Lichtyoga

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Anthroposophie ist keine Ideologie. Sie beschränkt sich nicht auf bestimmte Ideen. Sie erweitert den Bereich des Denkbaren und regt dazu an, alle Ideen zu denken – auch solche, die ungewöhnlich oder neu sind. Sie schränkt nicht ein; sie erweitert stets. Sie zwingt nichts; sie lässt die Ideenwelt erscheinen.

Der Mensch entfaltet so sein ganzes Potenzial als Denker. Wenn das Denken aktiv wird, verharrt es nicht in starren Theorien, im Gegenteil: Es befreit sich von festgefahrenen Vorstellungen. Dabei entwickelt sich ein reines, von den Sinnen befreites Denken. Durch diese Kultur, die man sich im Studium spiritueller Fragen und Ideen aneignet, erlangt das befreite Denken eine neue Autonomie. Eine Beweglichkeit in der Ruhe – ein neuer innerer Schwerpunkt, um die Ideenwelt zu betrachten.

Und Überraschung! Auf der anderen Seite des Bewusstseins, auf der Seite der äußeren Wahrnehmungen, geschieht auch etwas Neues. Die Wahrnehmung der Welt, die bisher fest in den Vorstellungen verhaftet war, wird von diesem Zwang befreit. Reine Wahrnehmung tritt ein. Sie löst sich von Formen und wird zum Fluss, zum Strom. Das Rot der Mohnblume ist nicht mehr nur eine Farbe außerhalb von mir, sondern dringt wie ein Geheimnis in mich ein. Der Flügelschlag des Vogels ist nicht mehr eine Bewegung außerhalb von mir, sondern schlägt in mir. Die ganze Welt schlägt in mir. Die Welt, die außerhalb von mir war, wird innerlich. Ich kann sie ‹schmecken›. Jede Wahrnehmung – eine Eidechse, ein Baum, eine Stimme, eine Geste – wird so zu Nahrung.

Während die Gedanken, die ich im Inneren glaubte, zu einer äußeren Ideenwelt werden, wird die sinnliche Welt, die ich außerhalb von mir glaubte, zu einer inneren Wahrnehmungswelt. Anthroposophie ist keine Ideologie, sondern ein neues Lichtyoga, das die Welten sich durchdringen lässt – ein neuer Atem zwischen innerem und äußerem Licht.


Über das Lichtyoga siehe: Rudolf Steiner, Die Sendung Michaels, GA 194. Vortrag vom 30. November 1919. Vgl. auch: Grenzen der Naturerkenntnis, GA 322. Achter Vortrag, 3. Oktober 1920.

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