Ein Buch zum ‹utopischen Realismus› neuen Wirtschaftens.
‹Die Wirtschaft muss angekurbelt werden!›, ‹Wachstum zählt!› und ähnliche Parolen werden in dichter Folge und Lautstärke ausgegeben. ‹Die Leute müssen mehr und länger arbeiten!›, so die neueste Devise der Politik. Dabei rationalisieren die großen Player der Wirtschaft Arbeitsplätze weg. Der Einsatz von KI schafft zwar wieder neue, hochqualifizierte und gut dotierte Stellen, macht jedoch ein Vielfaches davon obsolet.
Den Normalverbraucherinnen und Normalverbrauchern geht schon längst der Durchblick verloren; Ängste werden geschürt. Dass das Verständnis für Wirtschaftsabläufe und komplexe Kapitalbewegungen in weiten Teilen der Bevölkerung schwindet, führt zu Verunsicherung sowie zu irrationalen Meinungen und Verhaltensweisen. Dies spiegelt sich in der politischen Neuordnung der Republik wider. Alternativen werden versprochen, die in eine politisch und gesellschaftlich unsichere Situation führen.
Die Wirtschaft hat an Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit verloren. Eine global agierende Elite scheint sich unermessliche Vermögen anzueignen. Gleichzeitig wächst selbst in unserem Land die Zahl der Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. Oft reichen nicht einmal zwei Jobs aus, um den Lebensunterhalt einer Kleinfamilie zu bestreiten. Ist die Wirtschaft nichts weiter als ein Raubtiergehege? Wer so denkt, sollte ein Buch zur Hand nehmen, das nicht nur utopische Perspektiven einer menschlichen, sozialen und nachhaltigen Wirtschaftsweise entwirft, sondern auf praktizierte Beispiele zurückgreift: ‹Die Werttreiber›.
Was bedeutet es für eine zukünftige Wirtschaftsform, wenn wir davon sprechen, dass eine neue Ära globaler Entwicklung angebrochen ist? Diese Ära nennen wir Anthropozän – ‹Menschenzeit›! Bisher haben Naturkräfte die Erde – das Klima, die Bodenverhältnisse, die Vegetation und die Fauna – global gestaltet. Seit geraumer Zeit beeinflusst der Mensch diese Faktoren maßgeblich! Nun gilt es, diese Entwicklung umzukehren. Was wäre eine Wirtschaftsform, die sich an dieser Wende effizient beteiligen könnte? Ein Entrepreneur meldet sich zu Wort, Erich Colsman, ein ‹Werttreiber›, wie er sich selbst nennt, mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Führung eines mittelständischen Familienbetriebs in der Textilindustrie. Zusammen mit einer Co-Autorin und einem Co-Autor, Bettina Dornberg und Christoph Berdi, gibt er Antworten auf die drängenden Fragen: «Was ist der Gegenentwurf zum Paradigma der Gewinnmaximierung, zum verengten, monetären Kapitalbegriff und einem reduktionistischen, nutzenoptimierenden Menschenbild?»
Eine Schlüsselstelle im Buch ist die Relevanz einer Kultur der Beziehung: Die Beziehungsthematik ist allgegenwärtig. Sie ist eingebettet in die Vorstellung vom Unternehmen als System neben anderen Systemen. Sie ist im Gesellschaftsrecht (im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Handelsgesetzbuch, im GmbH- und Aktiengesetz) repräsentiert. Sie kennzeichnet die Arbeits- und Wertschöpfungsgemeinschaft des Unternehmens. Werttreiberinnen und Werttreiber räumen der Beziehungsfrage eine höhere und tiefere Bedeutung ein als der Suche nach Wirkungsbeziehungen – verstanden als Input und Output, als Nutzenmaximierung. Beziehungen implizieren und generieren einen ökonomischen Wert.
Das Buch bezieht sich auf Theorie und Praxis, wie man sie durch Hartmut Rosa, Götz Werner und Otto Scharmer kennt. Doch zuletzt sei ein Aspekt hervorgehoben: Wie schützt man Unternehmen als solche vor Ausbeutung, Zerschlagung und Filetierung? Denn konventionelle Profitorientierung nimmt wenig Rücksicht auf besagte Beziehungskultur. So zeichnet sich Erich Colsman als Entrepreneur aus, der dem entschieden entgegentritt. Wie lassen sich generationsübergreifende Existenzsicherung und verantwortliche Verwaltung im Sinne einer Treuhänderschaft verwirklichen, in Anlehnung an Konzepte wie Stewardship und Purpose Economy?
Für Erich Colsman waren die Gedanken Rudolf Steiners gerade mit dieser Rechtsfrage ein Kompass auf seinem unternehmerischen Weg: Wie kann sichergestellt werden, dass der Freiraum zur Entfaltung der unternehmerischen Aufgaben, das Eigentum an Unternehmen, nicht in die Hände von Menschen fällt, denen das Investment der persönlichen Versorgung dient oder den Kapitalmärkten? Das soll in einer neuen Rechtsform, der GmgV (Gesellschaft mit gebundenem Vermögen), sichergestellt werden. In der Gedankenlinie des Buches finden sich Ideen, die von Rudolf Steiner bereits in den ‹Kernpunkten der sozialen Frage› vorgebracht wurden. Er forderte in seinem 1919 erschienenen Buch: «Unternehmertätigkeit kann in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist, das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht.»1
‹Die Werttreiber› zeigt dazu gangbare Wege auf!
Buch Erich Colsman, Bettina Dornberg und Christoph Berdi: Die Werttreiber. Plädoyer für ein holistisches Unternehmertum. Schäffer Poeschel, 2025

