Überlegungen zu den Klonbabys

Überlegungen zu den Klonbabys

Am 26. November verkündete der Wissenschaftler Jiankui He (Foto) an der Universität Schenzhen in China die Geburt von Zwillingen, bei denen erfolgreich Gensequenzen verändert wurden, um sie vor einer HIV-Infektion zu schützen. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Kinder tatsächlich existieren. Der Aufschrei in der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft und von Ethikern ist gleichwohl gewaltig.


Am 25. Juli 2018 wurde Louise Brown 40 Jahre alt – eine normale Frau und Mutter. Doch ihre Konzeption war ein Dammbruch. Als erstes Retortenbaby ging sie in die Geschichte ein. Angesichts von 6,5 Millionen Menschen, die ihre Existenz der In-vitro-Fertilisation verdanken, gibt es kaum noch kritische Stimmen. 1996 ein weiterer Paukenschlag in der Reproduktionsforschung: Das Schaf Dolly, das erste klonierte Säugetier, wird in Edinburgh geboren. Es muss bereits nach sechs Jahren eingeschläfert werden. Ob die Folge seines schnellen Alterns mit dem Klonexperiment in Zusammenhang steht, ist bis heute nicht geklärt. Zwei Mütter, ein Vater: 2001 feiert die englische Presse die Geburt des ersten von heute ca. 30 Babys, die mit Mitochondrien von zwei verschiedenen Frauen leben. In die künstlich gewonnenen Eier einer Frau mit einem Gendefekt in den Energieorganellen, die in jeder Zelle gebraucht werden, wurden Mitochondrien einer gesunden Frau injiziert. Zu allen diesen drei Beispielen gab es kritische Stimmen von Wissenschaftlern, doch sind Realitäten einmal geschaffen, hat Ethik einen schweren Stand.

Am 26. November verkündete der Wissenschaftler Jiankui He an der Universität Schenzhen in China die Geburt von Zwillingen, bei denen mit der Methode CRISPR erfolgreich Gensequenzen verändert wurden, um sie vor einer HIV-Infektion zu schützen. Ihr Vater leidet an Aids, und die Eltern wünschten sich gesunde Kinder. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Kinder tatsächlich existieren oder ob He eine Falschnachricht verbreitet hat. Der Aufschrei in der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft und von Ethikern ist gewaltig.

Es ist nicht abzustreiten, dass viele der Kritiker sich aus Sorge über eine mögliche Aufweichung des Verbots gentechnischer Eingriffe in menschliche Keimzellen geäußert haben. Aber es gibt andere, die fürchten, dass eine Technologie, die in kurzer Zeit die gentechnischen Eingriffe in Pflanzen, Tiere und Körperzellen des Menschen revolutioniert hat und von welcher man sich Wunder und wirtschaftliche Erfolge verspricht, in Verruf geraten könnte.

Wir sind zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass die prometheischen Wissenschaftler den epimetheischen Denkern zuvorkommen.

Über Retortenkinder, die Klonierung und gentechnische Eingriffe in die Keimbahn des Menschen wurde in der Vergangenheit aus geisteswissenschaftlicher Perspektive wohlüberlegt geschrieben. Die Reflexionen und die Kritik über Menschwerdung und Reproduktionstechnologie bleiben bis heute gültig und treffen auch auf die noch nicht bestätigten Manipulationen von He zu. Das Neue an der Sache ist die Leichtigkeit, mit der dank der CRISPR-Technologie Eingriffe in die menschliche Keimbahn möglich geworden sind. Diese Technologie erlaubt nicht nur, genetische Fehler zu korrigieren, sondern auch, Veränderungen über das Natürliche hinaus ins Visier zu nehmen. Eine Absicht, die als genetisches Enhancement schon lange diskutiert wird. Erstens sind wir zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass die prometheischen Wissenschaftler den epimetheischen Denkern zuvorkommen. Werden Fakten geschaffen, müssen Stimmen, die Aufschub oder Korrektur verlangen, verstummen. Das zeigt die Akzeptanz der Retortentechnologie, die heute in jedem größeren Spital kinderlosen Eltern angeboten wird. Das zeigt aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der heute pränatale Gentests durchgeführt werden, nicht um werdendem Leben zu helfen, sondern um es zu vernichten!

