Die Methode ‹Biografie im Lebenshaus› veranschaulicht, wie sich Möglichkeit und Aufgabe in jedem Lebensabschnitt verstehen und erfüllen lässt.
Wer bin ich? Worin liegt der Sinn, das Leitmotiv meines Lebens? Das sind wichtige Fragen heute, die oft aus den Augen verloren gehen. Andererseits gehört es zur Signatur unserer Zeit, das eigene Leben in seinen Chancen ausschöpfen zu wollen. Die anthroposophische Biografiearbeit, die in ihren Grundlagen von Rudolf Steiner1 entwickelt wurde, eignet sich in jedem Alter zu einer persönlichen Standortbestimmung und Neuorientierung. In meiner Arbeit als anthroposophische Ärztin wurde die Frage nach den Bedingungen für eine gesunde Entwicklung immer wichtiger. Dabei ist es mein Herzensanliegen, die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse so aufzuarbeiten, dass sie für jeden Menschen verständlich werden. So entwickelte ich in 20-jähriger Beratungs- und Fortbildungstätigkeit die Methode der ‹Biografiearbeit im Lebenshaus› (BIL), die ich in diesem Artikel vorstellen möchte.
Wie wirken Vererbung, Sozialisation und unser Ich zusammen? Als Mensch sind wir lebenslang entwicklungs- und lernfähig. Diese Qualität des Werdenwollens verdanken wir unserem Ich, das dementsprechend in der Biografiearbeit im Mittelpunkt steht. Wir betrachten das Leben in seinem Zusammenhang und bekommen ein Gefühl für unsere Lebensthemen. Wir übernehmen Verantwortung für unser Leben und treten aus der Opferrolle in eine aktive Lebensgestaltung. Damit erleben wir die Chance zur Selbstentfaltung, die in jeder Krise verborgen ist.
In der Biografie sind drei Ströme wirksam: Der erste Strom wird von der Vererbung unserer väterlichen und mütterlichen Herkunftsfamilie gebildet. Der zweite Strom wird durch unsere Umgebung und unsere Erziehung geprägt. Der dritte steht für die Werdekraft unseres Ich, dieses schwer fassbaren geistigen Kerns unseres Wesens, der sich im Lauf des Lebens in der Verwirklichung seiner Lebensmotive ausdrücken möchte.
Der Siebenjahresrhythmus in der Biografie
Unser Ätherleib bildet als Lebensstrom die Basis für unsere Biografie. Der Siebenjahresrhythmus als Grundrhythmus des Ätherischen stellt in der Biografiearbeit im Lebenshaus die Struktur der Lebensräume dar. In jedem Raum stehen neue Qualitäten, Fragen und Aufgaben als Entwicklungsmoment im Mittelpunkt. Dabei sind die Übergänge zwischen den Räumen fließend, manchmal sprunghaft, manchmal werden Themen übersprungen und stehen später zur Disposition. Unsere persönliche Biografie findet im archetypischen Lebensstrom ihre individuelle Prägung, in der sich unser Ich ausdrückt, unser Schicksal bildet.
Im ARD-Spielfilm ‹Aenne Burda› zeigt sich der erste Strang in der einfachen Familie, in der es zum Überleben auf die eigene Kraft ankommt. Dies ist eine Ressource, die Aenne später beim Aufbau ihres Imperiums einsetzen wird. Mit ihrem Ehemann und ihren drei Söhnen lebt sie in der Nachkriegszeit ein Familienleben in Wohlstand. Es ist selbstverständlich, dass Aenne nicht arbeiten muss und sich ganz der Erziehung und gesellschaftlichen Aufgaben widmet. Das ist der zweite Strang. Immer wenn sie ihre Mutter in der armen Gegend besucht, fällt ihr auf, dass die Frauen dort dunkel und trist gekleidet sind. Sie denkt sich: Auch diese Frauen sollten Zugang zu bunten Stoffen und schicken Kleiderschnitten haben. Dann entdeckt sie, dass ihr Mann sie schon seit Jahren betrügt. Dies weckt in ihr eine eigene Kraft, den dritten Strang, ihr ureigenes unternehmerisches Ich. Ab jetzt steht sie zu sich und verpflichtet sich ihrer Vision, den Frauen ihre Sinnlichkeit wiederzugeben. «Bäume können zum Himmel wachsen» wird ihr Leitspruch. Sie lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen. Sie will ein Modemagazin herausbringen, das den Frauen Kleider zeigt, die sie mit den Schnittvorlagen und einer umsetzbaren Schritt-für-Schritt-Anleitung in ihrer eigenen Größe selbst nachnähen können.
