Gegensätze verbinden schafft Frieden

Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt sich als Projektionsfläche für eine Systemkontroverse. Die West-Ost-Betrachtungen von Rudolf Steiner auf dem Wiener Kongress von 1922 liefern anregende Gedanken für diese gegensätzlichen geistigen Kräfte. Erkennen und Verbinden schafft Frieden.


Im Sommer 2024 war ich mit meiner Frau zweimal im Westen der Ukraine zu mehrtägigen Seminaren über biologisch-dynamische Wirtschaftsweise auf einem Demeter-Hof. Der Krieg war allgegenwärtig. Es wurde viel über das beeinträchtigte Alltagsleben in Kiew, in Odessa, Charkiw gesprochen. Beim ersten Aufenthalt war noch eine gewisse ausgelassene, ziemlich nationalistische Stimmung zu spüren. Beim zweiten Mal, nur zwei Monate später, wirkte die Atmosphäre bereits deutlich zurückhaltender und gedämpfter. Man hatte gelernt, mit den Einschränkungen zu leben, mit der Unsicherheit, mit den Stromausfällen, mit nächtlichem Alarm. Aber die Entbehrungen gingen an die Substanz. In der Nähe von Ternopil, etwa 130 Kilometer von Lwiw entfernt, war eine Rakete in ein Elektrizitätswerk eingeschlagen, sodass der Strom rationiert werden musste. Melk- und Kühlanlage konnten nur durch teuren Generatorenstrom betrieben werden. Der Alltag wurde so beeinflusst, dass der Krieg nun nicht mehr bloß als weit entferntes Ereignis im Osten des Landes empfunden wurde. Wir sprachen nicht über die Ursachen des Krieges, um als Deutsche und Gäste nicht in die Kontroverse unterschiedlicher Sichtweisen zu geraten.

Im April 2026 waren wir im Rahmen freundschaftlicher Beziehungen zwischen Münchener und russischen Anthroposophinnen und Anthroposophen in Sankt Petersburg zu einer Ostertagung eingeladen. Dort sprachen wir ebenfalls nicht über den Krieg. Mit keinem Wort wurde er erwähnt. Stattdessen unterhielten wir uns über erfreuliche Dinge in der Waldorfschule, in der Ausbildung für Eurythmie, Sprachgestaltung und therapeutisches Malen und über die Aufgaben der Anthroposophie in der Gegenwart. Die menschlichen Kontakte waren in der Ukraine wie in Russland warm, herzlich, zugewandt und kommunikativ. Man kam leicht ins Gespräch. In beiden Ländern trafen wir auf Menschen, die uns liebevoll, gastfreundlich und herzlich zugewandt waren.

Schizophrenie der Wirklichkeit

Wie kann es geschehen, dass Menschen, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe so warmherzig und zugewandt erweisen, im politischen und medialen Raum ihrer Menschlichkeit entkleidet, verdinglicht und zu feindseligen Objekten reduziert werden? Wie entstehen diese Feindbilder? Ein Feindbild ist so nötig wie unverzichtbar, wenn Machthabende eine Gesellschaft dazu bringen wollen, hinzunehmen, dass junge Menschen in die Militärmaschinerie abkommandiert und an die Front geschickt werden, wo sie zu Tausenden sterben. Das Ausmaß des Sterbens ist erschütternd. Berichte nennen zwar vordergründig zerstörte Häuser, Schulen und Krankenhäuser, getötete Zivilisten, aber selten wird auf die gefallenen Soldaten geblickt. Auf russischer Seite seien es durchschnittlich 1000 pro Tag! Für die ukrainische Seite werden geringere Opferzahlen genannt, 300 bis 350 Männer pro Tag. Selbst diese Zahlen kaschieren die unmenschliche Wirklichkeit. Die verstörenden Bilder zerfetzter Körper bekommt man nicht zu Gesicht.

