Diesseits und jenseits des Kreuzes

Zuschrift zum Artikel von Andreas Heertsch ‹Karwoche› in ‹Goetheanum› 14–15 vom 3. April 2026.


Es gibt einen Kontrast in der Schilderung des Kreuzestodes bei den Synoptikern (Matthäus, Markus und Lukas) und Johannes. Bei den Synoptikern liegt die Aufmerksamkeit auf dem im Tod zum Menschen gewordenen Gott, der sich schließlich sogar irrt: «Warum hast Du mich verlassen?» (vgl. Psalm 22,1) anstatt «Warum erreiche ich Dich nicht mehr?». Zu diesem Unterschied arbeiteten wir in der Osterzeit im Zweig mit dem Vortrag ‹Die Reinigung des Blutes von der Ich-Sucht durch das Mysterium von Golgatha›, aus Rudolf Steiners ‹Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft›, GA 96. Dort spricht Rudolf Steiner: «Diejenigen Menschen, die das an der Seite des Christus mitgemacht haben, werden, wenn sie aus der Erdenentwicklung hinausgehen und zu einer höheren Entwickelung aufsteigen, sich um den Christus scharen können, und der Christus Jesus wird noch einmal rufen können, das Ende der Erdenvervollkommnung erblickend, die Worte, die Er damals am Kreuze gerufen hat: ‹Eli, Eli, lama sabachthani!› – ‹Mein Gott, mein Gott, wie hast Du das Ich in der Menschheit verherrlicht, vergeistigt.› Das bedeuten diese Worte. Es gibt auch eine spätere, falsche Übersetzung, die sich anlehnen wollte an die Psalmworte, aber die wahrhafte Übersetzung der Worte ist die, welche Sie jetzt kennen. Das sind die Worte, die das Mysterium zu Golgatha ausdrücken: ‹Mein Gott, mein Gott, wie stark, wie sehr hast Du mich verherrlicht, vergeistigt.› Dieses Wort enthüllt uns das Sich-Losringen des Geistes vom Leibe. Das Mysterium des Sohnes enthüllt uns, dass damals der innere seherische Blick des Welterlösers hinschaute bis zum Ende der Erdenvervollkommnung und das große Ziel der Menschheit aussprach in diesen Worten von der Überwindung aller Unterschiede und der Begründung der großen Menschenliebe. Dieses Ziel wird nicht anders erreicht als dadurch, dass die Menschen lernen, in die geistige Welt immer mehr und mehr geistig einzugehen. Denn im Geiste liegt die Vereinheitlichung der Menschheit. So wie die Menschen eins waren, als sie herausgetreten sind aus dem Geiste, aus dem Einheitlichen, aus dem Allverfließenden der Gottheit, und wie sie dann individualisiert sind, indem sie herunterzogen in die einzelnen Menschenleiber – wie das Wasser individualisiert wird, wenn die Wassertropfen aufgesogen werden von kleinen Schwämmchen –, so werden die individuell gewordenen einzelnen Menschen wieder einheitlich werden, wenn sie, mit Aufrechterhaltung ihrer Individualität, in den großen Bruderbund eintreten und sich dadurch vorbereiten, vergöttlichte Schöpfer zu sein, wie sie Götter, Schöpfer waren, bevor sie als Menschen auf der Erde aufgetreten sind. Von einem göttlichen Wesen geht die Menschheitsentwicklung aus, und zu einem göttlichen Wesen geht sie zurück. Die verschiedenen Ichs werden individuell sein, aber zur gleichen Zeit werden sie, indem sie zum Bruderbund vereinigt sind, eine Einheit bilden, die einen neuen Stern gebären wird, jenen neuen Stern, der in der Apokalypse genannt wird ‹das neue Jerusalem›. Die menschlichen Ichs werden geboren in ihrer Ichheit, und dann werden die Sphärenharmonien das Echo bilden zu den Worten, in die das Mysterium von Golgatha sich geschlossen hat, zu den Worten: ‹Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht!›» Letizia Aguilar


Antwort des Autors

Liebe Frau Aguilar

Sind die letzten Worte am Kreuz falsch übersetzt, wie Rudolf Steiner betont, oder Ausdruck des ganz und gar Mensch gewordenen Gottes, der auch noch die Gottverlassenheit durchleiden muss? Ich möchte hier fragen, ob nicht beide Sichtweisen neben- beziehungsweise nacheinander möglich sind. Als ich Ihren Hinweis auf die Vortragsstelle las, löste sich mir ein inneres Bild, das endlich Antwort gab auf die Frage: Was geschah nach dem Kreuzestod? Der Christus steigt in das Innere der Erde und erlöst die Harrenden durch seine unbegrenzte Güte. Selbst Ahriman und Luzifer können sich bei seinem Anblick nicht anders verhalten, als in der Holzgruppe dargestellt: Luzifer stürzt sich selbst, Ahriman fesselt seine Kräfte und dient bodentragend. Meine Versuche, das auch erlebend mit- und nachzuvollziehen, blieben aber stumpf, trotz umfangreicher Bemühungen. Durch die Konfrontation mit dem oben charakterisierten Kontrast löste sich mir folgendes Bild: Der Christus wird zum Menschen und macht damit im Tod einen Nullpunkt durch: Die Weite des kosmischen Christus wird auf dem Weg zum Kreuz immer mehr zu einem Menschen-Kern-Erlebnis verdichtet, als würde ein Stern auf einen Punkt komprimiert (sogar die Sonne verdunkelt sich). Aber nach dem Tod wird diese Kompression wieder entspannt. Die dafür üblichen Worte sind hier unpassend, weil diese gewaltige Ausdehnung licht- (der Tempelvorhang zerreißt) und gütedurchwirkt ist. Wenn ich auf diese nachtodliche Überhöhung blicke, dann stimme ich gern in Rudolf Steiners Hymnus ein: «Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht!»

Vielen Dank! Andreas Heertsch

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