Der 15. Mai ist der Tag der Nakba – der Katastrophe. Gemeint ist die gewaltsame Entwurzelung und Vertreibung von mehr als 700 000 Palästinenserinnen und Palästinensern 1948 im Zuge der Gründung des Staates Israel.
Hunderte Dörfer wurden zerstört, Familien auseinandergerissen, Menschen in die Flucht getrieben oder an der Rückkehr gehindert. Gaza wurde zu einem jener Orte, an denen ein großer Teil dieser Vertriebenen und ihrer Nachkommen zusammengedrängt wurde. Der 15. Mai ist aber auch der Internationale Tag der Kriegsdienstverweigerung – ein Tag, an dem an jene erinnert wird, die aus Gewissensgründen keine Waffen tragen wollen: Zehntausende junge Menschen gingen in den letzten Tagen deshalb in Deutschland auf die Straße. Dass beide Gedenktage auf denselben Tag fallen, erscheint mahnend symbolisch. Denn die Geschichte Palästinas ist nicht nur eine Geschichte von Krieg und Vertreibung, sondern auch eine Mahnung davor, was geschieht, wenn Militarisierung, Nationalismus und Entmenschlichung überhandnehmen. In Deutschland ist die Erinnerung an die Shoah zu Recht zentral. Doch Erinnerung darf nicht selektiv sein. Gerade aus der Shoah müsste die Fähigkeit erwachsen, frühe Zeichen von Entrechtung und kollektiver Bestrafung sensibel wahrzunehmen. ‹Nie wieder› darf keine nationale Parole sein, die nur rückwärts blickt. Der Satz muss universell gelten – oder er verliert seine moralische Bedeutung.
Ungleichheit als Sicherheit rechtfertigen
Ich bin als südafrikanischer orthodoxer Jude während der Apartheid aufgewachsen. Als Kind sammelte ich Geld für das Pflanzen von Bäumen in Israel – eine Tätigkeit, die uns als Ausdruck von Aufbau, Hoffnung und Verbundenheit vermittelt wurde. Erst viele Jahre später begriff ich, dass Aufforstungsprojekte des Jüdischen Nationalfonds teilweise auch über den Ruinen zerstörter palästinensischer Dörfer angelegt wurden. Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Erinnerung, Verdrängung und Verantwortung tief verändert. Ich habe in Südafrika erlebt, wie ein Staat Menschen nach Herkunft und Zugehörigkeit kategorisiert, wie Bewegungsfreiheit eingeschränkt, Land verteilt, Sprache kontrolliert und ein System permanenter Ungleichheit als ‹Sicherheit› gerechtfertigt wird. Wer Apartheid erlebt hat, erkennt die Muster wieder: getrennte Räume, unterschiedliche Rechte, militärische Kontrolle, Mauern, Checkpoints und die alltägliche Entwürdigung eines ganzen Volkes.
Gerade deshalb irritiert mich die deutsche Debatte zutiefst. Wer auf das Leiden der Palästinenserinnen und Palästinenser hinweist, gerät schnell unter Verdacht. Kritik an der israelischen Regierungspolitik wird als antisemitisch etikettiert. Dabei müsste gerade die deutsche Geschichte eine offene und selbstkritische Diskussion ermöglichen. Denn was sich derzeit in Gaza abspielt, erschüttert weite Teile der Weltöffentlichkeit. Zerstörte Krankenhäuser, zerbombte Wohnviertel, hungernde Kinder und eine eingeschlossene Zivilbevölkerung prägen die Bilder. Internationale Hilfsorganisationen sprechen von einer humanitären Katastrophe historischen Ausmaßes. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat die Völkermordklage Südafrikas gegen Israel nicht als unbegründet verworfen, sondern von einer plausiblen Gefahr gesprochen. Allein dies hätte in Deutschland eine viel tiefere öffentliche Debatte auslösen müssen.
Sprache kann aufklären oder betäuben
Stattdessen erleben wir häufig Sprachregelungen, die das Offensichtliche verschleiern. Wenn Zehntausende Menschen sterben, wenn eine Bevölkerung von Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung abgeschnitten wird, wenn ganze Stadtteile ausgelöscht werden, dann genügt es nicht mehr, von einem Konflikt zu sprechen. Sprache kann aufklären – oder betäuben. Besonders bedrückend ist die Rolle Deutschlands als Waffenlieferant. Nach den USA gehört die Bundesrepublik zu den wichtigsten Lieferanten militärischer Güter für Israel. Damit ist Deutschland nicht nur moralisch, sondern auch materiell mit diesem Krieg verbunden. Die Shoah endete. Kann man dasselbe von der Nakba sagen? Denn die Besatzung, Vertreibung und militärische Zerstörung setzen sich bis heute fort. Was bedeutet es, wenn selbst eine militärische Metapher wie das frühere ‹Rasenmähen› in Gaza zum zynischen Ausdruck einer Politik wird, die die Nakba nicht beendet, sondern verwaltet und fortsetzt? Was bedeutet es, wenn inzwischen offen über ‹Transfer›, dauerhafte Vertreibung oder Wiederbesiedlung Gazas gesprochen wird? Was bedeutet es, wenn sich Prozesse der Zerstörung und Verdrängung in Gaza und im Westjordanland heute nahezu täglich beschleunigen?
Die Erinnerung an die Shoah sollte uns empfindsamer machen für kollektive Entmenschlichung. Wer aus der Geschichte wirklich lernen will, darf Erinnerung nicht in einen Schutzschild für Machtpolitik verwandeln. Erinnerung muss leben: zum Schutz des Lebens, zur Verteidigung des Völkerrechts und zum Widerstand gegen die Gewöhnung an das Leid anderer. Vielleicht liegt darin die tiefere Verbindung zwischen dem Nakba-Gedenken und dem Tag der Kriegsdienstverweigerung: Beide erinnern daran, dass menschliches Gewissen wichtiger sein muss als nationale Loyalität und militärische Logik. Und beide stellen die unbequeme Frage, ob wir bereit sind, Menschlichkeit auch dann zu verteidigen, wenn der politische Preis hoch ist. •
David Auerbach geb. 1950 in Südafrika, promovierte in Physik und war 20 Jahre am Max-Planck-Institut tätig, mit Aufenthalten am CALTECH/USA, der University of South Australia, der TU Eindhoven und der Medizinischen Universität Graz. Er ist Dozent an der PH Weingarten und Lehrer an Waldorfschulen. Er doziert frei zu wissenschaftlichen, anthroposophischen und meditativen Themen.
Bild Nach dem Exodus (Nakba) fanden die ersten Schulklassen in Jericho unter freiem Himmel statt. CC BY-SA 3.0 IGO

