Dirk Kruses differenzierte und vielfach erhellende Darstellungen zum seelisch-geistigen Jahreslaufgeschehen in der Natur können gut parallel zu Rudolf Steiners ‹Seelenkalender› gelesen werden; beides gehört nebeneinander auf den Tisch.
«Unser Gefühl kann gar nicht anders, als am Nachfühlen wachsen […]; Nachfühlen geht nach innen. […] In der Richtung nach innen aber […] kann man, dessen bin ich gewiss, gar nicht zu weit gehen; je weiter man da vordringt, desto sicherer stößt man auf eine noch unentdeckte Ader eigenen Gefühls. […] Nachfühlen ist Demuth.» So beschrieb Rainer Maria Rilke seine Art und Weise, sich in den inneren Gehalt der Natur einzuleben. Treffender könnte man die übersinnliche Forschungsrichtung von Dirk Kruse kaum charakterisieren. Das vorliegende Buch ‹Seelisches Beobachten im Jahreslauf› beruht auf einer wöchentlichen Artikelserie im ‹Goetheanum› aus dem Jahr 2010. Mit seiner Jahreslaufforschung knüpft Kruse an Rudolf Steiners Jahreslaufimpuls an, aus dem – als sicher nachhaltigstes Geschenk – der sogenannte ‹Anthroposophische Seelenkalender› hervorgegangen ist (siehe u. a. GA 40).
Jahrzehntelange Forschung
Wie nur wenige andere im anthroposophischen Umfeld praktiziert Dirk Kruse die seelische Beobachtung als Methode, um die geistigen Wesen in unserer Umwelt (Natur und Mensch) erkennen und ihnen damit auch einen Dienst erweisen zu wollen. Geboren 1958, beschreitet er seit seinem 18. Lebensjahr den anthroposophischen Schulungs- und Erkenntnisweg, seit dem 28. Lebensjahr in täglicher Übungspraxis mit einem umfassenden Übungskanon (u. a. Spaziergänge, Tagesbegrüßungen, Abendverabschiedungen, Meditationen). Rudolf Steiners ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› (GA 10) ist ihm dabei Fundament und wegleitende Anleitung.
Anregungen
Sicher muss man nicht alles kritiklos und eins zu eins übernehmen, denn sowieso ist Kruses Buch als Anregung gedacht; als Anregung dahin gehend, eigene, selbstständige seelisch-geistige Forschung zum Jahreslauf der Natur zu betreiben – und damit auch Kruses Forschungsergebnisse zu ergänzen bzw. zu nuancieren. Wie eine solche eigenständige Jahreslaufforschung aussehen kann, auch dazu gibt das Buch reichhaltige methodische und inhaltliche Anregungen, Anleitungen und Hinführungen: «Als fruchtbar hat sich erwiesen, die Natur zuerst zu erleben und demutsvoll zu durchtasten […] – was im Austausch mit […] einer Übgruppe besonders evidenzfördernd ist.» Kruse unterscheidet in seinen Wochenbetrachtungen folgende ‹Wahrnehmungsfokusse›: Wahrnehmungen im Physischen, im Ätherischen, im Vitalitätsartig-Seelischen, im Charakterartig-Seelischen, im Würdeartig-Seelischen, im Geistig-Wesenhaften; hinzu kommen noch die Kategorien ‹Zugangsbeispiele›, ‹Schattenausdruck des Zeiterlebens›, ‹Feiermöglichkeiten dieser Zeit› und ‹Zeichnungen›. Diese Fokusse werden in seinen Ausführungen Woche für Woche überaus differenziert behandelt. Kruses Zeichnungen für das vorliegende Buch wurden von Jörg Thomsen am Computer nachbearbeitet – auch das ist zulässig, vor allem dann, wenn das eigene zeichnerische Vermögen hinter den intensiven Eindrücken herhinkt. Sich in dieser Weise zu üben, kann zu einer vielschichtigen Bereicherung des eigenen Schulungsweges führen. Besonders sei hier Kruses methodischer Umgang mit den drei Erkenntnisstufen von Imagination, Inspiration, Intuition erwähnt.
Methodenkanon
Zum umfänglichen Inhalts- und Methodenangebot des Buches gehört auch ein 45 Seiten umfassendes hilfreiches und erhellendes Glossar zu verwendeten Fachtermini. Dort werden ‹Maria›, ‹Sophia› und ‹Persephone›, ‹Vater, Sohn, Heiliger Geist› genauso behandelt wie die neun Engelshierarchien und die vier Reiche von Elementarwesen. Anregend sind auch die Ausführungen zu den sogenannten ‹Jahreslauf-Fenstern› als ‹Geistwelt-Einladungen› und die Charakterisierungen verschiedener ineinander webender Jahreslaufschichten als Kleider des Jahreslaufes (Osterkleid, Sternenkonstellationskleid, Wetterkleid).
Ein Kämpfer fürs Geistige
Für den einen oder anderen mag Kruses Wortwahl und der vielleicht unvermittelt, vielleicht inflationär wirkende Gebrauch von Geistwesen-Bezeichnungen gewöhnungsbedürftig sein. Mögen die Formulierungen für den einen oder die andere auch überschwänglich, mag sein, pathetisch klingen – man kann sie aber auch als Bemühen goutieren, der Würde der geistigen Welt und ihrer Wesen gerecht werden zu wollen und ihnen, die im Zeitalter des Materialismus zu einem Schattendasein verurteilt sind, wieder mehr Gehör zu verschaffen.
Das Buch macht erneut deutlich: Dirk Kruse ist ein unbeirrbarer Schaffer; ein Schaffer, ja ein Kämpfer für die geistige Wesenswelt. Durch unbändigen Forscher-, Üb-, Sehnsuchts- und Verantwortungsdrang hat er sich einen Weg in die geistige Wesenswelt gebahnt. Ein Weg, der individuell und zugleich methodisch vermittel- und nachvollziehbar ist, wie das vorliegende Buch in erfreulicher Weise dokumentiert.
Buch Dirk Kruse: Seelisches Beobachten im Jahreslauf. Wöchentliche Ausblicke auf ätherische, seelische und geistige Vorgänge. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2025