Mit dem Durchbruch zum Erfolg, der Herausgabe des ersten Magazins, nennt sie sich nicht mehr Anna, sondern Aenne. Nun ist der ureigene Mensch Aenne in der Welt draußen endgültig sichtbar geworden. Viele Frauen hatten damals ähnliche Lebensumstände, aber Aenne Burda hatte die Vision, die Fantasie und vor allem die Umsetzungskraft, Frauen zu schicker Kleidung zu verhelfen. Darin zeigt sich im Lebenslauf von Aenne Burda die Kraft ihres persönlichen Ich.
Anthroposophische Biografiearbeit mit der ‹Biografiearbeit im Lebenshaus›
Wenn wir uns zu einer biografischen Selbstreflexionsarbeit mit dem Lebenshaus entscheiden, ist es, als würden wir ein zweites Mal, diesmal jedoch aktiv und mit Bewusstsein, in unser Lebenshaus einziehen. Der Ich-Strom der Klienten wird im Lebenshaus als Mindmap visualisiert. Es entsteht eine Struktur, die zu einem umfassenderen Verstehen der tieferen Zusammenhänge führt. Das gemeinsame Darauf-Schauen von Beraterinnen und Beratern und Klientinnen und Klienten ist ein berührender Moment. Es zeigt sich eine Lebensimagination. Es tritt ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, Stimmigkeit und Entlastung ein, wenn wir erkennen, dass unsere Themen zwar individuell persönlich sind, aber gleichzeitig gesetzmäßiger Teil der allgemein menschlichen Entwicklung. Dabei richtet sich der beratende Blick auf die Verbindung zwischen dem Ätherstrom und dem Darinwirksamwerden des Ich. In der Draufsicht entsteht eine innere Distanz zu den eigenen Gefühlen, die die Selbsterkenntnis anregt. Allerdings muss bei den zu Beratenden eine seelische Stabilität vorausgesetzt werden. Manche Renovierung wird notwendig. Auch die bisher verwendeten Krisenstrategien, die wir oft aus unseren Kindertagen übernommen haben, brauchen eine Prüfung. Sie waren einmal hilfreich, doch sind sie es aus der heutigen Erwachsenenkompetenz immer noch oder warten sie auf eine Aktualisierung, zu der oft professionelle Unterstützung notwendig ist? Mit den Werkzeugen der Biografiearbeit im Lebenshaus können wir an einem ganz eigenen Lebenshaus bauen, das dann durch alle ‹Jahrsiebt-Räume› der Verwirklichung unserer beruflichen und privaten Ziele dienen kann.
Mit unserer Geburt betreten wir unser Lebenshaus. Selbstverständlich wird das Vorgeburtliche und die Geburt selbst in die Beratung einbezogen. Im Erdgeschoss haben wir für die ersten 21 Jahre drei Räume der leiblichen Entwicklung, sie stellen uns in die Tatsachen unseres Lebens. Im ersten Stock werden wir uns von 21 bis 42 Jahren in drei Räumen der seelischen Entwicklung in unserem Leben einrichten. Das Dachgeschoss von 42 bis 63 Jahren erwartet uns mit drei Räumen, in denen unsere potenzielle Selbstverwirklichung möglich wird. Nach 63 kann eine neue, freie Zeit beginnen, die sich individuell gestalten wird.
