Die Jugend trägt das Vermächtnis der Zukunft

Wenn wir groß werden, erleben wir die Welt erhaben und doch wie eine Nussschale. Wir wollen echt sein und Brücken schlagen, wenn Maschinen die Führung übernehmen, wenn Nationalismus und Krieg ihr Fest feiern. Die Jugend hat einen besonderen Zugang zum Geist. Sie bringt in all ihrer Verletzlichkeit eine Ressource mit, die größer ist als Öl oder Hyperautomatisierung. Darauf sollten wir nicht verzichten.


Wenn meine Gliedmaßen aufhören zu wachsen, ist mir, als gäbe es innen neuen Platz. Ich kann ein Kind gebären und kann zur Waffe greifen. Ich kann wählen. Ich verstehe die Komplexität der Themen in Gesprächen mit Erwachsenen. Mein Herz wird zu einem Gewand aus Formen und Farben. Hier rau, dort sanft. Mich quält meine Schüchternheit, Freude erleuchtet mich. Ich bin von Schönheit verzaubert, vor Angst erstarrt. Ich bin wütend über Unrecht und verliebe mich. Meine Erinnerungen sind nicht mehr fotografisch, sondern dramatisch, persönlich. Ich habe Wachstumsschmerzen, wenn sich Gefühl und Gewissen bilden. Über meinem Herzen liegt eine Schranke, und jenseits von ihr bin ich. Ich trage mich selbst, aber ich bin lose. Ich lade Instagram herunter und verliere ein Wochenende mit Scrollen. Mein Herz führt zu meinem anderen Ich. Das quält mich. Ich lösche Instagram wieder. Ich höre tief und empathisch zu. Ich spreche aus dem Herzen und spüre meine Zehen. Ich bewahre den Glauben an andere und empfinde Weisheit. Im Tagebuch bezeuge ich es. Ich gebe mich meinem Selbst anheim, gelobe der Zukunft und den Idealen Treue. Die Ideale sagen mir nicht, wie die Welt ist, sondern was ich werden könnte. Über die Beständigkeit hinaus suche ich Authentizität. Wem kann ich vertrauen und wie kann ich vertrauenswürdig sein? Wie verkaufe ich mich nicht, wenn ich älter werde? 

Das Interesse füreinander

Die digitale Revolution hat die Erfahrung, erwachsen zu werden, drastisch verändert, genauso wie die ökologische Krise und der Klimawandel. Für die Spätmoderne rückt die Bedeutung von Jugendgesellschaften und Jugendbewegungen in den Fokus: ein wachsendes Bewusstsein für das Erbe der Zukunft. Innerhalb der Jugendbewegungen der Spätmoderne gibt es einen Bogen, der sich bis zur digitalen Revolution spannt. Die Unbekümmertheit dieses Alters mag Ältere überraschen. Sie lädt in ihrem erfrischenden Charakter dazu ein, selbst offener zu werden. Denn in der Jugend offenbaren wir den Genius der Wahrhaftigkeit, wenn nicht gar der Wahrheit selbst. Unsere Herzen bewegen sich entlang der Meridiane des Wesentlichen, selbst wenn unser Urteilsvermögen trügt. Das erzeugt bei aller Großzügigkeit bei vielen Älteren Unbehagen. Sie wehren uns ab mit ‹lähmenden› Ideen. Es gibt auch subtilere Mittel, um dem Ruf der Jugend auszuweichen, zum Beispiel mit den Urteilen von «physiologischen Verlangsamungen» oder «Mangel an Flexibilität, mit Widersprüchen und Kompromissen umzugehen», die das Alter mit sich bringt (Braungart, S. 430).

