Eine anthroposophische Kontemplation über das Wesen von Gleichnissen mit zwei Beispielen zum Denken.
Ich bin zu der Einsicht gelangt, dass sich alles, was sich wirklich verstehen lässt, durch ein Gleichnis erschließen lässt. Sowohl das anschauliche Gleichnis als auch das seelische oder geistige Phänomen, auf das es verweist, unterliegen derselben Gesetzmäßigkeit, demselben Prinzip. Wer die Grenzen der einzelnen Disziplinen oder Themen überschreiten will, muss jene durchlässigen, allen zugrunde liegenden gemeinsamen schöpferischen Prinzipien erkennen. Durch ein Gleichnis zu veranschaulichen, ist Imaginationskraft. Sie ist kein willkürliches Fantasieren und kein zufälliges Zusammenfügen einzelner Erscheinungen, sondern eine dem schöpferischen Prinzip verpflichtete Kraft der Gestaltbildung. Sie besitzt Wahrheitsgehalt und trägt die Möglichkeit in sich, Wirklichkeit zu werden. Zwei bildhafte Gleichnisse für das Denken:
1. Denken gleicht dem Fahren eines Autos. Die meisten Menschen ‹fahren› mit einem bestimmten Modell, dessen Konstruktion abgeschlossen ist. Die Aufmerksamkeit ist auf die Umgebung fokussiert. Doch ließe sich ein Denken denken, das während der Fahrt zugleich den Motor umgestaltet, sodass er sich wechselndem Terrain – Sumpf, Gebirge, Ebene – anzupassen vermag? Lässt sich das Denken wie eine Walnuss knacken und der bislang verborgene Blackbox-Prozess im Denken in einen durchsichtigen Vorgang verwandeln?
2. Gewöhnliches Denken ähnelt einer formenden Hand, die Inhalte sinnlicher und seelischer Erfahrung zu Gedanken gestaltet. Wie aber ließe sich ein Denken entwickeln, das über viele bewegliche Fühler wie die Schnecke verfügt? Fühler, die vom Willen frei durchdrungen und gelenkt werden können, die formend tätig sind und zugleich als Wahrnehmungsorgane dienen, um dem Gegenstand der Erkenntnis tastend zu begegnen und ihn zu erkennen?
Foto David Vilches

