Ich bin noch kein Bruder

Mit diesen Worten eröffnet Rolf Heine seinen Beitrag über Liebe und macht damit bereits eine große Perspektive auf, die sagt: Wir sind auf dem Weg; wir sind noch nicht da.


Foto: Ariane Totzke

Beginnen wir mit der Liebe des Neugeborenen – sie kommt aus Abhängigkeit. Es saugt an der Erde und saugt die Mutter aus. Wäre es nicht egoistisch, wir müssten ihm die Lust auf das Leben, die Lust zu schreien und an dieser Erde festzuhalten, beibringen. Der Säugling ist ein Urbild der Liebe des sich inkarnierenden Wesens. In Sokrates’ Worten ist Eros die Liebe der unschuldigen Bedürftigkeit, die Liebe, die darauf vertrauen kann, dass ein Bedürfnis gestillt werden darf, die Liebe, die uns zueinander hinzieht und die ist, weil wir einander brauchen. Die zweite Art der Liebe, die aus dem Eros herausführt, ist die Liebe der Hingabe. Auch sie finden wir beim Säugling, wenn er sich nach dem Stillen von der Brust der Mutter löst, die Augen öffnet und das Wesen der Mutter jenseits ihrer Augen sucht. Diese Liebe – Agape – ist die schenkende, sich hingebende und opfernde Liebe. Eros und Agape sind einseitig. Letztere, die vielleicht ‹Engelsliebe› sein möchte, macht uns leer, weil wir irgendwann nichts mehr zu verschenken haben. Das weiß man in den helfenden Berufen. Denn vermutlich ist es nur in der geistigen Welt möglich, sich vollständig hinzugeben und ganz in einem anderen Wesen aufzugehen. Rudolf Steiner weist darauf hin, dass Erkennen nur möglich ist, indem ich in dem anderen bin. Ich begegne mir selbst im anderen. Der andere spricht aus, wer ich bin. Wenn wir jedoch zu heilig werden wollen, macht dies uns krank oder verrückt. Es braucht etwas dazwischen, wenn wir von menschlicher Liebe sprechen. Aristoteles fasst dies zusammen: Wir lieben nicht nur, was wir brauchen oder wessen wir bedürfen. Diese Liebe kommt zu einem Ende, wenn das Bedürfnis befriedigt ist. Wir können nur das lieben, dem wir uns verwandt fühlen, das uns wesensverwandt ist. Philia nennt Aristoteles diese Liebe. Eros, Agape, Philia: Dies sind die alten Formen der Liebe, die noch wirken und die die Freiheit noch nicht brauchen. Liebe aus Freiheit ist also etwas, das erst in der Zukunft sein wird. Sie wird erst sein, wenn unsere gesamte Organisation – im Haupt, im mittleren Menschen und in den Gliedern – verwandelt ist. Das wird laut Rudolf Steiner erst am Ende der Zeiten sein, wenn die Erde zum Venus- oder Liebeszustand gekommen sein wird. Was können wir jetzt auf den Werdestufen der Liebe tun, damit der Liebeszustand der Erde erreicht werden könnte? Ich betone ‹könnte›! Freiheit muss der Ausbildung dieser neuen Liebe vorangehen. Es ist die Freiheit, die das Scheitern kennt, sogar die Freiheit, dass die Menschheit es verfehlt, zu einem Stern der Liebe zu werden. Der Ätherleib ist nicht nur unser Zeit-, Gedächtnis-, Denk- oder Bewusstseinsleib. Er ist auch unser Liebesleib. In ihm finden wir die Werdestufen des Lebens. Eine Stufe unserer Ätherorganisation ist die Wärme. Wo immer wir unser Bewusstsein hinlenken, ist Wärme. Es gibt im Universum keinen Ort, der sich nicht durch unsere Anwesenheit und unser An-Denken erwärmen würde. Also Anwesenheit zu üben, ist schöpferisches Entstehenlassen der Wärme. Zweitens: Licht ist schaffende Erkenntnis, oder wie Rudolf Steiner sagt: «Nicht darum lernen wir Geisteswissenschaft, um für uns selbst Befriedigung zu haben, sondern darum, dass wir milde segnende Hände bekommen, den milden Blick, der schon dadurch wirkt, dass er aus den Augen strahlt, dass wir verbreiten dasjenige, wovon das Auge der Quellborn ist, Quellborn von alledem, was wir geistiges Schauen nennen:» (GA 130, Locarno, 19. September 1911). Drittens: Den chemischen Äther, den Klang-, den Zahlenäther erleben wir im Ernährungsvorgang, in der Substanzverwandlung durch das Opfer der Substanz, durch Rhythmus, durch Proportionen, durch das rechte, das menschliche Maß, durch das gerechte Teilen und Urteilen. Viertens: Dem Lebensäther verdanken wir, dass wir uns als Teil des Ganzen, als Teil der Menschheit fühlen können. Das kann man durch die Rückschau üben. Sie lehrt uns: Jede Tat auf der Erde ist Verzicht auf eine andere Tat. Durch jede Tat sondern wir uns ab, gehen durch Schuld und Verfehlung. Diese Schuld gleicht sich im Karma aus, wenn wir Verantwortung übernehmen, auch für das Ungetane.

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  1. Lieber Rolf Heine,

    vielen Dank für Ihren Beitrag.

    Ich kenne den, manchmal auf Hauswände gesprüht zu findenden Spruch „Die Liebe ist das (oder „ein“) Kind der Freiheit“ (nebenbei auch ein Buchtitel, Michael Lukas Moeller).
    Ich denke dann immer: Nein, das ist nicht so, es ist umgekehrt – Die Freiheit ist ein Kind der Liebe!
    Ich sehe immer, nur die Liebe kann doch Freiheit geben, schenken!
    Und ich muß gestehen, so ganz kann ich Ihrem Beitrag nicht entnehmen, worauf Sie letztlich hinauswollen.
    „Leben in der Liebe zum Handeln … “ ist ein Kernsatz in der Philosophie der Freiheit (9. Kapitel, Absatz 36, vorletzter Satz). Dies ist genau das, was man bei Kindern unmittelbar finden kann; das zeigt der Säugling und das zeigt schon das vorgeburtliche Wesen. (Die Fortsetzung des Satzes in den zweiten Satzteil ist das, was Mensch in seinem Leben lernen kann.)
    Die Liebe weiß, daß Scheitern zu jeder Entwicklung dazu gehört, und die Liebe kann das Scheitern verzeihen, vergeben und damit Freiheit geben. Nicht umgekehrt.
    So wäre momentan mein Blick auf das Thema – aber vielleicht können Sie mir ja noch weiterhelfen.
    Beste Grüße
    Michael Weiler

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