Kürzlich empfingen wir, die Jugendsektion in Dornach, 900 Schüler und Schülerinnen aus aller Welt zu einer einwöchigen Konferenz. Wir hatten uns mit ihnen auf das Thema ‹Disconnect to Connect› geeinigt, inspiriert von ihrem Wunsch, dem technologisch dominierten Lebensstil entgegenzuwirken, ohne dabei Technologie zu verteufeln. Es ging nicht um politische Agitation, sondern um ein aufrichtiges Interesse füreinander. Es herrschte ein unromantisches, unsentimentales Gefühl von Verständnis und Liebe. Ich konnte es spüren im kleinen Kreis von Schülern und Schülerinnen aus verschiedenen Ländern. Aktiv zu reden und zuzuhören verwandelte sie. Die Frage dieser Generation der Spätmoderne ist: Wie könnten Jugendverbände aussehen, die auf einer Erkenntnistheorie der Liebe und des Interesses gründen?

Die Tür hinter dir

Als Mitglied der Bewegung Wandervogel im Jahr 1910, die Tür hinter dir zugeschlagen, mit kleinem Rucksack, einfachem Proviant und Zelt, warst du nicht auf der Suche nach Sensationen und Unterhaltung: Arm in Arm mit Freund oder Freundin sangst und tanztest du. Aber du warst enttäuscht, wenn dies kein ‹Erlebnis› wurde, bei dem «Landschaftscharakter, Stimmung, Naturereignisse, Begegnungen und der Gedankenaustausch mit Einheimischen, die Klänge von Liedern und Saiten – alles zu großen Bildern [verschmolz], in denen [du] selbst als Figur [lebtest]» (Adriaansen, S. 60). Durch empathische Aneignung vermochte der Wandervogel Leben aufzunehmen, das in den Klassenzimmern und Hörsälen fehlte. Er war kein Verein für Freizeit, sondern «Verbundenheit mit dem innersten Dasein» (Adriaansen, S. 63). Du liegst auf einem Hügel, das Gras kratzt im Nacken, und du blickst in die Nacht, versunken in die Schönheit eines Tannenwaldes. Es wird wenig gesprochen, doch der ganze Moment beginnt zu sprechen durch die «raue Geschmeidigkeit, die wiegende Kraft des Holzes», das vom Abendwind gestreichelt wird. «Wir spürten mit unserem Gefühl den inneren Wert der Dinge um uns herum.» (Adriaansen, S. 62) Was hier entstand, war das intimste Gemeinschaftsgefühl, das Jugendliche als «die übersinnlichen, die spirituellen» Dimensionen der Welt spürten. Man braucht nicht viel, wenn man Aufrichtigkeit besitzt. Jeder sprach anders darüber, aber jeder sprach aus «den Tiefen der Seele». Nicht nur «Kirchen und Burgen sprechen so, auch Städte, Straßen und Wege; Landstriche, Siedlungen und Kulturflächen» haben diese «langsame Sprache, die im Kleinen und im Allerkleinsten beginnt – nicht mit tiefer Weisheit». So sieht man historisch, so erlebt man das Ewige, das die Vergangenheit im Werden des gegenwärtigen Augenblicks geprägt hat. Vielen dieser ‹Wanderer› zufolge bestand das Problem der älteren Generation und der nach außen gerichteten wissenschaftlichen Kultur darin, dass sie nicht authentisch waren, was einen Bruch mit tieferen spirituellen Quellen bedeutet. Indem die jungen Menschen «Erlebnisse historischer Elemente suchten, die sie als authentischen Ausdruck eines existenziell und nicht rational gelebten Lebens betrachteten, schöpften sie aus den Quellen des Lebens selbst und nicht aus denen einer bestimmten Vergangenheit» (Adriaansen, S. 83). Das Ewige ist das Jetzt, die Toten sind lebendig, längst ‹vergangene› Seelen und Geister werden durch diese Kultur des Erlebnisses zu Zeitgenossen. Sie ermöglicht es, «die Menschen, die vor uns kamen, so zu betrachten, dass wir sie im Sein unserer Seele als seelenbildende Kräfte wiedergewinnen» (Adriaansen, S. 109). Diese jungen Menschen suchten das ewig Menschliche in ihrer eigenen Seele, durch das Erlebnis als eine ‹immanente Mystik›, obwohl sie es nicht mit Begriffen der Geisteswissenschaften begründen konnten. Für die jungen heiligen Vagabunden ging es darum, eine innere Aufrichtigkeit und eine sich entfaltende Jugendweisheit zu bewahren. Glaubensbekenntnisse und Institutionen verfehlten den Kern des Lebens, die Gegenwart des Ewigen. Daher wurde «jede Angleichung an wirtschaftliche, religiöse oder politische Zugehörigkeiten […] abgelehnt» (Ebd.). Es gab jedoch eine wissenschaftliche Parallele zu dieser Kultur des Erlebnisses im Werk von Wilhelm Dilthey, der eine hermeneutische Methode für das historische Verständnis und die Geisteswissenschaften begründete.