Mit der Tat verbunden bleiben

Nicht um abzulenken, sondern um einen zweiten Punkt aufzuzeigen, wage ich zu behaupten, dass sich dieselbe Problematik auch in Medizin und Landwirtschaft zeigt. In den Medien wurde kürzlich eine Debatte geführt, wie teuer eine Therapie eines Patienten sein dürfe. Es geht um eine Gentherapie, die bei nicht therapierbaren Fällen von Muskelschwund bei Kindern und Erwachsenen durchgeführt wird. Darf sie 4 Millionen Franken kosten, um ein Leben um ein Dutzend Jahre zu verlängern? Wäre die Diskussion losgetreten worden, wenn sie lediglich 400 000 Franken gekostet hätte?

Wir merken, dass die Frage so nicht gestellt werden kann. Aber ich bin der Meinung, dass sie im Kontext gesehen werden muss, dass heute in vielen Ländern der Welt Kleinkinder an banalen Infektionskrankheiten sterben, weil es kein reines Trinkwasser gibt und eine medizinische Grundversorgung fehlt. Es geht hier nicht um eine Abschätzung des Werts eines Lebens bei uns oder in Afrika, sondern um den Aufruf, zum Beispiel die unter den Industrienationen vereinbarten Entwicklungsgelder für die armen Länder endlich zur Verfügung zu stellen und damit minimale Standards der Grundversorgung sicherzustellen.

Ein vergleichbarer Skandal wurde eben in der Tierfuttermittelindustrie aufgedeckt. Die unsinnigen Futtermittel in der industriellen Tierhaltung werden alle mit Vitamin B12 ergänzt, das aus gentechnisch veränderten Bakterien gewonnen wird. Entgegen den Behauptungen der Herstellerfirma, dass dieser Zusatz völlig unbedenklich sei, stellt sich heraus, dass er lebende Bakterien enthält, die als Folge der gentechnischen Veränderung Antibiotika-Gene enthalten, welche von den Nutztieren – Rinder, Hühner und Schweine – aufgenommen und ausgeschieden werden. Experten sind sich einig, dass diese Bakterien für die Tiere genauso wie für die Verbraucher eine gesundheitliche Gefährdung darstellen. Der Skandal ist, dass Behörden längst von dem Problem wussten, aber nicht handelten. Und dass jetzt zwar gehandelt werden soll, jedoch ohne die 1,6 Millionen Tonnen dieser Futtermittel, die in Silos in Europa lagern, aus dem Verkehr zu ziehen!

Bei einer Ifgene-Konferenz zu Beginn des neuen Jahrhunderts hat der Philosoph Christoph Rehmann-Sutter die Problematik, um die es geht, mit der Geschichte des Frankenstein-Monsters von Mary Shelley umschrieben. Das Monster weiß nichts von seiner Monstrosität und versteht auch die Furcht von Doktor Frankenstein nicht. Als es bemerkt, dass der Doktor seine Abschiebung nach Grönland plant, gibt das Monster zu bedenken: «Sie haben mich geschaffen, deshalb müssen Sie mit mir verbunden bleiben.»

Verbunden bleiben bedeutet, die Beziehung und den ganzen Zusammenhang anzuerkennen. Die Entwicklungen bei Technologien, Therapien und Nahrungsmittelproduktion können nicht aufgehalten werden. Aber sie würden sich anders entwickeln, wenn die Erfinder, Wissenschaftler und Hersteller und alle, die von diesen Entwicklungen profitieren, also auch Sie und ich, dem Credo des Im-Zusammenhang-Bleibens folgen würden. Entwicklungen mit weltweiten Auswirkungen müssten von einem entsprechenden Bewusstsein und einer ebensolchen Verantwortung begleitet werden. Erst so könnten sie zum Wohl aller Menschen eingesetzt werden, oder man würde gegebenenfalls eben auf sie verzichten. Das ist im Kern die Maxime des freien handelnden Menschen: die Liebe zur Tat und die Bereitschaft, mit ihr verbunden zu bleiben. Angesichts des ungeheuren technologischen Fortschritts ist das die einzige Lösung für die Zukunft.

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