintergrund ein Porträt ihres Vaters, des Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Foto: Stuart Mentiply, Wolfsburg, GFDL 1.2.

Nach ihrer Habilitation, ‹summa cum laude›, wurde sie 1970 als erste Frau weltweit Professorin für Katholische Theologie. Und damit begann ihr Wirken, mit dem sie im Lauf der Jahre als streitbare Kirchenkritikerin berühmt und berüchtigt werden sollte – ihr Versuch, das Christentum innerhalb des konfessionellen Glaubens zu erneuern. Dabei galt ihr die Sexualmoral der katholischen Kirche als Inbegriff der Verlogenheit und Bigotterie. Ob das Verbot der Empfängnisverhütung, der menschenverachtende Umgang mit Homosexuellen und vor allem das Zölibat, das sie für eine Zwangsentsexualisierung und einen Nährboden für Pädophilie und Sexualneurosen hielt. Nachzulesen in ihrem 1988 publizierten und immer wieder neu aufgelegten Werk ‹Eunuchen für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität›.

Ein Jahr zuvor war es zum Eklat gekommen. In einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks vom 15. April 1987 bezweifelte sie öffentlich das Dogma der Jungfrauengeburt. In der Folge wurde ihr die Lehrerlaubnis entzogen. Sie selbst empfand sich als exkommuniziert. Doch ihr Engagement war ungebrochen. Neben vielfältigen Publikationen, Lehrtätigkeiten und öffentlichen Auftritten war sie politisch in der Friedensbewegung aktiv. Sie stritt für Toleranz und Offenheit in der katholischen Kirche, für die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Akzeptanz von Homosexualität und den Aufbruch uralter verkrusteter Machtstrukturen des Institutionellen. All dies – wie wir wissen, weil es bis heute fortdauert und jüngst wieder durch den Vatikan bestätigt wurde – vergeblich!

Gott hat Himmel und Erde geschaffen, die Hölle haben die Menschen hinzuerfunden.

Aus dem siebenfachen negativen Glaubensbekenntnis von Uta Ranke-Heinemann

Der Tod ihres Mannes am 11. September 2001 stürzte sie in eine tiefe Krise. Wie ein schwarzes Loch, formulierte sie, sei Finsternis über sie hereingebrochen, sei sie der Verankerung entrissen worden. Am Ende sah sie sich mit dem Verlust ihres Glaubens konfrontiert. Darin liegt eine tiefe Tragik. Ein lebenslanger Kampf um das innere Christentum, mit Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit und Treue geführt, ging zu Ende in der «Trauer über die Vergeblichkeit meiner Erforschung des Unerforschlichen».

Das ist ein weher Abschiedsruf. Dennoch blieb ihr nach eigenem Bekunden das, was den Beginn und das Ende des Christlichen ausmacht: Liebe und Hoffnung. Mit der ihr eigenen Logik setzte sie nun alles auf das Erleben des Nachtodlichen. Sie hielt dieses zwar ebenfalls für unerforschlich, letztlich unerkenntlich, aber von der Wiederbegegnung mit den Toten war sie überzeugt als einem Quell der Freude. Die sei ihr von ganzem Herzen gegönnt.

Als buchstäblicher Nachruf erklingt in ihrem fast hundertjährigen Lebenslauf die offene Frage: Wie sieht ein zukünftiges Christentum aus? Falls unsere Zivilisation sich dieser Frage ernsthaft widmen würde, wäre vieles zu hoffen. Uta Ranke-Heinemann ist mit aller Kraft ihrer Persönlichkeit dafür eingetreten, dass diese Frage nicht vergessen wird.

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