Vom Traum eines erfüllten Lebens

1960 entstand zum ersten Mal in der Geschichte eine globale Jugendbewegung. Ihre Klage: die Leere des engstirnigen materialistischen Rationalismus, der in den letzten Jahrhunderten in Europa entstanden ist und heute Kultur und Gesellschaft beherrscht. Die Mitgliederzahl der verschiedenen Varianten von wandervogel-inspirierten Wandergruppen, des jüdischen Wandervereins Blau-Weiß und von Studentenvereinigungen erreichte in ihrer Blütezeit rund 50 000. Ein halbes Jahrhundert später beginnt das Monterey Folk Festival. Woodstock findet statt, zu dem 500 000 Menschen strömen. Im englischsprachigen Raum, kulturbestimmend nach dem Zweiten Weltkrieg, erlangte das Volkslied wieder einen Stellenwert. Wieder ging es um ein ‹Zurück zur Erde›. Die Studierenden, die 1966 das ‹Foxfire Magazine› gründeten, um die Stimmen des Lebens in den südlichen Appalachen einzufangen, standen auf ihre Weise in einer Linie mit den jungen Wanderern von 1910, die ländliche Gemeinden aufsuchten, mittelalterliche Theaterstücke aufführten, tanzten und Volkslieder sangen. Ihnen fehlte jedoch die Geschichte ihrer europäischen Pendants von 1910, und sie schrieben selbst ihre Lieder. Paul Simons ‹Sound of Silence› sprach für viele der heranwachsenden Generation und schilderte eine Gesellschaft, der es an Authentizität und Verbundenheit mangelt. Inmitten des Trubels herrschte ohrenbetäubende Stille. Es war eine Stille, die auch die Wandervögel im wilhelminischen Deutschland gehört hatten, als sie den Geist durch ‹immanente Mystik› suchten. Wir finden etwas davon in der Bezeichnung ‹spirituell, aber nicht religiös›, die langsam Gestalt annahm. Dieser rote Faden zog sich durch die Neue Linke, Marcuses Version der Politik im Frankreich von 1968, durch die gegenkulturellen Hippies von 1969 in den USA und die Studentenproteste von 1970 an der Lethbridge University in Kanada.

Expressiver Wandel

Charles Taylor hat dies als ‹expressiven Wandel› bezeichnet. Es geht um das Ideal der Individualisierung und Authentizität und meint nicht nur, dass jeder seine einzigartige Art des Seins hat, sondern auch, dass ich meinen Weg nur finden kann, indem ich meine Erfahrung des Augenblicks artikuliere. Dabei geht es darum, dass «Offenbarung durch Ausdruck entsteht» (Taylor, S. 61). Leben bedeutet, ein Künstler oder eine Künstlerin zu sein. Meine Verbindung zum Leben wird intim. Ich erschaffe mich selbst. «Das künstlerische Schaffen wird zum Paradigmenmodus, in dem Menschen zur Selbstdefinition gelangen können. Der Künstler, die Künstlerin wird zum Paradigmenfall des Menschen als Akteur der originären Selbstdefinition.» (Ebd. S. 62). Das Gewebe der Welt und der Geschichte kann nur durch meinen authentischen Ausdruck wiedergeboren werden. Die Engel sind uns verloren gegangen, doch sie tauchen kraftvoll durch Dichter wie Rilke wieder auf, was «nur dadurch real werden kann, dass es in der Sensibilität jedes neuen Lesers neu bestätigt wird». Natur und Geschichte wurden hypnotisiert, durch authentische Sprache in Beziehung gesetzt und schlagen mit neuem Leben Wurzeln im Individuum. «Heutige Engel müssen menschenbezogen sein» und sie sind in einer Art des Sprechens und in persönlicher Sensibilität, in Authentizität verwurzelt (ebd. S. 87). 

