KI und die Frage nach dem Menschlichen

Zur Enzyklika von Papst Leo XIV. ‹Magnifica Humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz›.


Ist die Gesellschaft verführt, sich in einem erneuten Turmbau zu Babel1 zu verlieren, um sich in Einseitigkeit, Uniformität und ein paradigma tecnocratico zu stürzen? Eine Gesellschaft, in der «eine einzige Sprache, eine einzige Technologie, eine einzige Richtung» herrschen soll? Oder wählen wir den Wiederaufbau Jerusalems2, wo menschliche Dignität und gemeinsames Handeln die neue Sprache bilden: nicht eine einzige, sondern eine gemeinsame Sprache? Mit diesen zwei Bildern eröffnet Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika ‹Magnifica Humanitas› (‹Großartige Menschheit›). Die Schrift befasst sich mit der schwindelerregenden Geschwindigkeit der technologischen Entwicklungen – und ist ein Aufruf, Weckruf, die Verantwortung für das Menschsein zu übernehmen: «Wir durchleben eine rasante Übergangsphase, einen ‹Epochenwandel›, in dem – während einige um die Zukunft der neuen Technologien wetteifern und andere sich eingehend mit ihnen auseinandersetzen – die meisten Menschen in einer Art Wartestellung verharren, aus der Ferne beobachten und einfach hoffen, dass alles gut gehen wird.» Der Papst wandte sich zuvor schon gegen die US-Kriegsführung. Ähnlich spricht er auch hier im Verständnis des Zeitgeistgeschehens Klartext.

In der Aula Nuova del Sinodo

Am Montag, dem 25. Mai, begrüßen Weggefährten und Journalisten Papst Leo XIV. in der Aula Nuova del Sinodo. Anlass ist seine erste Enzyklika (die bereits am 15. Mai signiert wurde) und der 135. Jahrestag der Enzyklika von Papst Leo XIII., seinem Namensvorgänger aus dem Jahr 1891. Mit der Enzyklika ‹Rerum novarum› (‹Über die neuen Dinge›) wurde die katholische Soziallehre begründet, auf die sich Papst Leo XIV. heute ausdrücklich bezieht. Die Enzyklika ist eines der bedeutendsten Lehrschreiben des Heiligen Stuhls. In ihr nimmt die katholische Kirchenleitung Stellung; sie richtet sich an die 1,4 Milliarden Gläubigen und «an alle Menschen guten Willens». Ein schnell geschnittenes Video eröffnet die Zusammenkunft. Aufnahmen päpstlicher Vorgänger in entscheidenden öffentlichen Momenten wechseln sich mit Szenen technologischer Entwicklungen und ihren Auswirkungen – von Fabriken und Computern über die erste Atombombenexplosion am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico bis hin zur Nutzung sozialer Medien. Die Musik wird leise. Auf der Leinwand folgen Bilder von verletzlichen Bevölkerungsgruppen, Kindern und Natur, schließlich die Begriffe ‹Solidarität›, ‹Gemeinwohl›, ‹Subsidiarität› und ‹soziale Gerechtigkeit› – Prinzipien der katholischen Soziallehre. Bei Angehörigen der großen Kirchgemeinschaft steigt die Spannung, bei Außenstehenden vielleicht Skepsis.

Die geistigen und kulturellen Wurzeln der Veränderungen ergründen

Nach seinem Amtsantritt am 8. Mai 2025 war häufig die Frage zu hören, ob und wie der neue Papst in die Fußstapfen seines beliebten Vorgängers Franziskus treten würde. Dessen Enzyklika ‹Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus› machten ihn für viele zum ökologischen, grünen Papst. Darin verknüpfte er Umwelt- und Klimafragen mit den sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen und rief auf, die Krisen unserer Zeit als Ausdruck einer tiefer liegenden spirituellen Krise zu verstehen. Nach Einschätzung verschiedener Beobachter gelingt es dem neuen Papst mit seinem Rekurs auf diese Enzyklika an das Erbe seines Vorgängers anzuknüpfen.

