Elisabeth Vreede prägte als erste Leiterin der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum deren Aufbau und Wirken. Sie besaß Klarheit, Wärme und die seltene Fähigkeit, andere in ihrer Forschung zu unterstützen.
«Aus dem Universum herein durch lebendige Erkenntnis das menschliche Leben verstehen, das ist das, was mit dasjenige ist, was durch die jetzige Geisteswissenschaft gewollt ist», betonte Rudolf Steiner 1 – und übergab der Fachwissenschaftlerin Elisabeth Vreede (1879–1943)2 die verantwortliche Leitung der Mathematisch-Astronomische Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum. «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte», hieß es im ersten anthroposophischen ‹Leitsatz› (Februar 1924).3 Auf der Weihnachtstagung 1923/24 betonte Steiner die Notwendigkeit, «eine Sektion für mathematische und astronomische Anschauungen»4 zu entwickeln – «die astronomische Wissenschaft ist ja diejenige, welche am ehesten Gelegenheit hat, wieder zurückgeführt zu werden in die Spiritualität».5 Er vertraute diese Sektion Elisabeth Vreede an, die aus Den Haag gekommen war. Ihre Abteilung gehörte zum Zentrum dessen, was Steiner mit der Dornacher Hochschulgründung beabsichtigte, und war in besten Händen. «Ihre Denkkraft hatte etwas jupiterhaft Umfassendes. Wenn sie selbst vortrug oder die Klasse las, leuchtete ihre Stirn wie ein Stern. Ihre Denkart ermöglichte es ihr sofort, das von Rudolf Steiner Gebrachte zu erfassen und trotz höchster Verehrung für ihn sich ein selbstständiges Urteil zu bilden, so wie er es von den Mitgliedern erhoffte», heißt es in einer Erinnerung an Elisabeth Vreede.6 Anders als bei den übrigen Sektionsleitenden hob Rudolf Steiner bei der Vorstellung Elisabeth Vreedes auf der Weihnachtstagung – als Sektionsleiterin und Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft – nicht nur ihre ausgezeichnete Fachkompetenz, sondern auch ihre besonderen sozialen Fähigkeiten hervor. Von ihr gehe «überall Rat und Hilfe» aus, «wenn man etwas zu wissen braucht auf mathematisch-astronomischem Gebiet».7 Tatsächlich verfügte Elisabeth Vreede über seltene Fähigkeiten der selbstlosen Zuwendung. Trotz ihrer ausgeprägten Intelligenz, ihres phänomenalen Gedächtnisses und hervorragenden Fachwissens, das sie zur eigenständigen Arbeit befähigte, nahm sie praktischen Anteil an vielen Studien, Forschungen und Anliegen anderer Menschen, darunter ihrer ersten Sektionsmitarbeiter Ernst Bindel, Hermann von Baravalle, Ernst Müller, Willi Sucher und George Adams. «Sie nahm den anderen Menschen auf, ließ ihn neben sich gelten, nie hätte sie ihn ihre Überlegenheit fühlen lassen.»8
Vreede war eine ordnende Klarheit eigen, Überblick, Objektivität, Wärme und ein großer Humor, den sie einmal als «das Befreiende im Geistesleben»9 bezeichnete. Sie stand nicht gerne im Rampenlicht und wirkte bescheiden im Hintergrund. Zugleich war sie in der Lage, vor großem Auditorium über mathematische und astronomische Grundsatzfragen wissenschaftlich eindrucksvoll und überzeugend zu sprechen und verfasste profunde Arbeiten. Im Umraum ihrer Sternwarte fanden ab 1927 viele Aktivitäten statt, die eng mit der kongenialen Wissenschaftlerin Lilly Kolisko (1889–1976)10 abgestimmt und zum Teil mit Kolisko gemeinsam durchgeführt wurden. Die im ‹Landwirtschaftlichen Kurs› 1924 in Koberwitz von Rudolf Steiner angekündigten Forschungsarbeiten versuchten Kolisko und Vreede nach Möglichkeit auszuführen. Mit Lilly Kolisko war Elisabeth Vreede auch unterwegs, so im Juni 1936 zum Studium einer totalen Sonnenfinsternis in der Türkei, auf einem hohen, erloschenen Vulkan (Uludağ).11
Partizipation der Mitglieder
Im Jahr 1937 schrieb Vreede in einem Rückblick auf ihre Hochschularbeit, die 1935 destruktiven Vorgängen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zum Opfer gefallen war12: «[Die Sektion] galt es, ganz aus dem Urbeginne aufzubauen. Ich habe bei dieser Arbeit immer versucht, möglichst überall Umschau zu halten, wo Keime zu finden wären einer vergeistigten Mathematik oder Astronomie. Mit allen Strebenden auf diesem Gebiet habe ich versucht, einen Zusammenhang mit dem Goetheanum und der math.-astron. Sektion zu bewirken. Im Jahre 1926 konnte ich den Kurs [Rudolf Steiners] ‹Das Verhältnis der Astronomie zu den verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten› herausgeben. Im Jahre 1929 fing ich an, astronomische Grundbegriffe durch Rundschreiben zu verbreiten. In fünf Jahrgängen wurde das Gebiet der Astronomie und auch ein Überblick über dasjenige der Astrologie im geisteswissenschaftlichen Sinne durchgearbeitet, soweit es mir eben möglich war. Diese Rundschreiben fanden großen Anklang. Obwohl ich sie nur einmal überhaupt im [mitgliedereigenen] ‹Nachrichtenblatt› [der Wochenschrift ‹Das Goetheanum›] angezeigt habe, trotzdem sie auf jeder Generalversammlung oder bei sonstigen Gelegenheiten totgeschwiegen wurden, hatten sie einfach durch weitere mündliche Empfehlung der ursprünglichen Bezieher eine Auflage von über 1000 Abonnenten erreicht, wozu noch circa 200 weitere zu rechnen sind, die sich auf die englische Übersetzung abonniert hatten. Astrologische Briefe gab ich 1934/35 zusammen mit Willi Sucher heraus. Und so manches andere.»13 Zu dem ‹anderen› gehörten unter anderem ‹mathematische Sendungen›, in denen Elisabeth Vreede auch wichtige Vortragsstellen und Fragebeantwortungen Rudolf Steiners veröffentlichte.
