Lied vom Wasser

Musik, Bewegung und die Vorstellungskraft des Wassers versetzten tausend junge Menschen aus aller Welt während der diesjährigen Internationalen Studentenkonferenz (ISC) am Goetheanum in eine gemeinsame Resonanz. Ashton Arnoldy interviewte Gareth Dicker, den Organisator des Projekts ‹Song of Water›.


Wie bist du zur Jugendarbeit bei der ISC gekommen?

Gareth Dicker Ich bin Waldorflehrer für Physik und Mathematik in Chapel Hill, North Carolina. Außerdem beschäftige ich mich viel mit Musik, musikalischer Improvisation und Songwriting. Zur Covid-Zeit kam ich zur Jugendsektion in Nordamerika. Für die Konferenz ‹Light Between› 2025 in New York war ich eingeladen, die Konferenz durch Musik und Interaktion verbindend zwischen den Referierenden zu gestalten. Für die ISC-Konferenz 2026 wünschte man sich ein großes partizipatives Projekt mit Schwerpunkt auf Musik. Das Thema Wasser wurde zur zentralen Inspiration für die Planungsgruppe. Wasser hat die Fähigkeit, zusammenzufließen und zu verdunsten – eine Art Spiritualisierung und Individualisierung in Form von Tröpfchen. Wasser ist die Substanz, in der wir Gemeinsamkeiten finden können. Unsere Körper bestehen aus Wasser. Es fließt durch uns und bewegt uns auch. Im Februar habe ich also die künstlerische Leitung für die Veranstaltung ‹Song of Water› übernommen. Ursprünglich am Ufer eines Flusses geplant, fand sie schließlich auf dem Goetheanum-Gelände statt. Daraus entstand eine Idee für eine soziale Skulptur: Wie können wir Elemente der Harmonisierung einbringen, indem wir die Art und Weise nutzen, wie Wasser sich trennen und wieder vereinen kann, und sich im Tropfen Licht in Farben bricht, wie beim Regenbogen? Im Flugzeug auf dem Weg in die Schweiz las ich einige Vorträge über die christlichen Mysterien, die Steiner mit einem Zitat aus Goethes ‹Faust› schließt. Er bezieht sich darauf, ein Tropfen im Ozean zu sein. Es fühlte sich wie eine Bestätigung an, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich beschloss, die Passage am Eröffnungsabend vorzulesen, direkt vor unserer Einführungsaufführung ‹Song of Water›. Damit würdigten wir Goethe und das Goetheanum, Steiners Liebe zu Goethe und die Art und Weise, wie die beiden die Verbindung zwischen Menschen, Wasser und dem Geist schätzten.

Jede und jeder der rund tausend Jugendlichen erhielt ein dreieckiges Stück farbigen Stoffes. Dann teilten sie sich in sechs lange, farbige Reihen auf, die wie ein Regenbogen über das Gelände zogen, tauschten die Farben, bis alles durcheinander war, und webten ein zusammenhängendes Netz aus Dreiecken. Wir drapierten dieses Netz über den Westeingang des Goetheanum, sangen und tanzten darunter und feierten unsere gemeinsame Menschlichkeit. Wir hatten es trotz politischer Differenzen über den ganzen Planeten hinweg geschafft, zusammenzukommen. Und wir feierten, was wir als gemeinsame Zukunft schaffen könnten.

Die jungen Menschen standen vor dem Gebäude zusammen und hatten Spaß. Wie war das für dich und für die Studierenden?

Einige Studierende waren sich unsicher, ob es nicht an einem öffentlichen Ort wie Basel stattfinden sollte. Andere wiederum freuten sich besonders, dies nur mit den Konferenzteilnehmenden zu erleben, und wurden sich voll und ganz bewusst, wie wunderbar es war, dass wir alle hier zusammen waren. Alle haben es wirklich genossen. Es war erstaunlich, wie bereit und begeistert die jungen Menschen waren, ihre individuellen Lebenswege für einen Moment zugunsten eines harmonischen Gemeinschaftsgeschehens aufzugeben. Gemeinsam etwas Gutes zu tun und dafür nicht in einen Klub zu gehen und auch nüchtern zu bleiben. Einige sagten mir, die spontane Tanzparty am Ende sei die beste gewesen, auf der sie je waren. Sie wollten gar nicht mehr aufhören zu tanzen. Wir beendeten die Veranstaltung mit einem Lied und einer Minute der Stille, einer Art Segen. Die Fähigkeit, erst ganz groß zu werden und dann still zu werden – gemeinsam still sein zu können –, war für mich und andere eine beeindruckende Erfahrung. Zu einem Zeitpunkt saßen 500 Menschen um mich herum vor dem Goetheanum und sangen dreistimmige Harmonien. Ich änderte den Vokal, und dann änderten sie den Vokal, ich änderte die Tonhöhe und sie änderten die Tonhöhe. Es war so schön.

Ich empfinde tiefe Dankbarkeit gegenüber allen, die die Veranstaltung organisiert haben, insbesondere meinem Team – Julia und Anders –, die mir bei den Stoffen und der Inszenierung halfen, während ich mich auf die Musik konzentrierte. Junge Menschen haben so viel kreative Lebensenergie und möchten diese mit anderen jungen Menschen in einer sicheren und angenehmen Umgebung teilen. Wir brauchen wirklich mehr Rahmenbedingungen, in denen das möglich ist – mit jener geistigen Besonnenheit, die sich darin zeigte, wie wir alle sofort wieder in absolute Stille versanken, als es an der Zeit war. Es war keine chaotische Ekstase – es war eine freudvolle Ekstase.


Bild Eindrücke von der Internationalen Studentenkonferenz (isc) 2026, Foto: Sabrina Xuan

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