Ich denke

Denken ist paradox. Denkend trenne ich mich von der Welt; denkend vereine ich mich mit ihr im höchsten Maß wieder.


Wann wurde Ihnen das Denken zum ersten Mal bewusst? Bei mir war es wahrscheinlich im Alter von etwa fünf Jahren, als ich entdeckte, dass ich ein Geheimnis haben kann. Meine Seele war zu einem Ort der Erforschung geworden: ein ‹Inneres›, das mir ganz allein gehörte, das sich von einem ‹Äußeren› unterschied und doch irgendwie mit diesem im Gespräch war. Damals wusste ich nicht, dass ich dachte oder dass andere es auch taten. Es fühlte sich einfach wundervoll an, köstlich, lebendig.

Jetzt, viele Jahre später, werde ich gebeten, ein Essay über das Denken zu schreiben, allein aus der Perspektive der persönlichen Erfahrung. Was für eine Gelegenheit! Ich erinnere mich an mein kindliches Staunen und beschließe, das Denken von innen heraus zu erkunden. Wie ist es, ein denkendes Wesen zu sein?

Ich verbringe eine Woche damit, mich zu fragen: «Ist das denken, was ich jetzt tue?» Denken wir, wenn wir träumen? Oder wenn wir Musik hören? Wie ist es mit lesen oder schreiben? Ist erinnern auch denken? In meinem Kopf scheint ein nicht enden wollendes Gespräch im Gange zu sein. Ist das denken? Wenn ich versuche, es zu stoppen, welcher Teil von mir tut das? Ist das auch denken? Ich versuche nicht, es zu analysieren – ich erlebe und erfahre einfach die verschiedenen Qualitäten des Denkens, während es durch meinen Tag fließt und strömt.

Ich beobachte das Denken, während ich schreibe: Es gibt keinen wahrnehmbaren Punkt, an dem Ideen zu Sätzen werden – die Worte fließen einfach auf das Blatt. Aber dann halte ich inne: Irgendetwas ist nicht ganz richtig. Denken ändert seine Richtung, tastet nach den richtigen Worten, bis es einen Moment gibt, eine Art Resonanz – ja, das ist es! Und plötzlich passen die Worte zusammen und der Gedanke formt sich auf dem Papier.

Denken ist nicht Einsicht; es bereitet den Boden für die Einsicht. Denken ist aktiv und rezeptiv; es ist ein fragendes Zuhören. Alles, was ihm begegnet, ist ein Rätsel, das darauf wartet, auf eine Entdeckungsreise mitgenommen zu werden.

Wie wäre es, überhaupt nicht zu denken?

Ich sitze auf einem Felsen im Wald, schaue einen Baum an und versuche, nicht zu denken. Kann ich einfach da sein, anwesend sein? Meine Aufmerksamkeit ist auf den Baum gerichtet, aber ich starre ihn nur an und fühle mich ein wenig kalt und leer. Denken lässt sich nicht aus der Gegenwärtigkeit, der Anwesenheit eliminieren, so entdecke ich, denn Gegenwärtigkeit ist weder taub noch stumm. Denken ist es, das ehrfürchtig nach dem Baum greift und fragt: «Wer bist du?»

Also, folge ich dieser Neigung. Zuerst nehme ich nur Details wahr: Strukturen, Formen, Farben. Sie scheinen irgendwie unverbunden mit dem Baum zu sein. Es ist Winter hier, der Baum ist kahl und die Luft ist still. Nichts bewegt sich – außer das Denken. Das Denken beginnt, sich durch die Details zu bewegen, sie zusammenzusetzen, als ob es den Baum in meinem Geist wachsen lassen würde. Raue Kanten am Stamm weichen allmählich einer glatten Haut an den oberen Gliedern. Äste teilen sich in immer dünnere Ausläufer und bilden ein deutliches Muster. Winzige Knospen stehen bereit, um in frische Frühlingsblätter aufzubrechen.

Mit diesem Denken fühle ich mich dem Baum gegenüber nicht weniger präsent. Ich beginne sogar, mich immer mehr mit ihm verbunden zu fühlen. Das Denken nimmt die Dinge ständig auseinander, trennt die Details; und das Denken sucht ständig nach Beziehungen, setzt die Details wieder zusammen. Es ist wie das Sonnenlicht, das alles sichtbar, unterscheidbar macht – und es gleichzeitig zu einer Einheit bildet. Die Teile des Baumes beginnen, eine Essenz des Baumes, ‹Baumheit›, auszudrücken, die im Ganzen zu finden ist.