Die Sterne
Von 1929 bis zu ihrem Tod gab sie des Weiteren den ‹Sternenkalender› heraus, der besonders für Landwirte und Landwirtinnen bestimmt war. Am Ende ihrer Einleitung zur ersten Auflage schrieb sie: «Wer die geisteswissenschaftliche Kosmologie Rudolf Steiners studiert hat, wie sie zum Beispiel in seiner ‹Geheimwissenschaft› niedergelegt ist, der wird wissen, wie die Erde mit allem, was auf ihr ist, aus dem ‹Himmel› entstanden ist, wie Sterne und Planeten nicht die weit abliegenden, dem menschlichen Empfinden ganz fern gerückten Welten sind, sondern unmittelbar mit uns und den anderen Naturreichen in Verbindung stehen. Es ist nicht nur Wärme und Licht, was die Sonne der Erde spendet, sondern aus dem ganzen Umkreis, bis zu den Sternen hinauf, fließen der Erde diejenigen Kräfte zu, die das Wachsen und Gedeihen, das Bilden und Blühen, das Sprießen und Sprossen bewirken. Ätherische Bildekräfte, astralische Bewegungsrhythmen, ebenso wie Geist-Impulse strömen aus dem Weltall zur Erde nieder. Wenn der Mond über die stillen Äcker scheint, wenn Venus als Abendstern glänzt oder Saturn sein fahlrotes Licht erstrahlen lässt, dann deuten sie auf Wirkungen hin, die zwischen Himmel und Erde herrschen und die in ihren Einzelheiten von den Menschen wiedererkannt und erlebt werden müssen. Gerade die Landwirte, die in den von Rudolf Steiner gewiesenen Bahnen wandeln, können ein Empfinden für diese Wirkungen entwickeln. Denn der große Menschheitslehrer hat sie hingewiesen auf den kosmischen Quell, der sich befruchtend über die Erde ergießt, ohne den nicht ein Same entkeimen, nicht ein Halm sprießen könnte. Und er hat diesen Quell mit der Wesenheit des Christus in Verbindung gebracht. Aus dem Himmel ist Christus auf die Erde herabgestiegen; in die Erde hat er sich in den heiligen Tagen der Karwoche mit seiner Wesenheit ergossen, und seit jenem Ostern ist die Erde sein Leib, aus dem das Korn hervorsprießt, das zum Brote des Menschen wird.14
Vreedes ‹Sternenkalender›-Jahr reichte von Ostern zu Ostern und verband die natürliche Auferstehung im Jahreslauf mit der geistigen Tatsache der Auferstehung Christi – so, wie Rudolf Steiners ‹Seelenkalender› aus dem Jahre 1912. In ihrem Vorwort zum ‹Sternenkalender› des Jahres 1930/31 hieß es: «Ostern soll uns das wahre Fest der Auferstehung sein, aus dem der alten Welt die neuen Kräfte zugeführt werden, ein Einschlag in den Jahreslauf, der in seiner Bedeutung nur mit dem Weihnachtsfeste zu vergleichen ist.»15 Der ‹Sternenkalender› erschien in schönem, farbigem Einband; auch eine drehbare Sternkarte gab Elisabeth Vreede heraus. Den Sektionsraum im Goetheanum, den sie Anfang 1928 im fast fertiggestellten Zweiten Goetheanum bezog und an Ostern einweihte, ließ sie in Ätherrosa streichen.
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Das Rätsel des Menschen, Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170, S. 260.
- Peter Selg, Elisabeth Vreede. 1879–1943. Arlesheim 2009.
- Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 26, S. 14.
- Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum, GA 260a, S. 111.
- Rudolf Steiner, In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus. GA 24, S. 164.
- Madeleine P. van Deventer/Elisabeth Knottenbelt (Hg.), Elisabeth Vreede. Arlesheim 1976, S. 37f.
- Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, GA 260, S. 145.
- Peter Selg, a.a.O, S. 113.
- Ebd.
- Vgl. Soili Turunen, Lilly Kolisko. Vom Mysterium der Materie. Eine dokumentarische Biografie. Arlesheim 2024.
- Zu Vreedes Erlebnissen dort vgl. P. Selg, a.a.O. S. 208ff.; zu Lilly Koliskos Studien in der Türkei vgl. Soili Turunen, a.a.O., S. 283ff.
- Vgl. Peter Selg, a.a.O.
- Peter Selg, a.a.O, S. 148.
- Elisabeth Vreede, Geschichte und Phänomene der Astronomie, S. 82.
- Ebd., S. 83.

