Hat es noch einen Wert, Geschirr von Hand zu spülen? Schließlich werden wir in Zukunft Roboter dafür haben. Laura Scappaticci sprach mit dem Arzt und Co-Leiter der Medizinischen Sektion, Adam Blanning, über die Bedeutung des Körpers für unser Beheimaten.
Laura Scappaticci: Was kommt Ihnen als anthroposophischem Arzt in den Sinn, wenn Sie das Wort ‹Verkörperung› hören?
Adam Blanning Ich glaube, wir alle schwanken zwischen dem Gefühl, in unserem Körper zu Hause zu sein, und dem Gefühl, es nicht zu sein. Manchmal fühlt es sich an, als passe er nicht zu dem, was wir sind, oder als sei es darin nicht sicher. Manchmal erhalten wir keine klaren Signale von ihm. In anderen Momenten denken wir vielleicht: «Ich weiß nicht, ob ich das alles bewältigen kann», und ziehen uns aus unserem Körper zurück, besonders wenn wir überfordert sind oder wenn etwas Traumatisches oder auch nur Überraschendes passiert. Patientinnen und Patienten sagen: «Es fällt mir schwer zu erkennen, wann ich wirklich müde bin oder wann ich wirklich Hunger habe.» Ich kenne Erwachsene, die in ihrer Jugend erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler waren. Sie haben gelernt, diese Signale zu ignorieren oder zu unterdrücken. Das hat ihnen in dem Moment unglaubliche Leistungen ermöglicht. Aber wenn man nicht spürt, ob man etwas essen muss, oder wenn man weiterläuft, egal was der Körper einem sagt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man den Kontakt zum eigenen Körper verloren hat.
Als Schulberaterin nehme ich wahr, dass die Kinder mit ADHS, ADS und psychischen Problemen manchmal zwischen den Unterrichtswechseln schnell rennen, sehr zappelig sind und auch mehr Pausen brauchen. Was hat es damit auf sich?
Kinder kommen heute in eine Welt, die so viel anregender und schneller ist als früher. Unsere Körper sind auch ‹dichter› und nicht so leicht zu bewohnen. Das lässt Kinder fragen: «Ist dieser Ort wirklich mein Zuhause? Entspricht er dem, wonach ich suche?» Wenn ich unsicher bin, gibt es einen Teil von mir, der sich nicht ganz einlassen und inkarnieren wird und etwas außen vor bleibt. Manchmal hat man die Wahrnehmung, dass sich eine Person noch nicht ganz bereit fühlt, hier zu sein. Ein Aspekt fehlender Körperwahrnehmung ist, dass man kaum ein Gefühl für sich selbst hat. Rudolf Steiner beschreibt den Tastsinn als Möglichkeit, zu erleben, wie wir uns verändern. Wenn ich mein Hemd berühre, weiß ich, dass es weich ist, weil sich meine Fingerspitzen kaum eindrücken. Wenn ich einen Stift berühre, weiß ich, dass er hart ist, weil sich meine Fingerspitzen stärker eindrücken. Ich berühre den Stift und ziehe Rückschlüsse auf ihn, aber eigentlich spüre ich mich selbst. Zappeln, Laufen, Drücken sind tatsächlich kluge Wege, um den Weg in uns selbst zu finden.
Körperwahrnehmung ist heutzutage ein individueller Weg. Wir laufen, krabbeln und klettern nicht mehr so wie früher. Und alle möglichen Dinge trennen uns von unserem Körper. Doch viele Dinge, die als Ablenkungen oder Probleme gedeutet werden, helfen Kindern und Erwachsenen möglicherweise, sich zu orientieren und ihren Körper wahrzunehmen. Bewegung ist ein perfektes Beispiel dafür. Wenn ich darüber nachdenke, meinen Körper zu bewegen, bleibt es bei dem Gedanken. Wenn ich meine Beine wirklich bewegen will, muss ich ganz in meine Körperlichkeit eintauchen. Ich muss meinen Körper in Besitz nehmen und bewegen.
Man führt oft das Beispiel an, wie der Traktor den pferdegezogenen Pflug abgelöst hat und welche Auswirkungen dies auf unsere Verbindung zur Erde hatte. Das Geschirr in die Spülmaschine zu stellen, ist ein ganz anderes Erlebnis, als meine Hände in heißes Seifenwasser zu tauchen und es von Hand sauber zu schrubben.
Absolut. Diese Effizienzgeräte sind für unseren Kopf gedacht, nicht aber für den Rest unseres Körpers. Jan Göschel von der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung verwendet einen interessanten Begriff: ‹Durch-karnieren› statt Inkarnieren. Es bezieht sich auf die Vorstellung, dass man erst eine ausreichende bewusste Verbindung zu sich selbst herstellen und den Körper wirklich in den Griff bekommen muss, bevor man für die Außenwelt erwachen kann. Heutzutage zeigen viele Kinder ein Muster, bei dem sie zusätzliche Erfahrungen und Wiederholungen benötigen, um sich in ihrem Körper wirklich wohlzufühlen. Es ist, als würde man sich in einen Handschuh oder einen Stiefel hineinarbeiten, der nicht ganz passt, sodass es zusätzliche Arbeit und Zeit erfordert. Diese zusätzliche Anstrengung bedeutet, dass man möglicherweise nicht immer in der Lage ist, durch Sprache oder Handeln klar zu zeigen, wer man ist, selbst wenn keine größeren entwicklungsbezogenen oder körperlichen Herausforderungen vorliegen.