Mein Blick fällt auf das Muster konzentrischer Kreise auf einem Stück Holz, das ich gefunden habe: Schicht um Schicht von Zellen, die im Laufe der Jahre einen Baum gebildet haben. Zellen, die bei warmem Wetter gewachsen sind, sind breiter, solche, die bei kaltem Wetter gewachsen sind, sind schmaler, und die wechselnden Dicken erzeugen die Ringe. Ich fahre mit den Fingern darüber, als ob ich Zeit fühlen könnte. Ich wende mich wieder dem Baum zu und mit meinem Geist fühle ich ihn über Jahrzehnte hinweg in Schichten wachsen.

Wie anders fühlt sich die lebendige Härte des Baumes für meinen Geist an im Vergleich zu der unbeweglichen Härte des Felsblocks!

Ein Vogel landet auf einem Ast und fliegt wieder davon. Wie warm und fließend fühlt sich seine Bewegung für meinen Geist an, verglichen mit dem Baum und dem Fels!

Fühlendes Denken unterscheidet zwischen dem Wesen von Baum, Stein und Vogel; es ist, als würde es verschiedene Sprachen hören.

Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Baum. Bei wärmerem Wetter strömt Wasser durch die lebendige Schicht unter der Rinde des Holzes nach oben und durch die Blätter nach außen, um sich dort der Luft zu verbinden. Jetzt ist es kalt und still. Wasser und Luft bleiben getrennt, in ihrem eigenen Umfeld. Der Baum scheint im Rhythmus der Jahreszeiten zu atmen, sich ausdehnend und zusammenziehend. Der Rhythmus hinterlässt physische Spuren in den Schichten des Holzes. Ich kann sie mit meinem Geist spüren. Denken bewegt sich in Resonanz mit dem Atmen des Baumes.

Jetzt merke ich, dass ich nicht mehr über den Baum denke, ich denke mit dem Baum. Und plötzlich bin ich in ein Gespräch eingetaucht mit kosmischem Ausmaß – ein Gespräch, nicht nur zwischen Baum und Wasser und Luft, sondern zwischen Wärme und Kälte, Erde und Sonne. Ich bin nicht nur Zuhörerin – mit zartem Denken werde ich Teil davon.

Baum-Denken, Stein-Denken, Vogel-Denken, Mensch-Denken: alles ist im Gespräch. Ich versuche, es in Worte zu fassen; das Wort gebiert das Denken, das Denken gebiert die Worte. Denken ist Teilhabe, ist Zugehörigkeit.

Von der Freude zu denken

Wie wäre das Denken, wenn der Baum, der Stein, der Vogel nicht da wären, um es in Bewegung zu bringen? Ich schließe meine Augen. Zuerst macht das Denken das, wofür es gedacht ist: es sucht nach Beziehung, versucht, den Tag zu organisieren, die Auseinandersetzung von gestern zu klären, zu entscheiden, was es zum Essen gibt. Ich atme tief ein und richte meine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes. Ich erinnere mich an einen Vers, den ich gernhabe. Jetzt gibt es nichts Äußeres mehr, das meinen Geist in Bewegung bringt, ich muss es selbst tun, und das erfordert Anstrengung. Ich erteile dem Denken eine heilige Aufgabe: Bewege diesen Vers in meinem Geist, wie vorher den Baum. Indem ich das tue, schafft das Denken einen inneren Raum für das gleiche fragende Lauschen, diesmal nicht auf den Baum, den Vogel oder den Stein gerichtet, sondern auf die Stille in mir: «Wer bist du?»

Als Kind half mir das Denken, mich von der Welt zu trennen und ein Eigenwesen, ein Individuum zu werden. Jetzt hilft mir das Denken, mich wieder mit der Welt zu vereinen, als Teilnehmerin. Denken trennt, Denken verbindet. Das Denken fragt und hört zu. Das Denken ermöglicht es mir, in Resonanz zu kommen mit den göttlichen Klängen, die die Welt erschaffen. Das Denken stellt sich schaffend in den Dienst der Welt und des Geistes. – Denken ist ein bisschen wie lieben. Denken Sie nicht?


Illustration Grafikteam der Wochenschrift

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