Jürgen ist ein erfolgreicher, 51-jähriger Informatiker, der selbstständig und emotional unabhängig lebt. Seit er mit seiner jetzigen Frau seine große Liebe getroffen hat, leidet er unter Verlustängsten. Er tut alles für die Partnerschaft und wünscht sich, ein «Nest zu bauen». Er bemerkt nicht, dass er sein ganzes Leben auf seine Frau abstimmt. Dann beichtet ihm seine Frau, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. Der überlegene und selbstsichere Informatiker bricht zusammen. Als er im Gespräch gefragt wird, ob er dieses Gefühl kenne, steigen Tränen in seine Augen und schluchzend erzählt er: «Bis zu meinem neunten Lebensjahr war ich glücklich und habe meinen Eltern vorbehaltlos vertraut. Dann überraschten sie mich ohne jede Vorwarnung mit dem Umzug in ein anderes Bundesland. Sie erklärten damals, dass sie mich schonen wollten. Ich konnte meine Eltern nicht verstehen! Lange Zeit stand ich wie unter Schock und habe keine neuen Kontakte knüpfen können. Daher entschied ich mich dann auch für einen Beruf, in dem der Verstand regiert. Dem Thema Seele habe ich mich nie mehr gewidmet.» Im Gespräch erkennt er, dass er sich in der Liebe zu seiner Frau wieder in die emotionale Abhängigkeit der Kindheit hineingebracht hatte. Er verließ die Position des erwachsenen Partners und wurde wieder zu dem neunjährigen Jungen, der vor nichts mehr Angst hatte, als dass es eine überraschende Trennung geben könnte. Er tat alles, um dies zu vermeiden, verleugnete seine Bedürfnisse und wurde damit für seine Frau zunehmend unattraktiv. Sobald Jürgen diesen Zusammenhang verstand, konnte er von seiner Hilflosigkeit Abstand nehmen und wurde wieder zu einem erwachsenen, handlungsfähigen Mann. Er entschied sich für ein Jobangebot in einer anderen Stadt und kam nur noch am Wochenende nach Hause. Es war zwar schwer für ihn, seine Frau nicht zu kontrollieren, aber in den Gesprächen an den Wochenenden konnte sich die alte Liebe neu zeigen. Gelegentlich überfällt Jürgen die alte Verlassensangst, doch er kennt jetzt die Zusammenhänge. Er nimmt dann seinen inneren neunjährigen Jürgen selbst an die Hand und erklärt sich die Situation. Wenn das nicht reicht, hat er mit seiner Frau verabredet, dass er sie anruft und sich erzählen lässt, was sie gerade macht. So lernt er, sich und seine Gefühle ernst zu nehmen.
Die ersten 21 Jahre: das Erdgeschoss des Lebens
Die ersten 21 Jahre schildert Bernard Lievegoed als ein großes Inkarnationsgeschehen. Auf der Körperebene finden Wachstum und Entwicklung statt. Wir leben in starker Verbundenheit mit unserer Umgebung. Im Seelischen ist es die Zeit, in der wir «nehmen und bekommen»2. Als Kinder werden wir in die Tatsachen unseres Lebens hineingestellt: Heimatland, Muttersprache, unsere Eltern, Geschwister – all dies wird unser Leben prägen. Im Mittelpunkt steht die Frage des Willkommenseins, so wie wir sind. Die Geborgenheit und die Liebe, die wir mehr oder weniger bedingungslos erfahren haben. Bis ins physische Überleben hinein sind wir abhängig von unseren Eltern. Brüche im Urvertrauen, das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit heißen die tiefen Themen, die sich oft lebenslang wie ein Tattoo in die Haut einprägen werden. Aber in jeder Kindheit gibt es auch die Sonnenstrahlen, und wir können in der Biografiearbeit nach Ben Furman3 erfahren: «Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.» In der Schulzeit entwickeln wir uns und bilden unser Temperament aus. Die Schule hat jetzt einen bestimmenden Anteil an unserem Lebensalltag. Wir wollen lernen und mit unseren Freunden die Welt entdecken. Die Stimmung in unserem Elternhaus wird uns prägen. Glaubenssätze, Gewohnheiten, Maßstäbe und Vorurteile, alle Sätze, die mit «Bei uns …» oder «Man macht …» beginnen, werden uns wie altgeliebte Kleider begleiten, bis wir sie aussortieren.
