Manchmal gehe ich durch meinen Tag auf wortenden Blickfüßen. Dann wird die Sinnlichkeit zur Sprache und in den Ereignissen des Tages erklingen geheime Kompositionen. Wer schafft mir diese Bilder? Zehn Tagesnotizen aus den letzten drei Jahren wiederholter Erdentage.
I Im klaren Erster-Advent-Licht, himmelsnah. Neben uns die immer noch warmbraune Erde, weites Feld. Darüber feinstes Lichtfließen, Lichtflirren im Landschaft umschließenden Spinnwebengeflecht. Minne weigert sich, Handschuhe zu tragen. Beständig streckt sie ihre kleinen, nackten Fingerchen aus – ihre Fühlerchen –, bückt sich zur Erde nieder, tastet, schaut mit ihren Fingeraugen Eichenlaub, eine letzte Löwenzahnblüte, Eiskristallgras und einen alten Pferdeapfelhaufen mitten auf dem Weg. Alles ist ihnen lieb, diesen Fingerchen. Und wie lieb ist es Eichenlaub, Löwenzahnblüte, Eiskristallgras und Pferdeapfelhaufen, diesem Kind entgegenzublicken, für diese Fingerchen Berührung zu sein.
II So nahe einem Geheimnis in rhythmischen Wiederholungen. Tief hineingraben als Wortwurm, als Goldwurm der Erde meines Tages. Ich beginne mit dem Zumuten und es macht mir Spaß, mehr schlecht als recht zu genügen. Unser Garten verwilderter denn je, wo kommen all die Dornen her?
III Nach durchgrämter Nacht am frühen Morgen nochmal eingeschlafen. Mitten im Traumgeschehen erschien, sich zwischen den Latten eines Zaunes hindurchschiebend, ein Fuchs. Er huschte an mir vorbei und verschwand wieder, als hätte er meinen Traum nur als Abkürzung benutzt. Den Tag planen: Einer Wegbeschreibung folgen, um sich dann völlig verirrt zu finden, weil die Wirklichkeit so anders aussah.
IV Im Dunkeln, durch Matsch und Regen tapsen wir zum Sandkasten. Wanja will tief graben, denn wer weiß? Vielleicht hat der Nikolaus ja etwas versteckt dort. Der Nikolaus mit seinem großen Buch, in dem all unsere Taten aufgeschrieben stehen. Der legte schon am Morgen reiche Früchte in unsere Schuhe. Unsere Schuhe, die uns zu unseren Taten trugen. Und dabei hinterließ der Nikolaus eine goldene Sternenspur durch unser Haus. Jetzt graben wir und graben und sehen nichts, aber wir finden einen Kiefernzapfen, der duftet ganz herrlich. Wie kommt der wohl dorthin? Wanja lächelt wissend, beziehungsweise ich ahne sein wissendes Lächeln, denn sehen kann ich ja nichts. «Ich habs dir doch gesagt, Mama!» Und wieder sehe ich eine goldene Sternenspur. Die sieht man nämlich auch, wenn es ganz dunkel ist.
V Am Abend die Überraschung, diesen Tag geschafft zu haben. Ich sehne mich nach Frische, nach Klarheit, wo kommt sie her? Die Drumherumräume in der Nacht erquicken zu rosigen Umschmeichelungen. Um morgen, wenn ich wieder hart werde, weich zu fallen in dich. Und dich. Und … Tau auf meine Zeithaut! Die Spülmaschine läuft, das Wundern hält an.
VI Ein kleines Zurücktreten nur. Unsere olle Haustüre glitzert, Licht rinnt, fließt, Regenbogensterne. Minne und ich sitzen auf unserer gar nicht mehr so ollen, sehr gemütlichen Treppe und finden es schön. Wanja hat Angst vor der Gestalt. Sie wohnt im Keller, in Opas alter Metallwerkstatt. Wanja will Holz holen für den Ofen. Der Weg dorthin führt an der Gestalt vorbei. Ich schlage vor, die Michaelskrone zu tragen, und erkläre ihm, wenn er nur selbst kräftig leuchtet, dass dann die Gestalt ganz klein und lustig wird. Und wenn man Angst hat, wird sie größer. Heute war ja Michaeli im Kindergarten, deshalb die Krone. Wanja schaudert es wirklich sehr, also ziehe ich meine geheime Krone auf, leuchte, so kräftig ich kann, und gehe die Treppe hinunter. Kein bisschen mehr erwachsen als Wanja, nur erfahrener im Umgang mit Gestalten.
VII Der Abend löst mir die Tagesbilder, hebt sie hinauf, leicht und aus Licht gemalt. Ich finde keine Worte mehr, um sie zu greifen, lasse sie entschweben und halte nur ein leises Gefühl bei mir – als Keim für mein Morgen. Die geöffnete Blüte der Prunkwinde saugt mich hinein zur Innenseite der Welt.
VIII Letzte Nacht ein geheimer Raum, noch dunkel. Am Boden fließen Mandalabäche zwischen sandigen Pfaden. Meine Augen werden lichter, ich ahne immer mehr die Größe und Erhabenheit hier. Eine Frau erhellt sich die Konturen: Eine Birke sei gefallen, sagt sie. Ich denke, dass ich sie holen werde, den leuchtend weißen Stamm aus dunklem Wald. Ich will sie nach dem Weg fragen, da füllt sich der Raum mit immer mehr Menschen. In den Händen tragen sie je einen Stock und einen Geigenbogen. Ich weine vor Schönheit, als die Bögen über die Hölzer zu streichen beginnen und eine himmlische Musik ertönt.
IX Mit meinen Wortfingerspitzen wandere ich über die rauen Erhebungen und durch die tiefen Furchen eines Robinienstammes und beobachte, wie die abgestorbene Rinde des Baumes unter dieser Berührung lebendig wird.
X Unsere Küche weiß bestäubt mit Puderzucker, zwei glücklich patschende Händchen darin, schelmisches Quietschen beim Ertapptwerden. Und ein Traubensaft-Wasserfall auf unseren Teppich, wieder ein gelungener Streich und ein Fest, wenn Mama sich ärgert! Die ersten Kastanien aus der festen, weißen Schale gepult, Ahorn-, Ulmen- und Lindensamen-Pirouetten bewundert, an weichen Hagebutten gezutschelt und immer wieder die flauschigen kleinen Federn gefunden, die wir fliegen lassen aus der flachen Hand.
Bild Eiskristall und Löwenzahn, Fotos: Laura Liska, Collage: Fabian Roschka