Leo XIV. ruft in ‹Magnifica Humanitas› auf, einen «gemeinsamen Reflexionsprozess einzuleiten, der die geistigen und kulturellen Wurzeln der laufenden Veränderungen ergründet». Im Unterkapitel ‹Die Ketten der neuen Formen der Sklaverei sprengen› postuliert er, dass es «nicht ausreicht, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.» Diese Entwicklung wird den zugrunde liegenden und tiefgreifenden Narrativen des Transhumanismus und Posthumanismus zugeschrieben. Bemerkenswert ist, dass einer der Mitgründer von Anthropic, einem der größten KI-Unternehmen, der 33-jährige Christopher Olah neben dem Papst als Redner auftrat. Olah sprach sich für eine menschenwürdige Zukunft und für eine Entwicklung der künstlichen Intelligenz im Dienst des Menschen aus. Nach Olah unterscheidet sich KI-Technologie grundlegend von Technologien wie etwa dem Flugzeugbau, bei denen die Entwickelnden nachvollziehen können, wie ein System konstruiert wurde. KI werde hingegen nicht gebaut, sondern «wachse» in gewisser Weise unabhängig von ihren Schöpferinnen und Schöpfern. «Sie bleibt selbst für uns, die wir sie geschaffen haben, geheimnisvoll», so Olah. Die Fragen, die KI aufwerfe, könnten deshalb nicht allein von ihren Entwicklerinnen und Entwicklern beantwortet werden, sondern bedürften des Beitrags geistiger, kultureller und philosophischer Gemeinschaften. Drei Fragen nennt Olah: 1) Wie können die durch KI erzeugten Vorteile global und gerecht verteilt werden? 2) Wenn KI viele Aufgaben übernimmt, wie können wir ein gelingendes Leben führen und uns entfalten? 3) Wie lässt sich verstehen, was im geheimnisvollen Inneren der KI geschieht?

Wer antwortet?

Die dicht geschriebene Enzyklika enthält noch vieles. Zugleich dürfte klar sein, dass es zahlreiche Gegenstimmen und Einwände gibt – auch mit Blick auf die katholische Kirche selbst, die in ihrer Geschichte immer wieder in Machtmissbrauch und Verletzungen der Menschenwürde verstrickt war, um nur die Spitze des Eisbergs zu nennen. Eine Frage bleibt: Wer sind jene Menschen und Institutionen des geistigen, kulturellen und philosophischen Lebens, von denen Christopher Olah spricht? Wer kann dazu beitragen, Antworten auf diese entscheidenden Fragen unserer Zeit zu finden und diesen historischen Moment mitzugestalten? Das sollte nicht in Hinterzimmern, sondern auf der Weltbühne geschehen. Die Enzyklika schließt mit einem Aufruf und einer Stellungnahme: «Jede technische oder wirtschaftliche Entscheidung wird zu einem Ort geistlicher Unterscheidung, zu einer Gelegenheit, um zu prüfen, ob die Fortschritte der KI Räume für Gerechtigkeit und Teilhabe eröffnen oder Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger konzentrieren. Ich lade dazu ein, einen klaren Blick auf die Lieferketten digitaler Produkte zu werfen, auf die Arbeitsbedingungen, die sich hinter unseren technischen Geräten verbergen, auf die Mechanismen, die von Manipulation und Krieg profitieren, und zugleich nach konkreten Wegen zu suchen, um Gerechtigkeit, Teilhabe und die Bewahrung der Schöpfung zu fördern. Die Hoffnung, die wir verkünden, kommt vom Himmel, ‹um hier auf Erden etwas Neues entstehen zu lassen›.»


Foto Papst Leo XIV., 2025, CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  1. Gen 11,1–9
  2. Neh 2–6

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