Die Mitte der Kindheit und ihre Krise – der Rubikon
Im zehnten Lebensjahr tritt eine wichtige Entwicklungskrise ein, der Rubikon, in dem sich unser Ich körperlich und seelisch auf der Herzebene verankern möchte. Zu diesem Entwicklungsschritt gehört, dass sich jetzt unser Atemrhythmus und unser Herzrhythmus in ein ungefähres Verhältnis von eins zu vier in Ruhe ineinanderfügen. Vorher haben wir beim Kind unabhängige Rhythmen. Damit hat sich im Körperlichen die Stabilität entwickelt, die für ein eigenständiges Gefühlsleben im Seelischen die Voraussetzung bildet. Beobachten wir Schulkinder in diesem Alter, ist deutlich, dass eine konzentrierte, selbstgeführte Lernhaltung erst möglich wird mit der inneren Sicherheit, die der gefundene Puls-Atem-Quotient schenkt. Dann tritt eine innere Distanzierung auf, die die Voraussetzung für spätere seelische Unabhängigkeit darstellt. Dies ist ein schmerzhafter Prozess, denn die Kinder erkennen, dass unsere Eltern, unsere Lehrer, überhaupt alle Erwachsenen auch Fehler haben, falsch handeln können, im Unrecht sein können. Die Kritikfähigkeit erwacht in dieser Zeit. Oft fühlten sich die Kinder ungerecht behandelt und unverstanden. In dem Gefühl des tiefen Verlassenseins begreifen Kinder in dieser Phase sich als Ich in seiner ganzen Einsamkeit. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch im Innersten allein ist, wird von jetzt an das Leben begleiten. Vor diesem Hintergrund können wir die Fragen an die Eltern verstehen, die auf einmal als echter innerer Zweifel auftauchen können: ‹Wer beweist mir, dass ich wirklich euer Kind bin? Vielleicht bin ich ja ein Findelkind und wurde vor eurer Tür abgestellt?› Die Endlichkeit des Lebens, der Tod, tritt in die Erlebniswelt des Kindes.
Ich mache in meiner Beratung die Erfahrung, dass der Rubikon in der Kindheit oft nicht verstanden oder als frühe Pubertät missverstanden wird. Durch die anthroposophische Menschenkunde kennen wir den Bezug zwischen dem Rubikon und der Reifezeit zwischen 49 und 56 Jahren: Erleiden Kinder in dieser empfindlichen Zeit durch schulische Anstrengung, durch Trennung oder Verlust einen Schock, so kann dies eine Neigung zu einer späteren Herzschwäche oder Herzkrankheit, besonders im Alter von 49 bis 56 Jahren, nach sich ziehen.
In der Jugend stehen wir zwischen zwei entgegengesetzten Krafteinwirkungen: Einerseits sind wir noch gebunden an den elterlichen Tisch, andererseits gibt es Begegnungen, in denen wir spüren, dass wir aufbrechen müssen, um uns zu finden. Unverstandene, nicht begleitete Pubertät kann später zur Bindungsschwäche und ‹ewiger› Pubertät führen. Jugendliche mit übergroßem Harmoniebedürfnis versäumen ihre Pubertät, oft taucht sie dann unerwartet später auf. Im Erdgeschoss des Lebens liegen unsere Stärkungsjoker – unsere persönlichen Ressourcen: Nutzen Sie Wartezeiten oder Autofahrten, um sich an die schönen Umstände, Situationen und Details ihrer Kindheitsräume zu erinnern. Können Sie sich lachen hören?
Die Zeit von 21 bis 42: die Beletage der seelischen Entwicklung
Die leibliche Entwicklung findet mit der Ausreifung des Stirnhirns ihren Abschluss, unser Ich wird volljährig in der Seele geboren. Jetzt führt uns eine Freitreppe in das erste Stockwerk der seelischen Entwicklung mit abermals drei Jahrsiebt-Räumen, die es in den folgenden 21 Jahren zu beziehen, beleben und einzurichten gilt.