Beim Geschirrspülen lernst du, deine Hände einzusetzen, die Beschaffenheit und die Wärme des Wassers zu spüren. Darüber hinaus erreichst du tatsächlich etwas. Du musst deine Arme nutzen. Sie müssen ins Wasser eintauchen. Du musst spüren, was sich dort befindet. Du musst das Geschirr spüren und dann etwas tun. Manche Kinder und Erwachsene lieben es, im Wasser zu sein, weil sie so eine Verbindung zur Welt um sie herum herstellen. Es geht nicht um Effizienz, wie es heute oft anklingt, sondern sie arbeiten daran, in ihren Körper hineinzukommen. Diese Erfahrung kann man umgehen. Es gibt Geschirrspüler, Einweggeschirr oder Restaurants. Man könnte argumentieren: ‹Entwicklungstechnisch› spielt das keine große Rolle, denn wer wird in Zukunft wirklich wissen müssen, wie man Geschirr spült? Roboter werden das für uns erledigen. Aber der Prozess, in sich selbst zu kommen, in die eigenen Arme und Hände, ins Wasser, sich auf etwas anderes einzulassen und eine sinnhafte Tat zu vollbringen, ist ein wichtiger Teil von Verkörperung. In seinem Körper zu sein, fühlt sich gut an, weil man etwas damit tun kann. Es hat einen Sinn, in einem Körper und inkarniert zu sein. Wenn wir nur auf der Ebene des Denkens arbeiten (E-Mails, Aufgaben am Computer), sind wir zwar voll beschäftigt, aber am Ende des Tages ist es schwer zu erkennen, ob sich etwas verändert hat oder wie tief wir in uns selbst eingetaucht sind. Vielleicht ist es normal geworden, nicht mehr so tief in uns selbst einzutauchen.
Interozeption ist das Bewusstsein für die inneren Empfindungen unseres Körpers, wie Hunger, Herzschlag oder Schmerz. Inwiefern hängt dies mit der Körperwahrnehmung zusammen?
Bei der Interozeption geht es darum, Signale unseres Körpers wahrzunehmen. Bei Kindern, die völlig in das vertieft sind, was sie gerade tun, kann man das gut beobachten. Sie merken plötzlich, sie müssen auf die Toilette, und es ist schon zu spät. Das kommt beim Töpfchentraining häufig vor, aber wenn man sechs Jahre alt ist und es immer noch passiert, dann liegt etwas anderes vor. Eine weitere Variante ergibt sich aus unserem Verständnis, dass wir uns am leichtesten in unseren Kopf inkarnieren. Dort sind wir zuerst wach und arbeiten uns dann nach unten vor. Manchen Kindern fällt es schwer, ganz in ihren Körper hineinzukommen. Es ist nicht so, dass sie von anderen Dingen abgelenkt sind. Sie spüren die Botschaft des Hungers oder auch Sattseins wirklich nicht. Sie essen zum Beispiel eher wegen der Berührung selbst. Interozeption kann auch mit unserem Lebensgefühl, unserem Wohlbefinden in Verbindung stehen. Bin ich gestärkt? Habe ich genug gegessen? Wie müde bin ich? Wir haben vielleicht gelernt, das zu ignorieren. Wenn wir heute unsere Entscheidung, zur Arbeit zu gehen oder nicht, davon abhängig machen würden, wie viel Energie wir haben, was würde dann mit der Wirtschaft geschehen? Unser Kopf kann mit maximaler Effizienz arbeiten, unser Stoffwechsel jedoch nicht.
Kann Krankheit Menschen helfen, sich stärker in ihrem Körper zu verankern?
Auf jeden Fall. Sie fordert uns auf, eine Gewohnheit zu ändern, etwas loszulassen und mehr Bewusstsein in den Körper zu bringen. Um etwas zu heilen, brauchen wir diese Verankerung im Körper. Chirurginnen und Chirurgen sind brillant; sie nähen die Haut nach einer Operation, um die Wundheilung zu unterstützen. Aber die eigentliche Wundheilung erfolgt durch unseren Körper. Steiner sprach davon, dass ein Knochenbruch eine wichtige biografische Krankheit sei. Um einen Bruch zu heilen, muss man sich ganz bis hin zum Skelett verkörpern und inkarnieren. Dasselbe sagte er über eine Lungenentzündung. Wenn sich unsere Lungen mit Flüssigkeit oder Schleim füllen, ist die Heilung und Reinigung jedes einzelnen dieser winzigen mikroskopischen Lufträume ein großer Verkörperungsprozess.
Welchen Einfluss haben unsere Bildungsmodelle auf die Verkörperung?