Die Schattenseite ist Individualisierung ohne Liebe, reine Entscheidungen und Kontrolle. Sie kann die Form von radikalem postmodernem Relativismus oder techno-utopischem Kapitalismus annehmen. Dann verblassen Natur, Geschichte, kulturelles Erbe und die Mitmenschen als Inspirationsquellen. Das Ideal wird zum Schlagen einer Bresche der Freiheit, wenn es keine Quellen gibt, mit denen man sich verbinden kann. «Selbstbestimmte Freiheit ist zum Teil die Standardlösung der Kultur der Authentizität, während sie auch deren Fluch ist, da sie den Anthropozentrismus verstärkt.» Auf die Spitze getrieben bedeutet dies, dass es keine Quellen gibt, sondern nur Werkzeuge und Mittel. (Ebd. S. 69)

Die Kultur humanisieren

2019 saß ich bei ‹Yasgur’s Farm› in New York in einem Kreis von Dozentinnen und Dozenten aus Colleges, Rechtsfakultäten und Universitäten aus aller Welt, um kontemplative Pädagogik zu erörtern. Eine der Dozentinnen war Mirabai Bush, die in der Gegenkulturbewegung der 1960er-Jahre aktiv war. 2014 hatten sie und Daniel Barbezat das Buch ‹Contemplative Practices in Higher Education: Powerful Methods to Transform Teaching and Learning› veröffentlicht. Das Buch stützt sich auf jahrzehntelange Zusammenarbeit, Praxis, Experimente und Forschung, die in den 1960er-Jahren begannen. Die Bedeutung hat Parker Palmer in der Einleitung mit einem Wort von Konnilyn G. Feig umrissen: «[…] nach Auschwitz müssen wir erkennen, dass es kein Widerspruch ist, ein Mörder, ein Familienvater und ein Verehrer Beethovens zu sein.» Arthur Zajonc, eine Persönlichkeit der kontemplativen Pädagogik und Erkenntnistheorie, schreibt: «Sicherlich hat die Wissenschaft enorme Fortschritte gebracht, aber wir können uns nicht von der Tatsache abwenden, dass die moderne Betonung der Objektivierung uns zu einer instrumentellen und manipulativen Art des Seins in der Welt programmiert.» Er geht davon aus, dass «eine Neuinterpretation des Wissens […] tiefgreifende Konsequenzen für die Bildung haben [wird] – Konsequenzen, die kontemplativen Pädagogiken einen herausragenden Platz einräumen. Tatsächlich hoffe ich, Sie davon überzeugen zu können, dass kontemplative Praxis zu kontemplativem Forschen werden kann, das die Praxis einer Erkenntnistheorie der Liebe darstellt. Ein solches kontemplatives Forschen führt nicht nur zu Erkenntnis (veritas), sondern verwandelt auch den Erkennenden durch seine innige (man könnte sagen: liebevolle) Teilhabe am Gegenstand seiner kontemplativen Aufmerksamkeit. Kontemplative Bildung ist transformative Bildung.» (Zajonc, 2006) Indem wir uns verlieren, werden wir verwandelt. Die Übungen des Betrachtens, des Tagebuchschreibens, des aktiven Zuhörens und Sprechens bildeten zentrale Facetten der Wandervogel-Kultur. So auch das Gefühl, sich mit dem lebendigen Geist zu vereinen, den ewigen Quellen des Lebens.