Die Empfindungsseele – das Wohnzimmer
Die Zeit der Empfindungsseele, das Wohnzimmer im Lebenshaus, von 21 bis 28 Jahren, ähnelt den Lehr- und Wanderjahren im Leben. Wir ziehen in die Welt, lernen uns kennen und erproben unsere Fähigkeiten. Wir schließen Freundschaften fürs Leben. Ausbildung, Studium und Beruf bilden in dieser schicksalsfreien Zeit die Kulisse, in der sich das eigentliche Leben, das von dem subjektiven Gefühl unserer Empfindungsseele bestimmt wird, abspielt. Es ist die Sturm- und Drangzeit des Lebens, der Romantik, der Reisen und Abenteuer. Hören wir den Ruf unseres Lebens und haben wir den Mut, ihm kraft- und vertrauensvoll durch Widerstände hindurch zu folgen? Um 28 tritt ein Wendepunkt ein. Unser Schutzengel zieht sich zurück. Das, was uns getragen hat, trägt nicht mehr. Gleichzeitig holt uns unsere Vergangenheit ein. Diese spirituelle Ich-Krise ist die eigentliche Ursache der heutigen Quarterlife-Crisis.
Anton meint: «Mit 28 habe ich meine wilden Jahre hinter mir gelassen, ich habe mein Unternehmen gegründet und mein Sohn kam auf die Welt. Das war ein Einschnitt. Ich hatte das Gefühl, jetzt stehst du auf eigenen Füßen.»
Die Verstandes- oder Gemütsseele – das Arbeitszimmer
Im Seelenraum der Verstandesseele, im Arbeitszimmer, finden wir die Sachlichkeit und Objektivität, die wir jetzt brauchen. Die Jahre von 28 bis 35 Jahren ähneln der Gesellenzeit. Wir spüren: Jetzt wird es Zeit, uns einzurichten in unserem Leben. Wir sind in unserem Ego angekommen, alles ist machbar. Wir nehmen die Herausforderungen unseres Lebensalltags an und jonglieren die Bälle zwischen Familie, Beruf und Karriere. Wir stehen in der Leibestiefe und in der ganzen Kraft unseres Lebens. Alles erscheint uns machbar und möglich. Streitbar setzen wir uns für unser Recht, unsere Überzeugung ein. Der klare und sachliche Verstand bestimmt unser Leben. In der Partnerschaft überwiegt die Funktionsgemeinschaft aus Absprache und geteilter Verantwortung. Es ist die Rushhour des Lebens angekommen. In unserer Gemütsseele können wir einen Ausgleich finden durch den Zugang zu tieferen Fragen der Persönlichkeitsentwicklung, Kunst und Spiritualität.
Die Lebensmittekrise
Wir kommen in der Mitte der Dreißiger an und denken selbstzufrieden: So könnte es doch bleiben auf dem eingeschlagenen Weg der materiellen, diesseitigen Welt. Doch dann schleicht sich bei den einen unmerklich der Zweifel ein: ‹Soll das alles gewesen sein?› Bei den anderen kommt es zu einem aufweckenden, oft schmerzlichen Erlebnis. Mit welchem Gesicht auch immer die Lebensmittekrise in unser Leben tritt – sie will aufwecken zu der Erkenntnis, dass wir Bürger zweier Welten sind, des Himmels und der Erde. Hier am tiefsten Punkt, angekommen in unserem Ego, möchte sich mein Ich mit seinem geistigen Urbild, seinem Selbst, neu verbinden. Was wollte ich eigentlich in diesem Leben machen, was ist der Sinn des Ganzen?
Die Bewusstseinsseele – der James-Bond-Raum
Waren wir in der Verstandesseelenzeit voller Antworten, betreten wir mit der Entwicklung der Bewusstseinsseele ab 35 das Terrain der Fragen, die eine individuelle, situationsgemäße Antwort suchen. Die natürliche, geschenkte Entwicklung hat aufgehört. Ob wir zu einer empathischen, zugewandten Haltung finden, um uns und unser Gegenüber zu verstehen, hängt von unserem Ich-Willen ab. Mit ihm wagen wir uns auf die Lichtung der Begegnung im Dazwischen, zu der Hölderlin4 sagt: «Komm ins Offene, Freund!». Jetzt können Gegensätze überwunden und im Miteinander neue Wege möglich werden. Dazu braucht es Offenheit für neue Lösungen. Deswegen habe ich diesen Raum James-Bond-Raum genannt, denn allein der Name weckt Frau und Mann auf und inspiriert, das eigene Leben als ein Abenteuer mit persönlicher Mission zu erleben.
