Teuflische Ellipsen

«Hast nichts von Bärbelchen gehört?», so fragt in Goethes ‹Faust› Lieschen ihre Freundin Gretchen. Es ist eine rhetorische, vergiftete Frage, denn Lieschen weiß, dass Bärbel unehelich schwanger ist – in der ‹Faust›-Zeit eine soziale Katastrophe. Lieschen repräsentiert diese ‹öffentliche Meinung›, den ungeschriebenen und zugleich machtvollen Kodex, was sich gehört und was nicht. Diese trifft in ihrer Scheinheiligkeit und Mitleidslosigkeit auf das ebenfalls schwangere Gretchen. Goethe wählt als Sprachform die Ellipse, bei der im Satz ein Wort ausgelassen wird, das sich aber selbsterklärend füllen lässt. In der Eingangsfrage ist es das ‹Du›, das man für den vollständigen Satz ergänzen muss. So auch im letzten Satz, wo Lieschen von Bärbels Partner spricht: «Er ist auch fort.» Hier fehlt «gegangen». Wie die so schrecklich wirkende öffentliche Meinung, die Lieschen als Drohkulisse für Gretchen aufbaut, betonen die Ellipsen in ihrer Giftrede scheinbare Selbstverständlichkeiten, das Unausgesprochene, das jedem klar ist. Weil es ungesagt bleibt, vermag man es nicht zu stellen. Das macht es teuflischer als Mephisto, denn anders als sie stellt er das Böse ins Licht.


‹Faust› im Goetheanum Sommerfestspiel

Bild links Gretchen, rechts Lieschen. Foto: Laura Pfaehler

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