Grillen zirpen, Glühwürmchen leuchten – und folgen doch einem erstaunlich ähnlichen Rhythmus. Eine neue Studie zeigt: Kommunikation schwingt quer durch das Tierreich in einem Takt, der auch unserem Gehirn vertraut ist.
An einem warmen Abend in Thailand beobachteten Forschende kürzlich ein bemerkenswertes Phänomen. Grillen zirpten. Glühwürmchen sandten ihre Lichtsignale aus. Unterschiedliche Arten, unterschiedliche Sinne, unterschiedliche Evolutionsgeschichten. Und doch schienen ihre Signale erstaunlich ähnliche Rhythmen von etwa 2,4 Hertz aufzuweisen – ungefähr dem Takt eines zügigen Schrittes entsprechend. Wies dieses überraschende Maß an Synchronisation nicht auf eine tiefere Verbundenheit hin?
Diese erste Beobachtung führte die Forschenden zu einer bemerkenswerten Einsicht: «Über acht Größenordnungen des Körpergewichts hinweg, über verschiedene Kommunikationskanäle (Sehen gegenüber Hören) und quer durch den Stammbaum des Lebens – von Insekten wie Glühwürmchen und Grillen über Krebstiere, Amphibien, Vögel und Fische bis hin zu Säugetieren einschließlich Menschenaffen, Menschen und Seelöwen – scheint Kommunikation mit einer ‹Trägerfrequenz› von etwa 0,5 bis 4 Hertz die Regel zu sein. Die von uns gefundenen Beispiele sind weit verbreitet: Sie stammen aus allen Teilen der Erde und finden sich bei Lebewesen der Luft, des Landes und des Meeres.»
Die neurologische Bedeutung dieses Frequenzbereichs
Der sogenannte Deltawellenbereich wird bei Tieren häufig als ein ‹sweet spot›, eine Art ‹Wohlfühlzone› des Nervensystems angesehen. Er tritt typischerweise während des Tiefschlafs, bei verringerter Bewegungsaktivität oder in Phasen des Rückzugs von äußerer Aktivität auf. Bei den meisten Wirbeltieren gilt er als Kennzeichen jener körperlichen Regenerationsprozesse, die während des Schlafes stattfinden. Um die Bewegung des Gehirns in Richtung dieses bevorzugten Bereichs zu beschreiben, verwenden Forschende verschiedene Begriffe, die jeweils unterschiedliche Mechanismen hervorheben: Entrainment, Abstimmung, Synchronisation oder Resonanz. Viele Forschende vertreten beispielsweise die Auffassung, dass Tiere biologisch darauf abgestimmt sind, kommunikative Signale in diesem Frequenzbereich besonders effizient zu verarbeiten.
Die Hoffnung der Autorinnen und Autoren bestand letztlich darin, dass die Identifizierung eines gemeinsamen neuronalen ‹Wohlfühlbereichs› dazu beitragen könnte, das Verständnis tierischen Verhaltens zu vertiefen und zugleich zu erklären, weshalb menschliche Sprache, Sprechen, Bewegung und Musik ähnliche Rhythmen aufweisen. Die Überraschung über diese Kommunikation zwischen Arten – das Licht des Glühwürmchens und der Klang der Grille – macht uns so auch empfänglicher für das Geheimnis der Kommunikation selbst, das Philosophen von Platon bis Buber beschäftigt hat.
Die Macht des Entrainments
Vom bewusstseinsverändernden Wiegenlied, das ein Kind sanft in den Schlaf begleitet, über die tranceerzeugenden Rhythmen der Technoparty bis hin zu den mitreißenden Signalen des Militärmarsches besitzt Rhythmus seit jeher eine eigentümliche Macht über den Menschen – freilich nicht ohne zahlreiche Ausnahmen. Auch die Musik der Sprache – ihre Prosodie, ihre Hebungen und Senkungen, ihre Betonungen und Pausen – vermittelt oft ebenso viel wie die Worte selbst. Gesprächsforschende haben seit Langem gezeigt, dass Sprache nicht als Abfolge isolierter Aussagen verläuft, sondern als fein abgestimmte Interaktion zwischen Gesprächsbeteiligten. Neuere linguistische Untersuchungen legen zudem nahe, dass Muster prosodischer Hervorhebung überraschende Gemeinsamkeiten zwischen ansonsten nicht verwandten Sprachen aufweisen.
