Ein modernes Einweihungserlebnis?

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In alten Zeiten wurden Sonnenfinsternisse eher gefürchtet als verstanden. Das Zeitalter der Naturwissenschaft bot rationale Erklärungen. Heute erleben wir sie als Individuen und fühlen uns betroffen, ganz abgesehen davon, wie wir sie deuten.


In seinem Aufsatz ‹Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt› beschreibt Goethe, wie wir bei der Betrachtung der Gegenstände um uns diese zunächst zu uns selbst in Beziehung bringen. Wollen wir aber die Gegenstände der Natur für sich selbst und in ihren gegenseitigen Beziehungen verstehen, wird unsere Aufgabe schwieriger. Wir müssen auf Sympathie und Antipathie, auf Nützlichkeitsabwägungen verzichten und «als gleichgültige und gleichsam göttliche Wesen suchen und untersuchen, was ist, und nicht, was behagt».1

Dies gilt ebenso für astronomische Phänomene wie planetarische Konjunktionen, Kometen und Finsternisse von Sonne und Mond. In der Vergangenheit wurde das unmittelbare Erleben fast immer von der Frage nach ihrer Bedeutung überschattet. Verkünden sie Heil oder Unheil? Heute sind Sonnenfinsternisse begehrte Reiseziele geworden und werden meistens ohne beunruhigende Gedanken über ihre Bedeutung erlebt. Es wurde möglich, auf unsere subjektiven Urteilskriterien zu verzichten und die Phänomene sprechen zu lassen. Indem wir innere Stille erlangen, die unserer Beobachtung eine meditative Qualität verleiht, werden wir in aktiver Empfänglichkeit die Eindrücke der Natur aufnehmen.

Erst seit dem 19. Jahrhundert liegen adäquate Schilderungen der unvergleichlichen Schönheit der solaren Korona vor: jenes blütenartige Strahlengebilde, das die verdunkelte Mondscheibe umgibt und nur während der kurzen Zeit der Totalität gesehen werden kann. Die frühesten, die ich bisher entdecken konnte, beziehen sich auf die europäische Finsternis vom 8. Juli 1842. Francis Baily, ein englischer Astronom, bekannt durch seine Entdeckung der perlenartigen Lichttropfen, die entlang des Randes der Sonnenscheibe Momente vor oder nach der Totalität erscheinen, beobachtete die Finsternis in Italien: «Die Perlen waren deutlich sichtbar […] ich wurde überrascht von einem großen Beifallssturm von den Straßen unter mir, und im selben Moment elektrifiziert durch den Anblick eines der glänzendsten und herrlichsten Phänomene, die vorgestellt werden können. Denn in diesem Augenblick wurde der dunkle Körper des Mondes plötzlich von einer Korona oder einer Art heller Aureole umgeben. […] Sie erschien wie ein Kranz von hellen Strahlen. Herrlich und erstaunlich, wie dieses Phänomen war, […] muss ich dennoch gestehen, dass es gleichzeitig etwas Fürchterliches in dieser einzigartigen und wundervollen Erscheinung gab.»2 Bekannter ist die Beschreibung des Schriftstellers und Malers Adalbert Stifter, der dieselbe Finsternis in Wien beobachtete: «Der Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr als schwarze Scheibe, sondern gleichsam halb transparent wie mit einem leichten Stahlschimmer überlaufen, rings um ihn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer, bläulich, rötlich, in Strahlen auseinanderbrechend, nicht anders, als gösse die obenstehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondeskugel nieder, dass es rings auseinanderspritzte. Das Holdeste, was ich je an Lichtwirkung sah!»3

Vor 50 Jahren hatte ich das Glück, allein an einem Waldrand in Sansibar zu stehen, als die Dunkelheit mit atemberaubender Schnelligkeit zunahm und die Korona sichtbar wurde. Die Naturstimmung war unvergesslich: Der Vogelchor verstummte, bis auf die klagenden, absteigenden Flötentöne eines afrikanischen Kuckucks. Diese Musik wird für mich immer mit der Sonnenkorona in Verbindung stehen. Ja, nicht der Himmel und die Landschaft allein, auch die ganze beseelte Natur nimmt am Ereignis teil! Augenzeugen berichten immer wieder, dass der Eindruck des abnehmenden Lichtes völlig anders wirkt als ein Sonnenuntergang mit Abenddämmerung: als ob eine sich sichtbar bewegende Schicht von Dunkelheit über die Landschaft fiele, sie in einen todähnlichen Zustand tauchend. Die plötzliche Rückkehr des Lichtes löst einen stillen Jubel in der Seele aus, der wie eine unverhoffte Genesung wirkt. Zwischen diesen beiden Erlebnissen liegt das Aufleuchten der Korona, wie eine Offenbarung aus einer anderen Seinsebene des Sterns, der uns Licht und Leben spendet. Wirkt das Ganze nicht wie ein Einweihungserlebnis? In vorchristlichen Zeiten schritt der Neophyt auch durch ein Todeserlebnis, um eine Art Wiedergeburt und ein unerschütterliches Bewusstsein seiner Unsterblichkeit zu erlangen. Was aber heute beim Erleben einer Sonnenfinsternis möglich wird, begrenzt sich nicht auf Auserwählte, sondern ist allen offen, die in ein Erlebnis eintauchen wollen, von dem sie wohl kaum unverändert zurückkehren werden.

Fußnoten

  1. J. W. von Goethe, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Carl Hanser, München 1989, Bd. 12, S. 684.
  2. Zitiert in: S. A. Mitchell, Eclipses of the Sun. Columbia University Press, 1951 (übersetzt von John Meeks).
  3. Adalbert Stifter, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842. In: Kleine Schriften. Insel, 1940, S. 592–593.
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