Ich glaube, im gesamten Steiner-Waldorf-Lehrplan geht es darum, Wege zur Verkörperung anzubieten. Die Kinder bleiben viel aktiver, gestalten ihren Alltag im Einklang mit den Jahreszeiten und den Festen. Diese Art des Erkundens führt uns auf vielfältige Weise in unser Inneres und wieder hinaus. Das Erlernen des Handschreibens im Gegensatz zum Tippen auf einer Tastatur ist etwas, worüber wir heutzutage immer öfter hören. Wir sehen die körperlichen Auswirkungen davon. Wenn ich mit einem Bleistift schreiben muss, ist das ein bisschen so, als würde man das Geschirr in warmem Wasser spülen. Ich habe den Gedanken an das, was ich schreiben möchte, und ich muss hinein in meinen Arm, in meine Hand, in meine Finger, bis hin zur Spitze des Stifts und dazu, wie er auf das Papier trifft – das ist eine tiefere Körperverbindung als beim Tippen. Wenn ich diese Bewegung noch nie mit meinem Körper ausgeführt habe, wenn ich immer nur die Oberflächlichkeit einer Tastatur erlebt habe, ist meine Wahrnehmung meines Körpers eine andere.
Viele Eltern haben Schwierigkeiten, ihre Kinder für das Leben zu begeistern, besonders wenn es um Teenager geht. Es kann eine Herausforderung sein, sie dazu zu bringen, etwas anderes zu tun, als Videospiele zu spielen oder auf ihren Handys zu scrollen.
Wenn es wirklich schwerfällt, unsere Hände zu benutzen, dann ist es wahrscheinlich nicht angenehm, Geschirr zu spülen. Aber es ist gut, sich trotzdem auf diesen Prozess einzulassen. Wir werden niemanden als schrecklichen Menschen bezeichnen, wenn er das Geschirr nicht schnell spülen kann oder nicht so viel schafft wie jemand anderes. Diese Art von Erfahrung wegzunehmen, nur weil sie unangenehm ist, würde dem Kind einen schlechten Dienst erweisen. Wenn ein Mensch zu wenig Bezug zu den äußeren Dingen hat, entsteht eine Armut oder Dürftigkeit der Erfahrung. In der nächsten Inkarnation verfügt man nicht über die Fähigkeiten und Erfahrungen, sich zu orientieren oder überhaupt wieder den Weg in einen Körper zu finden. Was wir durch den Umgang mit herausfordernden Prozessen gewinnen, hat langfristige spirituelle Auswirkungen. Wenn ich in warmem Wasser arbeite, mich noch nicht ganz in meinem Körper verankert habe und die Dinge nicht besonders gut spüren kann, kostet es mich Mühe, das Wasser wahrzunehmen. Im Laufe meines Lebens sammle ich Erfahrungen, wie ich wirklich fühlen kann, wenn ich immer wieder mit Wasser arbeite. Später trage ich diese Weisheit spirituell in mir. Das ist etwas ganz anderes als zu glauben, dass wir schwierige Dinge vermeiden oder beseitigen sollten. Dieses Verständnis hebt die Medizin auf eine ganz neue Ebene – wir erkennen, warum wir einen Prozess durcharbeiten wollen, anstatt nur seine Symptome zu beseitigen. Ist es moralisch verwerflich, dass ich nicht selbst hinausgehe und ein Pfluggespann lenke, um die Erde zu bearbeiten, dass ich nicht jedes Abendessen von Grund auf selbst zubereite? Es schafft mir Zeit für andere Dinge. Aber für unsere Zukunft wird es wichtig sein, einen Sinn für die Bedeutung dieser körperlichen Erfahrungen zu entwickeln, nicht nur in Bezug auf ihre Nützlichkeit und Effizienz.
Welche täglichen Übungen können wir machen, um unser Körpergefühl zu stärken?
Als Kinder haben wir das Potenzial, uns in viele verschiedene Richtungen zu entwickeln. Als Erwachsene spezialisieren wir uns mehr, werden ein wenig eingeschränkter. Um wieder mehr in unseren Körper zu kommen, sollten wir immer wieder Neues lernen und etwas Kreatives tun. Ich empfehle den Menschen, etwas zu tun, das sie bis in die Finger- und Zehenspitzen erwärmt, sei es Spazierengehen, Gärtnern oder Malen. Etwas, bei dem man das Gefühl hat: Ich bin gerade ganz in mich selbst eingetaucht. Es ist schön, etwas zu tun, das einen daran erinnert, dass man Füße hat. Auf spiritueller Ebene können wir denselben Prozess mit Ehrfurcht und Hingabe durchlaufen. Auch wenn es nicht körperlich ist, kommt man ganz in sich selbst hinein, wenn man wirklich präsent ist und die Natur wahrnimmt. Nicht nur mit dem Kopf, sondern durch Zuhören oder Beobachten. Wenn man die Schönheit oder das Gute in etwas sieht, hilft auch das beim Verkörpern.
Mehr Podcast ‹Extending The Art of Healing Through Anthroposophy› | Gerry Katramados, Was die Handschrift schenkt, in: Goetheanum 14–15/2026.

