Der Mai

Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder

Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen.


So endet das Gedicht ‹Mai› von Rose Ausländer. Die Sonne zieht durch das Tierkreisbild des Stiers, ein Bild, das die Kraft und Fülle des Lebens in sich trägt. Das gilt auch für den Himmelsfluss Eridanus, der unterhalb des Stiers Richtung Erde fließt und im alten Ägypten als Bild der Inkarnation ins Leben vorgestellt wurde. Der Mai ist die Mitte des Frühlings, der Frühling im Frühling und zugleich mit den Eisheiligen zur Monatsmitte der letzte Abschied der Kälte. In kaum einem anderen Monat werden so viele Freundschaften und Ehen geschlossen wie im Mai – einem Monat, «allen ein Freund zu sein». Gehört zum März das Gelb der Narzissen, zum April das Orange der Tulpen, blüht im Mai es rot – die Farbe der Liebe.

Zwei rote Sterne stehen sich im Tierkreis gegenüber: Antares im Skorpion und Aldebaran im Stier – das eine Bild als Repräsentant von Schmerz und Tod, das andere von Kraft und Leben, ja auch des Lebens, denn das Tierkreisbild Stier bedeutet auch ‹Kuh›, wo alle Kraft sich als Stoffwechselvermögen nach innen wendet. Jetzt zieht Venus von den Hörnern des Stieres in die Zwillinge. Aufgeladen mit der Kraft des Inkarnationsbildes ‹Stier› wandert der helle Planet vom Bild der Einheit in das so entgegengesetzte Bild der Zweiheit. Ich nehme es als Ruf, die Kraft der Liebe, die Venus in der Osterzeit im Stier gewonnen hat, jetzt in die Zweiheit, Gegensätzlichkeit, die den Zwillingen eigen ist, zu senden – jetzt, da im Angriffskrieg in der Ukraine eine neue Gewaltwelle sich anbahnt. Könnte doch – welch naiver Wunsch – auch dort der ‹Mai›, könnte auch dort Venus in den Zwillingen inspirieren.


Foto Xue Li

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