Das Erlösen der ‹Kellerthemen› ermöglicht die Lebensverwirklichung: Jetzt sind wir bereit für den dritten Entwicklungsbogen der geistigen Entwicklung, der nicht mehr aus vorgezeichneten Räumen besteht, sondern individuell, wie ein Dachausbau des Speichers, gelebt werden will. Mit dem Eintritt in die Vierziger beginnen wir, zurückzuschauen, wir werden uns unserer Vergangenheit bewusst. Indem wir versuchen, die Dachluke aufzustoßen, fangen wir an, unsere Projektionen auf andere als unsere eigenen ‹Kellerthemen› zu erkennen.
Sabine K. fühlte sich in ihrem musikalischen Trio immer wieder ausgeschlossen und übergangen. Im Gespräch erzählte sie, dass sie als fünfjähriges Mädchen nach der Geburt ihrer Schwester für sechs Wochen zu ihrer Tante geschickt worden war. Als wir uns in das kleine Mädchen hineinversetzten, wurde ihr klar, dass sie bis heute das Grundgefühl aus ihrer Kindheit reinszeniert. Mit dieser Erkenntnis sucht sie heute in solchen Situationen aktiv ein Gegenüber, das sie ins Gespräch zieht.
Die Zeit von 42 bis 63: der Ausbau des Dachateliers zur persönlichen Selbstverwirklichung
Es bedarf oft einer Grundsanierung des Kellers und des Erdgeschosses mit professioneller Unterstützung, ehe wir unseren Speicher zu einem lichten, offenen Dachatelier ausbauen, also unsere persönliche Lebensaufgabe erkennen und umsetzen können. Manchmal könnte es erscheinen, dass unser wirkliches Leben jetzt erst beginnt! Im Dachatelier unserer persönlichen Selbstverwirklichung erwarten uns die zielstrebige Entschiedenheit der 40er, die weisheitsvolle Weitsicht der 50er und schließlich die dankbare Güte der 60er. Diese Schritte der neuen Selbstverantwortung und Weiterentwicklung auf dem Weg sind nicht selbstverständlich, viele weichen aus oder verharren. Zum Glück ist ein Quereinstieg vom ‹Entwicklungsparkplatz› wie Michaela Glöckler5 es beschreibt, hin zum Weiterschreiten immer möglich.
Die Mittsommerzeit – Authentizität leben
Wir stehen zu unseren Stärken und Schwächen, haben keine Angst mehr, unser Gesicht zu verlieren, und gestalten unser Leben mit Tatkraft. Den beginnenden Alterungsprozess bemerken wir zunächst nicht bewusst. Es liegt an uns, ob wir die Lebenskräfte, die sich nach und nach aus dem Körper lösen, in Weisheit umwandeln werden. Für eine echte Authentizität braucht es Selbstannahme, so wie wir geworden sind, mit unseren Kellerthemen und mit unseren Möglichkeiten. Die Fragen lauten: ‹Wer bin ich geworden?› und ‹Wer will ich werden?›. Was ist mein Leitmotiv, das ich kraftvoll verfolgen kann? Vielleicht erkennen wir, dass auch für uns der Satz von Thornton Wilder zutrifft: «Ohne deine Wunde, wo bliebe deine Kraft?»6 Dann erleben wir die Verbindung zwischen unserem persönlichen Leid und unserem Leitmotiv im Leben. Wir erleben, dass jetzt unser eigentliches, erwachsenes Leben begonnen hat, in dem wir innerlich frei geworden Verantwortung für uns übernehmen. In diesen Momenten der Verbundenheit mit unserem Geistselbst richten wir uns nach dem aus, was uns und unserer Umgebung möglich ist.