Selbst die Sprache enthält ähnliche Rätsel. Schon ein scheinbar belangloser Ausdruck wie ‹Hä?› zeigt weltweit bemerkenswerte Ähnlichkeiten. Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass bestimmte Kommunikationsformen immer wieder neu entstehen könnten, überall dort, wo Menschen Missverständnisse rasch beheben und den Kontakt zueinander wiederherstellen müssen. Noch vor der Geburt scheinen Rhythmus und Tonhöhe eine Rolle zu spielen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass die vorgeburtliche Begegnung mit Sprache beeinflussen könnte, wie Neugeborene Tonhöhen in ihren frühesten Lautäußerungen verwenden. Das ist besonders interessant, weil Tonhöhe in vielen Sprachen und Kulturen mit Aktivierung und Erregung zusammenhängt. Lange bevor ein Kind Worte versteht, lebt es bereits in einer Welt von Melodie, Betonung und klanglicher Geste.
Wendet man sich den nützlichen und noch immer relativ neuen Apps für Eltern von Neugeborenen zu, den sogenannten ‹Baby-Übersetzern›, so begegnet man ähnlichen Fragen. Zeigen Schreie, die mit Hunger, Unwohlsein oder Müdigkeit verbunden sind, kulturübergreifend wiederkehrende Muster? Auch beim Verstehen von Tierlauten findet man in der App-Welt Hilfe. Sogar die Pflanzenwelt ist inzwischen Teil dieser Diskussion geworden. Neuere Untersuchungen pflanzlicher Aktivität haben Versuche angeregt, Aspekte des Pflanzenlebens in Klänge zu übersetzen, sodass manche Beobachtende von einer verborgenen Musik der Pflanzenwelt sprechen. Ob als wissenschaftliche Sonifikation oder als poetische Metapher verstanden: Solche Arbeiten spiegeln unser tiefes Bedürfnis wider, zu verstehen und in Beziehung zu treten.
Erinnern uns die zirpenden Grillen und die durch die Dunkelheit blinkenden Glühwürmchen nicht an etwas zutiefst Vertrautes: an jenen Rhythmus des Sich-Hineinversenkens in den anderen? «Das ist das Verhältnis, das im Gespräch besteht, wenn ein Mensch dem anderen, das Innerste wahrnehmend, gegenübersteht: Hingabe an den Menschen – innerliches Wehren; Hingabe an den anderen – innerliches Wehren […] es vibrieren: Sympathie – Antipathie, Sympathie – Antipathie, Sympathie – Antipathie.»
Literatur
- G. Amichay, V. Balasubramanian und D. M. Abrams, A widespread animal communication tempo may resonate with the receiver’s brain. In: PLOS Biology 24/2026, e3003735.
- E. Couper-Kuhlen und M. Selting, Prosody in Conversation: Interactional Studies. Cambridge 1996.
- D. R. Ladd und A. Arvaniti, Prosodic Prominence Across Languages. In: Annual Review of Linguistics 9/2023, S. 171–193.
- M. Dingemanse, F. Torreira und N. J. Enfield, Is ‹Huh?› a Universal Word? Conversational Infrastructure and the Convergent Evolution of Linguistic Items. In: PLOS ONE 8/2013, e78273.
- E. van Niekerk, C. Junge und A. Chen, The Influence of Prenatal Language Exposure on the Use of Pitch in Newborns’ Vocalisations: A Systematic Review. In: First Language 46/2026, S. 305–334.
- Zum Beispiel Chatterbaby. Siehe auch S. Yu, P. Birtill, A. Fildes, T. Tang und M. M. Hetherington, Towards developing a baby translator – An exploration of how infant appetite cues are understood. In: Appetite 206/2025, 107850. Neugeborene haben jedoch bereits den Akzent ihrer Eltern.
- Ulrich Schnabel, Die geheime Melodie der Pflanzen. In: Die Zeit 24/2026, 27. Mai 2026.
- Siehe zum Beispiel L. Denworth, Brain Waves Synchronize when People Interact. In: Scientific American (2023).
- Aus GA 293. Siehe auch L. Weiss, Steiners Hypothese Ich-Sinn. In: steiner studies 4/2024, S. 1–31.
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