Marcus Treichler und Johannes Reiner haben eine Weiterführung anthroposophisch orientierter Psychotherapie herausgegeben.
Das Buch beginnt mit der Frage: ‹Ich – Was ist das?› Die humanistisch-idealistische Ideengeschichte des Ich von Sokrates/Platon und Aristoteles über Plotin, Augustinus, René Descartes, G. W. F. Hegel und Johann Gottlieb Fichte bis Rudolf Steiner wird aphoristisch beschrieben und zu den Psychotherapeuten Sigmund Freud und Carl Gustav Jung und den Psychiatern Karl Jaspers und Christian Scharfetter weitergeführt. Es schließt sich der Hinweis auf ‹schreibende Persönlichkeiten›, Archilochos von Paros, Sappho von Lesbos sowie Ingeborg Bachmann, an. Alle Personen sind mit bildnerischen oder fotografischen Nachweisen erlebbar. Im zweiten Kapitel ‹Ich – Was tut es, wie erscheint es?› verarbeitet Treichler vielfältige Angaben Steiners über die Wirkung des Ich in der Seele. Die Ausführungen werden durch eine Anzahl von Gedichten bereichert und zielen mehr auf das Krankheitsverständnis, die Schwächung der Ich-Qualitäten, und sind auf die Grundsätze der Anthroposophie-basierten Psychotherapie der ‹Seelenhaltungen› ausgerichtet, einer ‹Psychotherapie für das Ich in der Seele›.
Im dritten Kapitel ‹Ich und Nicht-Ich› spannt Johannes Reiner einen weiten Bogen aus literarischen Dokumenten, von Shakespeares Hamlet über Lena Goreliks Roman ‹Wer sind wir›, und führt zu dem bekannten Gedicht ‹Ich bin nicht ich› von Juan Ramón Jiménez. Weiter stützt sich Reiner auf die Genesis in der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig in der Erweiterung durch Werner Heisenberg und führt zur Deutung von Liebe bei Goethe. Anknüpfend an Buber wird die Frage nach dem ‹Ich und Du› bzw. ‹Es› aufgeworfen, Rilkes ‹ewiges Du› zitiert und mit der Meditation Steiners ‹In mir ist Gott – Ich bin in Gott› abgeschlossen. Erörterungen über ‹Das bedrohte Ich› mit Fallbeispielen aus der Praxis von Reiner folgen. Zum Abschluss des Kapitels werden die übersinnlichen Aspekte von Einschlafen und Aufwachen sowie Beispiele und Aufgaben bei der ‹seelischen Not der Gegenwart› (soziales Verständnis, Gedankenfreiheit und Geisterkenntnis) auf der Grundlage des gleichnamigen Vortrags Steiners erörtert. Für die Frage ‹Was kann ich tun?› bezieht sich Reiner auf die Heilungen des Christus, dargestellt an Fresken der Kirche St. Georg auf der Insel Reichenau, die ‹Urworte. Orphisch› von J. W. von Goethe, das ‹immerwährende Herzensgebet›, sowie auf mantrische Übungen Steiners wie die Anrufung Michaels, die Ruhemeditation und die eurythmische Reihe ‹Ich denke die Rede›.
Carlotta Brissas Beitrag ‹Aber die Substanz des Ich ist so anders […]› beginnt mit der biografischen Wandlung in einer dramatischen Fallbeschreibung. Über Grundideen der anthroposophischen Psychotherapie und den aktuellen, drohenden Ich-Verlust (ausgehend von Jacques Lusseyran) führt sie zu Steiners ‹Meditativen Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst› sowie ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› bis zum Ich-Verständnis in der Psychotherapie.
Die folgenden Kapitel (fünf bis zehn) erforschen «die Ich-Wirksamkeit, bzw. dessen Schwäche bei Erscheinungs- und Wirkungsweisen des Ich bei bestimmten seelischen Erkrankungen und deren Therapie».
Bei näherer Betrachtung der Krankheitsthemen wird deutlich, dass es sich nicht um die Abhandlung einzelner differenzierter Krankheiten bzw. Störungen nach der heutigen Nomenklatur handelt. Die Kapitel schildern vielmehr die Erörterung einzelner syndromaler Zusammenhänge, also der Verbindung von typischen Symptomen von jeweils einer Krankheitsgruppe.
Die konkreten diagnostischen und therapeutischen Ausführungen am Beispiel der sechs syndromalen Krankheitsbilder sind recht homogen gestaltet. Man kann das Vorgehen bezüglich der sechs Syndromgruppen als eine Vertiefung aus der idealistisch-humanistisch geschöpften Psychotherapie nach anthroposophischen Gesichtspunkten verstehen. Diese Haltung macht in der Anknüpfung und Beschränkung auf syndromale psychiatrische Krankheitsgruppen durchaus Sinn, weil die Gemeinsamkeiten dieser Einheiten für den psychotherapeutischen Zugang wesentlicher sind als die enge Perspektive auf einzelne differenzierte Krankheiten bzw. Störungen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zum Duktus des Lehrbuchs von Wolfgang Rissmann ‹Seelische Erkrankungen›, wo, nach einer menschenkundlichen Orientierung im ersten Band, die psychiatrischen Störungsbilder nach der International Classification of Diseases (ICD) differenziert und einzeln nach diagnostischen und therapeutischen Gesichtspunkten im zweiten Band erörtert werden.
Die Schlussbetrachtung von Markus Treichler greift die aktuelle literarische und naturwissenschaftliche Diskussion über die Wirklichkeit des Ich auf.
Als ein Fazit gilt für Markus Treichler: «Die Existenz und Wirksamkeit des Ich erscheint evident und unbezweifelbar. Aber es selbst bleibt unbeweisbar. Keine Wissenschaft kann beschreiben, geschweige denn belegen, ob das Ich als eine eigene Entität existiert, oder nur als Produkt des Gehirns.»
Diese Publikation ist eine differenzierte Weiterführung und Ausgestaltung der Anthroposophie-basierten Psychotherapie. Sie ist in ihrem Duktus nicht nur für medizinisch oder psychotherapeutisch geschulte Fachleute, sondern auch für an geistigen und fachlichen Fragen interessierte Laien geeignet.
Buch Markus Treichler, Johannes Reiner (Hrsg.): Das Ich in Gesundheit und Krankheit – Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten bei seelischen Erkrankungen. Mit Beiträgen von Carlotta Brissa und Friedel Ulrich Lehmann. Salumed-Verlag, Berlin 2026

