Der Hofpoet der Kritischen Theorie

Zum Tod des Erzählers, Autors und Filmers Alexander Kluge.


Der Tod des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge hat mich besonders berührt, weil ich persönlichen Kontakt zu ihm hatte, das erste Mal 1999, als Kluge mich in Berlin zu einem Gespräch über meinen Film ‹Schwarze Sonne› für seinen DCTP-Kanal bei Sat1 einlud.1 Es war die Zeit der Berlinale und wir tauchten in einem intensiven Austausch in die bizarre Mythenwelt des Nationalsozialismus ein, die ich in einem Dokumentarfilm erforscht hatte. Wir trafen uns im Hotel Intercontinental, wo viele Regisseure, Schauspielerinnen, Filmproduzenten und Festivalbesuchende abgestiegen waren. Kluge hatte im Rummel des Foyers Kameras und Scheinwerfer aufgebaut. Doch weder die vielen Menschen noch die Geräuschkulisse störten uns, da wir durch einen Kokon von Intensität von der Außenwelt abgeschirmt wurden. Ich erläuterte Kluge mythologische Dimensionen hinter der Nazi- und SS-Ideologie, die auch ihm gänzlich unbekannt waren, sprach etwa über kultische Räume der Wewelsburg oder die Vorstellung Heinrich Himmlers, eine Inkarnation von König Heinrich I. zu sein, mit dem er an dessen Grab in der Krypta des Quedlinburger Domes nächtliche Zwiesprache hielt. Das Besondere an Kluge war dessen offene Geisteshaltung für diese Themen. «Man muss das Gift studieren», sagte er während des Interviews, echte Aufklärung müsse die «Notwendigkeit reaktualisieren, warum der Nationalsozialismus in die Welt kam», nur «an der Kampfzone, an der Verwundung selbst kann etwas heilen.»2

Kluge, der mit dem Philosophen Theodor W. Adorno zusammengearbeitet hatte, war kein Vertreter der Frankfurter Schule, der wie später etwa Jürgen Habermas solche Dinge als «irrational» oder «atavistisch» abtat, sondern traute sich tief in den Untergrund esoterisch-mythologischer Vorstellungen hinein, weil er als in Bildern denkender Künstler wusste, wie wirkmächtig Metaphern, Symbole und Rituale sein können. Kluge war sich auch nicht zu schade, die Gedankenwelten Helena Blavatskys oder Otto Rahns ohne vorschnelle Wertung ernst zu nehmen, sondern ihnen «auf den Zahn zu fühlen» und sich ihrer Faszinationskraft zu stellen. So sprachen wir ganz frei über Blavatskys Vorstellungen von ‹Atlantis› oder ‹Lemuria› oder Otto Rahns Forschungen zur angeblichen Gralsburg der Katharer in Südfrankreich. Kluge erlaubte mir, diese Ideen zu entfalten, sodass man tatsächlich in die geistige Atmosphäre damaliger esoterischer oder völkischer Vorstellungen eintauchen konnte.

Ähnliches erlebte ich später in einem Telefonat mit ihm über seinen Plan, mit dem Regisseur Andrej Tarkowski Rudolf Steiners ‹Aus der Akasha-Chronik› zu verfilmen, über den ich für die Zeitschrift ‹Info3› einen längeren Essay verfassen wollte.3 Auch hier war es erstaunlich zu sehen, wie wenig Berührungsängste der «Hofpoet der Kritischen Theorie», wie sich Kluge selbst nannte, mit der Anthroposophie und zum Beispiel auch Atlantis-Vorstellungen von Rudolf Steiner hatte. Angefeuert von Tarkowski, dessen Imaginationskraft grenzenlos war, entwickelte Kluge mit diesem kühne Ideen zu mysteriösen Orten dieser Erde, wo man eventuell noch Zugänge zu verschollenen unterirdischen Reichen finden konnte, etwa an einem uralten Brunnen bei Neapel oder in atemberaubend schönen Gärten im Hindukusch, die noch nach ältesten Vorstellungen von Atlantis gepflanzt worden seien. «Ich nehme Steiner sehr ernst», sagte Kluge zu mir am Telefon, «auch da, wo er flunkert». Lange habe ich über diesen Satz nachgedacht, den man wohl von anderen deutschen Intellektuellen kaum hören würde. Ich denke, er ist ein wegweisender Vorschlag, Steiners mythologische Vorstellungen nicht buchstäblich zu nehmen, sondern als imaginative Bildwelten, die unser rationales Denken erweitern und befeuern können. Kluge sprach daher von einem «inneren Atlantis» und nicht von geografisch zu lokalisierenden Orten, ebenso Tarkowski, der verschiedene Formen des Fließens von Flüssen, Bächen und Quellen filmen wollte, um unsere abgezirkelten Begriffe in Bewegung zu bringen. Tragen wir solche Atlantis-Stimmungen nicht noch in uns, mögen sich die beiden Regisseure gefragt haben, in Zuständen, wo wir uns männlich und weiblich zugleich fühlen, nicht festgelegt, eher schwebend als konturiert? Kennt nicht jede Künstlerin und jeder Künstler dieses ‹innere Atlantis›, das Auftauchen von atmosphärischen Vorstufen zu Ideen und Projekten, die noch nicht greifbar, aber voller energetischer Gerichtetheit sind? Ist der Kunstschaffende nicht heimlich an die großen Schöpfungsmythen angeschlossen, bei denen sich die materielle Welt aus ‹Urozeanen› (Sumer), aus der ‹atmenden Leere› (Indien), dem ‹Chaos› (Griechenland) oder dem mit Kräften erfüllten Raum ‹Ginnungagap› (Germanien) herausbildet?

Kluge sah in Mythen nicht nur vernebelnde Ideologien, wie es heute in den Medien und im akademischen Milieu Deutschlands üblich ist, sondern nahm sie auch als altes imaginatives Erbe der Menschheit ernst, vielleicht im Sinne des Philosophen Ernst Cassirer, der den Menschen ein «animal symbolicum» nannte. Mit solchen Augen schaute Kluge sowohl auf die Mythologie der NS-Zeit, die zu Rassenwahn und Genozid führte, als auch auf mythologische Vorstellungen von Steiner, die er gemeinsam mit Tarkowski filmisch neu erzählen wollte. Nach dem Erscheinen meines Films ‹Abenteuer Anthroposophie› rief er mich an und gratulierte mir zu dem Film, was mich außerordentlich freute. Er habe so viel zu tun, sagte Kluge, dass man ihn schon an einen Sessel fesseln müsse, damit er einen Film wirklich zu Ende schaue. Bei meinem aber wäre er bis zum Schluss dabeigeblieben.

Als ich von meinem damaligen neuen Projekt ‹Das kreative Universum› erzählte, in dem ich Naturwissenschaft und Spiritualität in einen Dialog bringen wollte, berichtete er wiederum von Gesprächen mit Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftlern, die um ähnliche Themen kreisten. Da wir unsere Filme auch bei demselben DVD-Vertrieb (Absolut Medien) herausbrachten, schlug Kluge sogar die Zusammenarbeit an einem ähnlichen Projekt vor, was ich aber aus verschiedenen Gründen ausschlug. Zum einen hatte ich alle Hände voll mit dem eigenen Filmprojekt zu tun, aber vielleicht hatte ich auch Angst, bei einer Kooperation von dem großen Namen Kluges und seiner künstlerischen Intensität erdrückt zu werden. Es war sicherlich eine richtige Entscheidung von mir, die mir ermöglichte, mein Filmwerk in voller Unabhängigkeit wie bisher weiter fortzuführen. Später bedauerte ich manchmal meine Zurückhaltung und stellte mir in meiner Fantasie vor, wie es gewesen wäre, wenn Kluge gemeinsam mit mir das mit Tarkowski geplante Steiner-Projekt weitergeführt hätte. Aber auch hier empfinde ich heute eine gewisse Schönheit dabei, dass der Film über das ‹innere Atlantis› unvollendet blieb. Das entspricht auch dem sich in Fragmenten und Andeutungen bewegenden Geist Kluges, der etwas Einzigartiges und Befruchtendes hatte, auch wenn nicht alles zu Ende gedacht wurde. Ich bin froh, diesem außerordentlichen Denker und Künstler begegnet zu sein, und werde mich immer mit Dankbarkeit und Rührung an unsere Gespräche erinnern.


Bild Alexander Kluge (links) im Gespräch mit Rüdiger Sünner. Still aus ‹Todesstrahlen der Arier. Aus den Giftschränken des Dritten Reichs›

Fußnoten

  1. Schwarze Sonne. Rüdiger Sünner über Geheimlehren und okkulte Hintergründe des Dritten Reichs.
  2. Todesstrahlen der Arier. Aus den Giftschränken des Dritten Reichs.
  3. Rüdiger Sünner, Eine Reise ins innere Atlantis, vgl. Info3.

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