Reifezeit
Mit neuer Weitsicht zur echten Weisheit des Lebens: Um 49 erleben wir eine weitere geistige Vertiefung, wir sind auf dem Hochplateau unseres Lebens angelangt. Manchmal erscheint es uns, als rolle die Welt für uns den roten Teppich aus. Wir treten in unsere soziale Führungsphase ein, es kann eine Zeit des Gebens werden. Wir öffnen uns den Kräften der Resonanz, treten aus dem persönlichen Verstricktsein in ein mehr sachliches Betrachten und verstehen so die tieferen Schicksalszusammenhänge. Gleichzeitig wird uns erst jetzt schmerzlich bewusst, wie viel Geröll wir durch unsere Lebensentscheidungen unseren nahen Menschen in den Lebensrucksack gelegt haben. Können wir ohne Selbstmitleid dieser Selbstreflexion standhalten und um Verzeihung bitten, wo es nötig ist? In unserer Umgebung erleben wir uns ebenfalls schmerzlich als Zuschauer, wenn von lieben Menschen Entwicklungsschritte nicht gegangen werden können oder wollen und dann in eine Konsequenz des Lebens übergehen. Die Kräfte der Demut und Dankbarkeit wachsen, Gelassenheit breitet sich aus. Schaffen wir es, unsere Kräfte zu bündeln und zu konzentrieren, um das Hochplateau unseres Lebens kreativ und in Einklang mit den Kräften der Resonanz zu gestalten, kann diese Lebensphase bis in die 70er andauern.
Volker sagt von sich: «Ich bin entschuldet. Seit einiger Zeit fühle ich mich hinter der Schuld. Ab einem gewissen Alter wird dann das Leben immer fröhlicher.»
Erntezeit
Abschied und Neubeginn: Ab 56 gilt es, den letzten großen und heute langjährigen vierten Lebensabschnitt vorzubereiten. Haben wir unseren Frieden gemacht mit der Vergangenheit, unseren Eltern verziehen und die unerfüllten Erwartungen an unsere erwachsenen Kinder losgelassen? Pflegen wir eine geistige Vertiefung, sind dankbar für unser Leben und üben wir uns, das Wesentliche zu erkennen? Machen wir uns Gedanken über Abschied und Neubeginn? Es gilt einen neuen, altersgemäßen Lebensrhythmus zu finden.
Nadja sagt: «Was da nach 42 kommt, das ist ja wie ein Quantensprung, wie ein zweiter Frühling. Dank der Biografiearbeit weiß ich jetzt: Es gibt eine Zukunft! Und ich weiß, dass die schlechten Zeiten die guten Zeiten waren, weil da etwas in Bewegung kam und ich etwas lernen konnte!»
Nach 63: durch die Dachgaube in den Sonnenraum
In der Dachgaube des Lebenshauses konzentrieren wir uns auf das Wesentliche und Notwendige. Wenn wir, in der Gnade und Demut guter Gesundheit unsere frei werdenden Lebenskräfte mit unserem Ich ergreifen, können wir die Magie der Verjüngung im Älterwerden erleben. Wir können mit klarem Blick die Impulse aus der Zukunft aufgreifen und – frei von Höflichkeit oder Tradition, frei von Ökonomie oder Effizienz – Geschenke an die Enkel oder die Gesellschaft machen. Jetzt sind wir in den Sonnenraum des Lebens getreten! So kann sich im Altwerden und über die Schwelle des Todes hinweg das Motto von Hans Werner7 erfüllen: «Die Zukunft ist unsere Aufgabe als Mensch, besonders als alter Mensch.»
In jedem Lebensalter können wir aus der Beschäftigung mit den biografischen Gesetzmäßigkeiten eine tiefe Sinnhaftigkeit erleben, die uns entlastet und Kraft und Zuversicht schenkt. Die anthroposophische Biografiearbeit eignet sich für alle Krisen des modernen Menschen. Gerade in der Lebensmittekrise kann sie zu einer wirklich neuen Perspektive führen.
Mehr Biografiearbeit im Lebenshaus
Titelfoto Nikoline Arns, Unsplash
Fußnoten
- Erhard Fucke (Hrsg.), R. Steiner: Themen aus dem Gesamtwerk. Vom Lebenslauf des Menschen. Stuttgart 2006.
- Bernard Lievegoed, Lebenskrisen – Lebenschancen. 8. Aufl., München 1991.
- Ben Furman, Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben. Dortmund 2013.
- Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Band 2. Stuttgart 1953.
- Michaela Glöckler, Die 7 Entwicklungsgeheimnisse des Menschseins.
- Thornton Wilder, Einakter und Dreiminutenspiele. Fischer, Frankfurt 1982, S. 69.
- Susanne Hofmeister, Mein Lebenshaus hat viele Räume. München 2025, S. 234.