Jenseits von Lebenszyklus-Analysen, wirtschaftlichen und politischen Kämpfen können wir einen generationsübergreifenden Faden erkennen, der Jugendbewegungen in der Spätmoderne vereint. Mirabai Bush und Arthur Zajonc trugen die Ideale der Jugendbewegung ihr ganzes Leben lang in sich: die Erlösung der europäischen Aufklärung und des Rationalismus durch intimere Teilhabe am Leben und größere Verantwortung dafür. In den 1990er-Jahren begannen beide eine neue Arbeitsphase, die sich noch immer entfaltet. Der Bogen spannt sich von Gesprächen am Lagerfeuerlicht im Elsass vor einem Jahrhundert bis zu zeitgenössischen Gesprächen über kontemplative Pädagogik.

Zajonc hat sich mit immanenter Spiritualität befasst und suchte nach «geeigneten Wegen, das Kontemplative und Spirituelle in […] die Disziplinen selbst einzubeziehen. Während wir viel von unseren christlichen, buddhistischen und anderen religiösen Kollegen lernen können, können und sollten wir Wege finden, die Disziplinen selbst im Lichte einer breiteren, kontemplativen und spirituellen Perspektive zu transformieren.» (Zajonc, 2003, S. 52) Dies beinhaltet die Forschung, wie Meditation als Weg der Erkenntnis entwickelt werden kann. Adriaansen ebnet den Weg für spirituelle Präsenz durch interpretative Methoden von Texten, Artefakten und Praktiken, wobei er sich auf Dilthey und Gadamer stützt. Die kontemplative Erkenntnistheorie positioniert Meditation als einen Weg der Erkenntnis. Zajonc richtet seine Bemühungen unter anderem an Rudolf Steiners Geisteswissenschaft aus.

Meditation als Erkenntnisweg

Eine meditative Praxis könnte darin bestehen, meine Aufmerksamkeit und mein Empfinden in Konzentration auf einen Vers, einen Gegenstand, ein Gefühl oder ein Bild zu lenken. Die Qualität meines Bewusstseins verändert sich im Laufe der Zeit. In der Meditation erlebe ich, wie sich mein Bewusstsein mit innerem Licht füllt, das hinter und um mich entsteht. Dieses Licht ist von subtiler Lebendigkeit und von einem Gefühl durchdrungen. Ich fühle mich nicht von ihm getrennt. Es scheint, dass der Inhalt nicht so wichtig ist wie die Tätigkeit. Es spielt keine Rolle, worauf ich mich konzentriere. Ich spüre, dass dieses lebendige Licht durch unzählige goldene Fäden mit allen Punkten meines physischen Körpers verbunden ist, als ob es mich formt. In gewisser Weise nimmt es meine Gestalt an, aber ich spüre, dass ich ein Abbild davon bin. Ich beobachte Qualitäten in diesem Bewusstseinsfeld. Manche Gedanken sind zum Beispiel flach und still. Sie haben Kontur, aber kein Leben. Es ist, als würde ich in ein Beobachtungsinstrument schlüpfen, das die Welt vor mir scharfstellt und dabei die Kraft der Dualität ausübt. In der Meditation erlebe ich Gedanken, die eine Sache auf tausend Arten ausdrücken und dabei Vitalität und Bedeutung ausstrahlen. Dieser Gedanke stellt mir die Welt nicht als Objekt zur Schau, sondern vereint das Gesehene und das, was ich verstehe, zu geistig-seelischer Erfahrung. Ich empfinde ein Gefühl der Freiheit in dieser Art der Meditation. Die Zeit fühlt sich nicht wie eine Abfolge einzelner Punkte an. Samen, Stiel, Blüte und Frucht sind alles zugleich. Diese lebendigen Gedanken haben eine Kraft der Versöhnung. 

Steiner legte nahe, dass es durch Beobachtungen wie diese möglich sei, zwischen körpergebundenem Denken und körperfreiem Denken zu unterscheiden, wobei letzteres auch das Geistige im Kosmos erfassen könne. Da Zajonc diese Ideen und Praktiken lange erforscht hatte, konnte er als Vermittler bei den ‹Mind and Life Dialogues› am Massachusetts Institute of Technology 2003 buddhistische Mönche um den Dalai Lama und westliche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in einem interkulturellen Austausch zusammenbringen. Westliche Forschende trafen in den Mönchen Meister der introspektiven Beobachtung. Sie wurden jedoch auch durch Vorstellungen in deren Erzählungen herausgefordert, die nicht vom Körper bedingte Bewusstseinszustände in der Meditation suggerierten.

