So ist es

Wenn wir einem Kunstwerk nicht mit ‹ästhetischem Bewusstsein› gegenübertreten, also fortwährend in Distanz zu ihm bleiben, sondern uns als ‹in die Welt Involvierte› von ihm einnehmen lassen, so ist mit dem ästhetischen Erlebnis mehr als der reine Genuss des Schönen bzw. ästhetisch Qualitätsvollen verbunden.


Als von der Kunst Eingenommene erschließt sie sich uns in ihrem eigenen Gehalt, das heißt, wir verstehen das, was sich uns in ihr zeigt. Ein Kunstwerk verstehen aber heißt, es sich in seiner Wahrheit zuzumuten. In unvergleichlicher Intensität stehen wir vor einem Kunstwerk und sagen – fast mehr noch, kommt es über unsere Lippen: «So ist es.»

Lillian Torjusson, ‹Der geblendete Pegasus, das goldene Gesicht und das Kreuz›, Pastell auf Papier, 26 × 22 cm, 2013.

Insofern Kunst letztlich immer ein Moment des Schönen in sich birgt, bedeutet das Erfahren von Schönheit durch Kunst immer auch das Erfahren von Wahrheit. Beginnen wir, ein Kunstwerk zu verstehen, so bleibt es uns nicht ein fernes Universum, in das wir für den Augenblick der Kunsterfahrung hineinverzaubert sind, vielmehr beginnen wir, uns in ihm zu verstehen. Alles Sichverstehen vollzieht sich an einem anderen, das verstanden wird. Kunst eröffnet den Blick auf das eigene Sein, weil in ihr das Sein überhaupt in gesteigerter Weise zur Darstellung kommt. Wenn das Erfahren eines Kunstwerks gelingt, ist es immer beides: Weltverstehen und Selbstverstehen.


Siehe: Hans-Georg Gadamers Hauptwerk ‹Wahrheit und Methode›.

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare