Werner Küppers ist seit einem Vierteljahrhundert der Fahrer des Omnibus für Direkte Demokratie in Deutschland. Enno Schmidt sprach mit ihm über seine Erfahrungen mit den Menschen auf der Straße, über Verantwortung, Kraft und soziale Praxis, die aus realen demokratischen Prozessen erwächst.
Seit 25 Jahren fährt Werner Küppers mit einem weißen Berliner Doppeldeckerbus durch Deutschland. Über der Aufschrift in grünen Großbuchstaben OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE IN DEUTSCHLAND läuft eine golden glänzende Messingschiene um den weißen Omnibus. In diese weiße Schönheit mit dem goldenen Gürtel hatte er sich auf Anhieb und unsterblich verliebt. Das war im Herbst 2000 beim Volksbegehren ‹Mehr Demokratie in Thüringen›, dem ersten Volksbegehren in einem der damals neuen Bundesländer. 363 123 Bürgerinnen und Bürger forderten die Senkung der Hürden für landesweite Volksabstimmungen. Claudine Nierth vom Verein Mehr Demokratie hatte diesen zweiten Omnibus seiner Art auf den Weg gebracht. Der erste blaue Omnibus für Direkte Demokratie entstand auf Initiative von Brigitte Krenkers. Sieben Jahre war sie mit ihm unterwegs. Er startete 1987 neben dem ersten und dem letzten Baum der Pflanzaktion ‹7000 Eichen› von Joseph Beuys auf der Documenta 8 in Kassel. Nach der Aktion in Thüringen übernahm Werner Küppers das Steuer des zweiten Omnibusses, des ‹Weißen Wals›. Er fährt ihn nicht nur, er lebt auch im Omnibus und besucht etwa 100 Städte im Jahr.
Im Lauf von jetzt 25 Jahren hat er mit unzähligen Menschen über die direkte Demokratie gesprochen, ganz im Sinn der wörtlichen Bedeutung von Omnibus (auf Lateinisch: für alle, mit allen, durch alle). Und auch im Sinn des ‹erweiterten Kunstbegriffs› von Joseph Beuys als praktischer Beitrag zur Arbeit an der ‹Sozialen Plastik›. Im Artikel 20, Absatz 2 unseres Grundgesetzes steht seit 1949, dass wir unsere Staatsgewalt durch Wahlen und Abstimmungen ausüben, wobei nur die Wahlen gesetzlich geregelt sind. Der Omnibus hat einen Gesetzesvorschlag zur Regelung von Abstimmungen im Gepäck, für dessen Verwirklichung inzwischen schon mehr als eine Million Menschen unterschrieben haben. Im Kern geht es darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, rechtsverbindlich und friedlich in die Gestaltung des Gemeinwesens einzugreifen.
Werner Küppers Wenn wir überhaupt von Demokratie reden wollen, dann sind wir alle für alles verantwortlich. Indem wir unsere Stimme als Blankovollmacht an Parteien abgeben, externalisieren wir unsere Verantwortung. Das kann nur schiefgehen. Eine Voraussetzung der Emanzipation ist das Empfinden der eigenen Verantwortung, wo man Verantwortung aber nicht negativ als etwas Anstrengendes und Fürchterliches konnotiert, dem man nach Möglichkeit ausweicht. Und das tun wir ja, wenn wir unsere Stimme abgeben. Dann externalisieren wir unsere Verantwortung. Aber Verantwortung ist – schön! Verantwortung bedeutet, du stellst dich der Wirklichkeit. Du stellst dich der Gegenwart. Und du bringst dich da offen ein. Nicht mit Vorstellungen, sondern mit dem Vertrauen, dass das Leben selbst dir einen Weg weisen wird.
Enno Schmidt: Im dialogischen Vorgang …
Küppers Ja. Und Dialog ist nicht: Person A redet, während Person B kaum erwarten kann, dass ihr Gegenüber aufhört zu reden, damit sie ihre Argumente dagegensetzen kann. Dialog bedeutet, erst mal aktiv zuhören zu können, keine Hierarchie zu akzeptieren, nicht irgendwelchen Gurus oder Autoritäten in welcher Weise auch immer zu folgen, sondern nur sich selbst.
Das wäre die Urzelle der Demokratie? Der Unterschied von parlamentarischer zu direkter Demokratie ist: jeder Mensch?
Küppers Jeder Mensch. Wie regeln wir friedlich und gemeinsam unsere Angelegenheiten? Wenn die Quäker ein soziales Problem haben, dann setzen sie sich zusammen und schweigen. Bis die Lösung auftaucht. Da hast du diese Qualitäten der Geduld und des grundsätzlichen Vertrauens in soziale Prozesse. Nicht dieses spekulative ‹Die Leute haben doch keine Ahnung, die können das nicht.› Oder: ‹Ich bin nicht schlau genug.› Sowieso gibt es ja nicht den Zustand Demokratie, sondern den Prozess, für den wir gemeinsam verantwortlich sind. Es wird auch nur so getan, als gäbe es irgendwie Fachleute für Demokratie.
Und wie ist das bei dir? Ein Fachmann für Demokratie?
Küppers Ich habe mich im Lauf der Jahre sehr verändert. Ich argumentiere nicht mehr und führe keine Wortgefechte. Für alle, die zu mir kommen, muss ich mich innerlich blank machen und beurteile und verurteile niemanden – auch nicht aufgrund von irgendwelchen Sachen, die er oder sie sagt. Ich konsumiere seit Jahren keine Medien mehr und mit den Nachrichten bin ich ausschließlich über den Umweg der Menschen, die mit mir sprechen, konfrontiert. Dann sind zum Beispiel plötzlich alle in heller Aufregung, weil angeblich irgendein Typ – wahrscheinlich mit Migrationshintergrund – jemanden niedergestochen hat. Das kam in den Nachrichten. Das kommt dann so bei mir an, dass sie schimpfen. Erstens können sie das gar nicht nachprüfen, ob das überhaupt passiert ist. Zweitens können sie gar nichts tun, um daran etwas zu ändern. Also, was ist jetzt bitte daran interessant? Das geht völlig an mir vorbei. Ich gucke mir den Menschen an und frage mich: Was gibt es für Gemeinsamkeiten zwischen uns? Wir haben – ich würde mal sagen – zu 95 Prozent gemeinsame Interessen. ‹Teile und herrsche› ist der Trick, wie das verhindert wird. Insofern ist es eine Geduldsarbeit, überhaupt einmal ansatzweise einen ruhigen Gedanken einzuspeisen. Dass jemand mal wirklich denkt – und denkt: Aha! Manchmal ist es ein Tagwerk, wenn ein Mensch einen neuen Gedanken fasst.
Was ist das Gemeinsame?
Küppers Dass man sich um die Gegend oder die Stadt oder die Nachbarschaft, in der man lebt, aktiv kümmert und die Probleme Schritt für Schritt löst, so klein sie auch sein mögen, und dass man dabei friedfertig ist. Wir brauchen uns auf gar nichts etwas einzubilden, solange wir nicht fähig sind, friedlich miteinander umzugehen.
Dein Licht geht auf den freien Menschen, der mit anderen zusammen die Dinge regelt?
Küppers Ich kann den Leuten auf der Straße nicht mit zu abstrakten Begriffen und Ideen kommen, aber zu allen eine Herzensverbindung herstellen. Das gilt für alle Arten von Menschen. Sie erzählen mir Geschichten aus ihrem Leben, von denen ich noch wochenlang zehren kann.
Du interessierst dich für die Menschen?
Küppers Das ist der Ausgangspunkt. Ich liebe die Menschen, und ich interessiere mich für Menschen. Ich beurteile sie nicht. Ich packe die nicht in Schubladen. Ich sage nicht: Mit dem oder mit der rede ich nicht. Natürlich gibt es manchmal angespannte Situationen. Aber das ändert ja generell nichts an meiner Haltung.
Was machst du, wenn solche Argumente kommen wie: Bei Volksabstimmungen herrschen die Demagogen. Oder: Dann wird die Todesstrafe wieder eingeführt.
Küppers Als ich noch argumentiert und diskutiert habe, da sind diese Sachen immer aufgetaucht. Jetzt tauchen die gar nicht mehr auf. Ich habe eine andere Ausstrahlung.
Früher begegneten die Menschen jemandem, der für die direkte Demokratie stritt. Jetzt begegnen sie wem?
Küppers Jetzt begegnen sie jemandem, der das tatsächlich auch verkörpert. Der gar nicht mehr erklären muss, wieso, und was das einzelne Problem ist. Sondern der das Prinzip ist. Jetzt tauchen so Geschichten auf, die am Tag vorher in den Nachrichten waren, wie schrecklich die AfD oder Putin ist. Das explodiert wie Handgranaten in die Kommunikation hinein. Da musst du schon sehr gut sein, das noch zusammenzuhalten, dass das nicht voll entgleist. Wenn solche Themen kommen, versuche ich zu erklären, dass Demokratie keine quantitative Frage ist – nach dem Motto ‹Mehrheit schlägt Minderheit›, was ja eine Metapher für Krieg ist – und dass ich mir nicht vorstellen kann, meine Stimme an Parteien abzugeben, die dann machen, was sie wollen. Dass aber alle, die das tun, für mich gleich sind. Dass ich also qualitativ keinen Unterschied sehe zwischen einem Grünen-Wähler und einer AfD-Wählerin.
Die Frage ist nicht Grüne oder AfD?
Küppers Und nicht rechts oder links.
Es gehört zu deinem Wesen, solche Kategorien aufzulösen und ins Konkrete zu gehen?
Küppers Ja. Und auch, das viel zitierte ‹Jeder Mensch ein Künstler› von Joseph Beuys ernst zu nehmen und praktisch anzuwenden.
In der Menschenbegegnung erzeugst du etwas Neues, was nicht vorhersagbar ist. Und was auch nicht einem vorher gegebenen Zweck dient. Außer, dass ihr auch Unterschriften sammelt für die Einführung der bundesweiten Volksabstimmung.
Küppers Es gibt zwei Ebenen. Es gibt auch die quantitative Ebene. In jedem Gespräch frage ich auch nach Geld. Das holt jedes Gespräch auf eine Ebene, auf die es unbedingt gehört. Die intelligenteren Gesprächspartner kommen von sich aus auf die Frage: Aber wie macht ihr das denn überhaupt? So ein Omnibus, das kostet doch viel Geld. Oder sie vermuten erst mal, dass ich da hingestellt werde von jemandem, der das bezahlt. Also ich als ‹Propagandist› in der Fußgängerzone und abends gehe ich nach Hause oder ins Hotel. In dem Moment, wo sie begreifen, dass ich in dem Omnibus lebe und wie lange ich das schon mache, haben sie gar keine Frage dieser Art mehr an mich. Da gibt es die abgebrühtesten Typen, die sagen: «Hier geht alles den Bach runter, ich hau hier ab, ich hab’ auch genug Kohle.» Die sagen aber zu mir, ich soll unbedingt weitermachen.
Warum?
Küppers Weil sie merken, dass ich den Finger auf die Wunde lege. Und weil sie merken, dass ich kein Schwätzer bin. Ich will nicht überzeugen, ich rede nicht auf sie ein.
Sie sagen nicht: «Machen Sie weiter, dann haben wir direkte Demokratie, dann wird alles besser.» Sondern: «Mach das weiter, nicht, weil das die Welt im Großen ändert, sondern weil das schon eine Änderung ist.» Es ist eine im Substanziellen menschliche Veränderung. Du hast einmal gesagt, man muss herausfinden, was die Frage des anderen ist. Der Vorgang ist, dass der andere zu seiner Frage kommt?
Küppers Deswegen auch vorne am Omnibus das goldene Fragezeichen.
Ich habe selbst erlebt, dass die Menschen unter dieser Aufschrift ‹Volksabstimmung› schnell mit ihren Lebenserfahrungen und Lebensproblemen kommen, dass sie ihr Herz ausschütten, weil sie sich unter dieser Überschrift auch ganz persönlich angesprochen fühlen.
Küppers Es gibt diese Tendenz, denn Einsamkeit und Depression sind die schlimmsten Volkskrankheiten – ich kann in solchen Situationen mittlerweile immer besser die Gesprächsführung auf unsere konkrete Arbeit lenken und im besten Sinne unverschämt – nämlich ohne mich zu schämen – sagen: Hey, Omnibus, das heißt: für alle, mit allen, durch alle. Und ohne dich wird das jetzt nichts! Also fühl’ dich bitte angesprochen. Es passiert den Menschen ansonsten selten, dass sie sich tatsächlich angesprochen fühlen. Es impliziert: Der meint wirklich mich! Mit Vorhaben im Kopf, was ich sagen will, und mit Vorstellungen über andere Menschen stehe ich mir selbst nur im Weg. Dazu gehört, gar nicht von mir auszugehen, sondern vom anderen auszugehen, und allem, was ich über die Person erfahre, mit wirklichem Interesse zu begegnen. Dann betrittst du erst eine gemeinsame Ebene.
Du hattest auch einmal gesagt: Der Omnibus ist wie eine Erscheinung – und am schönsten, wenn man gar nicht damit rechnet. Auf einmal steht er da.
Küppers Wie von einem anderen Stern, ja. Und ich würde behaupten, ein Ort, wo der Omnibus gewesen ist, ist ein anderer Ort. Aber er steht nicht nur da, sondern ist regelrecht installiert, weil er auch in Bezügen zur jeweiligen Umgebung steht. Ich rangiere ihn zentimeterweise, sodass alle sich fragen: Was will er denn? Oder sie sagen: «Stell dich doch hier schräg so rein.» Und ich sage: «Nee, nee, schräg geht jetzt gar nicht.»
Er ist jeweils eine Installation im architektonischen wie im sozialen und auch im zeitlichen Raum. Da ist das Unsichtbare vorher: Er kommt, Erwartung, Ahnungsraum. Dann ist er da: Staunen, Begegnungsraum, Denkraum. Dann ist er nicht mehr da, aber er hat etwas hinterlassen, was wieder nicht sichtbar ist. Ein Nachklingen der Gestalt, des Erlebens, des Geistes, der da war. Und das nährt. Und die Arbeit ist nicht die große Glocke: Direkte Demokratie ist großartig – irgendwann mal! Sondern: Jetzt findet das statt. Das Jetzt ist gleichsam der Reaktor dieses Feldes Demokratie. Da ist der Brennpunkt.
Küppers Ja, Brennpunkt finde ich ein gutes Wort dafür. Dann kommst du zum einzelnen Menschen. Was ist ein Mensch? Die Frage haben wir ja noch nicht geklärt. Richtig verstandene Demokratie bedeutet Verantwortungsübernahme, kreative Neugier und Interesse an allem, besonders auch Interesse an anderen Menschen, und Freude an Geheimnissen, Ehrfurcht vor der Schöpfung.
Der Quell ist für dich in deiner Arbeit nicht eine moralische oder politische Forderung, sondern die Verlebendigung?
Küppers Ja, der Quell sind die Lebendigkeit und das Vertrauen. Lebendigkeit impliziert, dass man sich als Person angesprochen und gemeint fühlt. Mein Bild von Gesellschaft ist dieses «Bolo’Bolo». (‹Bolo’Bolo› ist der Titel eines Buches des Schweizer Schriftstellers P. M., in dem er einen Plan für eine Utopie skizziert. Anm. Schmidt.) Es ist das Modell von Zellen oder Gemeinden oder Regionen, die wie Bienenwaben auf dem Planeten verteilt sind, zueinander durchlässig, und die ein Delegationssystem haben bis zur Weltebene hinauf. Auf der nächsthöheren Ebene kann nichts über die Ebene darunter beschlossen werden, sondern davor müssen sich alle auf ihrer Ebene einig werden. In meinen Augen ist es das Wichtigste, auf einem gewissen Niveau Sachfragen zu diskutieren, damit man sich nicht in ein ideologisches Korsett zwingen lässt. Wie soll man das lernen, außer durch Praxis. Es gibt ja das sogenannte Subsidiaritätsprinzip. Das besagt: An der Stelle, wo die Probleme sind, müssen auch die Lösungen gefunden und die finanziellen Mittel bereitgestellt werden. Der Föderalismus ist bei uns aber genau falsch rum. Die Bundesebene dominiert alles. Zu den Gemeinden fallen die Krümel durch. Ich fahre von Ort zu Ort und habe immer von außen einen unbefangenen Blick auf diesen jeweiligen Ort. Dort gibt es schon ganz viel direkte Demokratie. 9000 Bürgerbegehren in den Städten und Gemeinden bedeuten ja (weil du bei einem Bürgerbegehren durchschnittlich 3000 Unterschriften sammeln musst), dass Millionen Menschen schon praktische Erfahrungen gemacht haben, wie es sich anfühlt, sich mit ihren Mitmenschen über Sachfragen auseinanderzusetzen. Auf der Gemeindeebene passiert unglaublich viel. Da haben wir auch die größten demokratischen Spielräume, selbst ohne direkte Demokratie. Aber man kommt nicht an die wirklich wichtigen Themen ran.
Dafür bräuchte es bundesweite Volksabstimmungen. Dein Wabenmodell ist das Gegenteil einer Eine-Welt-Regierung, in der die Weltbevölkerung nur noch eine geführte, kontrollierte und reduzierte Masse ist. Dir geht es um die Verlebendigung von Politik und Gemeinwesen durch gleichberechtigte Selbstverwaltung. Du hattest mir auch von deiner Auseinandersetzung mit deinem Mikrobiom erzählt, mit deinen Mit-Lebewesen, und dass du die letzten 25 Jahre nicht krank gewesen bist. Du seist darauf gekommen, sagtest du, dass Gesundheit etwas Subjektives ist, dass du eine andere Gesundheit hast als ich. Ich erinnere mich aber auch noch an die Zeit, bevor du dann zum Omnibus gekommen bist. Da war dein Leben an einem Endpunkt.
Küppers Es war jedenfalls der Punkt erreicht, wo ich mich total gelangweilt habe und alles furchtbar fand um mich herum und nicht sah, wie ich weiterkommen könnte. Ich war so am Ende, dass ich tatsächlich einen Hilferuf losgelassen habe an Michael von der Lohe: «Kannst du mich hier abholen?» Das war ein richtiger Todespunkt. Aber ich musste auch abspringen. Zum einen der Hilferuf, zum anderen musste ich alles hinter mir lassen, ich habe keine Heimat mehr an einem Ort, sondern bin immer im Omnibus unterwegs. Das war eben existenziell. Wenn man so eine Arbeit will, muss man immer sein Leben aufs Spiel setzen. Wenn ich sage, ‹das Leben aufs Spiel setzen›, dann geht es wirklich um Leben und nicht nur um Überleben. Dann geht es vor allem darum, alle Sinne zu öffnen und voll gegenwärtig zu sein. Und dann ist auch überall Schönheit und Kommunikation zu finden.
In deiner Arbeit geht es ständig um Todespunkte oder Schwellen, und du setzt dein Leben aufs Spiel in der Art, dass du, wie du gesagt hast, dich blank machst jedem gegenüber, allen eigenen Halt in Urteilen und Argumenten weglässt, als Mensch anwesend bist, vom anderen ausgehst, ihn zu seiner Frage kommen lässt. Und du weißt nie, was als Nächstes kommt.
Küppers Wenn ich mich frage, was sind jetzt meine Kunden. wenn ich welche habe, dann sind das – wie man früher sagte – die ‹kleinen Leute›. Es sind jene, die hier den Laden am Laufen halten. Die haben ein kleines Unternehmen, sind Handwerker, Krankenschwestern, Bauern oder irgendwas. Diese braven Menschen geben sich Mühe, ihre Kinder anständig zu erziehen und so weiter. Und unglaublich viele von ihnen sind entsetzt über die Berliner Politik. Im Alltag liegt das gegenwärtige Potenzial. Ich sehe überall potenzielle Anknüpfungspunkte wie solidarische Landwirtschaften, selbstverwaltete Schulen, Nachbarschaften, wo die Leute ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Zum Beispiel stand ich einmal vor einem riesigen Plattenbau in Berlin. Das ist wie ein gestapeltes Dorf, in dem die Leute sich aber nicht grüßen und nicht kennen. Würden die sich fragen: Haben wir hier ein Problem, und wenn ja, welches? Was können wir da machen? Wer hat Lust, das zu machen?, dann finge etwas an. Wenn wir eine gemeinsame Praxis haben, dann sind wir auch nicht mehr manipulierbar. Wenn so etwas entsteht, dann kann man an den praktischen Dingen entlang alles Mögliche weiterentwickeln und es ergeben sich Spielräume. Der Alltag ist mein Spielfeld. Der Alltag ist die Gegenwart, die einzige Zeit, in der praktisch etwas passieren kann. Meine Erkenntnis aus der Arbeit ist, dass der Alltag überall richtig interessant ist. Es kommt auf die Genauigkeit deiner Wahrnehmung und Beobachtung an. Ich interessiere mich auch für die Geschichte der Orte, den Städtebau und die Architektur und versuche, möglichst viel mitzunehmen und mir selbst erklären zu können, wieso die Menschen in der Stadt so sind, wie sie sind.
Es gibt auch einen Film mit dir, wo du mit dem Omnibus durch Alleen fährst und die Bäume beschreibst und ganz mit der Natur bist. Du bist immer mit dem, was konkret da ist?
Küppers Ja. Und ich weiß nie, was als Nächstes passiert!
Und das beunruhigt dich auch nicht.
Küppers Nein. Im Gegenteil. Improvisation ist die freiste Form.
Immer in der Gegenwart. Wenn man mit dem Konkreten ist, dann hat man gar nicht das Bedürfnis, zu wissen, was als Nächstes kommt, weil man ja mit dem Konkreten ist, und nur das ist ja interessant?
Küppers Ja, genau. Und da sind unendliche Geduld und Bescheidenheit angesagt. Das Ganze ist wie eine immerwährende Schule.
Wie sieht so ein Aufenthalt des Omnibusses an einem Ort aus?
Küppers Wir stehen für zwei oder drei Tage in der Fußgängerzone oder auf dem Marktplatz. Der Omnibus ist jeweils von 9.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Mitten unter dem Begriff ‹Volksabstimmung› wird ein Tisch mit vier im Halbkreis angeordneten Stühlen aufgestellt und vor der Hinterachse ein Stehtisch. Diese Installation hat sich organisch so herausgebildet – wie ein Gesamtkunstwerk. Wenn etwas verrückt wird, macht sich das sofort negativ bemerkbar. Zwei von uns sollten ‹offensiv gesprächsbereit› vor dem Omnibus stehen und für alle Menschen und für alle Fragen offen sein.
Du betreibst den Omnibus nicht allein, sondern hast eine ständig wechselnde Schar junger Menschen bei dir, die du deine ‹Band› nennst. Was hat es damit auf sich?
Küppers Weil im Zentrum unserer Arbeit die Entwicklung unserer Stimme steht, neige ich zu musikalischen Metaphern. Ohne meine ‹Bands› wäre ich schon lange tot – sie sind meine rettenden Engel. Wir leben auf engem Raum ohne Intimsphäre in ständig wechselnden Besetzungen zusammen, Altersdurchschnitt zwischen 16 und 25 Jahren. Wir müssen jeweils einen eigenen Zusammenklang finden – was man Denglisch als ‹Groove› bezeichnen würde. Dass die Band groovt, ist die Voraussetzung dafür, dass die Arbeit mit dem Publikum erfolgreich ist. Und weil einer meiner Leitsätze lautet: ‹immer schön locker bleiben›, bevorzuge ich eine synkopische, gelassen dahingleitende ‹Musik›, die unseren gemeinsamen und ständig wechselnden Alltag freundlich und ruhig improvisiert. Soziale Praxis. Ich hätte mich ohne meine ‹Bands› überhaupt nicht entfalten können. Wir befähigen uns gegenseitig in lebendigem Austausch zu den Gesprächen, die den Kern unserer Arbeit bilden. Es entstehen die schönsten analogen Symbiosen, die viel größer sind als die Summe der Beteiligten. Davon hätte ich nie zu träumen gewagt.
Das Gespräch mit Werner Küppers fand im Juni 2025 im Auftrag der ‹Wochenschrift› in Witten statt. Seit August 2025 gibt es zum ersten Mal seit 25 Jahre einen weiteren, jungen Omnibusfahrer: Elias Franz, 25 Jahre alt. Er fuhr seit drei Jahren immer wieder im Omnibus mit. Werner Küppers ist auf den Touren auch weiterhin dabei. Er hat seinen Platz vom Fahrersitz nach oben verlegt. Im Obergeschoss des Doppeldeckerbusses sitzt er ganz vorn, sinnt durch die Frontscheibe in die Landschaft und den Erlebnissen nach, die ihm am letzten Standort zukamen, und schreibt in seinem Blog.
Homepage des Omnibus für Direkte Demokratie
Video von der Übergabe an Elias Franz
Titelbild Der Omnibus für direkte Demokratie vor dem Deutschen Reichstagsgebäude, Foto: Michael von der Lohe

