Fragen lohnt sich

Fragen stehen für das Einander-Zuhören, für das Interesse aneinander. Aber nicht jede Frage weckt das Interesse des Gegenübers.


Für einzelne sind manche Fragen gar nicht ‹seine› oder ‹ihre› Fragen. Entweder weil man die Antwort schon kennt oder für sich gefunden hat, oder weil man die Frage nicht so interessant oder relevant findet, auch wenn sie auf den ersten Blick bedeutend erscheinen mag. Im Grunde ist schon das eine Frage: Wie kann ich es unterscheiden? Woran merke ich, ob eine Frage mich berührt oder nicht? Was macht sie zu einer bewegenden und was macht sie zu einer langweiligen?

Die eigentliche Frage

Manche Fragen eröffnen eine neue Perspektive, sie tragen ein Spannungsmoment in sich, sie sind anregend und elektrisierend und impulsieren das Nachdenken und Nachspüren. Sie haben irgendein Geheimnis, deuten auf etwas hin, legen eine Spur. Andere Fragen haben diese Aura nicht. Sie bewegen sich im Bekannten oder Konventionellen, sie überschreiten keine Schwelle oder machen keine Schwelle erlebbar – es ist, als gingen solche Fragen stillschweigend von Prämissen aus, die sie nicht mehr infrage stellen, sie setzen etwas voraus, setzen sich selbst nicht aufs Spiel.

Es kommt auf die Fragestellung an, auf den Ausgangspunkt, und es kommt auch darauf an, wer welche Frage wem stellt, und wie sie gestellt wird und wann. Es kann in einer Situation auch die Frage entstehen, warum ausgerechnet jetzt ausgerechnet diesem Menschen ausgerechnet jene Frage gestellt wird – eine Frage gebiert eine nächste, gebiert vielleicht die eigentliche Frage, und dadurch erst wird es interessant.

Es gibt Fragen, die in mich dringen, die mich überführen oder bloßstellen wollen, es gibt rhetorische Fragen und solche, die sich arglos geben, aber irgendein Gift in sich tragen, es gibt echte, liebevolle, warme Fragen, zugewandte und einen sehende, einen im Innersten treffende Fragen, bei denen es gar nicht um eine Antwort geht oder nicht sogleich um eine Antwort. Sondern dass die Frage überhaupt gestellt wird, dass sie bemerkt wird, ist schon wie eine Erlösung. Es gibt Fragen, die ein ganzes Universum in sich tragen, und solche, die das Universum in sich zusammenschrumpfen lassen. Es gibt Fragen, auf die ich als ganzer Mensch, als der, der ich bin, antworten muss, auf die ich nur als Ich reagieren kann, und es gibt solche, bei denen ich nicht allein gefragt bin, sondern die uns als Menschheit angehen; und schließlich gibt es Schnittmengen, in denen sich Ich und Du begegnen.

Ein Beispiel für die Rolle von Fragestellungen und Fragerichtungen mag der Gedanke wiederholter Erdenleben sein. Es ist ein Unterschied, ob ich so an ihn herangehe, dass ich wissen will, wie das gehen soll, sich mehrmals zu inkarnieren, oder wie es möglich sein soll, davon zu wissen. Oder ich kann so an ihn herangehen, dass ich frage: Was würde es bedeuten, wenn es so wäre? Wie würde ich dann leben? Würde ich anders auf mein Leben und seine Konflikte, Schmerzen oder Potenziale schauen? Fragen machen auf Gegenfragen aufmerksam: Welchen Sinn sollte es haben, all das Angefangene, Unvollendete, Gescheiterte der Existenz nicht mehr aufgreifen zu können? Widerspricht es nicht der vernunftbetonten und an Kontinuität und Nachhaltigkeit orientierten Art, wie wir unser eines Leben führen?

Fragen sind Organe

Ein anderes Beispiel ist die Frage, die die Grundeinkommensinitiative ins Zentrum ihrer Kampagnen rückt: Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Auch diese Frage setzt zwar etwas voraus, aber die Prämisse ist so ungewohnt, ja so utopisch, dass sie das Denken unmittelbar in Verblüffung und Erstaunen versetzt und eine neue Perspektive auf das Verhältnis von Arbeit und Lohn eröffnet. Ähnlich eröffnet der Gedanke von Karma und Wiedergeburt eine neue Sichtweise auf Moralität.

Manche Fragen entstammen nur unserem Kopf, unserer Schlauheit und unserem Kalkül. Sie sind Ergebnis von Vorgängen des Kombinierens. Etwa so, wie Kriminalisten Fälle lösen. Künstliche Intelligenz arbeitet letztlich wie ein Ermittler. Aber es braucht auch die Intuition: Fragen, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, aus einer Art Umraum oder Resonanzraum, vielleicht auch aus dem Herzen. Bevor die Frage sich selbst wahrnimmt, hat sie etwas anderes wahrgenommen, und weil sie nicht weiß, was es ist, weil sie gleichsam nur bemerkt, dass sie etwas bemerkt hat oder bemerkenswert findet, fragt sie. Indem ich mir bewusst mache, dass ich etwas wahrgenommen habe, das ich nicht zuordnen kann, keinem Archiv, keiner Erinnerung an vergleichbare Erlebnisse mit demjenigen Menschen, bin ich plötzlich schöpferisch. Ich gehe schwanger mit etwas noch nicht Gewissem oder Greifbarem. Ich habe es gezeugt, ich trage es in mir, aber das weiß ich noch nicht. Die Frage, die sich in mir bildet, ist zugleich das Organ, mit dem ich die Antwort verstehen kann. Meine Frage hat Sinn, weil sie in Wahrheit der andere, dem ich sie stelle, hat. Er will zur Welt kommen, und ich zeuge für ihn. Meine Frage gehört ihm, nicht mir. Ihm mache ich sie bewusst. Ihm diene ich als Vermittler, als Sinnesorgan.

Das Bedürfnis, zu sehen, hat das Auge hervorgebracht, das Bedürfnis, zu hören, das Ohr, und das Bedürfnis von Schöpferwesen, nicht allein auf der Welt zu sein, den Menschen. Ein anderer Mensch macht mich zur Mutter, zum Vater, nicht ich mich selbst. Ein anderer Mensch macht mich zur Antwort auf seine Frage. Aber ich weiß die Antwort nicht, ich weiß nicht, worauf ich die Antwort bin, ich bleibe offen, bleibe fragend. Ich weiß nicht, was richtig ist, was wahr ist, was ich sagen oder tun soll.

Aus keinem anderen Grund leben wir: um den Grund zu erspüren, weswegen wir einander begegnen.


Foto Nikolas Green, Unsplash

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