Die Momente, die ich in der Meditation erlebe, wenn ich spüre, dass jeder Augenblick Ausdruck einer größeren, einheitlichen schöpferischen Aktivität ist, führen zu einer wichtigen Erkenntnis. Der Gedanke, den ich beobachte, ist Ausdruck eines Lebens, an dem ich teilhabe, während ich gleichzeitig außerhalb davon stehe. Zeit fühlt sich an wie Raum. In meinem Herzen spüre ich, dass äußere Formen, Ereignisse und Prozesse einen verborgenen inneren Aspekt haben. Dies ist die Stimmung für eine kontemplative Morphologie. Zajoncs Arbeit weist auf einen Weg, auf dem die Kultur der Authentizität zu kontemplativer Forschung reift. Dann liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Künstler oder der Künstlerin als Lebensideal, sondern auf dem lebendigen Geist der Welt, wie er sich in der menschlichen Seele widerspiegelt. Dies ist die Richtung, in die sich wissenschaftliche Disziplinen bewegen könnten, um sich an der kontemplativen Pädagogik auszurichten.

Als Rudolf Steiner solche Methoden entwickelte, nannte er diese Aufgabe ‹Michaelische Spiritualität›. Sie will das Innerste des Menschen mit dem verbinden, was als von allem Menschlichen getrennte Außenwelt erscheint. Er ermutigte Mitglieder der deutschen Jugendbewegung mit dem Bild von Michael und dem Drachen. Die Moderne hat die Entwicklung von Freiheit und Individualität mit sich gebracht, läuft aber nun Gefahr, von tieferen Aspekten der Welt abgeschnitten zu werden. Kontemplatives Forschen und kontemplative Morphologie sind Schwester und Bruder des von Charles Taylor benannten «expressivistischen Wandels» und der Authentizität. Sie gehören zum Ideal der Spätmoderne einer «volleren und differenzierteren Lebensform, denn sie ist passender als unsere eigene» (Taylor, S. 74).

Jugendweisheit und das Erbe der Zukunft

Jugendgruppen haben den Geist ohne Dilthey oder Steiner gefunden, und wir sollten sie davor bewahren, zu schnell alt zu werden! Jugendweisheit und Spiritualität machen nur Sinn, wenn sie mit der Realität des Jungseins im Einklang stehen, und dazu gehört das Erleben von Wissen. Als Rudolf Steiner und Maria Röschl im Rahmen des Goetheanum in der Schweiz eine Jugendabteilung mit weltweiten Verbindungen gründeten, schlug Steiner vor, dass dies die Suche nach Erfahrungen beinhalten sollte, die den Jugendlichen helfen, eine Liebe zur Wissenschaft zu entwickeln. Steiner und Röschl, beide Gelehrte, hatten nichts gegen das Studium von Büchern oder Meditation, aber sie interessierten sich mehr für die besondere Form, die Spiritualität annehmen kann, bevor man das Erwachsenenalter erreicht.

