Über Brücken und Quellen

Beiträge von der Weltkonferenz ‹Crossing Bridges – Being Human!› zum 100-jährigen Jubiläum der Anthroposophischen Medizin am Goetheanum vom 12. bis 20. September 2020.


Bild: Merkurstab, Barbara Schnetzler, 2019

«Was groß aber ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke […] ist.» Diesen Ausspruch von Friedrich Nietzsche in ‹Also sprach Zarathustra› ist Grundzug der Anthroposophie und bestimmt in ihren Einrichtungen und Initiativen, von der Schule über die Klinik bis zur Bank, was menschliche Tätigkeit, menschliche Ethik und Passion ausmacht. Es ist die Brücke zwischen Geist und Materie, zwischen Idee und Wirklichkeit, Liebe und Freiheit. In der Medizin ist es die Brücke zum Patienten, die Brücke zur Patientin, wie auch die Brücke zwischen Ärztin, Therapeut und Pharmazeut. Die junge Vorbereitungsgruppe der Tagung zum hundertjährigen Jubiläum der Anthroposophischen Medizin hat deshalb Rudolf Steiners ‹Brückevorträge›, die er 1920 über die innere Entwicklung der von ihm impulsierten Medizin gehalten hatte, als Ausgangspunkt ihrer Weltkonferenz gewählt. Im Mittelpunkt steht in den Vorträgen die Wärme als Brückenschlag zwischen den physischen Elementen und den Kräften des Lebendigen, den Ätherarten. Wärme ist in der Begeisterung für die Idee, daraus wachsen Licht, um sich zu orientieren, und Kraft, um sie zu verwirklichen. Freiheit, Liebe und Weisheit, die großen Ideale, stehen als Resultat und Ziel dieses Brückenschlags. Zugleich sind sie im medizinischen Alltag gefährdet: Die liebevolle Berührung, die zwischenmenschliche Begegnung sind nicht nur coronabedingt eingeschränkt, sondern auch durch die Ökonomisierung, Digitalisierung und Technisierung der Medizin. Wo aber kann ich hinspüren, um die Quellen meiner inneren Freiheit und Liebesfähigkeit zu entdecken und zu entwickeln? Und wie kann ich mich innerlich wie im praktischen Alltag heute dem Ideal der Weisheit nähern? ‹Crossing Bridges – Being Human!› ist der Titel der Weltkonferenz zum 100-jährigen Jubiläum der Anthroposophischen Medizin, denn die Ärzte und Therapeutinnen schlagen Brücken von einer naturwissenschaftlichen Weltsicht zu einer geistgemäßen Heilkunst mit dem Menschen im Mittelpunkt. Dem Brückenschlag von der Wärme über das Licht zum Bewusstsein und dann von der Freiheit zur Liebe zur Auferstehung folgt die Architektur dieser einzigartigen medizinischen Festwoche am Goetheanum. Einen besonderen Höhepunkt bildete der Vortrag von Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker, Leiter des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Albert Ludwigs Universität Freiburg. Seine Ausführungen berührten die Medizin als praktische Wissenschaft, ihre Begegnung mit der Einmaligkeit des anderen Menschen und als gelebte Sorge um den Patienten. Es ist die Publikation seines gesamten Festvortrags vorgesehen, weshalb wir hier auf eine Zusammenfassung verzichten. In dieser Ausgabe des ‹Goetheanum› zeichnen wir in acht Beiträgen dieses geistige Feuerwerk der Jahreskonferenz nach.

Wolfgang Held


Eine Brücke ist der Mensch
Zwischen dem Vergangnen
Und dem Sein der Zukunft;
Gegenwart ist Augenblick;
Augenblick als Brücke.
Seele gewordner Geist
In der Stoffeshülle
Das ist aus der Vergangenheit;
Geist werdende Seele
In Keimesschalen
Das ist auf dem Zukunftwege.
Fasse Künftiges
Durch Vergangnes
Hoff auf Werdendes
Durch Gewordenes.
So ergreif das Sein
Im Werden;
So ergreif, was wird
Im Seienden.

Rudolf Steiner, Weihnacht, 24. Dezember 1920


Beiträge

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  • Wirklich sehr zu schaetzendes Artikel! So vielschichtig, so bezogen, so...
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  • Ich finde ihre Artikel immer sehr anregend. Und würde sie...
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  • Ich denke,dass anthroposofische info den menslichen Geist kann bereichern um...
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