Wo zerreißt der Faden wahrer Menschenwürde? Wo trennt sich das gesellschaftliche Leben in diese beiden Tendenzen? Es ist eine Schizophrenie der Wirklichkeit: Menschen wollen keinen Krieg. Sie bevorzugen eindeutig das soziale Auskommen, den Frieden, selbst bei ungleichen Lebensverhältnissen. Systeme starten Kriege, führen miteinander einen harten Wettbewerb auf Leben und Tod. Wenn die globalen Auseinandersetzungen um Märkte, Einflussbereiche und Dominanz eine bestimmte Intensität annehmen, wird das Militär hochgerüstet, werden Reservisten mobilisiert, weitere Jahrgänge rekrutiert und in den Krieg geschickt. Es scheint für die Politik nicht allzu schwer zu sein, ein Land in den Krieg zu schicken. Eine Regierung vermag Hunderttausende junge Menschen in eine tödliche Auseinandersetzung zu expedieren. Die nötige Infrastruktur ist dann schon längst vorbereitet: Recht, Wirtschaft, Argumentation liefern die systemisch unverzichtbaren Rädchen im Getriebe. Selbst wenn Tausende junger Menschen ins Ausland fliehen, sind sie vor dem Zugriff der rekrutierenden Behörden nicht sicher. Schon immer haben die großen Systeme über ihre obersten Vertretenden Versprechen von Wohlstand und Frieden gemacht. Doch mit dem Frieden ist es nicht weit her. Sucht man im Netz nach ‹Friedensbrechern›, so nennen die meisten Quellen zwischen 58 und 62 internationale Konflikte, die mit Waffengewalt geführt werden. Die doppelte Zahl findet man für militärische Konflikte im Allgemeinen, also auch binnenstaatliche Konflikte inbegriffen.

Projektion einer Systemkontroverse

Nach dem Ersten Weltkrieg fand in Wien 1922 ein überaus beachteter Kongress statt, auf dem Rudolf Steiner in zehn Vorträgen diese Katastrophe geisteswissenschaftlich analysiert hat: ‹Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit – Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie›.1 100 Jahre später, 2022, war zur selben Fragestellung erneut zu einem Kongress in Wien eingeladen worden. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hatte bereits im Februar 2022 begonnen. Vordergründig gesehen ist dieser Krieg nur eine lokal begrenzte Auseinandersetzung. Aber er zeigt immer deutlicher seine wahre Dimension als Projektionsfläche einer globalen Systemkontroverse zwischen West und Ost. Um diese tiefgreifenden Gegensätzlichkeiten geistig auszuloten, gerade nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges, verfasste Steiner unmittelbar nach dem Kongress 1922 zusätzlich im Nachrichtenblatt einen Text, die ‹West-Ost-Aphorismen›.2 Diese Aphorismen sind kurze, verdichtete Betrachtungen, die das geistige Verhältnis von Ost und West beschreiben und auf eine Verständigung zwischen den beiden Gegensätzen zielen. Im Kern geht es darum, dass der Osten stärker zur Geistwirklichkeit neige, während der Westen die Sinnes- und Naturwirklichkeit betone. Beide Seiten haben aus Steiners Sicht je eine einseitige Stärke und eine entsprechende Einseitigkeit. Steiner versucht in diesen Aphorismen nicht, Kulturunterschiede oberflächlich zu vergleichen, sondern sie als geistige Aufgaben der gesamten Menschheit zu verstehen. Er fragt sinngemäß, wie der heutige Ostmensch der Geistwelt Kraft geben könne und wie der Westmensch der Naturwelt tieferen, geistigen Sinn verleihen könne.

Gerade heute angesichts dieses grässlichen Krieges zwischen Russland und der Ukraine gilt: Frieden kann nicht durch Vermischung der Gegensätze, sondern durch das bewusste Erkennen und fruchtbare Verbinden unterschiedlicher geistiger Kräfte geschaffen werden. Die besagten ‹Aphorismen› liefern dafür hilfreiche und lohnenswerte Denkanstöße!


Bild Straßenblockade in der Ukraine, April 2022 Foto: Jonny Gios/Unsplash

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit – Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie, GA 83.
  2. Rudolf Steiner, West-Ost-Aphorismen, 18. Juni 1922, S. 65. Weitere West-Ost-Aphorismen, 25. Juni 1922, S. 69, GA 36.

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