Kürzlich, im Januar 2026, kamen Mitglieder von Jugendgruppen und Jugendarbeiterinnen und -arbeiter, die mit der Jugendsektion verbunden sind, am Goetheanum zusammen. An einem der Abende konzentrierten wir uns auf die Jugendspiritualität (14- bis 20-Jährige). Die obige Darstellung grundlegender spiritueller Erfahrungen, die durch Meditation zugänglich werden, beschreibt das Erlernen der Teilnahme an einem Horizont lebendigen Denkens. Dies führt zu neuen Einsichten und Wahrnehmungen. Wir können mehr sehen als zuvor. Wir können leicht den letzten Wachstumsschub des physischen Körpers erkennen, begleitet von einem starken Gefühl innerer Erfahrung, wie sich Gefühle, die mit körperlichen Prozessen, Begierde und Abneigung, Freude und Begeisterung verbunden sind, intensivieren. Wir können lernen, mehr zu sehen, eine leuchtende Wolke um einen jungen Menschen herum zu spüren, eine dynamische Form, und während sie an manchen Stellen chaotisch und grob erscheinen mag, tauchen an anderen makellose und differenzierte Muster aus lebendigem Licht und Farbe auf, oft in Blitzen. Dies lässt sich auch bei Erwachsenen beobachten, doch bei Erwachsenen herrscht mehr Stabilität und weniger Dynamik. Das sich verwebende Licht ist kraftvoll mit dem verbunden, was man als Weisheit und Tiefe bezeichnen kann, mit starken ethischen Energien. Was für ein Geheimnis! Diese Jugendlichen haben noch nicht lange genug gelebt, um weise zu sein. Sie erarbeiten keine ethischen Theoreme und existenziellen Rätsel; sie sind bereits von ihnen durchdrungen. Tatsächlich bildet diese latente Jugendweisheit einen seltsamen Kontrast zu den unbeholfenen und unsicheren Eindrücken, die gleichzeitig auftreten mögen. Es gibt zwei Selbst, und das Herz hält sie gewissermaßen zusammen. Dort treffen das Ewige und das Zeitliche am Anfang eines Lebens aufeinander. Wenn Jugendliche aktiv sprechen, im Tanz, im Theater, im Gesang, blitzt dieses ‹zweite Selbst› durch Herz und Seele. Diese Blitze hinterlassen Spuren, tiefe und fruchtbare Furchen voller Samen. Sie werden in Sprechenden und Zeugen gesät. Was ist der Inhalt? Wie das Licht, das in der Meditation strahlt und auf unzählige Weisen mit unserem Körper verbunden ist, strahlt dieses Licht durch das junge Herz, verbunden mit der Zukunft. Jeder Mensch erscheint als Schatten seines wahren Selbst. Halte dein Urteil zurück. Sei geduldig und übe Toleranz. Das Fördern der Weisheit der Jugend bedeutet nicht, Menschen körperlich jung zu halten, sondern die Weisheit der Jugend zu erfahren, damit sie im Leben und in der Welt wirken kann. Die Jugend trägt das Erbe der Zukunft. Was exotisch erscheint, ist oft alltäglich. Im Grunde geschieht dies immer dann, wenn wir aus aufrichtigem Interesse zuhören. Der Mensch, der mich aufrichtig anspricht, weckt in mir aktives Zuhören, und wer tief zuhört, inspiriert mich, authentisch zu sprechen. Die Begegnung wird zu einem Ereignis mit derselben Textur und Farbe wie das Feld lebendigen Denkens, in das wir durch Meditation einzutreten lernen.

Beim Treffen der Mitarbeitenden im Januar haben wir so über die Weisheit der Jugend gesprochen. Ausdruck und Empfänglichkeit sind die Schlüssel zu den Toren der Weisheit der Jugend. Aufrichtige und authentische Sprache, die aus dem Herzen kommt, in halb artikulierter Klarheit, wird von Weisheit erleuchtet. Wenn das Herz beim Zuhören zur Ruhe kommt, fließen Ströme des Segens und der Einsicht durch es hindurch! Dann sehe ich, dass es in anderen ein höheres Selbst gibt, und ich spüre, dass mich dies verändert. Zum einen weckt es Ehrfurcht in meinem Herzen. Ich verspüre den Wunsch, geduldig und tolerant zu sein. An einem inneren Horizont erlebe ich, wie diese Person Ausdruck eines höheren Lebens ist. Das wachsende Interesse an Reinkarnationsvorstellungen im letzten Jahrhundert sowie ein Gespür für immanente Spiritualität im Gegensatz zu religiösem Glaubensbekenntnis stehen im Zusammenhang mit kraftvollen Erfahrungen aus der Jugend vieler Menschen. Sie spüren, wie dieses höhere Leben ein Schlüssel zum Verständnis des gesamten Universums ist. Sie mögen sagen: Ich spüre, dass alle Dinge ihren Ursprung im lebendigen Geist haben. 

Transformative Pädagogik und Jugendarbeit gewinnen immer mehr Bedeutung. So wichtig es ist, wirtschaftliche, ökologische und politische Themen im Auge zu behalten, können sie von der Spannung zwischen Jugendweisheit und Spätmoderne ablenken. Die Jugend kommt in eine Welt, die unter zunehmendem Druck der Natur steht. Jugendweisheit beinhaltet die Schaffung von Räumen, in denen das humanisierende Erbe zum Guten Wurzeln schlagen kann. Heute, wo Jugendliche in der Aufmerksamkeitsökonomie manchmal als ‹Marktanteile› betrachtet werden, die zur Gewinnerzielung ausgebeutet werden können, müssen wir auf Einsichten bestehen, die eine tiefere Menschenwürde schützen und fördern können. Der Bedarf an Wellen der Weisheit der Jugend bleibt bestehen, um den Rationalismus der europäischen Aufklärung zu öffnen und die Gesellschaft zu transformieren. Denn Nationalismus hat im letzten Jahrhundert Nationen wie Japan und Deutschland heimgesucht und ist mit seinen zynischen Ansichten über das individuelle Leben wieder aktiv. Jugendweisheit ist auf das Vermächtnis des Einzelnen für die Zukunft ausgerichtet, nicht auf das einer Nation. Sie beinhaltet eine Verbindung zu einer vorgeburtlichen Spiritualität. Die Jugend bringt in all ihrer Verletzlichkeit eine Ressource mit, die größer ist als Öl oder Hyperautomatisierung – etwas, das viele Jugendgemeinschaften vereint und auch zukünftig vereinen wird. 

Mit folgendem Vers verabschiedeten wir uns am Treffen der Mitarbeitenden:

Weisheit der Jugend

Wenn ich erwachsen werde, erhebt sich mein Herz in warmer Erkenntnis
Von Starrheit bedroht, erweckt mich mein Herz im Hören zu lebendigem Denken
Der Kälte der Konventionen ausgesetzt, inspiriert mich mein Herz zu wahrhaftigem Sprechen
Vom Zerfall der Welt gefährdet, ermutigt mich mein Herz zu Treue
Im Erwachsenwerden offenbart mir mein Herz den Ursprung von allem
und sucht den Geist der Liebe


Literatur

  • Robbert-Jan Adriaansen, The Rhythm of Eternity. Berghahn Books, 2015.
  • Daniel Barbezat u. Mirabai Bush, Contemplative Practices in Higher Education. John Wiley & Sons, 2013.
  • Richard Braungart u. Margaret Braungart, Youth Movements and Generational Politics, 19th–21st Centuries. Anthem Press, 2023.
  • Maria Röschl-Lehrs, Vom zweiten Menschen in uns. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, 1972.
  • Maria Röschl-Lehrs, Es erklingt ein Ton … Verlag am Goetheanum, Dornach 2005.
  • Theodore Roszak, Die Entstehung einer Gegenkultur: Reflexionen über die technokratische Gesellschaft und ihren jugendlichen Widerstand. University of California Press, 1995.
  • Rudolf Steiner, Gefährten des Erzengels Michael werden: Rudolf Steiners Herausforderung an die jüngere Generation. CW 217, Steiner Books, 2006.
  • Charles Taylor, The Malaise of Modernity. Anansi, 1991.
  • Arthur Zajonc, Spiritualität in der Hochschulbildung. In: Liberal Education, 2003.
  • Arthur Zajonc, Liebe und Wissen. In: Teachers College Record, Band 108, Nr. 9., 2006.
  • Arthur Zajonc, Meditation als kontemplative Erforschung. Steiner Books, 2008.

Bilder Eindrücke von der Internationalen Studierendenkonferenz (isc) 2026, Foto: Sabrina Xuan

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